E-Book, Deutsch, Band 6, 240 Seiten
Reihe: Scary Harry
Kaiblinger Scary Harry 6 - Hals- und Knochenbruch
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7320-1040-0
Verlag: Loewe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 6, 240 Seiten
Reihe: Scary Harry
ISBN: 978-3-7320-1040-0
Verlag: Loewe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sonja Kaiblinger wurde 1985 in Krems geboren. Sie hat als Eisverkäuferin, Museumsführerin, Werbetexterin, Nachtwächterin, Flughafen-Mitarbeiterin und Werbespot-Darstellerin gearbeitet, bevor sie als Lehrerin ihre Brötchen verdiente. In jeder freien Minute brachte sie die Geschichten zu Papier, die ihr im Kopf herumspuken, bis sie den Sprung ins Dasein als freie Autorin wagte. Sie lebt zusammen mit ihrem Freund in Wien.
Weitere Infos & Material
Traumberuf: Geisterforscher
Igittigitt. Sieh dir die beiden Turtelschweinchen nur mal an«, maulte Vincent und rollte mit den Augen. »Ich glaube, mir kommt die seltene australische Wanderspinne wieder hoch, die ich gestern Abend im Schloss verdrückt habe. Würg.«
»Schscht, Vincent«, ermahnte ihn Otto. »Womöglich hört Emily dich noch. Außerdem heißt es Turteltauben.«
Ja, zugegeben, Vincent hatte nicht unrecht. Es war schon ziemlich gewöhnungsbedürftig zu sehen, wie Emily und Albert Händchen haltend und sich gegenseitig anhimmelnd durch den Speisesaal der Siegmund-Schwefelkopf-Schule spazierten. Aber Otto hatte sich nun mal fest vorgenommen, sich darüber zu freuen, dass seine beste Freundin verliebt war. Auch wenn sie sich ausgerechnet einen kolossalen Klugscheißer und Besserwisser wie Albert ausgesucht hatte.
»Mahlzeit, Otto«, sagte Emily und setzte sich auf den freien Stuhl neben ihm. »Wo warst du denn den ganzen Vormittag über? Wir hatten zwar keine Stunde zusammen, aber ich hab dich noch nicht mal auf dem Schulflur entdeckt.«
Otto hatte sich absichtlich rargemacht. Aber nicht, um Emily aus dem Weg zu gehen, sondern um ein nerviges Biologiereferat zum Thema Zellteilung vorzubereiten, mit dem er leider nicht weiterkam. Und um am Schulcomputer heimlich nach den Begriffen »Seele«, »Wiederbelebung« und »Kapuzenumhang« zu suchen. Leider war die Internetrecherche nicht sehr ergiebig gewesen. Er war auf einer Vielzahl von merkwürdigen Webseiten gelandet. Und auf einem Halloween-Onlineshop mit Kapuzenumhängen im Angebot.
»Ich … ähm … war ziemlich beschäftigt«, redete sich Otto heraus und schlürfte seine Himbeerlimonade. »Übrigens gibt es Neuigkeiten von … na, du weißt schon, von wem.« Otto warf einen kurzen Seitenblick auf Albert, vor dem er lieber nicht offen reden wollte. »Von unserem Freund mit den verschiedenfarbigen Turnschuhen.«
»Verschiedenfarbige Turnschuhe?«, mischte sich Albert ein. »Was habt ihr denn für seltsame Freunde?«
»Du würdest dich wundern.« Otto lächelte schief, dann wandte er sich wieder Emily zu. »Wenn du heute Nachmittag Zeit hast, erzähle ich dir gerne bis ins kleinste Detail, was ich gestern Abend erlebt –«
»Soll ich dir vielleicht was von der Ausgabe mitbringen, Emily?«, unterbrach Albert Otto mitten im Satz. Offenbar konnte der Typ es nicht ertragen, dass einmal ein Gespräch ohne ihn stattfand.
Emily schien das gar nicht aufzustoßen. »Au ja! Einen Karamellkuchen mit Sahne, bitte.«
Albert verzog angewidert das Gesicht. »Karamellkuchen? Der hat sicher über 500Kalorien und reichlich wenig Nährwert. Außerdem schädigt so viel Zucker den Zahnschmelz und verursacht Karies. Willst du nicht stattdessen einen Apfelteller essen, Mausepfötchen?«
Emilys Lächeln verschwand für einen Moment. »Äh, nein, Bärchen. Ich hätte wirklich gerne einen Karamellkuchen. Mit Sahne. Und ja, ich weiß, dass Zucker ungesund ist.«
Albert kostete das fröhliche »Wird gemacht« einiges an Überwindung, aber er verschwand in der Schlange vor der Essensausgabe.
»Erst die Sache mit dem Karamellkuchen und dann auch noch Mausepfötchen?«, wollte Otto wissen. Jetzt konnte er sich nicht mehr zurückhalten. »Ist das etwa sein Ernst?«
Emily wurde plötzlich rot wie eine Tomate. »Ja, du hast schon recht. Die Spitznamen, die wir uns geben, sind ein bisschen schnulzig. Aber dass er sich um meine Ernährung sorgt, ist schon in Ordnung, denke ich.«
»Also, wenn ich du wäre, Emily, würde ich Albert ins Ohr beißen, und zwar so fest, dass er sich einen Ohrring durchstecken kann«, meldete sich Vincent zu Wort. »Ich würde durchdrehen, wenn ich statt Maden nur noch Rosenkohl fressen dürfte. Pah.«
»Sei still, Vincent. Wir sind hier in der Öffentlichkeit«, wisperte Otto. In der Cafeteria war es zwar richtig laut, aber man konnte sich trotzdem nie ganz sicher sein, ob die sprechende Fledermaus nicht doch Aufsehen erregte.
»Jetzt, wo Albert weg ist, kannst du mir ja gleich erzählen, was du vorhin gemeint hast. Betreffen die Neuigkeiten etwa Operation Pestbeule?«, fragte Emily nun und beugte sich näher. Operation Pestbeule war eine groß angelegte Verschwörung beim Seelen-Beförderungs-Institut, in die angeblich sogar der Oberboss des SBI involviert war. Weil Ottos Eltern zu viel darüber wussten, wurden sie vor Jahren vom SBI ins Jenseits-Gefängnis Qualcatraz gesperrt, das sich in einer Zwischenwelt befand. »Hast du etwas von deinen Eltern gehört?«
Otto schluckte und schüttelte den Kopf. Das Thema bereitete ihm schon die längste Zeit Kopfzerbrechen. »Leider nicht viel, Em. Onkel Archibald und ich haben noch einige Male versucht, mithilfe der Schneekugel Kontakt mit Mum und Dad herzustellen. Aber wir haben es nicht geschafft. Sie haben bisher auch nicht angerufen.«
Emily tätschelte Ottos Schulter. »Mach dir keine Sorgen. Ich bin sicher, Onkel Archibald hat noch einen ausgeklügelten Masterplan in der Hinterhand. Oder wer weiß, vielleicht tüftelt auch Scary Harry selbst an einer Rettungsaktion für die beiden.«
Otto brummte. »Ich fürchte, der hat zurzeit ganz andere Sorgen.«
»Was denn für Sorgen? Aber sollte der nicht auf Wolke sieben schweben? Er geht regelmäßig mit Gundula aus, die doch die Sensenfrau seiner Träume ist. Und neuerdings hat er es nicht nur zu Ruhm und Ehre beim SBI gebracht, sondern sogar einen eigenen Geisterfahrer bekommen. Welchen Grund hat er zur Sorge?«
»Weißt du, Em, gestern ist etwas ganz Seltsames passiert«, begann Otto leise. In Abwesenheit von Albert gab es keinen Grund mehr, Emily unnötig auf die Folter zu spannen. »Ich war mit Harold in seinem neuen Auto zum Seelenfangen unterwegs. Zu MrsSandringham, du weißt schon, der alten Lady, die auf der Klippe lebt.«
Emily riss die Augen auf. »Oh. Sag nicht, dass sie tot ist.«
»Das war sie.«
»War?« Emily runzelte die Stirn. »Ich verstehe nicht ganz.«
Otto sah sich um, bevor er weitersprach. Die Luft war rein. Die anderen Schüler der Siegmund-Schwefelkopf-Schule verputzten entweder gerade ihr Mittagessen oder schrieben noch schnell Hausaufgaben für den Nachmittagsunterricht ab. Niemand schien sie zu belauschen. »Harold und ich hatten es beinahe geschafft, MrsSandringhams Seele einzufangen. Aber dann geschah etwas richtig Merkwürdiges. Da war noch jemand in ihrer Villa.«
»Etwa ihr Ehemann? Wobei, der ist doch schon seit ein paar Jahren tot. Vielleicht ein Butler? Oder ein anderer Bediensteter?«
»Weder noch. Es war eine fremde Frau in einem quietschbunten Umhang. Und jetzt kommt’s, Emily. Die Frau hat MrsSandringhams Seele zu fassen bekommen und sie kurzerhand wieder zurück –«
»Karamellkuchen mit Sahne für mein Mausepfötchen«, unterbrach sie Alberts Stimme.
Erschrocken fuhren die beiden auseinander.
»Danke, Albert«, murmelte Emily und zwang sich zu einem Lächeln.
»Huch! Du siehst ja ganz blass aus, Emily«, bemerkte Albert. »Fast so, als hättest du einen Geist gesehen. Ist alles in Ordnung?«
»Äh, ja. Alles bestens«, bestätigte Emily und nahm sich eine Gabel voll vom Karamellkuchen.
»Apropos Geister.« Ungefragt zog sich Albert einen Stuhl heran und schob ihn zwischen Otto und Emily. »Ich glaube, ich habe endlich herausgefunden, auf welche Disziplin der Wissenschaft ich mich zukünftig stürzen möchte. Und zwar auf paranormale Forschungen, besser bekannt als Geisterforschung. Ist das nicht aufregend?«
Emily verschluckte sich beinahe an ihrem Karamellkuchen. »Warte mal. Du willst Geisterforscher werden? Ist das dein Ernst, Albert?«
»Warum nicht?« Albert grinste aufgeregt. »Geheimnisvolle Wesen. Unerklärliche Phänomene. Unsichtbare Kraftfelder –«
»Pah. Ich glaube, der Typ hat einen an der Waffel«, tönte es unüberhörbar laut aus Ottos Rucksack.
Albert runzelte die Stirn. »Hast du was gesagt, Otto?«
»Ich sagte … ähm … ich hätte jetzt gerne eine belgische Waffel«, korrigierte Otto und verpasste seinem Schulrucksack einen Klaps.
Albert wirkte irritiert. »Ich hatte gehofft, du würdest mich verstehen, Otto. Immerhin ist dein Onkel doch Geisterforscher, nicht wahr?«
»Mh…hm«, stotterte Otto und nahm einen großen Schluck von der Himbeerlimonade. Bisher waren Geister, Jenseitsbewohner und Sensenmänner etwas, was nur Otto und Emily zu gehören schien. Ein Thema, über das Otto sich mit seiner besten Freundin stundenlang unterhalten konnte. Dass jetzt plötzlich Albert in ihrem kleinen Club mitmachen wollte, gefiel ihm gar nicht. Als Nächstes wollte er sich vielleicht noch mit Scary Harry anfreunden.
»Du musst auch gar nichts sagen, Otto«, sprach Albert weiter. »Ich habe deinen Onkel neulich zufällig in der Stadtbücherei getroffen. Und ich habe ihm erzählt, dass wir beide dicke Freunde sind und ich mich auch brennend für Geisterforschung interessiere. Und jetzt rate mal – er hat mich für morgen zu euch nach Hause eingeladen.«
»Wa…was?« Otto verschluckte sich an seiner Himbeerlimonade. Onkel Archibald hatte tatsächlich Albert zu ihnen nach Hause eingeladen? Und seit wann waren er und Albert dicke Freunde? Hatte er irgendwas nicht mitbekommen?
»Ja, ich weiß, das kommt überraschend«, räumte Albert ein. »Aber ich dachte mir, ich könnte dir ja dafür mit deinem Biologiereferat helfen. Ich habe tolle Unterlagen zum Thema Zellteilung.«
»Das klingt doch nach einem guten Deal, nicht wahr, Otto?«, sagte Emily und lächelte. Wie es aussah, wollte sie nichts lieber,...




