Buch, Deutsch, Band 2, 414 Seiten, Format (B × H): 150 mm x 220 mm, Gewicht: 614 g
Reihe: Krieg und Konflikt
Deutsche Soldaten zwischen militärischem Internationalismus und imperialer Nation (1770-1870)
Buch, Deutsch, Band 2, 414 Seiten, Format (B × H): 150 mm x 220 mm, Gewicht: 614 g
Reihe: Krieg und Konflikt
ISBN: 978-3-593-50812-2
Verlag: Campus
Krieg und Konflikt: Herausgegeben von Martin Clauss, Marian Füssel, Oliver Janz, Sönke Neitzel und Oliver Stoll
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Weltgeschichte & Geschichte einzelner Länder und Gebietsräume Deutsche Geschichte
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtliche Themen Kolonialgeschichte, Geschichte des Imperialismus
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtliche Themen Mentalitäts- und Sozialgeschichte
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtliche Themen Militärgeschichte
Weitere Infos & Material
Inhalt
1. Einleitung 9
1.1. Militär und Kolonialismus vom Deutschen Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus: Konturen und Engführungen der Kontinuitätsdiskussion 9
1.2. Ausgangspunkte einer "Archäologie" des deutschen militärischen Imperialismus im "langen 19. Jahrhundert" 15
1.3. Theorien und Begriffsangebote: Die Verbindung von "Kriegslust" und "Fernweh" 19
1.4. Aufbau des Buches 25
2. Militärischer Internationalismus im Weltkrieg der Revolutionsepoche (1776-1815) 29
2.1. "Unter fremden Fahnen": Militärische Auslandspraxis deutscher Truppen in der imperialen Sattelzeit 29
2.2. Antikolonialer Militarismus: Die militärische Wahrnehmung der ersten Globalisierung vor den Napoleonischen Kriegen 38
2.3. Von freien Kriegern zu gedungenen Sklaven: Subsidienverträge und Freiheitsdiskurs zwischen amerikanischer und französischer Revolution 49
2.4. Formenwandel des militärischen Internationalismus während der Napoleonischen Kriege 55
2.5. Zwischen imperialer Teilhabe und nationalem Befreiungskampf 63
3. Die preußische "Waterloo-Generation" zwischen geopolitischer Restauration und militärischem Imperialismus (1815-1835) 84
3.1. Demobilisierung und Kolonialpläne nach 1815 84
3.2. Militärischer Bellizismus und internationales Gleichgewicht 97
3.3. Doppelter Militarismus:
Richtungskämpfe um Kriegsbild und institutionelle Verfassung des preußischen Militärs nach 1815 107
3.4. Weltwissen und militante Geographie: Die Erhaltung globaler Kriegsbereitschaft im militärischen Ausbildungsideal 118
3.5. Das preußische Militär und die Schauplätze der internationalen Mächtekonkurrenz (1820-1835) 131
3.5.1. Ein General im Orient: Die erste preußische Ägypten-Expedition (1820/21) 131
3.5.2. Imperialer Philhellenismus: Nationaler Unabhängigkeitskampf und militärische Kolonisationsprojekte im Osmanischen Reich 145
4. Informeller Imperialismus: Die Kriegsjugendgeneration der Napoleonischen Kriege 176
4.1. Kampferfahrung als soziales Kapital: Generationelle Schichtung, Bewährungssehnsucht und imperiale Kultur 176
4.2. Vermessung globaler Kriegstheater: military intelligence und außereuropäische Militärmissionen (1820-1843) 183
4.2.1. Konfliktbeobachtung, Militärdiplomatie und Informationssammlung im preußischen Generalstab 183
4.2.2. Die "Moltke-Mission" im Osmanischen Reich (1835-1839) 191
4.2.3. Von militärischer Beobachtung zu kolonialer Landnahme: Moltkes Siedlungsprogramm für Palästina (1841) 204
4.2.4. Die erste preußische Militärmission im Kaukasus (1842-1844) 214
4.2.5. Ansätze zu einer Theorie des Kolonialkrieges: General Carl Decker in Algerien (1842/43) 225
5. Militärischer Imperialismus zwischen Vormärz und Reichsgründung 233
5.1. Militär, Imperialismus und Nation in Vormärz und Revolution 233
5.1.1. Militärische Kolonialvisionen im Vormärz 233
5.1.2. Militär und Flottendebatte in der Revolution von 1848 246
5.1.3. Marginalisierung und Fortwirken des militärischen Imperialismus in der Reaktionsperiode (1848-1858) 267
5.2. Militärische Auslandsmissionen vor den Reichsgründungskriegen (1860-1864) 276
5.2.1. Von der Handelsmission zum Kolonialkrieg: Wilhelm von Grolman in Persien und im Kaukasus (1860/61) 276
5.2.2. Zwischen "kleinem" und "großem Krieg": Walther von Loë im Kaukasus und in Algerien (1862/64) 287
6. Epilog: Imperiale Netzwerke und selektive Traditionsbildung im Deutschen Kaiserreich 301
6.1. Moltke-Schule und die Kontinuität imperialer Phantasien gegenüber dem Osmanischen Reich 301
6.2. Doppelter Imperialismus: Die militärische Reichsgründungsgeneration zwischen Osteuropa und Afrika 312
7. Schichten, Brüche, Konjunkturen: Überlegungen zur "Archäologie des kolonialen Gedankens" im deutschen Militär des 19. und frühen 20. Jahrhunderts 346
Quellen und Literatur 357
Register 407
Danksagung 413
1. Einleitung
1.1. Militär und Kolonialismus vom Deutschen Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus: Konturen und Engführungen der Kontinuitätsdiskussion
Dieses Buch untersucht einen verschütteten Aspekt der Geschichte des deutschen Militärs - den Einfluss der Globalisierung des 19. Jahrhunderts auf das Denken und Handeln deutscher Offiziere vor dem Ersten Weltkrieg. Noch vor wenigen Jahren hätte eine solche Fragestellung wohl Erstaunen ausgelöst. Die äußere Politik der deutschen Großmacht Preußen und später der Deutschen Reiches galt lange Zeit als fast ausschließlich auf Europa konzentriert, die übrigen deutschen Staaten als provinziell und den großen Verläufen internationaler "Weltpolitik" noch weiter entrückt. Gerade deren Militär als Palastgarde der Vormoderne sei ohne Interesse an oder gar Einflussmöglichkeiten auf internationale Zusammenhänge gewesen.
Heute drängt sich der entgegengesetzte Einwand auf, ob die mittlerweile in vielfältigen Untersuchungen herausgearbeitete globale Dimension der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts überhaupt noch wichtige Leerstellen aufweist. Tatsächlich hat die historische Forschung zur deutschen Geschichte ihren lange Zeit vorherrschenden Eurozentrismus und ihre nationalstaatliche Verengung inzwischen weitgehend überwunden. Dafür waren zwei Impulse entscheidend.
Erstens ist die Rezeption neuerer Arbeiten zur Epoche der ersten Globalisierung zu nennen, die bereits im "langen 19. Jahrhundert" zu einer weltweiten Vernetzung und Beschleunigung von Handelsverbindungen, Finanzströmen, Informationskanälen und Migrationsbewegungen führte, von denen auch die deutschen Staaten bzw. ab 1871 das Deutsche Reich nicht unbehelligt blieben. Vor diesem Hintergrund wird heute die Geschichte der deutschen Auswanderungsbewegung, der Wirtschaftsentwicklung der deutschen Staaten und auch der Entstehung des deutschen Nationalstaates nicht mehr germano- oder eurozentrisch, sondern transnational und in konstitutiver Wechselwirkung mit globalen Zusammenhängen verstanden.
Zweitens geriet seit Anfang der 2000er Jahre eine weitgehend vergessene Episode deutscher Geschichte wieder in den Vordergrund, die für die Zeitgenossen ganz selbstverständlich die Einbettung Deutschlands in die globalen Zusammenhänge des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts belegte. Diese Episode ist die kurze Teilnahme des Deutschen Kaiserreichs am kolonialen Wettbewerb der europäischen Großmächte, die mit dem Erwerb sogenannter "Schutzgebiete" in Afrika ab 1884 begann und mit dem Verlust der deutschen Kolonien im Ersten Weltkrieg endete. Diese formal nur 30 Jahre dauernde Geschichte des deutschen Kolonialismus hat seit einigen Jahren in zweierlei Hinsicht neues Interesse gefunden: einerseits als Teil der globalen Mächtekonkurrenz am Ende der ersten Periode der Hochglobalisierung bis 1914 und andererseits als erster Kulminationspunkt einer Gewaltgeschichte der europäischen Moderne, die - so die berühmte These Hannah Arendts - vom europäischen Imperialismus über den Ersten Weltkrieg bis zur Shoah führte.
Insbesondere die Frage nach möglichen Kontinuitäten vom deutschen Kolonialkrieg in "Deutsch-Südwestafrika", dem heutigen Namibia, bis in den Zweiten Weltkrieg hat zu einer lebhaften Debatte über Eigenart und historische Bedeutung des deutschen Kolonialismus einerseits und die kolonialen Dimensionen des Nationalsozialismus andererseits geführt. Empirisch ertragreich war diese Auseinandersetzung vor allem durch eine ganze Reihe neuer und innovativer Untersuchungen zur Geschichte der einzelnen deutschen Kolonien, ihren Verbindungen und Austauschbeziehungen mit den Kolonien anderer Mächte oder zur Stellung des deutschen Kolonialismus innerhalb des imperialen Weltsystems vor dem Ersten Weltkrieg. Auch verfügen wir heute über grundlegend bessere Kenntnisse über die Geschichte der kolonialen Militärapparate, der alltäglichen kolonialen Gewaltherrschaft und der deutschen Kolonialkriege und hier insbesondere des Krieges gegen die Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika. Auch haben verschiedene militärische Protagonisten der deutschen Kolonialkriege inzwischen biographische Aufmerksamkeit gefunden.
Doch bei allem produktiven Wert hat die Debatte um mögliche Kontinuitäten zwischen dem Kolonialkrieg des Deutschen Kaiserreiches in Deutsch-Südwestafrika und dem Vernichtungskrieg der Nationalsozialisten in Europa auch zu Einseitigkeiten geführt und wichtige Leerstellen offen gelassen, die im Folgenden diskutiert und teilweise korrigiert bzw. gefüllt werden sollen. Natürlich sind vergangene Ereignisse grundsätzlich nicht vollständig rekonstruierbar und perspektivische Verengungen geradezu die Voraussetzung jeder historischen Forschungsanstrengung. Für die hier im Mittelpunkt stehende Geschichte des deutschen Militärs im Zeitalter der ersten Globalisierung sind einige der bestehenden Lücken und Vereinfachungen jedoch nicht einfach die Folgen einer bestimmen Forschungspragmatik oder Erzählstrategie. Sie beruhen vielmehr auf unhinterfragten Vorannahmen über den Untersuchungsgegenstand selbst, welche die Ergebnisse der historischen Forschungsarbeit und damit auch unser Verständnis des Verhältnisses von Militär und Globalisierung vor dem Ersten Weltkrieg prägen. Insbesondere drei Komplexe von Voraussetzungen sind es, die für die Anlage der vorliegenden Untersuchung eine besondere Rolle spielen.
Erstens ist die Konzentration auf die Vernichtung der Herero und Nama (1904-1907) als Fluchtpunkt der Beschäftigung mit dem deutschen Kolonialismus aus moralischer und erinnerungspolitischer Sicht ohne Zweifel berechtigt. Analytisch jedoch ist diese Perspektive beschränkt und steht im Ergebnis auch einer befriedigenden erinnerungspolitischen Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte im Weg. Denn die leitende Frage nach möglichen Kontinuitäten vom Krieg gegen die Herero und Nama zu den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs verleitet dazu, die "Frühform des totalen Krieges" in Deutsch-Südwestafrika als Ausgangspunkt entsprechender Untersuchungen zu setzen, ohne wiederum dessen eigene Voraussetzungen und eventuelle Kontinuitäten in der vorangegangenen deutschen Kolonial- und Militärgeschichte in den Blick zu nehmen. Dies gilt besonders für langfristige Kontinuitätslinien hinter die Reichsgründung von 1871 zurück, da in dieser Perspektive schon die Kontinuität der politischen und territorialen Grundeinheit "Deutschland" in Frage steht, die für das Verhältnis von "Zweitem" und "Drittem Deutschen Reich" trotz aller Brüche des frühen 20. Jahrhunderts einige Plausibilität besitzt und auch für die Mehrheit der Zeitgenossen der eigenen biographischen Erfahrung entsprach.
Zweitens steht die Frage des unter Kontinuitätsaspekten untersuchten Zeitraums in unmittelbarem Zusammenhang mit der Frage nach dem zugrunde gelegten geographischen Raum. Beide Grundkoordinaten zusammen bestimmen maßgeblich den Inhalt der deutschen Kolonialerfahrung, die mit der nationalsozialistischen Besatzungs- und Vernichtungspolitik in Beziehung gesetzt werden soll. Schon aus phänomenologischen und begrifflichen Gründen war es naheliegenderweise zunächst der deutsche Kolonialkrieg in Südwestafrika, in dessen Verlauf die ersten deutschen "Konzentrationslager" für gefangene Herero und Nama errichtet und auch entsprechend benannt wurden und der Einflüsse auf spätere Verbrechen nahe legte. Doch lassen sich Beispiele für Ansätze einer totalisierten Kriegführung gegen die Zivilbevölkerung, für rassistisch segregierte Kolonialgesellschaften oder für ausgreifende Raumordnungsphantasien auch in anderen deutschen Kolonien finden, die im Vergleich zu Deutsch-Südwestafrika als Ausgangspunkt der Kontinuitätsdiskussion bisher weniger Aufmerksamkeit gefunden haben. Dies gilt noch mehr für Territorien außerhalb der formalen "Schutzgebiete" des Deutschen Kaiserreiches wie die verschiedenen informellen deutschen Einflussgebiete - etwa im Osmanischen Reich oder in Teilen von China - oder für Räume, die lediglich Objekte imperialer Planspiele deutscher Politiker, Propagandisten oder Militärs waren, ohne jedoch jemals in deren tatsächliche machtpolitische Reichweite zu gelangen. Gerade diese Räume allerdings und weniger die später tatsächlich besetzten "Schutzgebiete" in Afrika und im Pazifik waren es, welche die kolonialen Phantasien vieler Deutscher - und auch zahlreicher deutscher Militärs - lange Zeit bestimmten. Diese politisch nicht verwirklichten Projekte des deutschen Kolonialismus stellten einen langfristig äußerst wirksamen Faktor dar, der - so die hier vertretene These - auch für die Frage der Kontinuität kolonialer Vorstellungen über das Ende des deutschen Kolonialreiches hinaus berücksichtigt werden sollte.
Drittens leidet die Diskussion um mögliche Kontinuitäten zwischen deutschem Kolonialismus und nationalsozialistischer Eroberungs- und Vernichtungspolitik an einer Unschärfe bei der genauen Bestimmung der verschiedenen Ebenen, die miteinander in Beziehung gesetzt werden sollen. So setzt die Suche nach möglichen ideologischen Kontinuitäten bei relativ abstrakten Konzepten wie etwa "Rasse", "Lebensraum" oder "Vernichtungskrieg" an, um dann deren Entwicklung und Wiederverwendung in späteren Kontexten zu analysieren. Ein anderes Vorgehen ist die Suche nach konkreten Einzelbiographien von Teilnehmern der deutschen Kolonialkriege und deren Verfolgung bis in die Zeit des Nationalsozialismus, um so biographische Kontinuitäten zwischen beiden Gewalträumen nachzuweisen.
Beide Vorgehensweisen korrespondieren mit zwei sich lange Zeit unversöhnlich gegenüberstehenden Erklärungsrichtungen der nationalsozialistischen Verbrechen. So sah die sogenannte "intentionalistische" Interpretation die Haupttriebkräfte hinter der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten in erster Linie in einer bereits früh formulierten rassistischen und imperialistischen Ideologie, die durch Entscheidungen und Befehle Hitlers und weniger anderer hoher NS-Funktionäre kontinuierlich in eine mörderische Praxis umgesetzt wurde. Sogenannte "funktionalistische" Interpretinnen und Interpreten dagegen halten nicht ein ideologisches Programm und dessen konsequente Verwirklichung für die entscheidenden Faktoren, sondern gerade die unklaren Entscheidungsprozesse und eine chaotische Institutionenkonkurrenz innerhalb des NS-Systems, die eine ungeplante und kaum von oben gesteuerte Radikalisierung in Gang setzten. Hier kamen vor allem Initiativen "von unten", d.h. von untergeordneten Befehlshabern, Statthaltern oder Institutionen entscheidende Bedeutung für den Beginn und die Ausweitung der Massenverbrechen zu.
Welche Interpretation der NS-Verbrechen aber der Diskussion über mögliche Kontinuitäten zum Kolonialismus des Kaiserreiches zugrunde gelegt wird, ist von entscheidender Bedeutung. Kritikerinnen und Kritiker der kolonialen Kontinuitätsthese neigen nicht ohne Grund in der Regel eher zu einer funktionalistischen Interpretation der Shoah, Anhängerinnen und Anhänger dagegen eher zu einer intentionalistischen. Mittlerweile haben sich beide Interpretationen zwar einander angenähert und in neueren Gesamtdarstellungen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik eine fruchtbare Synthese gefunden. Dennoch bleibt ein Grundproblem bestehen. Je größere Bedeutung wir lokalen Umständen und situativen Dynamiken für die Erklärung von massenhafter Gewalt zuschreiben, desto weniger weiterführend ist der Hinweis auf längerfristige Kontinuitäten und Vorbilder, vor allem dann, wenn eine starke biographische Kontinuität, also eine signifikante Überschneidung der jeweils handelnden Personen, sich nicht belegen lässt. Wie also lässt sich die These längerfristiger Kontinuitäten der Haltung des deutschen Militärs zu imperialer Expansion - die im Folgenden untermauert werden soll - mit einer Interpretation sowohl der deutschen Kolonialkriege wie auch der NS-Vernichtungspolitik verbinden, die diese nicht als einfache Umsetzungen ideologischer Vorgaben ansieht?
Die zeitliche und räumliche Engführung der Kontinuitätsdebatte soll im Folgenden geöffnet und damit das Bild der Verbreitung imperialer Vorstellungen und Erfahrungen im Offizierkorps des deutschen Militärs erwietert werden. Die Frage des Verhältnisses von Militär und Globalisierung vor 1884, so eine Grundannahme dieser Studie, ist für das Verständnis des deutschen Kolonialismus, der von Deutschland ausgehenden kolonialen Gewalt und auch der konzeptionellen Komplexitäten der Kontinuitätsfrage nicht unerheblich. Denn auch wenn vieles dafür spricht, lokalen Faktoren und situativen Dynamiken auch für die Eskalation der Gewalt in Deutsch-Südwestafrika und anderen deutschen Kolonien entscheidende Bedeutung beizumessen, unterschieden sich die Einsätze deutscher Soldaten in den Kolonien des Kaiserreiches doch von anderen in der Kontinuitätsdebatte wichtigen Gewaltkontexten, etwa den Massentötungen durch Wehrmachtstruppen oder Polizeibataillonen im Zweiten Weltkrieg, in einem wichtigen Punkt: Sowohl in die regulären "Schutztruppen" des Kaiserreiches wie auch in die ad hoc zur Bekämpfung von Aufständen in China oder den Kolonien in Afrika aufgestellten Expeditionseinheiten gelangten Offiziere und Mannschaften grundsätzlich nur durch eine aktive, freiwillige Meldung. Damit aber gewinnt die Frage, aus welcher Motivation und mit welcher Art von Erwartungen und Vorwissen eine solche weitreichende Entscheidung getroffen wurde, entscheidende Bedeutung. Denn die Untersuchung der Motivlage und der Bedingungen, unter denen die Entscheidung zum militärischen Auslandsdienst getroffen wurde, kann Aufschlüsse über den tatsächlichen Stellenwert liefern, den deutsche Soldaten imperialen Unternehmungen und damit auch der Aufgabe ihrer eigenen Profession in der zunehmend globalisierten Welt des 19. Jahrhunderts zuschrieben. Von hier aus ließe sich dann die Frage stellen, inwiefern diese Einstellungen im institutionellen Gedächtnis des deutschen Militärs die Brüche des Ersten Weltkriegs und des Untergangs des Kaiserreiches überdauerten, um deutschen Soldaten dann die Unterstützung der nationalsozialistischen Eroberungspolitik zu erleichtern. Das Ziel der folgenden Kapitel ist damit eine Neuvermessung der "militärischen Kultur" der deutschen Streitkräfte vor dem Ersten Weltkrieg unter Berücksichtigung der Auswirkungen der ersten Globalisierung, die auch für die weitere Diskussion der Kontinuitätsfrage neue Einsichten und Perspektiven eröffnen kann.
1.2. Ausgangspunkte einer "Archäologie" des deutschen militärischen Imperialismus im "langen 19. Jahrhundert"
Wo jedoch kann eine solche längsschnittartige Untersuchung möglicher imperialer Überlieferungen im deutschen Militär ansetzen? Naheliegend ist es, zunächst nach den Vorbildern zu fragen, die deutschen Kolonialoffiziere am Ende des 19. Jahrhunderts selbst vor Augen standen und diese als Sonden zu den Traditionsschichten außereuropäischer Aktivitäten und imperialer Ideologien früherer Zeiten zu benutzen. Als sich etwa der junge preußische Offizier Ludwig von Estorff (1859-1943), der später zu einem der bekanntesten deutschen Kolonialsoldaten werden sollte, im Jahr 1894 für den Eintritt in die junge "Schutztruppe" des Reiches entschied, schrieb er seinem Vater:
"Keine noch so glänzenden Avancementsaussichten würden mich nur einen Augenblick abhalten, wo mir dies Soldaten- und Jägerleben in den Kolonien winkt. […] Sehr viele unserer großen Generale haben sich in jüngeren Jahren in der Welt umgesehen, Moltke, Grolman, Werder u.a."
Estorff stellte damit zwei zeitgenössisch häufig genannte Argumente zum Für und Wider des militärischen Kolonialdienstes gegenüber, die bis heute die Diskussion um dessen Bedeutung und Prestige in der deutschen Armee vor dem Ersten Weltkrieg bestimmen. Einerseits war der Übertritt in die "Schutztruppen" für Offiziere mit einem vollständigen Ausscheiden aus der regulären Dienstlaufbahn verbunden. Zwar kehrten diese normalerweise nach einigen Jahren in Übersee nach Deutschland und in die Armee zurück. Sie gefährdeten oder zumindest verzögerten mit dieser Unterbrechung aber die Aussicht auf das bis zu einer gewissen Stufe durch das Dienstalter garantierte "Avancement", also die Beförderung auf höhere Ränge. Andererseits wurde diese Gefahr in Estorffs Augen durch eine Aussicht aufgewogen, die Offizieren der deutschen Armee seit über 20 Jahren fehlte - die Aussicht auf ein "Soldaten- und Jägerleben", also die Möglichkeit zu praktischer militärischer Tätigkeit und Bewährung außerhalb der Manöver, Kriegsspiele und des Garnisonsdienstes, mit denen zu Friedenszeiten militärische Praxis simuliert wurde.
Mit dem Eintreten für den kolonialen Kriegsdienst als professionell lohnendes Betätigungsfeld gab Estorff nicht nur eine persönliche Vorliebe wieder. Er positionierte sich damit auch in einer in weiteren Militärkreisen ausgetragenen Debatte um den militärischen Wert der deutschen Kolonien und die möglichen Lehren der ersten kolonialen Kriegserfahrungen für die deutsche Armee insgesamt. Wenige Jahre nach Estorff beklagte der bereits kolonialerfahrene Oberleutnant Paul von Heydebreck (1865-1910) im offiziellen Militärwochenblatt:
"Sehr mit Unrecht hat man sich in Deutschland nach den Erfolgen des letzten großen Krieges daran gewöhnt, mit einer gewissen Verachtung auf koloniale Kämpfe zu blicken, die doch lange Zeit die Schule für die Mehrzahl der französischen Generale gewesen sind. […] Andererseits darf man aber doch nicht vergessen, daß eine große Reihe unserer bedeutendsten Heerführer oft nur gegen eingeborene Banden in fernen Ländern Kriege, in der ersten Linie den sogenannten kleinen Krieg, mitgefochten hatten und daß sie nach eigenem Geständnis den dort gemachten Erfahrungen hohen Werth beimaßen. […] Wir erinnern an Yorck - Südafrika; Gneisenau - Amerika; Moltke - Türkei; Werder und Grolman - Kaukasus; Goeben - Karlistenkrieg."
Auch Heydebreck, der später zum Kommandeur der südwestafrikanischen "Schutztruppe" aufstieg, betonte und begründete in dieser Passage den Wert des kolonialen Kriegsdienstes. Dabei stellte er aber nicht nur die Attraktivität des Kolonialeinsatzes für den einzelnen Offizier heraus, wie sein Kollege Estorff. Er unterstrich auch den Nutzen der Kolonien als "Schule" der Armee in Friedenszeiten und verwies dabei nicht zuletzt auf das Vorbild der Kolonialmacht Frankreich. Zudem lieferte er eine Erklärung für die von ihm beobachtete Geringschätzung kolonialer Kriegserfahrungen im deutschen Militär, gegen die er mit seinem Artikel Stellung bezog. Seit den deutschen Staatsgründungskriegen und vor allem dem Krieg gegen Frankreich 1870/71 hatte sich das Bild des konventionellen, technisierten Kampfes großer Massenarmeen als Normalfall militärischer Praxis durchgesetzt. Damit aber verloren alternative Kriegserfahrungen, wie etwa die asymmetrische Kriegführung in außereuropäischen Gebieten, die offenbar auch Offiziere der deutschen Staaten vor der Reichsgründung gesammelt hatten, scheinbar ihre Relevanz und gerieten zunehmend in Vergessenheit. Gut 20 Jahre nach der Gründung des Kaiserreiches mussten Kolonialenthusiasten wie Estorff und Heydebreck daher bereits aktiv an dieses Erbe erinnern. Sie konnten dabei aber offenbar zumindest noch von einem latenten Bewusstsein dieses alternativen Strangs außereuropäischer Kriegserfahrung bei ihren Lesern ausgehen.
Interessant und für die weitere Untersuchung leitend ist nun, welche ganz unterschiedlichen Personen und Einsatzkontexte am Ende des 19. Jahrhunderts in diese Tradition gestellt wurden. Keineswegs bezogen sich Estorff, Heydebreck und andere auf Vorbilder in außereuropäischen Räumen wie Afrika, die Ende des 19. Jahrhunderts aus aktuellem Anlass im Zentrum des politischen und militärischen Interesses standen. Wichtiger als der räumliche und zeitliche Kontext war für diese der angebliche Wert militärischer Lehren der Vergangenheit für aktuelle Herausforderungen. Deshalb firmierten in der Ahnenreihe der Vorbilder deutscher Kolonialsoldaten Ende des 19. Jahrhunderts überraschenderweise Offiziere wie Ludwig Yorck von Wartenburg (1759-1830), Neidhardt von Gneisenau (1760-1831) oder August Karl von Goeben (1816-1880), die nicht als Kolonialsoldaten, sondern als Söldner im Dienste anderer Mächte im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, auf den südafrikanischen Schauplätzen der Napoleonischen Kriege oder im Spanischen Bürgerkrieg der 1830er Jahre gekämpft hatten. Zu den vorbildhaften Unternehmungen gezählt wurde aber auch die Tätigkeit des späteren Generalstabschefs Helmuth von Moltke (1800-1891) als Militärberater im Osmanischen Reich - bis heute das wohl bekannteste Beispiel eines außereuropäischen Einsatzes preußischer Offiziere, das allerdings kaum in einen Zusammenhang mit den späteren kolonialen Unternehmungen des Deutschen Kaiserreiches gebracht wird. Selbst Fachleuten kaum geläufig sind dagegen die gleichlautend von Estorff und Heydebreck in diese Reihe gestellten Unternehmungen der späteren Generale und Helden der Reichsgründungskriege Wilhelm von Grolman (1829-1893) und August von Werder (1808-1887), die in jungen Jahren als militärische Beobachter der Preußischen Armee in den russischen Kaukasus gereist waren. Auch der russische kontinentale Kolonialismus galt demnach völlig selbstverständlich als Referenzpunkt kolonialer Kriegserfahrung und Quelle möglicher Lehren für die deutschen Kampagnen in Afrika und anderswo.
Sind diese verstreuten Hinweise nun mehr als die nachträgliche Konstruktion einer Tradition außereuropäischen Kriegsdienstes durch eine Handvoll exzentrischer Offiziere, die ihren auf die schiefe Bahn des wenig geachteten Kolonialdienstes geratenen Karrieren eine tiefere Bedeutung geben wollten, indem sie sich in die Tradition großer Namen wie Moltke, Goeben oder Werder einreihten? Bezogen sich die entsprechenden Hinweise nicht auf völlig unzusammenhängende zeitliche und räumliche Kontexte? Und waren die persönlichen Motive und die institutionelle Funktion der früheren Auslandseinsätze nicht gänzlich anders gelagert als in den kolonialen Eroberungskriegen und Strafexpeditionen späterer Jahrzehnte? Statt diese Fraugen vorschnell und unter Verweis auf scheinbare Selbstverständlichkeiten zu beantworten, soll im Folgenden den Spuren früher Auslandsaktivitäten deutscher Offiziere vor der Reichsgründung systematisch nachgegangen werden. Denn die oben genannten Hinweise auf Moltke, Grolman oder Werder zielten nicht auf imaginierte Reisen, sondern auf tatsächliche militärische Unternehmungen, die von den Autoren Ende des 19. Jahrhunderts noch als allgemein bekannt vorausgesetzt und daher nicht weiter erläutert wurden. Bezogen sie sich damit aber tatsächlich auf eine lebendige Tradition, eine Kontinuität der Faszination für die Exotik des Außereuropäischen auch unter deutschen Militärs? Und was waren die Beweggründe, die Offiziere in früheren Jahrzehnten motiviert hatten, beschwerliche Reisen nach Übersee, ins Osmanische Reich oder in den Kaukasus auf sich zu nehmen? Unterschieden sich diese Motive tatsächlich fundamental von denen späterer Generationen oder gab es Ähnlichkeiten der Einsatzkontexte und Motivationen, die den scheinbar willkürlichen Vergleich aus zeitgenössischer Perspektive naheliegend erscheinen ließen? Und schließlich, spielte eine solche Tradition, sollte sie denn bestanden haben, tatsächlich eine Rolle für das Verhältnis des Militärs des deutschen Kaiserreiches zu den kolonialen Unternehmungen seit den 1880er Jahren und, wenn ja, in welcher Weise?
1.3. Theorien und Begriffsangebote: Die Verbindung von "Kriegslust" und "Fernweh"
Kurz gesagt geht es im Folgenden um die Neuvermessung der Militärkultur der deutschen Staaten vor 1871 im Hinblick auf ihr Verhältnis zum ersten globalen Imperialismus der europäischen Mächte seit den Napoleonischen Kriegen. Dazu werden die Ende des 19. Jahrhunderts kursierenden Erzählungen über frühere Auslandsaktivitäten deutscher Soldaten nicht nur als nachträgliche Mythenbildungen betrachtet, sondern auf ihren faktischen Gehalt befragt, um das tatsächliche Ausmaß und die Qualität dieser vergessenen Form militärischer Auslandstätigkeit besser zu erfassen. Bei dieser Rekonstruktion sollen die Motivationen der individuellen Akteure ebenso im Mittelpunkt stehen wie die institutionelle Logik der entsprechenden Unternehmungen. Gerade in ursprünglich ständischen Organisationen wie dem monarchischen Militär mit vielfältigen und lange eingeübten Anforderungen an die Persönlichkeit des Einzelnen sind diese beiden Ebenen ohnehin eng aufeinander bezogen. Wenn deshalb Berufsoffiziere wie Estorff oder Heydebreck, die selbst aus traditionsbewussten Militärfamilien stammten, in ihrer privaten Korrespondenz ebenso wie in der militäröffentlichen Debatte auf das Vorbild namhafter Soldaten mit früheren Auslandserfahrungen verwiesen, dann sollten wir zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass diese Referenzen tatsächlich einen Faktor im Motivbündel deutscher Kolonialsoldaten darstellten.
Ähnliches gilt für den Hinweis auf den praktischen militärischen Wert der Kolonialerfahrung, mit dem beide Autoren ein Argument in die deutsche Debatte einführten, das in den Armeen anderer europäischer Kolonialmächte schon lange gebräuchlich und akzeptiert war. Gerade hier zeigt sich, dass institutionelle Logik, soziales Prestige und individuelle Motivation bei den Entscheidungen militärischer Akteure zum Gang ins Ausland eng miteinander verschränkt waren. Die nur vereinzelten wissenschaftlichen Überlegungen zu dieser Frage dagegen bleiben weitgehend holzschnittartig und spekulativ. So hielt es der deutsch-amerikanische Historiker Alfred Vagts (1892-1986) in seiner Grundlagenstudie Defence and Diplomacy für ein unumstößliches "soziologisches Faktum",
"that the officer, who is eager to seek or accept employment as a military instructor in foreign and usually distant countries is of the more venturesome type, or someone held up in his career by conflicts with superiors or comrades or society in general, or someone threatened by debts or poverty".
Mit seiner Betonung von Abenteuerlust, Karrierestreben und materiellen Faktoren erklärte Vagts den Schritt in den militärischen Auslandsdienst zu einer rein individuellen Entscheidung. Auch gab er eine scheinbar soziologisch begründete Rechtfertigung, um die exzentrische Tätigkeit von Militärinstrukteuren, Militärbeobachtern oder Kolonialtruppen außerhalb der normalen militärischen Tätigkeit zu verorten. Gleichzeitig leistete er der Auffassung Vorschub, dass Kolonien und andere außereuropäische Einsatzgebiete vor allem Abschiebeorte für gescheiterte oder in Ungnade gefallene Armeeangehörige gewesen seien.