Einleitung
Die Vergänglichkeit ist ein Phänomen, das seit dem Bestehen der Menschheit den Menschen zutiefst beschäftigt hat und heute noch ebenso beschäftigt und ohne Zweifel in der Zukunft auch beschäftigen wird, solange der Mensch seine uns gegenwärtig bekannten Eigenschaften und menschlichen Gefühle bewahrt oder ihm zumindest einige davon erhalten bleiben.
Seit dem Uranfang des Menschengeschlechtes auf der Erde hat sich der Mensch über das Werden und Vergehen Gedanken gemacht. Insbesondere die Sterblichkeit des Menschen hat ihn ewig und oft intensiv beschäftigt. So wurde die Sterblichkeit, nämlich der Tod, zur Mutter aller Religionen. Deshalb gingen unzählige Menschen in verschiedenen Perioden der Geschichte in die Waldeinsamkeit bzw. die Abgeschiedenheit, um durch die Askese, Meditation und Nachdenken nach der Wahrheit zu suchen, mit anderen Worten, das Rätsel der Vergänglichkeit zu lösen.
Die Antworten auf jene Fragen waren immer recht verschieden, weil es bei den Fragen stets um die Art und Weise eines weiteren Lebens nach dem Tode ging. Die Fragen, welche sich auch unzählige Propheten, Philosophen, Denker und Sucher stellten, waren immer gleicher Natur. Auch die Fragen, die sich Laudse, Konfuzius, Buddha, Jesus, der Prophet Mohammed und die Mystiker wie Celaleddin Rumi, Meister Eckhart und viele andere stellten, drehten sich immer um die Vergänglichkeit, d. h. um den Tod.
Aus den Antworten auf jene Fragen entstanden unzählige Religionen beziehungsweise Glaubensrichtungen, welche das Geheimnis des Todes und die weitere Existenz danach zu erklären suchten. Sie standen dem Tod unterschiedlich gegenüber und gingen mit ihm auf verschiedene Art und Weise um.
Die meisten Religionen machten dem Menschen große Angst vor dem Tod und dessen Folgen. Einige andere machten dagegen wenig Angst; manche versuchten jedoch von der Angst vor dem Tode zu befreien.
Die Urgesellschaften gingen mit dem Tod in vielerlei Hinsicht bestimmt leichter und natürlicher um als die modernen Gesellschaften. Auch in der Gegenwart gehen einige Gesellschaften mit dem Tod aus Glaubensgründen leichter um als manch andere. Obwohl die Religion auf der Basis der Vergänglichkeit des Menschen beruhend auch die Mutter der Moral, Ethik und Künste und zum Teil auch der Wissenschaft geworden ist, ist sie doch die letzten paar tausend Jahre unterschiedlich betrachtet worden. Religiöse Institutionen wie die Kirche und entsprechende Organisationen von anderen Religionen und deren Theologen und Geistlichen haben die Ungewissheit und auch die damit verbundene Angst angesichts des Todes ausgenutzt, sogar missbraucht, zum einen, um großen Einfluss auf die Bevölkerung zu erlangen, zum anderen, um ihre eigene und die Macht der herrschenden Schichten zu festigen, weil ihre Macht oft von der der Herrschenden abhing.
Daher ist die spekulative, ungewisse Natur der Religion ständig in den Händen verschiedener Herrschaftssysteme zum Mittel der Manipulation, Unterdrückung, Ausbeutung und damit auch zur Grundlage der Macht und Herrschaft geworden.
Aufgrund dieser Tatsachen haben sich viele Denker und einige Ideologien als Reaktion bzw. Protest gegen die Religion gestellt, ohne dass sie sich darüber Gedanken machten, dass das Bedürfnis nach einem Halt in der Existenzweise des Menschen verwurzelt ist, und daher die Religion – welcher Glaube auch immer – aus dem tiefen Bedürfnis der Gesellschaften, d. h. des Menschen entstand und mit dieser Eigenschaft auch die Quelle der Hoffnung wurde.
Ohne die Hoffnung hätte die Menschheit gewiss nicht alle Widrigkeiten und Katastrophen überleben und sich so weit entwickeln können. In dieser Eigenschaft ist die Hoffnung, die oft mit einem kraftspendenden und schöpferischen Glauben verbunden ist, eine Schubkraft der Menschheitsgeschichte gewesen.
Parallel zur Entwicklung der Gesellschaft hat sich auch die Einstellung des Menschen dem Tod gegenüber verändert. Je komplizierter und gekünstelter das Leben wurde, umso unnatürlicher wurde die Haltung des Menschen gegenüber dem Tode. Es darf nicht bezweifelt werden, dass die Haltung des Menschen gegenüber der Vergänglichkeit von seiner Existenz- und Lebensweise bestimmt wird.
In der super-kapitalistischen Konsumgesellschaft und auf deren „Freien Markt“ wird nur die Existenzweise des Habens gefördert. Bei dieser Lebensweise betrachtet der Mensch auch seinen eigenen Körper als seinen Besitz. Der moderne Mensch der heutigen Gesellschaft lebt ständig in Angst und Sorge, seine Besitztümer zu verlieren, gleichgültig, was und wie viel er besitzt. Deshalb hat er auch große Angst vor dem Tode, weil dieser für ihn einen großen Verlust darstellt.
Angesichts dieser Tatsache hat der moderne Mensch stets Angst, über den Tod zu sprechen. Deshalb ist der Tod mehr oder minder tabuisiert. Aus den oben erwähnten Gründen wird die Angst vor dem Tode auf verschiedene Art und Weise verdrängt.
Auf der anderen Seite, jene Denker, die in der Geschichte versucht haben, und auch diejenigen, die heute noch versuchen dem modernen Menschen mittelbar oder unmittelbar beizubringen, dass er keine Religion braucht und keine Angst vor dem Tod haben muss, weil es kein weiteres Leben nach dem Tode gibt, scheinen gar nicht zu wissen, dass die Menschheit das dazu erforderliche Bewusstsein und die Reife gar nicht erlangt hat, und die große Mehrheit diese Reife nicht mehr erlangen wird.
Obwohl die Neo-polytheisten, nämlich die Verehrer der Technik und Maschinen, oft angeben, dass sie gar keine Angst vor dem Tode hätten, doch in Wirklichkeit haben sie mehr Angst als die Gläubigen. Sie schämen sich über ihre diesbezüglichen Ängste zu reden, weil dieses Thema in der modernen Gesellschaft ein unüberwindbares Tabu darstellt.
Diese Tatsache hat mich schon während meiner Schul- und Jugendzeit immer wieder beschäftigt. Ich habe nicht nur diesbezügliche Einstellungen vieler Gestalten und Denker studiert, ich habe auch versucht, die Haltung des Menschen dieser menschlichen Realität gegenüber in verschiedenen Gesellschaften zu beobachten, zu ergründen und zu begreifen, im Orient sowie im Okzident.
Viele Leser würden sich vielleicht fragen, weshalb ich schon von vornherein die Angst vor dem Tod in den Mittelpunkt gestellt habe? Dies liegt auf der Hand, denn es dreht sich bei allen Religionen um den Tod und um die Form eines weiteren Lebens bzw. einer anderen Existenz danach. Ohne die Sterblichkeit, ohne die Vergänglichkeit, hätte es in der Welt sicherlich keine Religion gegeben, zumindest nicht in der Art, die uns bekannt ist. Diese Ungewissheit in eine Gewissheit oder Überzeugung zu verwandeln, schien die Aufgabe aller Religionsstifter bzw. Propheten und Ordensgründer gewesen zu sein, wobei man nicht mit Sicherheit sagen kann, dass jene Gestalten all das unbedingt aus philantrophischen Beweggründen, anders ausgedrückt, aus Liebe zu Menschen getan haben.
Eines steht aber fest, dass die großen monotheistischen Religionen wie Judentum, Christentum und Islam, aus dem Bedarf der Massen entstanden waren und sich mithilfe eines neuen Glaubens von der Unterdrückung des jeweiligen etablierten Systems zu befreien versuchten und dazu die erforderliche Kraft nur in einem neuen gemeinsamen Glauben fanden. Demzufolge nahmen die Begründer dieser Religionen den Kampf gegen das jeweils herrschende System an. Ohne Unterdrückung und Ausbeutung durch die Ägypter wäre ein Retter namens Moses ohne Ausbeutung durch die Rabbis und Unterdrückung durch die Römer in Palästina; ein Mann namens Jesus und ohne Unterdrückung der armen Massen und Missstände auf der arabischen Halbinsel; ein Mann namens Mohammed gar nicht auf der Bühne der Weltgeschichte erschienen. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass diese Gestalten von den damals zur Verfügung stehenden Wissenschaften geleitet worden waren. Bei all diesen drei Gestalten war die einzig bewegende Kraft auf dem unstillbaren Ehrgeiz und Machtdurst basierender Fanatismus, der die von ihnen gestifteten Religionen über die Jahrhunderte hinweg in festem Griff gehabt hat, so wie heute.
Dieser Fanatismus war damals gerechtfertigt, denn die herrschenden Systeme und deren Nutznießer in jenen Gesellschaften waren so stark, dass keiner von diesen Gestalten ohne den fanatischen Glauben dem Druck standgehalten, genauer gesagt, den Tod freiwillig in Kauf genommen hätte.
Als Moses nach wochenlangem Aufenthalt vom Berg Horeb im Sinai mit den Gesetzestafeln von Jahwe, die in Wahrheit seine eigenen Worte waren, zurückkehrte, war er von seinem eigenen Fanatismus so verblendet, so wie Jesus vom Fanatismus verblendet felsenfest daran glaubte, Gottessohn gewesen zu sein. Als Prophet Mohammed von seiner nächtlichen Reise gen Himmel berichtete, wo er mit Allah Zwiesprache abgehalten haben soll, ohne das Gesicht des Allmächtigen gesehen zu haben, war er nicht minder fanatisch als die Ersteren. Auch wenn diese Ereignisse wahrscheinlich nach dem Verscheiden jener Gestalten gedichtet und ihnen zugeschrieben worden waren, ändert das nichts an der Tatsache, dass sie durch und durch fanatisch waren. Auch ändert es an der Tatsache nichts, dass die heutige Welt noch immer unter dem Fanatismus dieser monotheistischen Religionen leidet. Denn die monotheistischen Religionen, allen voran der Islam, dulden keinen anderen Glauben neben sich. Diese Gestalten verfügten über kein tiefgründiges...