E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Kallos-Lilly / Fitzgerald Wir beide
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7495-0502-9
Verlag: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Das Arbeitsbuch zur Emotionsfokussierten Paartherapie 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-7495-0502-9
Verlag: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Veronica Kallos-Lilly, PhD, ist Leiterin des Vancouver Couple & Family Instituts und des Vancouver Centre für EFT-Ausbildung in British Columbia, Kanada. Zudem arbeitet sie als EFT-Supervisorin und -Trainerin.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Sozialwissenschaften Psychologie Allgemeine Psychologie Kognitionspsychologie Emotion, Motivation, Handlung
- Sozialwissenschaften Psychologie Psychologie / Allgemeines & Theorie Psychologie: Allgemeines
- Sozialwissenschaften Psychologie Psychologie / Allgemeines & Theorie Psychologie: Sachbuch, Ratgeber
Weitere Infos & Material
2. Bindung – die beste Überlebensstrategie
Sollten Sie von einem Ratgeber erwarten, als Erstes auf Themen wie „sich verlieben“, „Liebe machen“ oder „Kommunikation in der Paarbeziehung“ zu stoßen, müssen wir Sie leider enttäuschen. Dennoch beginnen wir direkt mit einem zentralen Thema, das uns alle als Menschen verbindet und von John Bowlby, Kinderpsychiater an der Tavistock-Klinik in London, vor 80 Jahren mit folgenden Worten umrissen wurde:
„Wer von uns würde sich nicht fürchten, wenn er allein an einem fremden Ort und im Dunkeln eine plötzliche Bewegung wahrnehmen oder ein seltsames Geräusch hören würde. Hätten wir dagegen auch nur einen tapferen Gefährten bei uns, wären wir wahrscheinlich viel unerschrockener und würden schnell wieder Mut fassen. Das Alleinsein jedoch macht uns alle zu ‚Feiglingen‘.“17
Damit fasste Bowlby in Worte, was viele Fachleute aus Praxis und Forschung zum damaligen Zeitpunkt sich nur zögerlich zu sagen trauten: dass nämlich das Bedürfnis des Menschen nach anderen Menschen das ist, was ihn ausmacht. Wir sind von Natur aus auf Gemeinschaft, Vertrauen und gegenseitige Unterstützung angelegt, um die Wechselfälle des Lebens zu meistern sowie Freud und Leid miteinander zu teilen. Diese Feststellung gilt für alle Menschen – ganz gleich, welchem Geschlecht, welcher Gesellschaftsschicht oder welcher Kultur sie angehören und woher sie stammen. Für manche von Ihnen mögen sich diese Sätze, die unser elementares Bedürfnis nach Nähe anerkennen, erleichternd anhören. Für andere dagegen ist die Vorstellung, es als normal und gesund zu bezeichnen, von anderen abhängig zu sein, eher befremdlich. Wieder anderen macht die Vorstellung, abhängig zu sein bzw. dass andere von ihnen abhängig sein könnten, unter Umständen regelrecht Angst. Und vielleicht sind auch Sie selbst es gewohnt, vollkommen unabhängig zu agieren.
Haben Sie deshalb bitte ein wenig Geduld mit uns. Bevor wir uns so wichtigen Beziehungsthemen wie Kommunikation, Emotionen, Interaktionen, Sex usw. zuwenden, wollen wir uns zunächst mit den Grundlagen befassen: Als Menschen sind wir existenziell auf andere angewiesen. Und zwar nicht auf irgendwelche Menschen, sondern auf Menschen, die bedeutsam für uns sind. Nachdem Generationen von Psychotherapeut*innen die Ansicht vertraten, es sei infantil, als Erwachsene auf die Unterstützung anderer Menschen angewiesen zu sein, verstand Bowlby nicht nur die ungeheure Bedeutung besonderer und nicht austauschbarer Bindungen zwischen Säuglingen und Kleinkindern und ihren Bezugspersonen, sondern auch, dass dies genauso für die Beziehung zwischen Erwachsenen und ihren Beziehungspartner*innen, nahen Verwandten und guten Freunden gilt. Tatsächlich gibt uns schon allein das Wissen, dass zumindest einige für uns wichtige Menschen in Gedanken bei uns sind, Sicherheit – unabhängig davon, wie alt wir sind. Bowlby zufolge begleitet uns das Bindungsbedürfnis „von der Wiege bis zur Bahre“.18 Mit diesem damals erfrischend neuen Gedanken gelang es ihm, das Denken in Medizin, Pädagogik und Psychologie zu revolutionieren.
Wie sieht das heute aus? Für die meisten Menschen ist es ganz selbstverständlich, sich zu schmerzhaften oder beängstigenden Untersuchungen und medizinischen Eingriffen von einem vertrauten Menschen begleiten zu lassen: Muss ein Kind im Krankenhaus behandelt werden, dürfen die Eltern selbstverständlich bei ihm übernachten. Frauen haben die Möglichkeit, sich im Kreißsaal bei der Geburt ihres Kindes vom werdenden Vater oder von anderen nahestehenden Menschen halten und unterstützen zu lassen. In Kindergärten und Tageseinrichtungen für Kinder wird die Trennung von den Eltern in der Regel sorgsam begleitet, und klinische Psychologen und Psychiaterinnen haben bei der Förderung des Wohlergehens ihrer Patient*innen auch deren zwischenmenschliche Beziehungen im Blick. Die Beispiele verdeutlichen die enorme Bedeutung, die nahen Beziehungen heute glücklicherweise als wichtigem Faktor für unser biopsychosoziales Wohlbefinden zukommt – was heute eine Selbstverständlichkeit ist, war es für frühere Generationen noch lange nicht.
2.1 Ein kurzer Abriss der Bindungstheorie
Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt John Bowlby von der Weltgesundheitsorganisation den Auftrag, sich dazu zu äußern, welche Auswirkungen längere Trennungen von Mutter und Kind bzw. der dauerhafte Verlust der Mutter auf Kleinkinder haben. Hierzu untersuchte er Kinder, die ihre Eltern verloren hatten, Kinder, die aufgrund von Krankenhausbehandlungen über Wochen oder Monate kaum oder gar keinen Kontakt zu ihren Eltern hatten, sowie Kinder, die über längere Zeit von ihrer Mutter getrennt waren, weil diese selbst krank war oder längerfristig im Krankenhaus behandelt wurde. Den Ergebnissen Bowlbys verdanken wir ein vertieftes Verständnis der Bedeutung der emotionalen Beziehung zwischen Kindern und ihren Bezugspersonen. Diese besondere Beziehung bezeichnete er als Bindung. Personen, die dafür sorgen, dass ein Kind ausreichend Nahrung erhält und auch seine sonstigen körperlichen Bedürfnisse befriedigt werden, sind grundsätzlich austauschbar. Die emotionale Bindung zwischen Kind und primärer Bezugsperson hingegen ist von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung und das Überleben eines Kindes.
Seine Überlegungen tauschte Bowlby mit Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachgebiete aus, die sich mit dem Gruppenverhalten von Tieren, der Informationsverarbeitung im menschlichen Gehirn sowie der normalen kindlichen Entwicklung beschäftigten. Aus diesem Austausch heraus entwickelte er die Annahme, dass das kindliche Bedürfnis nach Nähe zur Bezugsperson gewissermaßen als „feste Schaltung“ im menschlichen Gehirn angelegt ist und unser Überleben sichert. Wird diese Bindung durch eine längere oder dauerhafte Trennung unterbrochen, ist die Folge häufig Protest oder Verzweiflung. Das menschliche Bestreben, in Notsituationen andere um Hilfe zu bitten, ist folglich ein wichtiger Überlebensmechanismus, der uns unser Leben lang begleitet.19
Bowlbys Theorie wurde in der Folgezeit von einer Reihe von Wissenschaftler*innen weiterentwickelt, die viele der von ihm herausgestellten Aspekte zum Thema Eltern-Kind-Beziehung näher untersucht haben. Ihren Forschungsarbeiten verdanken wir die Erkenntnis, dass Säuglinge auf Bezugspersonen angewiesen sind, die ihre Bedürfnisse auf feinfühlige und ihnen zugewandte Weise wahrnehmen und befriedigen. Nur dann sind sie in der Lage, ein tragfähiges Sicherheitsgefühl zu entwickeln und darauf zu vertrauen, dass auch zukünftig Menschen da sein werden, die ihre Bedürfnisse befriedigen.20 Wichtige Komponenten von Feinfühligkeit sind u. a. 1. wie rasch eine Bezugsperson auf die Bedürfnisse des Säuglings reagiert, ob 2. der angebotene Trost tatsächlich geeignet ist, Beruhigung zu bewirken, und 3. der Körperkontakt liebevoll und beruhigend ist.
2.2 Sicherer Hafen und sichere Basis
Der Bindungstheorie zufolge erfüllen Bezugspersonen (Mütter, Väter, Großeltern bzw. diejenigen, die gewöhnlich für ein Kind sorgen) für Kleinkinder zwei äußerst wichtige Funktionen: Zunächst dienen sie dem Kind als sicherer Hafen, den das Kind ansteuert, wenn es Angst hat, krank oder müde ist oder sich langweilt. Dieser sichere Hafen ist der Ort, an dem es die nötige Aufmerksamkeit, Liebe und Fürsorge erhält. Die zweite Funktion von Bezugspersonen ist die einer sicheren Basis, von der aus Kinder, die sich sicher fühlen, die Welt erkunden. Sicherheit nährt Neugierde und Entdeckergeist. Eine sichere Basis lädt Kinder dazu ein, das eigene Umfeld zu erkunden, und stärkt das Vertrauen, das erforderlich ist, um neue Dinge zu wagen. Bowlby zufolge hat das in gut funktionierenden Beziehungen beobachtbare Bindungsverhalten (z. B. sich bei Angst an die Bezugsperson zu wenden, bei Trennung zu protestieren, sich in sicheren Momenten aufzumachen, Neues zu entdecken) die Funktion, die Distanz zwischen Mutter und Kind so zu regulieren, dass diese sich flexibel gestaltet und für beide Seiten gut anfühlt. Eine sichere Bindung fördert dementsprechend sowohl Nähe als auch Autonomie und ermöglicht ein fließendes Gleichgewicht zwischen diesen beiden Polen.
Achten Sie bei Ihrem nächsten Park- oder Spielplatzbesuch einmal auf das Bindungsverhalten, das sich Ihnen dort zeigt: Kleine Kinder rennen, klettern, lachen, spielen und wenden ihren Blick nur gelegentlich in Richtung der Bezugspersonen, die ihnen von der nahe gelegenen Sitzbank aus zuschauen. Taucht aber plötzlich ein großer, bellender Hund auf dem Spielgelände auf, laufen viele Kleinkinder unverzüglich zu ihrer Begleitperson und stellen in der Regel fest, dass diese bereits aufgestanden und auf dem Weg zu ihnen ist. Beide treffen aufeinander, eine beruhigende und tröstende Umarmung gibt dem Kind Sicherheit und lässt es spüren, dass es beschützt wird und die Gefahr gar nicht so groß wie befürchtet oder bereits vorbei ist. Irgendwann löst sich das Kind aus der Umarmung, läuft zurück und spielt weiter, während der bzw. die Erwachsene zur Bank zurückkehrt. Die wiederholte Erfahrung, sich in kritischen Momenten auf die Erreichbarkeit und Zuwendung einer Bezugsperson verlassen zu können, stellt eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung einer sicheren Bindung dar. Diese Bindung trägt erheblich zur Sicherheit und Überlebensfähigkeit nicht nur von Kindern bei. Menschen aller Altersstufen fühlen sich sicherer, wenn sie wissen, dass es wenigstens ein paar zuverlässige Menschen gibt,...




