E-Book, Deutsch, 465 Seiten
Kaiser Am Ende Paris
2. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7584-6536-9
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 465 Seiten
ISBN: 978-3-7584-6536-9
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Tanja Kaiser, Jahrgang 1982, ist eine Autorin aus der Nähe von Koblenz. Ihr Markenzeichen: Echte Liebesgeschichten abseits des Glamours. Tanja erzählt von den ungeschminkten, alltäglichen Momenten des Lebens, die oft im Verborgenen bleiben. Ihre Romane bieten eine frische Perspektive auf Liebe und Beziehungen, fernab der Klischees von Reichtum und Perfektion. Für Tanja, die lange ihren Traum vom Schreiben hinter dem Alltag zurückstellte, ist das Schreiben eine späte, aber umso leidenschaftlichere Berufung. Sie will Geschichten erzählen, die sich echt anfühlen, die ihre Leser:innen bewegen und in denen sich jeder ein Stück weit wiederfinden kann. In ihren Büchern geht es um die Schönheit des Imperfekten, um Liebe in ihrer rohen und wahren Form.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 2:
Ich drehte das Handy in meiner Hand und war in Versuchung ihn anzurufen. Irgendwie fehlte er mir.
Obwohl wir nicht lange zusammen gewesen waren, vermisste ich ihn doch sehr.
Wir hatten seit vier Wochen nicht miteinander gesprochen, was sich als äußerst schwierig erwiesen hatte. Mehr als hundert Mal hatte ich darüber nachgedacht, ihn anzurufen, und jedes Mal hatte mein Stolz es verhindert.
Dass ich jemanden wie ihn vermissen könnte, hatte ich nicht mal ansatzweise geahnt.
Immer war ich die antreibende Kraft gewesen, nie hatte ich eingelenkt, und immer hatte ich geglaubt, er sei der derjenige, der das schwache Glied in der Kette sein würde.
Wie sehr ich mich doch geirrt hatte.
Die ersten beiden Wochen hatte ich damit verbracht, stinkwütend auf ihn zu sein, die anderen beiden damit, in Selbstmitleid zu zerfließen. Ich hatte mich in meiner Freizeit mit meiner Wolldecke auf der Couch eingeigelt, und eigentlich schon beschlossen, nie wieder aufzustehen.
Ich hatte einfach kein Glück. Nicht mal mit dem Computernerd.
Das war eigentlich das Schlimmste daran. Nicht mal jemanden wie ihn konnte ich an mich binden.
Wie gemein diese Meinung über ihn eigentlich war, verdrängte ich dabei.
Es ärgerte mich maßlos, dass er die Möglichkeit mich mitzunehmen, eindeutig nicht mal in Betracht gezogen hatte.
Das ließ das Ganze für mich fast wie eine Flucht wirken, und kratze an meinem Ego auf eine Art, die ich vorher nie so erlebt hatte. War ich wirklich so schlimm?
Ben war in meinen Augen der perfekte Partner gewesen. Er gab keine Widerworte, war ruhig und ausgeglichen, und was immer ich vorgeschlagen hatte, es war ihm recht gewesen. Er hatte keine Ansprüche an mich gestellt, zumindest hatte ich das geglaubt, und war mir nicht auf den Geist gegangen.
Jede meiner Eskapaden hatte er ertragen, ohne ein Wort darüber zu verlieren, und hatte danach das Chaos hinter mir beseitigt. Ich kochte, er räumte danach die Küche auf. Ich ließ den Staub von Tagen auf dem Teppich, er saugte.
Genau so einen Mann hatte ich gebraucht, brauchte ihn eigentlich noch immer, nur er schien keinen Gedanken mehr an mich zu verschwenden.
Die ersten Tage hatte ich noch fest daran geglaubt, er würde irgendwann wieder vor meiner Tür auftauchen. Oder wenigstens auf anderem Wege Kontakt aufnehmen.
Es lag außerhalb meiner Vorstellungskraft, dass er ohne mich einfach sein Leben weiterleben würde. Warum auch? Es war ihm gut mit mir gegangen, zumindest sah ich das so, und eigentlich hatte es ihm an nichts gefehlt.
Aus irgendwelchen Gründen war ich der Meinung gewesen, er hätte riesen Glück gehabt, das gerade ich ihn gewählt hatte.
Schließlich war ich hier diejenige gewesen, der Männer auf der Straße hinterher sahen.
Und jetzt war er weg.
Mit Anfang dreißig war ich wieder einmal allein. Wie andere das machten, war mir ein Rätsel. Ich war nie auch nur annähernd in die Nähe der Gründung einer Familie gekommen, und nie hatten meine Beziehungen länger als ein paar Monate gehalten.
Ich selbst war der Meinung, dass es immer an den Männern gelegen hatte, aber so langsam wurde selbst mir klar, dass dem wohl nicht so war.
Ich blickte auf den kleinen Hund neben mir auf der Couch, der in der letzten Woche eindeutig zu kurz gekommen war.
Der kleine schwarz-weiße Mischling sollte eigentlich bei mir Urlaub machen, aber bis jetzt hatte ich mich nicht wirklich intensiv um ihn gekümmert. Ich hatte ihn gefüttert, war mit ihm Gassi gegangen, ja, aber viel mehr auch nicht.
Im Grunde hatte ich auch nicht mal den blassesten Schimmer, was Hunde gerne taten. Aber was auch immer es sein würde, ich hatte nichts davon geliefert.
Meine Freundin Jessica hatte ihn mir praktisch aufgedrängt. Zum einen, weil sie niemanden hatte, der ihn über ihren Urlaub hinweg nehmen konnte, zum anderen, weil sie es für eine gute Idee hielt, um mich aus meiner Phase des Selbstmitleids zu befreien. Also war Jessica nun auf Malaga und der winzige Hund saß neben mir.
Der kleine Kerl war eigentlich ganz niedlich, auch wenn ich eigentlich nicht viel mit Handtaschenhunden anfangen konnte, aber auch das war ja nicht wirklich seine Schuld.
„Jetzt komm du bloß nicht auch noch auf die Idee, mich zu verlassen.“
Der Hund legte den Kopf schief, als wolle er mir damit sagen:
Was für ein Elend. Wie tief war ich eigentlich gesunken, hier in Selbstmitleid zu zerfließen und still darauf zu hoffen, er würde irgendwann auf Knien zu mir zurückkehren?
Dass ich jetzt schon einen Hund zu meinem Gesprächspartner machte, sprach eindeutig für fehlende Sozialkontakte. Seit Wochen schon war ich weder ausgegangen noch sonst etwas, und so langsam glaubte ich selbst, dass ich in nächster Zeit den Verstand verlieren würde.
Das ganze Herumgehocke, das viele Nachdenken, was mich am Ende keinen Schritt weitergebracht hatte. Er war fertig mit mir, er hatte es mir mehr als deutlich gezeigt, und ich würde sicher nicht auf Knien darum bitten, dass er meinem Leben neuen Sinn geben sollte.
Wenn er tatsächlich glaubte, am anderen Ende der Welt jemand besseres zu finden, dann sollte er doch. Sollte er doch weggehen, ein neues Leben beginnen, und auch eine andere Frau finden.
Ich jedenfalls würde damit abschließen, endgültig, und jemandem wie ihm keine Träne mehr nachweinen.
Ich beschloss, Ben eine letzte SMS zu schreiben, eine klärende SMS, um endlich mit all dem Abschließen zu können. Im Grunde war nicht sicher, ob mich ein Telefonat mit ihm nicht doch wieder auf Palme bringen würde, und so schien mir dieser Weg doch sinnvoller.
Nach Wochen ohne einen einzigen Ton, in denen wir weder geschrieben noch telefoniert hatten, schien einzig und alleine ich gelitten zu haben. Nicht mal eine betrunkene SMS von ihm hatte mich erreicht, und auch das kratze an meinem Seelenleben.
Noch vor ein paar Monaten war es anders gewesen. Nach jedem noch so kleinen Streit hatte er gelitten, während ich kaum darüber nachgedacht hatte. Betrunken hatte er mir dann liebe Sachen geschrieben, mir immer wieder versichert, wie wichtig ich ihm war, und ich hatte mich in seiner Bewunderung und seinem Kämpfergeist gesonnt.
Auf diese Stufe würde ich mich jedoch nie herabbegeben, so verzweifelt würde ich nie sein, und ganz sicher würde ich mir diese Blöße einfach nicht geben.
Sekunden später folgte die Antwort, was mich nicht wunderte. Er, dem das Handy praktisch an der Hand festgewachsen war, hatte immer sofort auf jede meiner Nachrichten reagiert. Genugtuung stieg in mir auf. Ja, er reagierte sofort, und ich wertete es als gutes Zeichen.
Vielleicht wartete er seit Tagen auf ein Lebenszeichen von mir, und ich war hier nicht die Einzige, die nächtelang auf ein dunkles Display gestarrt hatte.
Ich straffte die Schultern. Das hörte sich fast so an, als hätte er mich auch vermisst. Ein Funken Hoffnung machte sich in mir breit, auch wenn ich ihm Grunde schon wusste, dass es kein Zurück mehr geben würde. Aber es würde mich trösten, wenn es ihm wenigstens etwas schlecht wegen mir gehen würde.
Ich seufzte. Es ging ihm also gut. Im Gegensatz zu mir.
Ich überlegte, ob ich ihm noch weiter schreiben sollte, entschied mich aber dagegen. Ich hätte nichts Passendes antworten können, und ich wollte mir nicht die Blöße geben, ihm zu schreiben, dass es mir schlecht ging.
Das es dabei eher um mein Ego als um ihn ging, gestand ich mir nicht ein.
Er hatte keine Frage gestellt, nichts geschrieben, an das ich hätte anknüpfen können, also tat ich es auch nicht. Auf keinen Fall wollte ich verzweifelt klingen, schon gar nicht, als wolle ich mit aller Gewalt ein Gespräch beginnen, deshalb legte ich das Handy zur Seite. Das war eine miese Idee gewesen, ich hatte diesen ersten Schritt gar nicht machen wollen. Ich hatte nicht einknicken wollen, schon gar nicht ihn wissen lassen, dass ich noch immer an ihn dachte.
Alles, was ich jetzt hätte noch schreiben können, hätte genau darauf hingewiesen, und verdient hatte er das nicht.
Also würde ich einfach nicht antworten, und ihn einfach mit der Frage nach dem „warum“ zurücklassen.
Vielleicht merkte er dann, wie dämlich seine Antwort gewesen war und wie wenig man darauf reagieren konnte.
Der kleine Hund schnaubte und sah sehnsüchtig zum Fenster.
„Musst du schon wieder?“
Er sah mich an und hopste dann von der Couch.
„Wie kann ein so kleiner Hund so oft müssen?“
Er legte den Kopf schief.
Ich stand mühevoll von meinem Lager der letzten Wochen auf und ging ins Bad. Meine Höhle hatte ich nur für ihn überhaupt verlassen, zumindest dazu hatte er mich gebracht, und ansonsten hatte ich ihn praktisch ignoriert.
Wie man wirklich mit einem Hund umging, davon hatte ich keine Ahnung, und eigentlich hatte ich auch wirklich andere Sorgen.
Selbst zum Einkaufen hatte mir die Energie gefehlt, und ich hatte die meiste Zeit von Tütensuppen und den Resten meiner Schränke gelebt. Warum ich überhaupt Urlaub genommen hatte, verstand ich selbst nicht wirklich. Sicher wäre es mir besser ergangen, wenn ich weiter jeden Tag zur Arbeit gegangen wäre. Ein bisschen Alltag, der Druck, den ein Job eben mit sich brachte, all das hätte mir gutgetan.
Aber ich, dumm und...




