E-Book, Deutsch, Band 4, 362 Seiten
Reihe: Mord in Västmanland
Kanger Die vergessene Tote
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96148-276-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman - Mord in Västmanland 4
E-Book, Deutsch, Band 4, 362 Seiten
Reihe: Mord in Västmanland
ISBN: 978-3-96148-276-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thomas Kanger wuchs in Uppsala auf und verbrachte viele Jahre in Västerås, bevor er als freier Journalist die Welt bereiste und unter anderem in Israel, Indien und Amerika lebte. Nach einem Sachbuch veröffentlicht er seit 2003 regelmäßig Kriminalromane, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Er wird für die aktuellen Themen seiner Bücher, sein journalistisches Gespür und seine klare, eindrucksvolle Sprache gelobt. Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine beliebte Reihe um die schwedische Kommissarin Elina Wiik, bestehend aus den Bänden »Der werfe den ersten Stein«, »Sing wie ein Vogel«, »Die Toten im Wald«, »Die vergessene Tote« und »Der blinde Fleck«.
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KAPITEL 2
Die Berghänge waren mit einem satten Grün überzogen. Die Zikaden lärmten. Ein Vogel mit roten, grünen und blauen Federn flog dicht über die Äste hinweg. Unten im Tal schlängelte sich der Weg Richtung Sonnenuntergang. Das Meer funkelte.
Was habe ich hier verloren, dachte Kari Solbakken, als sie sich nach der kurzen Toilettenpause wieder in den Bus drängte. Es hatte keine Klobrille und erst recht kein Klopapier gegeben. Die Kleider klebten ihr auf der Haut, es war immer noch heiß, und die Luft war so sauerstoffarm, dass ein Streichholz erloschen wäre, falls man es bei dieser Feuchtigkeit überhaupt hätte anzünden können. Sie hatte einen Fensterplatz, aber das Fenster ließ sich nicht öffnen. Der Mann neben ihr war dick und saß deswegen halb auf ihrem Platz. Das Ticket war billig gewesen.
Drei Stunden später schulterte sie am Giap Bats-Busbahnhof mit steifen Bewegungen ihren Rucksack. Eine Traube erwartungsvoller Unternehmer bot sofort ihre Dienste an. »Motorbike?« Kari suchte in ihren Taschen nach einem Zettel. »To here«, antwortete sie. Ein junger Mann beugte sich vor und las. »Hang Bac. Three dollar.« Kari war so müde, dass sie den Überpreis akzeptierte.
Er fuhr recht schnell und bahnte sich durch die Flut der Honda Wave-Motorräder geschickt seinen Weg. Ein junges Mädchen bog aus einer Seitenstraße vor ihnen ein, ohne sich umzusehen, aber Karis Fahrer wich ihr elegant aus. Dies war das Land, in dem sich die Verkehrsteilnehmer stillschweigend darauf geeinigt hatten, nicht miteinander zusammenzustoßen.
Sie fuhren an einem kleinen See vorbei, vielleicht handelte es sich auch nur um einen Teich, als er sich, ohne das Tempo zu drosseln, zu ihr umdrehte. »Old town. Hanoi old town«, sagte er. Sie nickte und wünschte, er würde geradeaus schauen, statt den Fremdenführer zu spielen. Einige Häuserblöcke weiter hielt er, deutete auf eine Tür und sagte: »Hostel.« Neben der Tür hing ein Schild in Druckbuchstaben: »LOVE PLANET.« Kari gab dem Mann mit dem Motorrad die drei Dollar, die er sich verdient hatte, und trat ein. An der kleinen Rezeption saß eine Frau. Sie beantwortete Karis Frage nach einem freien Zimmer nicht, sondern drehte sich um und nahm einen Schlüssel von einem Haken. »Toilet in corridor. Pay in advan' plea«, sagte sie und hielt ihr den Schlüssel hin.
Das Zimmer war klein und mit einem Bett, einem Tisch und einem Stuhl möbliert. Kari streckte sich auf dem Bett aus. Sie sehnte sich weit weg, obwohl das hier schon weit weg für sie war. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie sich hierher, an das Ziel ihrer Träume, gesehnt. Als sie von Stockholm aufgebrochen war, hatte dies die Reise werden sollen, auf der sie sich endlich selbst finden würde. Sie hatte das Gefühl, von ihrer Umwelt abgeschnitten zu sein, ablegen wollen. Sie reiste allein, aber sie wollte Menschen treffen, die sie sahen. Sie würde alles besser verstehen. Aber die echte Kari Solbakken wollte in dieser fremden Umgebung nicht zum Vorschein kommen.
Das Bett war unbequem, oder taten ihr ohnehin schon die Knochen weh? Sie setzte sich auf und grub mit der Hand in einem der Fächer ihres Rucksacks. Schließlich fand sie einen kleinen, weichen, braunen Würfel. Sie zerkrümelte ihn und stopfte sich damit eine Pfeife. Sie trat an das kleine Fenster, öffnete es und zündete die Pfeife an. Der Rauch in den Lungen betäubte ihre Unruhe.
Sie erwachte erst am Spätnachmittag. Es dauerte eine Weile, bis sie wusste, wo sie war. Alle Zimmer, in denen sie während der letzten zwei Monate übernachtet hatte, sahen ungefähr gleich aus. Am Fußende des Bettes lag ein zerschlissenes Handtuch. Das musste reichen, da ihr eigenes immer noch feucht war. Sie trat auf den Korridor. Die Dusche lag am anderen Ende neben der Gemeinschaftstoilette. Als das Wasser auf ihre Haut rieselte, fühlte sie sich etwas besser.
Anschließend zog sie langsam die Bürste durch ihr schulterlanges, blondes Haar. Sie sah sich im Spiegel in die Augen und begegnete einem verständnislosen Blick, dem alles Angst machte. Es war der Blick eines Kindes, jedoch ohne kindliche Freude an Entdeckungen. Das Gesicht wirkte mit seiner Stupsnase jünger als fünfundzwanzig. Die schmalen Brauen waren in einem hübschen Bogen geformt. Die Oberlippe war schmal, die Unterlippe dafür sehr ausgeprägt. Die Sonne hatte ihr sonst stets blasses Gesicht gebräunt.
Sie nahm ein Paar Shorts aus ihrem Rucksack, das nicht allzu schmutzig war. Sie trat auf die Straße und schlug eine Richtung ein, ohne zu wissen, wo sie hinführte. Die Bürgersteige waren mit Motorrädern zugeparkt, die die Fußgänger auf die Straße zwangen. Das Gedränge auf der Straße war groß. Frauen jeden Alters trugen mit wiegenden Schritten zwei schwere Körbe an einem Joch auf den Schultern. Kleine Jungen rannten herum und versuchten, hellhäutigen Ausländern Ansichtskarten und Lonely-Planet-Reiseführer anzudrehen, und zwar jenen hellhäutigen Ausländern, die nach billigen Dienstleistungen verlangten, sich dann aber nicht damit abfinden konnten, als Geldbeutel auf zwei Beinen behandelt zu werden.
Ein Schlepper rief »welcome, good vietnamee food« und Kari trat ein. Sie erklomm eine schmale Treppe und trat auf eine Terrasse mit einfachen Tischen. Die Klientel bestand aus Ihresgleichen, aus Rucksacktouristen, die Geborgenheit in der Gesellschaft der anderen suchten. Ein Kellner legte eine Speisekarte auf ihren Tisch, und sie bestellte Frühlingsrollen und eine Suppe. Ihr Magen schmerzte vor Hunger und sie hoffte, dass das Essen rasch serviert wurde.
»Hallo.«
Sie sah auf. Ein Bursche mit Pferdeschwanz und Sonnenbrille. Er lächelte. »Ich heiße Jack. Darf ich mich dazusetzen?«
Kari nickte. Er bestellte zwei Bier, eins für sich und eins für sie. »Woher kommst du?«, fragte er und nahm die Sonnenbrille ab.
Fünf Fragen, dachte Kari. Das übliche Spielchen der Rucksacktouristen. Dann fragt er mich, wo ich schon war, wie es mir in Saigon, Na Trang, Hoi An oder Hue gefallen hat, wohin ich noch will und wie viel Geld ich für die Reise habe. Dann wird er sich endlos über alle Widrigkeiten auslassen, die ihm widerfahren sind, und mir seine kleinen Expertentipps zuteil werden lassen.
»Aus Schweden.«
»Ich bin aus den USA«, sagte er und griff von unerwarteter Ausgangsposition an: Den eigenen Reiseerfahrungen. »Ich bin jetzt schon ein halbes Jahr unterwegs, Indien, Nepal, Thailand, Kambodscha, und jetzt bin ich hier.«
Kari trank einen Schluck Bier. Who fucking cares?, dachte sie. Das Essen kam.
»Vietnam ist wirklich was ganz Besonderes für mich«, fuhr er fort. »Really special. Mein Vater war hier. Früher. Als Hubschrauberpilot.« Er hob die Hände als hielte er eine Maschinenpistole und ahmte das Geräusch nach. »Als ich klein war, hat er oft von Vietnam erzählt. Er ist schon tot, aber ich wünschte, er könnte das hier miterleben. Dass wir hier willkommen sind. Niemand macht uns wegen des Krieges Vorwürfe. Wenn man sie wie Seinesgleichen behandelt, funktioniert alles sehr gut.«
Er lächelte Kari an.
»Dieser Krieg war ein Fehler«, meinte er. »Jahrelang, Unzählige unserer Soldaten sind gestorben. Der Krieg wurde auch auf die falsche Art geführt, nicht wie heute. Ich bin froh, dass Dad überlebt hat. Sonst säße ich jetzt nicht hier.«
Er strich seinen Pferdeschwanz glatt und lächelte. »Hast du Lust auf was anderes als Bier?«
»Und das wäre?« Sie sah ihn an, nun etwas interessierter.
Er krümmte die Hand, sodass sie einem Pfeifenkopf ähnelte, und hielt sie an den Mund.
Das Piece, das sie von dem Australier in Hue gekauft hatte, hatte sie am Vorabend aufgebraucht. »Okay«, sagte sie.
Sie gingen die schmale Treppe hinunter. Das Gedränge auf der Straße hatte abgenommen. Es begann zu dämmern, und ein Gemüsemarkt um die Ecke schloss gerade. Alle schienen auf dem Weg nach Hause zu sein. Jack ging voraus, an Hang Bac vorbei, der Straße, in der ihr Hotel lag. »Die alte Straße der Silberschmiede«, erläuterte Jack und lächelte sie wieder an. Offenbar war er zufrieden mit sich. Sie drangen weiter in die Altstadt vor. Kari fragte sich, ob sie noch zu ihrem Zimmer zurückfinden würde.
Jacks Zimmer war ebenfalls klein, verfügte aber über ein größeres Bett und eine Toilette. Kari setzte sich aufs Bett. Jack nahm auf einem Stuhl Platz, öffnete seine Tasche und nahm eine kleine Pfeife und ein mit Plastikfolie umwickeltes Paket heraus. Er wickelte es aus. Eine schwarzbraune Platte kam zum Vorschein. Groß, dachte Kari. Sicher mehrere hundert Gramm schwer. Vielleicht sogar ein halbes Kilo. Wo er das wohl her hat? Jack zerbröselte ein Stück zwischen Daumen und Zeigefinger und stopfte damit die Pfeife. Er zündete sie an, inhalierte zweimal tief und reichte sie Kari. Sie nahm einen tiefen Zug und behielt den Rauch in der Lunge. Das Wohlgefühl breitete sich rasch in ihr aus. Sie nahm einen weiteren Zug, ehe sie Jack die Pfeife zurückgab. Dieser inhalierte erneut und setzte sich zu Kari aufs Bett. Er beugte sich zu ihrem Gesicht vor, drückte seine Lippen auf ihre und blies den Rauch in ihren Mund. Sie atmete ein und legte sich hin. Er gab ihr die Pfeife, und während sie rauchte, knöpfte er ihr die Hose auf. Da sie wegen der Wärme weite Kleidung trug, bereitete es ihm keine Mühe, seine Hand zwischen ihre Schenkel zu schieben.
»Nein«, sagte sie. »Aah, come on«, erwiderte er und packte etwas fester zu. Sie versuchte seine Hand hochzuziehen, aber er war stärker. »Du willst doch auch«, sagte er. »Ich weiß, dass du auch willst.« Der Druck seiner Hand wurde stärker. Sie spürte, dass er stärker war als sie.
Als er fertig war, stellte er sich hin und...




