E-Book, Deutsch, 371 Seiten
Kaiser Ultraleicht
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7598-7076-6
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 371 Seiten
ISBN: 978-3-7598-7076-6
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Tanja Kaiser, Jahrgang 1982, ist eine Autorin aus der Nähe von Koblenz. Ihr Markenzeichen: Echte Liebesgeschichten abseits des Glamours. Tanja erzählt von den ungeschminkten, alltäglichen Momenten des Lebens, die oft im Verborgenen bleiben. Ihre Romane bieten eine frische Perspektive auf Liebe und Beziehungen, fernab der Klischees von Reichtum und Perfektion. Für Tanja, die lange ihren Traum vom Schreiben hinter dem Alltag zurückstellte, ist das Schreiben eine späte, aber umso leidenschaftlichere Berufung. Sie will Geschichten erzählen, die sich echt anfühlen, die ihre Leser:innen bewegen und in denen sich jeder ein Stück weit wiederfinden kann. In ihren Büchern geht es um die Schönheit des Imperfekten, um Liebe in ihrer rohen und wahren Form.
Autoren/Hrsg.
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Prolog:
Die Flasche lag kühl in meiner Hand und der Wind klatschte unerbittlich in mein ohnehin feuchtes Gesicht. Wann genau ich diese Idee gefasst und für gut befunden hatte, daran erinnerte ich mich kaum. Allerdings war es nun viel zu spät, und die Fahrt mit dem kleinen Touristenschiffchen würde sicher noch eine halbe Stunde dauern.
Das Ticket für die Fahrt hatten, außer mir, erstaunlicherweise noch andere gekauft, obwohl das Wetter ganz eindeutig nicht auf unserer Seite war. Im Grunde war ich froh darüber, denn ganz alleine auf dem Schiff hätte ich mich vermutlich noch unwohler gefühlt.
Trotz des eigentlich ganz gut verlaufenen Sommers hatte ich genau den Tag erwischt, an dem dieser eindeutig eine Pause machte, denn von Sonne oder auch nur halbwegs blauem Himmel konnte keine Rede sein. Es war düster, windig und rau, und vor allem regnete es seit einer Ewigkeit, ohne nur die geringste Pause. Kurz hatte ich überlegt, meinen Plan auf einen anderen Tag zu verschieben, aber irgendwie passte das Wetter ja auch zu meinem Gemütszustand, und so hatte ich mich, mit Windjacke und fast herbstlicher Kleidung, trotzdem auf den Weg zur Anlegestelle gemacht. Weitere Tage konnte ich nicht so verbringen, es konnte einfach nicht so weitergehen, und auch an einem sonnigeren Tag wäre der Anlass nicht um einen einzigen Prozentsatz schöner gewesen.
Das Rheintal lag ein wenig im Nebel, und die Spitzen der Berge konnte ich nicht erkennen, aber irgendwie gefiel mir sogar das. Die melancholische Stimmung, in der ich mich befand, wurde in dieser Umgebung widergespiegelt, und sicher hatte irgendjemand dort oben dieses Szenario nur für mich erschaffen. Passend zu einem Abschied, passend zu einem Schlussstrich. Dem Schlussstrich, um den ich mich so lange vehement gedrückt hatte und vor dem ich mich im Geiste fürchtete. Nicht immer war das, was man im Grunde wollte und plante, konform mit dem, was man auch wirklich tat, und ich gehörte eindeutig zu den Leuten, die sich um solche Entscheidungen viel zu lange drückten.
Der Nieselregen machte es mir nicht gerade angenehmer, aber schlussendlich spielte auch das nur eine untergeordnete Rolle. Meine Oma, Gott habe sie selig, hätte sicher behauptet, der Himmel würde weinen. Weinen worüber, das würde ich selbst kaum beschreiben können, aber Grund hätte er sicher.
Es galt, Abschied zu nehmen, von einer Erinnerung und von der Last, die mich begleitet hatte. Viel zu lange hatte ich mich mit diesen Dingen beschäftigt, hatte mir eingeredet, es würde irgendwann von alleine aufhören, aber dieser Zustand war nie eingetreten. Selbst nach mehr als zwei Jahren hatte ich ihn ständig in meinem Kopf, selbst nachts, und manchmal sprach ich seinen Namen laut aus, nur um ihn zu hören. Immer wieder erwischte ich mich dabei, auch beim Autofahren, und immer war ich erschrocken darüber. Er drang über meine Lippen, lange bevor mein Gehirn es überhaupt aufnehmen konnte, und immer atmete ich danach laut aus, weil ich einfach nicht verstehen konnte, wie mein Körper und mein Geist darauf reagierten.
Ich hatte lange geglaubt, so sei es eben bei allen Menschen – man litt unter Verlusten, und irgendwann vergaß man sie einfach. Nur bei mir war es nicht so. Ich träumte von ihm, dachte über ihn nach, und noch immer fragte ich mich jeden Morgen, ob meine Kleidung oder meine Haare ihm wohl gefallen würden. Kurz darauf saß ich dann in meinem Auto, die Musik laut, und manchmal sang ich mit, nur um dann unvermittelt seinen Namen auszusprechen. Erschrocken hielt ich dann inne und verstand selbst nicht, warum ich es tat.
Eigentlich war die Sache klar, klarer als alles andere in meinem Leben. Er würde nicht zurückkommen, war vielleicht nie wirklich da gewesen, und ganz sicher würde es kein Zurück mehr geben. Ich selbst wusste das, mehr als genug, aber das winzige kleine Ich in mir, das wollte einfach nicht verstehen. Immer wieder gängelte es mich mit Erinnerungen, ließ mich nachts erschrocken aufwachen, und immer wieder sagte es mir, dass es nie so weit hätte kommen dürfen. Ich hätte es verhindern können, wenn ich nicht diese wahnsinnig feige und unsichere Person wäre.
Es war belastend, jede Nacht aufzuwachen und sofort an ihn denken zu müssen. Dieses Gefühl der Unruhe und das ständige Kreisen meiner Gedanken ließen mich nicht los. Der Schlaf, den ich so dringend brauchte, wurde mir durch diese wiederkehrenden Träume geraubt, und selbst die Stunden, in denen ich nicht an ihn denken wollte, wurden von diesen Störungen überschattet.
Außerdem wusste ich, dass ich dieses Leben selbst gewählt hatte, ohne wirklich zu wissen, was das bedeutete. Der Gedanke, dass ich mich bewusst dafür entschieden hatte, machte die Sache nicht einfacher, sondern verstärkte nur das Gefühl der Verlorenheit, das mich jede Nacht heimsuchte. Doch selbst wenn ich es bereute, durfte ich das niemals zugeben – nicht vor mir selbst, und schon gar nicht vor anderen. Diesen Weg hatte ich gewählt, und ich würde ihn bis zum Ende gehen, ohne auch nur einmal zurückzuschauen.
Immer wieder hatte ich mir genau das vorgenommen, und am Ende weinend in meinem Bett gelegen, weil ich ihn so sehr vermisste. Wie sehr man überhaupt Reue empfinden konnte, einen Menschen vermissen konnte, und vor allem sich selbst hassen konnte, hatte ich erst durch ihn gelernt.
Der Verlust, den ich mir selbst zugefügt hatte, war so groß, dass ich im Grunde kein ganzer Mensch mehr war.
Ich war die Hülle, die funktionierte, lachte, atmete, arbeitete. Aber nicht mehr der Mensch, der ich vor all dem gewesen war.
Außer mir gab es noch eine ganze Reihe Rentner und Familien mit kleinen Kindern, alles Menschen, die das wenig schöne Wetter nicht von einer Fahrt abgehalten hatten. Allerdings hatten alle außer mir einen Platz unter Deck gefunden, wo ein Alleinunterhalter eine merkwürdige Kombination aus Schlagern und deutschen Achtziger-Jahre-Hits zum Besten gab. Ich hatte bei den anderen ausgeharrt, bis er „Himbeereis zum Frühstück“ gespielt hatte, und bis zu dem Zeitpunkt, wo eine der Rentnergruppen dazu mehr oder minder begeistert begonnen hatte, Foxtrott zu tanzen.
Das alles war nun wirklich nicht meine Welt, mal ganz abgesehen von meiner tiefen Abneigung zu allem, was auch nur im Entferntesten nach Boot aussah. Wasser mochte ich, ich wohnte gerne nah am Wasser und liebte es, mich dort aufzuhalten, aber darauf zu sein, das gehörte eindeutig nicht dazu. Mein Weg hatte mich an Deck geführt, ganz hinten zum Ende des Schiffes, und hier gab es endlich Stille. Niemand sonst hatte den Wunsch, hier zu sein, und irgendwie war ich ganz froh darüber.
Dieser Abschied gehörte mir, mir allein, und ich wünschte mir einfach, dass ich irgendwann danach das Gefühl von Leichtigkeit wieder erleben würde. Viel zu lange schon fühlte ich mich schwer und träge, jeder Tag der letzten 856 hatte sich schwer wie Blei angefühlt, und nur selten hatte ich mich nach dem Klingeln des Weckers halbwegs wach gefühlt.
Eigentlich war ich ziemlich sicher, dass es verboten war, Gegenstände vom Schiff ins Wasser zu werfen, und so hatte ich die kleine Glasflasche unter meiner Jacke versteckt und fest an mich gedrückt.
Es war schon schwer genug gewesen, überhaupt eine Flasche aus Glas zu finden, die man noch verschließen konnte, aber für eine PET-Flasche schien mir mein Auftrag doch zu wichtig. Heute waren Glasflaschen mit Schraubverschluss Mangelware, die meisten waren aus Plastik, und die wenigen aus buntem Glas hatten mir einfach nicht gefallen. Ein so wichtiger Auftrag benötigte auch eine angemessene Flasche, und so hatte ich tagelang nach dem perfekten Behälter für meinen Kummer gesucht.
Auch das war mir ganz gelegen gekommen, denn so hatte ich Zeit gewonnen, meinen Plan weiter hinauszuschieben. So wirklich überzeugt war ich einfach immer noch nicht, schon gar nicht, weil niemand mir sagen konnte, wer genau meine Flasche vielleicht finden würde. Kummer in Flaschen zu versenken, das machte Sinn. Aber Kummer in Flaschen zu versenken, ohne zu wissen, wer diese am Ende fand, das war kein angenehmer Gedanke.
In meinem Kopf war die Flasche weiß gewesen, vielleicht höchstens mit einem leichten Grünstich, und der Verschluss auf der Flasche sollte keine Werbung haben. Eine Wasserflasche, so wie sie sich in Kästen befand, war meine erste Wahl. Aber mit dem Blättern darin fand ich sie dann nicht mehr schön und stellte sie zurück in den Kasten im Flur. Irgendwie erschien es mir falsch, meine innersten Gefühle und Gedanken in einer derart schnöden Verpackung auf die Reise zu schicken.
Erst nach einem Besuch in einem Trödelladen fand ich die perfekte Flasche und zahlte am Ende eine absurd hohe Summe dafür. Die Flasche war sicher fünfzig Jahre alt, fast bläulich von der Farbe, und mit einem schwarzen Schraubverschluss, wie es ihn heute nicht mehr gab. Trotzdem war es die erste Flasche, die ich tatsächlich geeignet fand, und so hatte ich meine Blätter gerollt, darin verstaut und zur Sicherheit den Verschluss mit Wachs versiegelt.
Minutenlang hatte ich sie in meiner Badewanne auf die Probe gestellt, gewartet, ob sie wirklich meinen Schatz würde schützen können, und sie danach sorgfältig wieder abgetrocknet. Wer wusste schon, wie dicht ein so alter Korken sein konnte, und ob er nicht vielleicht meine so mühsam aufs Papier gebrachten Worte nicht ausreichend schützen würde?
Jetzt, an die Reling gelehnt, fühlte ich mich einsam und völlig fehl am Platz. Boote, Schiffe oder alles, was mit diesen zusammenhing, gehörte nicht zu meinem Leben. Mehr als fraglich, ob ich mich...




