E-Book, Deutsch, Band 4, 240 Seiten
Reihe: Scary Harry
Kaiblinger Scary Harry (Band 4) - Ab durch die Tonne
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7320-0567-3
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 4, 240 Seiten
Reihe: Scary Harry
ISBN: 978-3-7320-0567-3
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sonja Kaiblinger wurde 1985 in Krems geboren. Sie hat als Eisverkäuferin, Museumsführerin, Werbetexterin, Nachtwächterin, Flughafen-Mitarbeiterin und Werbespot-Darstellerin gearbeitet, bevor sie als Lehrerin ihre Brötchen verdiente. In jeder freien Minute bringt sie die Geschichten zu Papier, die ihr im Kopf herumspuken. Sie lebt zusammen mit ihrem Freund in Wien.
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Der merkwürdige MrMelvin Malone
Dieser Frühling war kein Zuckerschlecken. Und das lag nicht nur daran, dass Ottos Lehrer eine Prüfung nach der anderen schreiben ließen, um die Schüler der Sigmund-Schwefelkopf-Schule vor den Sommerferien noch einmal ordentlich zu quälen. Noch viel mehr nervte es, dass die blühenden Gräser, die warmen Temperaturen und der Sonnenschein jedem in Ottos Umgebung heftige Frühlingsgefühle zu verpassen schienen.
Ottos Kumpel, der Sensenmann Harold, war neuerdings unsterblich in seine Kollegin Gundula verliebt – auch wenn er das nur über seine Leiche zugegeben hätte. Und sogar Ottos Hausfledermaus Vincent war vom Liebesvirus befallen. Pausenlos schwärmte der kleine Kerl von Ms Singh, Ottos Kunstlehrerin. Es war zwecklos, ihm zu erklären, dass diese Liebe keine Zukunft hatte.
Seit Vincent sein Herz verloren hatte, war er nervtötender als je zuvor und leider zu nichts mehr zu gebrauchen. Dabei wäre Otto gerade jetzt, während dieses schwierigen Mathetests, froh über seine Unterstützung gewesen. Er hatte sich sogar absichtlich in die letzte Reihe gesetzt, wo ihm Vincent die richtigen Antworten gefahrlos mit einem kleinen Taschenrechner ausrechnen und dann aus der Tasche seines Sweaters hätte zuflüstern können. Doch anstatt zu helfen, hatte Vincent sich in das flauschige Futter von Ottos Pullover gekuschelt und träumte vor sich hin, während ihm hin und wieder ein erwartungsvoller Seufzer entwich. Kein Wunder, denn in der nächsten Stunde hatten sie Kunst.
»Hey, du Schnarchnase! Wie lautet die Quadratwurzel von hundertneunundsechzig?«, zischte Otto seiner Hausfledermaus zu, als er die einfachen Aufgaben gelöst hatte. Von Zahlen über hundert hatten sie im Unterricht nie die Wurzel gezogen, darum empfand Otto den Test heute als extrafies. »Vincent, mach schon. Kannst du mir helfen?«
Es dauerte einige Augenblicke, dann bewegte sich schließlich etwas in Ottos Sweater, gefolgt von einem lang gezogenen Gähnen. »Oh Mann, Otto, wäre es nicht besser gewesen, du hättest gestern Abend für Mathe gelernt, anstatt mit Harold in seiner alten Schrottkiste durch die Stadt zu gurken?«, meckerte Vincent aus der Tasche. »Deine Klassenkameradin mit den roten Haaren und der hässlichen rosa Brille scheint jedenfalls kein Problem mit den Fragen zu haben.«
»Also erstens ist Megan ein Taschenrechner auf zwei Beinen. Und zweitens war die Spritztour mit Harold schon letzte Woche. Ich musste ihm dabei helfen, einen schönen bunten Blumenstrauß für Gundulas Todestag auszusuchen. Kann es sein, dass die Liebesviren schon dein Gedächtnis angegriffen haben?«
»Liebes-was? Du tickst wohl nicht richtig, mein Freund!« Empört reckte Vincent seinen pelzigen Kopf aus der Tasche, doch Otto drückte ihn sanft wieder zurück, bevor irgendjemand in der Klasse etwas mitbekam.
»Jetzt tu doch nicht so, Vincent. Du bist schon seit dem Wochenende ganz aufgekratzt, weil du weißt, dass wir Mittwoch Kunst haben. Und jetzt hilf mir endlich, sonst … sonst setz ich dich in einer einsamen Höhle in Schottland aus. Inklusive Bären.«
Vincent knurrte verärgert. »Dann … dann erschrecke ich Tante Sharon, wenn sie morgens unter der Dusche steht.«
»Das wagst du nicht!«
»Wetten doch?«
»Schscht«, machte Ottos beste Freundin Emily, drehte sich zu ihm und schüttelte tadelnd den Kopf. Otto warf einen schnellen Blick zum Lehrerpult, wo MrPickles, der ständig verwirrte Mathelehrer, gerade seelenruhig in einer Zeitung blätterte. Zum Glück hatte er nichts gehört.
Dann eben ohne Hilfe. Otto beschloss, auf Vincent zu pfeifen, sich auf den Fragebogen auf seinem Tisch zu konzentrieren und zumindest einige der kniffligen Quadratwurzeln zu lösen. Er gab seinen Test schließlich als Letzter ab, als es schon zur nächsten Stunde mit Ms Singh läutete.
Doch Ms Singh erschien nicht. Es verging fast eine Viertelstunde und die Klasse wurde zunehmend unruhig. Stan und sein Sitznachbar Ben hatten aus Langeweile damit begonnen, mit einem Strohhalm Papierkügelchen durchs Klassenzimmer zu schießen. Otto duckte sich gerade noch rechtzeitig, als eins der Geschosse in seine Richtung flog.
»Was ist denn mit Ms Singh los?«, murmelte Emily und starrte auf die geöffnete Klassenzimmertür. Auf dem Flur war es ruhig, in den anderen Klassen schien der Unterricht weiterzugehen. »Nicht dass ich etwas gegen eine kleine Auszeit nach diesem nervigen Test hätte. Aber Ms Singh kommt normalerweise nie zu spät.«
»Ach du bröselige Bratwurst!« Vincents Müdigkeit schien wie weggeblasen und er zappelte unruhig in Ottos Pullover hin und her. »Was ist, wenn ihr etwas zugestoßen ist? Habt ihr daran schon mal gedacht, ihr beiden Dumpfnasen? Oh nein! Bestimmt ist ihr etwas zugestoßen!« Er machte Anstalten, aus dem Pullover zu kriechen und Otto hatte Mühe, ihn festzuhalten. »Otto, meinst du nicht, ich sollte mal aus der Klasse flattern und nachsehen, wo sie steckt?«, japste Vincent, der jetzt ganz aufgeregt war. »Vielleicht ist sie … im Lehrerzimmer gestolpert und hat sich den Kopf am Kopierer gestoßen. Oder der Hausmeister hat sie auf dem Klo eingesperrt. Oder vielleicht wurde sie entführt! Und jetzt hält sie der Kidnapper irgendwo mutterseelenallein fest. Im Turnsaal, ganz hinten bei den miefenden Trikots. Oh, Otto, ich muss nach ihr sehen!«
»Jetzt mal nicht den Teufel an die Wand, Vincent«, zischte Emily ihm zu. »Bestimmt ist Ms Singh einfach krank. Liegt daheim mit einer fiesen Grippe im Bett. Oder … autsch, Stan, jetzt hör doch mal auf damit! Deine angesabberten Papierkügelchen kannst du behalten.«
Stan grinste nur dumm und ballerte seine Munition weiter in alle Himmelsrichtungen.
»Emily hat recht, Vincent«, bekräftigte Otto, während sich Emily das Papier aus den Haaren pulte. »Das ist bestimmt kein Grund zur Sorge. Womöglich steht sie im Stau oder ihr Auto hat einen Platten …« In diesem Moment näherten sich im Flur eilige Schritte. »Na siehst du, Vincent, ich habe doch gesagt, dass Ms Singh –«
»Direktorin Dimpleby?«, rief Emily verdutzt, als plötzlich nicht Ms Singh, sondern die dicke Schulleiterin das Klassenzimmer betrat. Im Schlepptau hatte sie einen blassen schlaksigen Herrn mit altmodischem Hut und einen Jungen mit Sommersprossen und Brille. Eins von Stans Papierkügelchen traf den Hut des Herrn, woraufhin der ihn mit einem grimmigen Blick bedachte.
»Untersteh dich gefälligst, Stan!«, ermahnte ihn die Direktorin, zog ihm den Strohhalm aus der Hand und pfefferte ihn in den Mülleimer. »Wenn du deinen neuen Kunstlehrer noch einmal mit Papier bewirfst, dann –«
»Ach du schrumpeliges Freilandei! Ein neuer Kunstlehrer?«, krächzte plötzlich Vincents Stimme lautstark durch die Klasse. »Etwa die miesepetrige Bohnenstange da vorne? Aber … wir haben doch Ms Singh.«
Alle Blicke richteten sich auf Otto. Einige Kinder kicherten.
»Ach du schrumpeliges Freilandei?« Mit energischen Schritten eilte Direktorin Dimpleby durch die Reihen und baute ihren pummeligen Körper vor Ottos und Emilys Tisch auf. »Kam das etwa von dir, junger Mann?«
Otto spürte, wie seine Wangen heiß wurden. »Ich … äh …« Er räusperte sich. »Ich habe nichts gesagt, MrsDimpleby. Ich habe bloß gehustet.«
»Gehustet?« Sie schnaubte und starrte verärgert auf Otto herab. Wie immer roch ihr Atem ein wenig nach Fisch. »Junger Mann, du begleitest mich jetzt in mein Büro, wo ich deine Tante anrufen und ihr mitteilen werde, dass du dich gegenüber dem Lehrpersonal ausgesprochen respektlos –«
»Lassen Sie Otto hier, MrsDimpleby«, unterbrach sie plötzlich der schlaksige Typ mit dem Hut. Seine stechend blauen Augen musterten Otto, während er mit einem Regenschirm energisch auf den Parkettboden klopfte. »Wir werden noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen.«
MrsDimpleby presste die Lippen zusammen und musterte Otto mit einem argwöhnischen Blick. »Na, meinetwegen«, sagte sie schließlich und wandte sich wieder der Klasse zu. »Dann möchte ich euch an dieser Stelle euren neuen Kunstlehrer vorstellen.« Sie deutete auf den neuen Lehrer, der soeben für Otto Partei ergriffen hatte. »Das ist MrMelvin Malone. Er wird Ms Singh für einige Zeit vertreten, da sie nach Indien gereist ist, um dort ihren Verlobten Swami Shanti Betilan zu ehelichen. Die beiden kehren erst in einigen Monaten nach England zurück.«
»Ms Singh ist … wird h…hei–«, stammelte Vincent, doch Otto versetzte ihm einen festen Stups. Die Fledermaus verstummte beleidigt und fuhr dann im Flüsterton fort: »Ist dieser Swami etwa auch eine Fledermaus, so wie ich?«
»Das wage ich zu bezweifeln«, zischte Otto zurück. »Und jetzt halt gefälligst die Klappe, Vince!«
»Und das führt uns auch schon zur nächsten Neuigkeit. Ihr bekommt ab heute nicht nur einen neuen Lehrer, sondern auch einen neuen Mitschüler. Albert ist vorige Woche mit seinen Eltern in die Stadt gezogen«, fuhr MrsDimpleby fort und schob nun den Jungen mit den Sommersprossen und der Brille nach vorne.
Während MrsDimpleby erzählte, dass Albert bis vor Kurzem auf eine renommierte Privatschule gegangen war, dort lauter exzellente Noten bekommen hatte und außerdem eine Vielzahl von ausgefallenen Hobbies besaß, beugte sich Otto zu Emily hinüber. »Sag mal, findest du MrMalone nicht auch merkwürdig?«, flüsterte er. »Woher kennt dieser Typ denn meinen Namen? MrsDimpleby hat mich gar nicht Otto genannt, und doch –«
»Schscht.« Emily legte...




