Kaminsky | Frauen in der DDR | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Reihe: DDR-Geschichte

Kaminsky Frauen in der DDR


2. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86284-364-0
Verlag: Links, Christoph, Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Reihe: DDR-Geschichte

ISBN: 978-3-86284-364-0
Verlag: Links, Christoph, Verlag
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Wie lebten Frauen in der DDR?

Im Rückblick erscheinen sie oft wie 'siebenarmige Göttinnen', die es offenbar spielend schafften, Berufstätigkeit, Mutterschaft und Emanzipation unter einen Hut zu bringen und bei alldem fröhlich durchs Leben zu gehen. Ihnen standen viele Wege offen, da, so die offizielle Lesart, der Staat vorbildlich für 'seine Frauen' sorgte. Frauen in der DDR waren aber zugleich zwischen all ihren Rollen zerrissen - wie die Heldinnen aus den Erzählungen von Brigitte Reimann oder Maxie Wander, die sich gegen die ihnen gesetzten Grenzen auflehnten, und oftmals scheiterten.

Anna Kaminsky wagt einen Gesamtblick auf die Situation von Frauen in der DDR, der das politische Leben genauso einschließt wie das berufliche und das private. Fotografien von Barbara Köppe, Uwe Gerig, Klaus Mehner und Harald Schmitt sowie biografische Porträts werfen Schlaglichter auf die Vielfalt weiblicher Lebensentwürfe.



Studium an der Sektion Theoretische und Angewandte Sprachwissenschaft (Schwerpunkt romanische Sprachen) an der Karl-Marx-Universität in Leipzig, Abschluss als Diplom-Sprachmittlerin, 1993 Promotion, Mitarbeit in verschiedenen Forschungs- und Ausstellungsprojekten u.a. am Berliner Institut für vergleichende Sozialforschung, an der Universität Münster, der Gedenkstätte Sachsenhausen und dem Deutschen Historischen Museum Berlin, seit 1998 Mitarbeiterin und seit 2001 Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

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Selbstbewusst und lebensfroh?


Frauen in der DDR

Als das Leben in der DDR nach 1990 bewertet und häufig kritisch hinterfragt wurde, hatte kaum noch etwas Bestand. In einem war man sich in Ost wie West jedoch einig: Auch wenn vieles nicht gut gewesen war – immerhin waren die Frauen gleichberechtigt gewesen. So mancher kam sogar zu dem Schluss, dass das »Beste an der DDR« die Frauen gewesen seien.1

In der Tat hatten Frauen in der DDR dieselben Rechte wie die Männer. Diese Gleichberechtigung wurde 1946/47 in die Verfassungen der damals noch bestehenden Länder bzw. Provinzen in der Sowjetischen Besatzungszone ebenso aufgenommen wie 1949 in die erste Verfassung der DDR.2 Frauen in der DDR verdienten ihr eigenes Geld und waren wirtschaftlich unabhängig. Sie konnten selbst entscheiden, ob und wo sie arbeiteten. Dass sie »Männerberufe« ergriffen, war erwünscht und wurde gefördert. Bereits seit 1947 galt das Prinzip »Gleicher Lohn für gleiche Arbeit«. Um Frauen die Berufstätigkeit zu ermöglichen, gab es ab den 1980er Jahren für fast alle Kinder ab dem zweiten Lebensjahr Betreuungsplätze. Zahlreiche Verordnungen und Gesetze vom Arbeitsgesetzbuch bis zum Familiengesetzbuch der DDR zielten darauf ab, Frauen Beruf und Familie gleichzeitig zu ermöglichen. Regelungen zum Arbeitsschutz, zur Freistellung bei Krankheit der Kinder, die Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit und den monatlichen Haushaltstag empfanden viele Frauen als Erleichterungen beim schwierigen Spagat zwischen allen Anforderungen. Die Regelungen zeigen aber auch deutlich: Die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit, Haushalt und Familie wurde als Problem von Frauen, nicht von Männern und Frauen gemeinsam angesehen.

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Die moderne Frau in der DDR sollte nicht nur voll berufstätig sein. Sie sollte sich auch ständig weiterbilden und in gesellschaftlichen Organisationen aktiv sein. Sie sollte den Haushalt meistern und eine gute Köchin sein. Ihren Kindern sollte sie eine liebevolle Mutter und ihrem Mann eine zwar beruflich gleichberechtigte, aber dennoch fürsorgliche Ehefrau sein. Frauen standen viele Wege offen – und all das, so die offizielle Lesart, weil der Staat DDR vorbildlich für »seine Frauen« sorgte. »Selbstbewußt, klug und umsichtig vollbringen Frauen hervorragende Leistungen im Beruf, bei der Erziehung ihrer Kinder und der Lenkung und Leitung unseres Staates. Ihnen voran gehen die Arbeiterinnen als die fortschrittlichste Kraft unter den Frauen.«3 So beschrieb die Parteipropaganda 1961 die Rolle der Frau in der Gesellschaft der DDR. In seinen Lebenserinnerungen vermerkte Erich Honecker 1980: »Hätte unsere Partei nur die Kräfte der Frauen geweckt, ihnen in der Gesellschaft den Platz eingeräumt, der ihnen gebührt, so wären allein schon damit die Menschlichkeit und der fortschrittliche Charakter des Sozialismus bewiesen.«4

Aber hält dieses Bild des vorbildlich für seine Frauen sorgenden Staates DDR einer kritischen Prüfung stand?

Frauen in der DDR konnten volle Berufstätigkeit, Mutterschaft und Emanzipation nicht so spielend leicht unter einen Hut bringen, wie es zu DDR-Zeiten behauptet und nach dem Ende der DDR als Mythos gepflegt wurde. Sie waren wie die zwischen all ihren Rollen zerrissenen Heldinnen aus den Erzählungen von Brigitte Reimann, Irmtraud Morgner oder Maxie Wander: Frauen, die sich gegen die ihnen vorgegebenen Rollen und Grenzen auflehnten – und oftmals scheiterten. Frauen, die wie Franziska Linkerhand in Brigitte Reimanns gleichnamigem Roman für sich in Anspruch nahmen, gegen gesellschaftliche und politische Erwartungen zu verstoßen. Frauen, die als typisch für sie angesehene Eigenschaften wie »Geduld, Selbstlosigkeit, die altmodischen Tugenden, die man den Frauen wie Handschellen anlegt«,5 nicht annehmen wollten. Frauen, die sich wie bei Maxie Wander »wie ein lahmer Frosch fühlen«, weil sie den Eindruck hatten, »dauernd gehindert [zu] werden, vom vorgeschriebenen Weg abzuweichen, im Elternhaus, in der Schule, im Beruf, in der Politik, sogar in der Liebe […]«.6

Was hieß es, als Frau in der DDR zu leben? Die Lebensrealitäten von Frauen unterschieden sich nicht nur zwischen den verschiedenen Generationen. Frauen, die in der Landwirtschaft oder in der Industrie arbeiteten, mussten andere Herausforderungen meistern als jene, die zur sozialen Schicht der »Intelligenz« gerechnet wurden. Verheiratete Frauen oder Mütter standen vor anderen Problemen als unverheiratete. Und nicht zuletzt spielte eine entscheidende Rolle, wo die Frauen lebten, auf dem Land, in einer Kleinstadt oder im »Schaufenster des Sozialismus«, in Ost-Berlin.

Frauen lebten in den 1940er und 1950er Jahren unter anderen Rahmenbedingungen und mit anderen Rollenbildern als jene, die seit den 1960ern in den verfestigten Strukturen der DDR aufwuchsen. Die nach dem Mauerbau Geborenen hatten viele der Hoffnungen, die die sogenannte »Aufbaugeneration« in die DDR gesetzt hatte, nicht mehr: »Wir wurden in einem geschlossenen System erzogen und auf eine Zukunft vorbereitet, die nicht eintrat. Unsere Generation war zu jung, um verantwortlich zu sein, und zu alt, um nicht nachhaltig beeinflusst und geprägt worden zu sein«, wie es eine junge Frau im Film »Zonenmädchen« ausdrückte.7 Für viele von ihnen war ein Leben, wie es ihre Mütter und Großmütter geführt hatten, nicht mehr vorstellbar: mit Berufstätigkeit und einem kräftezehrenden Alltag voller Versorgungsprobleme und Einschränkungen, die wenig Zeit und Energie für die Kinder, für die Familie oder gar für Hobbys und Selbstverwirklichung ließen. Sie suchten nach anderen, neuen Wegen, um ihre Vorstellungen von einem erfüllten Leben mit den Anforderungen, die Staat und Gesellschaft an sie stellten, in Einklang zu bringen. Dazu gehörte auch, sich staatlichen Erwartungen zu entziehen, sei es, indem der Rückzug in private Nischen forciert wurde oder indem die Forderungen nach voller Berufstätigkeit und gleichzeitiger Familiengründung mit einem Geburtenrückgang beantwortet wurden. Für eine große Mehrheit der jungen Frauen gehörte Berufstätigkeit selbstverständlich zu einem erfüllten Leben, auch wenn sich immer mehr Frauen flexible Arbeitsmöglichkeiten mit einem späteren Arbeitsbeginn und verkürzten Arbeitszeiten wünschten, um allen Anforderungen gerecht zu werden. In der Realität arbeiteten Frauen in der DDR jedoch mehrheitlich Vollzeit, teilweise im Dreischichtsystem und nur in einer Minderheit der Fälle in Teilzeit.8

Gleichberechtigung hieß in der DDR vor allem: Arbeiten wie die Männer. Während es für viele Frauen nach dem Krieg ein Gebot der Not war, arbeiten zu gehen und die fehlenden Männer in der Produktion zu ersetzen, wurde die Arbeit für ihre Töchter und Enkelinnen zum Teil ihres Selbstverständnisses als moderne Frauen, die aus ihrer Erwerbstätigkeit und finanziellen Eigenständigkeit Selbstbewusstsein bezogen. Während die Frauen der Kriegsgeneration in einer Gesellschaft aufgewachsen waren, in der die Berufstätigkeit verheirateter Frauen bekämpft wurde und die klassische Arbeitsteilung hieß »Der Mann bringt das Geld nach Hause, und die Frau kümmert sich um Haushalt und Kinder«, war vielen Frauen mit dem Krieg – wie Edith Baumann 1946 auf der ersten Delegiertenkonferenz der Frauenausschüsse feststellte – »nicht nur die wirtschaftliche Basis entzogen [worden], sondern, und das scheint mir das Entscheidende zu sein, ihnen ist eine seit Jahrhunderten überlieferte Welt der persönlichen Lebensgestaltung zerbrochen. Hunderttausende unserer deutschen Mädchen werden ihr Lebensziel nicht in der umsorgten Häuslichkeit der Familie suchen dürfen; sie werden einen langen Lebensweg allein gehen müssen.«9 Welche gravierenden Auswirkungen dies für Frauen und ihre Lebensgestaltung letztlich hatte, konnte sich 1946 wohl kaum jemand vorstellen.

Die politischen und gesellschaftlichen Leitbilder beruhten darauf, dass sich alle Lebensbereiche der Arbeit unterzuordnen hatten. Nur durch volle Berufstätigkeit würden Frauen ein erfülltes Leben führen können, hieß es. Frauen, die einen anderen Lebensweg einschlugen, wurden insbesondere in den 1950er und 1960er Jahren an den propagandistischen Pranger gestellt und als »Heimchen am Herd« und »Schmarotzerinnen« lächerlich gemacht. In der DDR der 1950er Jahre ging es vor allem darum, Hausfrauen für die Berufstätigkeit und den Aufbau der industriellen Basis zu gewinnen, da durch die Massenflucht in den Westen qualifizierte Arbeitskräfte fehlten. Nicht umsonst lautete der Slogan für Frauenarbeit, dass »Frauen ihren Mann in der Produktion stehen« sollten. Während Ende der 1950er Jahre 56 Prozent der Frauen arbeiten gingen, waren es Ende der 1960er Jahre bereits 80 Prozent und Ende der 1980er Jahre über 90 Prozent, was auch im internationalen Vergleich eine der höchsten Erwerbstätigenquoten darstellte.10

Nachdem viele Frauen in den 1950er Jahren in die Erwerbstätigkeit gebracht worden waren, stand in den 1960er Jahren vor allem die Qualifizierung von Frauen – auch für Männerberufe – im Vordergrund. Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 war zwar die Massenflucht aus der DDR und damit die Abwanderung von qualifizierten...


Studium an der Sektion Theoretische und angewandte Sprachwissenschaft (Schwerpunkt romanische Sprachen) an der Karl-Marx-Universität in Leipzig; 1992 Promotion Dr. phil. 1993 bis 1998 Mitarbeit in verschiedenen Forschungs- und Ausstellungsprojekten u.a. am Berliner Institut für vergleichende Sozialforschung, an der Universität Münster, der Gedenkstätte Sachsenhausen und am Deutschen Historischen Museum; seit 1998 wissenschaftliche Mitarbeiterin, seit 2001 Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.



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