E-Book, Deutsch, 285 Seiten
Kaiser Die Kunst zu lieben
2. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7584-6563-5
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 285 Seiten
ISBN: 978-3-7584-6563-5
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Tanja Kaiser, Jahrgang 1982, ist eine Autorin aus der Nähe von Koblenz. Ihr Markenzeichen: Echte Liebesgeschichten abseits des Glamours. Tanja erzählt von den ungeschminkten, alltäglichen Momenten des Lebens, die oft im Verborgenen bleiben. Ihre Romane bieten eine frische Perspektive auf Liebe und Beziehungen, fernab der Klischees von Reichtum und Perfektion. Für Tanja, die lange ihren Traum vom Schreiben hinter dem Alltag zurückstellte, ist das Schreiben eine späte, aber umso leidenschaftlichere Berufung. Sie will Geschichten erzählen, die sich echt anfühlen, die ihre Leser:innen bewegen und in denen sich jeder ein Stück weit wiederfinden kann. In ihren Büchern geht es um die Schönheit des Imperfekten, um Liebe in ihrer rohen und wahren Form.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1:
Das erste Mal hatte ich ihn vor über einem Jahr gesehen, an einem regnerischen Tag ohne Sonne, schon damals hatte mein Atem ausgesetzt, und ich hatte meinen Blick nicht von ihm nehmen können.
Eigentlich war ich nicht der Typ für so überschwängliche Gefühlsregungen, nicht mal für Schmachtereien, aber ich hatte einfach nichts dagegen tun können.
Es fühlte sich an, als ob ein winziger Teil von mir schon immer auf diese Begegnung gewartet hätte, und als hätte ich einfach vorher nie einen Grund gehabt, so zu empfinden.
Ein wenig schien es, als hätte ich einen Teil des fehlenden Puzzles meines Lebens gefunden, von dem ich nicht mal gewusst hatte, dass es existierte.
Erschrocken über mich selbst hatte ich nach meinem Brustkorb gegriffen, als würde ich den drohenenden Herzinfarkt fürchten, aber alles, was ich unter der heißen Haut spüren konnte, war, das mein Puls raste.
Gebannt hatte ich ihn beobachtet, jede seiner Bewegungen in meinem Gehirn abgespeichert, und war mir schon damals sicher gewesen, dass mir das kein zweites Mal passieren würde.
Nie und nimmer konnte man mehr als einmal jemanden treffen, der eine solch starke Wirkung auf einen hatte.
Erst wenige Tage hatte ich in dem etwas heruntergekommenen Friseurladen gearbeitet, ich war so froh gewesen, endlich wieder einen Job zu haben, und voller Freude hatte ich an diesem Tag einer Reihe älterer Damen Dauerwellen gemacht.
Das ich mich je darüber freuen würde Dauerwellen zu machen, damit hatte ich nie gerechnet, aber nach Monaten der Arbeitslosigkeit, hatte mir selbst das Spaß gemacht.
Ich hatte nette Kolleginnen, endlich wieder ein festes Einkommen, und die Sicherheit, dass ich in meiner kleinen Wohnung würde bleiben können.
Lange Zeit hatte es anders ausgesehen, es gab einfach keine Arbeit in dem winzigen Ort, und ich hatte mich mehr oder minder mit dem Gedanken angefreundet, dass auch ich in eine größere Stadt würde ziehen müssen.
Vielen hier war es ähnlich gegangen, die Straßenzüge wurden immer leerer, und die Anzahl der leeren Geschäftsräume war höher, als die der vorhandenen.
Die wenigen die noch überlebt hatten, der Zeitungsladen und ein Bäcker, standen kurz von der Rente. Niemand würde die Geschäfte übernehmen, niemand würde die Tradition weiter führen.
Übel nehmen konnte man es niemanden, immerhin lebte auch der Bäcker nicht von der Hand in dem Mund, und anstatt sich das Groschengrab am Ende der Straße ans Bein zu binden, hatte der Sohn des Bäckers eine Banklehre begonnen.
Überall in den kleinen Städten war es so, und auch hier war der Verfall der Innenstädte deutlich zu spüren. Wer die Möglichkeit hatte, verschwand von hier, und immer weniger junge Leute blieben, aus Angst, sie würden den Absprung später nicht mehr schaffen.
Auch ich hatte mit dem Gedanken gespielt, schon nach Monat zwei meiner Arbeitslosigkeit, und ich hatte Bewerbungen an jeden nur halbwegs erreichbaren Ort versendet.
Viele meiner Bekannten hatte das Gleiche getan, hatten versucht, an einem andern Ort Fuß zu fassen, nur mich hatte es eigentlich nie in die Ferne gezogen.
Eigentlich wollte ich nie fort, dass hier war meine Heimat und mein Umfeld, und die nächste größere Stadt, würde mir als Lebensmittelpunkt sicher nicht gefallen.
Ich war ein Dorfmädchen, herangewachsen zu einer Dorffrau, und daran würde auch ein Umzug vermutlich nichts ändern. Man war, was man eben war, und jeder würde merken, dass die große Stadt für jemanden wie mich nicht gemacht war.
Große Gebäude und mehrspurige Straßen waren nichts für mich, und eigentlich machte es mir auch Angst.
Trotzdem hatte ich es in Erwägung gezogen, mich damit auseinandergesetzt, und am Ende hatte der Zufall mich praktisch in letzter Sekunde erreicht.
Das Angebot des Salons hatte mich gerettet, nicht nur wegen des bevorstehenden Umzugs, sondern auch, weil ich den Glauben an mich selbst und meine Fähigkeiten schon fast aufgegeben hatte. Frisörinnen gab es wie Sand am Meer, ich war nur eine von vielen und nichts Besonderes, und am Ende gab es wirklich keinen Grund, gerade mich einzustellen.
Auch der Salon im fünf Kilometer entfernten Nebenort, in dem ich nach meiner Lehre gearbeitet hatte, war alles andere als ein moderner Laden gewesen. Ländlich wie wir lebten, war für moderne Schnitte und Färbemittel einfach kein Bedarf vorhanden gewesen, und auch das sprach nicht für meine Fähigkeiten. In einem modernen Laden in einer großen Stadt, wäre ich damit nicht wirklich weiter gekommen, und für Fortbildungen fehlte mir eindeutig das Kleingeld.
Erdig und einfach wie die Menschen hier eben waren, hatte ich Frisuren geschnitten, die schon die Damen vor mir über Jahre hinweg genauso empfohlen hatten. Niemand hier wollte auffallen, keiner aus der Masse herausstechen, und selbst ein blondgefärbter Schopf, galt fast schon als Extravaganz.
Gekannt hatte ich es nie anders, und eigentlich hatte ich mich damit abgefunden.
So hatte ich ausgeharrt, gehofft, und am Ende war auch mein alter Arbeitsplatz dem Fortschritt gewichen. In dem Moment, in dem in einem der großen Kaufhäuser der Umgebung, einer dieser Läden eröffnet hatte, in denen jeder Schnitt nur 12 Euro kostete, war es mit uns bergab gegangen, und am Ende hatte meine Chefin den Laden schließen müssen, weil sie einfach nicht mehr von den Einnahmen leben konnte.
Wir saßen hier irgendwo im nirgendwo, nicht weit genug von der nächsten größeren Stadt, um uns nicht zu schaden, aber weit genug weg, um vom Rest der Welt abgeschnitten zu sein.
Das Ganze war ein Kreislauf, den man nicht aufhalten konnte, und deren Abwärtsspirale sich unaufhörlich drehte. Die fehlenden Arbeitsplätze führten zu Abwanderung und dazu, dass die Leute außerhalb arbeiteten. Also kauften sie auch außerhalb, und sie hielten auf dem Heimweg bei den großen Kaufhäusern, deren Preise jenseits von denen, eines kleinen Ladens lagen.
Also blieben als Kunden für die hiesigen Geschäfte nur die älteren Leute, die früher oder später wegsterben würden.
So makaber es klang, so war doch völlig klar, dass sie nach und nach auch noch den letzten Laden würden schließen müssen.
Dass ich nun diese Stelle bekommen hatte, weil eine andere Dame in Rente gegangen war, hatte sich als echter Glücksgriff herausgestellt. Ich konnte hierbleiben, in meinem gewohnten Umfeld und in der Nähe meiner Freunde, und dafür nahm ich Lockenwickler und Dauerwellen nur all zu gerne in Kauf.
Im Grunde war es auch gar nicht so schlecht, immerhin kannte ich die meisten der Kunden schon lange, und von Stress oder Hektik konnte nun wirklich nicht die Rede sein.
Ich verdiente zwar nicht viel und meine Tage waren oft lang, aber am Ende zählte für mich nur eins: Ich hatte einen Job, ein Dach über dem Kopf, und sicher würde ich kein Magengeschwür wegen zu viel Stress bekommen.
Bei uns tickten die Uhren noch anders, die Leute nahmen sich noch Zeit, und für die meisten war ein Besuch beim Frisör ein besonderes Erlebnis. Nicht wie dort draußen in den großen Städten, wo die Sekunden unaufhörlich schneller tickten.
Hier galt es nicht, den Schnitt möglichst schnell zu beenden, es ging darum, ein Erlebnis daraus zu machen.
Wie lange mein Glück andauern würde, daran dachte ich lieber nicht, denn auch meine neue Chefin stand praktisch selbst schon vor dem heißersehnten Rentenalter. Ein paar Jahre noch, und sie würde vermutlich ebenso die Türe schließen, aber vorerst gab ich mich damit zufrieden, dass ich zumindest bis zu diesem Tag in Sicherheit war.
So hatte ich eben auch an diesem Tag an meinem Platz in der Nähe des Schaufensters gestanden und hatte in den grauen Regen gesehen.
Die Einkaufspassage war leer gewesen, niemand ging bei diesem Wetter vor die Türe, und ich hatte auf das Schaufenster der gegenüberliegenden Kunstgalerie gesehen.
Den Platz am Fenster hatte ich mir ausgesucht, denn er gab mir das Gefühl, nicht den ganzen Tag in einem geschlossenen Raum zu sein.
So nah an der Scheibe wollte eigentlich niemand arbeiten, denn man war nicht nur auf dem Präsentierteller, sondern fühlte auch Hitze und Kälte sehr viel stärker.
Sobald die Sonne auch nur etwas schien, brannte sie durch die Scheibe auf meinen Arm, und an solchen Tagen wir diesem, kroch die feuchte Kälte durch die einfache Verglasung zu mir hinüber.
Trotzdem wollte ich keinen anderen Platz als diesen, die Aussicht und auch die Temperaturschwankungen gefielen mir eigentlich, und nur hier nahm ich am Leben dort draußen teil.
Wenn wenig zu tun war, oder ich auf das Klingeln einer der Frisierhauben wartete, beobachtete ich manchmal das magere Treiben auf der Straße, oder ich sah hinüber zu der Galerie, und verlor mich in den Bildern der Auslage.
Obwohl ich erst wenige Tage hier war, hatte ich mir jedes der Gemälde in dem Fenster bereits eingeprägt.
Am ersten Tag noch war ich verwundert gewesen, denn eigentlich passten weder die Bilder noch der Laden an diesen Ort, und ich hatte mich gefragt, warum er mir nicht schon viel früher aufgefallen war.
Ich lebte immerhin schon sehr lange hier, und war sicher tausend Mal an ihm vorbei gelaufen, ohne ihn jemals wirklich gesehen zu haben.
Wie wenig man die Dinge in seiner Umgebung wirklich wahrnahm, war mir erst da klar geworden. Alles, was schon immer unverändert war, sah man einfach nicht mehr.
Den Laden jedenfalls hatte ich nie als diesen erkannt, und vermutlich nicht ein einziges Mal in die Auslage des Fensters gesehen.
Ölgemälde waren nicht gerade mein Geschmack, und für Kunst interessierte mich auch nicht, aber würde man nicht...




