E-Book, Deutsch, 204 Seiten
Kaiser Momiji
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7575-9791-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein japanischer Herbst
E-Book, Deutsch, 204 Seiten
ISBN: 978-3-7575-9791-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andreas Kaiser studierte Rechtswissenschaften in Konstanz, wo er auch zum Dr. jur. promovierte. Nach Stationen in Frankfurt am Main und Tokio arbeitet er seit vielen Jahren als Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Internationales Wirtschaftsrecht. Lehrtätigkeiten an japanischen Universitäten, Vorträge und Publikationen ergänzen seine berufliche Tätigkeit. Heute lebt und arbeitet er in Stuttgart und Tokio.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Erstes Kapitel: Flug nach Tokio
1.
Entspannt am Flughafen
Der kalte Hauch des Novembers lag über Deutschland, als er sich von Stuttgart aus auf den Weg zum Flughafen Frankfurt Main machte. Er hatte sich bewusst Zeit genommen, frühzeitig am Flughafen zu sein. Der Montagmorgen vor seinem Abflug bot ihm somit noch ein kurzes Zeitfenster, um an einer dringenden Fristsache zu arbeiten, die ihn trotz aller Vorbereitung auch während seiner Reise begleiten würde. Er war sich sicher, dass die Frist eingehalten werden konnte - er hatte alles vorbereitet, bis ins kleinste Detail. Dennoch war er als erfahrener Anwalt darauf eingestellt, flexibel reagieren zu müssen. Fristen dulden keine Verzögerung, auch nicht, wenn man gerade verreist.
Niklas Baum war in Japan schon lange kein Fremder mehr. Zwei Jahrzehnte war Tokio sein Lebensmittelpunkt gewesen, bevor er vor zwei Jahren nach Deutschland zurückkehrte, um Partner einer auf internationales Wirtschaftsrecht spezialisierten Anwaltskanzlei zu werden. Die ersten Jahre in Japan hatten ihn mit den Eigenheiten des Geschäftslebens vertraut gemacht, mit den Nuancen der japanischen Sprache, den höflichen Formen, hinter denen oft mehr liegt, als es den Anschein hat. Er hatte eine Familie gegründet, zwei Kinder großgezogen, die sich mühelos in zwei Kulturen bewegten. Japan war ihm zur zweiten Heimat geworden - eine, die ihn weiterhin nicht losließ.
In der Lounge saß er an einem der ruhigen Tische, das Notebook vor sich aufgeklappt, das WLAN stabil und schnell. Er war eingeloggt, seine Unterlagen digital griffbereit. Dank der modernen Technologie konnte er seine Arbeit von überall ausführen - ein Segen, wie er immer wieder feststellte. Die Fähigkeit, sich jederzeit nahtlos in seine Systeme einzuwählen, verschaffte ihm eine Freiheit, die bei seinen Mandanten und den oft komplexen Fällen, an denen er arbeitete, unverzichtbar war.
Als er gerade seinen Bildschirm wieder herunterklappte, weil er die letzten Handgriffe für den Morgen erledigt hatte, fiel sein Blick auf seine Uhr. Es war exakt 11:11 Uhr, am 11.11. Ein breites Grinsen zog über sein Gesicht. Die fünfte Jahreszeit hatte begonnen. „Der Karneval ist eröffnet!“, sagte er fröhlich vor sich hin.
Ein Reisender, der in der Lounge neben ihm saß, blickte ihn fragend an. Er entschied sich, den Moment zu teilen, auch wenn sein Sitznachbar wohl kein Deutsch verstand. Er wechselte ins Englische und erklärte mit einem Schmunzeln: „It’s the start of the carnival season in Germany. At this exact time, people begin to celebrate - costumes, parades, and all that. You should try it one day!“ Der Mann, ein offensichtlich international Reisender, nickte höflich, schien aber nicht ganz zu wissen, was er damit anfangen sollte. Niklas musste innerlich lachen. Der deutsche Karneval war eben ein Phänomen, das man erst begriff, wenn man mitten im Geschehen stand.
Der Karnevalsbeginn wäre eigentlich ein guter Moment für ein Glas Sekt, aber nicht, wenn man allein anstößt. Also holte er sich einen doppelten Espresso, genau so, wie er ihn mochte - kräftig, mit viel Zucker und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Niklas ließ seinen Blick über die Schlagzeilen der FAZ wandern - Politik, Wirtschaft, Karneval. Dann blieb er an einer Überschrift hängen: „Neuwahl in Japan, der dösende Ministerpräsident“.
Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Japan hatte also eine neue Regierung - oder besser gesagt, eine neue Minderheitsregierung. Der frisch gewählte Ministerpräsident von der Liberal Demokratischen Partei (LDP), hatte den Wahltag wohl nicht so spannend gefunden wie die restliche politische Elite des Landes. Denn während sich das Parlament in Tokio durch eine knappe Stichwahl kämpfte, hatte er sich im Plenarsaal eine kleine Inemuri-Pause gegönnt - ein kurzes Dösen, das in Japan nicht etwa als Nachlässigkeit gilt, sondern als stilles Ehrenzeichen eines hart arbeitenden Menschen. Niklas stellte sich vor, wie in Deutschland das Medienecho ausfallen würde, wenn ein Kanzlerkandidat während der eigenen Wahl im Bundestag wegdämmere. In Japan? Ein paar Lacher in den sozialen Medien, aber letztlich kein großer Aufreger.
Dabei hätte der Ministerpräsident allen Grund gehabt, hellwach zu bleiben. Sein Sieg war alles andere als ein Selbstläufer gewesen. Am Morgen hatte ein Boulevardmagazin Fotos von dem Vorsitzenden der Demokratischen Volkspartei (DVP), auf deren Stimmen er angewiesen war, veröffentlicht. In einem grauen Kapuzenpullover hatte er sich unauffällig aus einer Bar geschlichen, dicht gefolgt von einer jungen Frau, die eindeutig nicht seine Ehefrau war. Blöd nur, dass der Parteivorsitzende genau an diesem Tag als Königsmacher für den Wahlsieg des Ministerpräsidenten dienen sollte. Die Affäre war also nicht nur privat ein Problem, sondern drohte auch, die politische Balance zu kippen. Doch der Parteivorsitzende der DVP tat, was japanische Politiker in solchen Momenten am besten können: Er verbeugte sich tief, entschuldigte sich öffentlich - und erklärte, dass er mit seiner Familie „noch nicht über alles gesprochen habe.“ Damit war das Thema für den Tag vom Tisch, und der neue Ministerpräsident konnte im zweiten Wahlgang die nötige Mehrheit holen.
Niklas legte die Zeitung zur Seite. Ein Ministerpräsident, der sich mitten in seiner eigenen Wahl einen Powernap gönnt. Vielleicht war das der wahre Ausdruck politischer Gelassenheit. Er nahm den letzten Schluck Espresso. Japan wurde also weiterhin von der LDP regiert, wenn auch mit wackeligen Mehrheiten.
Mit einem zufriedenen Gefühl der Informiertheit lehnte er sich zurück und genoss einen Moment der Ruhe. Bald würde sein Flug nach Japan starten, und mit ihm das nächste Kapitel seiner Reise, die wie immer Arbeit und Abenteuer miteinander vereinen würde.
2.
Am Abflug-Gate
Als er durch die langen Gänge des Flughafens schlenderte, spürte er diese unverkennbare Spannung, die immer in der Luft lag, wenn man sich dem Abflug-Gate nähert. Es war eine Mischung aus Abschied und Aufbruch, Vorfreude und Routine, ein Moment auf dem Fahrsteig, in dem Zeit und Raum sich zu dehnen schienen - als würde man im Transit zwischen zwei Welten schweben.
Sein Blick fiel durch die große Fensterfront auf das Jumbo-Jet, das ihn und die anderen Mitreisenden nach Haneda bringen würde. Gut erkennbar war seine lange, schlanke Rumpfform mit der charakteristischen doppelstöckigen Bugsektion und den vier Triebwerken. Bodenfahrzeuge und Verladeaktivitäten waren im Gange, Mitarbeiter in Sicherheitswesten gingen routiniert ihren Aufgaben nach. Der Boden auf dem Vorfeld war nass und an der Fensterscheibe liefen Regentropfen hinunter.
Dieses ikonische Flugzeug, die Königin der Lüfte, strahlte Kraft und Eleganz aus. Die Boeing 747-8 mit dem Taufnamen „Hannover” und der erkennbaren Registrierung D-ABYJ ist Teil der Lufthansa-Flotte. Es bietet Platz für 364 Passagiere und verfügt über eine moderne Kabinenausstattung, die den Passagieren ein komfortables Reiseerlebnis ermöglicht. Doch am Heck fiel ihm etwas Besonderes auf: das alte Lufthansa-Logo, der blaue Kranich im gelben Kreis. „Interessant,“ dachte er, „diese Maschine trägt noch das alte Design, während die meisten Flugzeuge längst das neue Logo mit dem weißen Kranich auf blauem Hintergrund haben.“ Der gelbe Kreis erinnerte ihn an die Wärme und Vertrautheit der Vergangenheit, während das neue Design die moderne, aufgeräumte Zukunft repräsentierte.
Am Abflug-Gate war die Szene ganz wie erwartet: Menschen saßen in Grüppchen auf den Sitzen, standen mit ihrem Handgepäck in der Nähe der Anzeigetafel oder versammelten sich an den großen Fenstern. Vor dem Schalter hatte sich bereits eine kurze Schlange gebildet. Die Atmosphäre war gedämpft, aber keineswegs still. Manche sprachen in leisen Tönen, andere scrollten auf ihren Smartphones. Einige Kinder spielten aufgeregt, während ihre Eltern einen beruhigenden Ton suchten, um die Unruhe zu mildern. Es gab die routinierten Vielflieger, erkennbar an den eleganten Trolleys und der Gelassenheit, und die Erstflieger, die aufgeregt die Flugdetails auf ihren Tickets überprüften.
Eine Durchsage ertönte: Das Boarding verzögerte sich, da das Flugzeug erst noch gereinigt werden musste. Während die Ansage auf Englisch wiederholt wurde, nahm Niklas einen Sitzplatz an der Fensterfront. Einige Passagiere starrten genervt auf ihre Uhren, andere schüttelten den Kopf. Neben ihm saß ein Herr mit Dreitagebart und einem senfgrünen Schal, der Niklas mit einem Gesichtsausdruck ansah, als wollte er sagen, „das kann doch nicht wahr sein.“
Niklas lehnte sich leicht zu seinem Platznachbarn und murmelte trocken: „Entweder müssen noch die letzten Konfettireste von der Karnevalsfeier entfernt werden oder der Reinigungsroboter ist ausgebüxt und putzt jetzt das Rollfeld.“
Er musterte Niklas kurz und fragte skeptisch: „Echt jetzt?“
Niklas zuckte mit den Schultern, als wäre es das Normalste der Welt. „Naja, bei der Pünktlichkeit heute würde mich nichts wundern…“
Der Mann mit dem senfgrünen Schal kicherte amüsiert, doch das Warten zog sich für Niklas unangenehm hin.
Er dachte an die bevorstehende...




