E-Book, Deutsch, 624 Seiten
ISBN: 978-3-641-09374-7
Verlag: Siedler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Bestseller des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman schärft den Blick für die blinden Flecke unseres Denkens.
Wie treffen wir unsere Entscheidungen? Warum ist Zögern ein überlebensnotwendiger Reflex, und warum ist es so schwer zu wissen, was uns in der Zukunft glücklich macht? Daniel Kahneman, Nobelpreisträger und einer der einflussreichsten Wissenschaftler unserer Zeit, zeigt anhand ebenso nachvollziehbarer wie verblüffender Beispiele, welchen mentalen Mustern wir folgen und wie wir uns gegen verhängnisvolle Fehlentscheidungen wappnen können.Zusammen mit diesem Klassiker ist auch der Nachfolgeband NOISE Pflichtlektüre für Entscheidungsträger. In NOISE widmet sich Daniel Kahneman im Speziellen den Verzerrungen der menschlichen Urteilskraft.
Daniel Kahneman, geboren 1934 in Tel Aviv, war einer der weltweit einflussreichsten Kognitionspsychologen. Nach Stationen an der Hebrew University in Jerusalem und der University of British Columbia war er bis 1994 Professor an der University of California in Berkeley und hatte bis zu seinem Tod die Eugene-Higgins-Professur für Psychologie an der Woodrow Wilson School der Princeton University inne. Kahneman revolutionierte die Wissenschaft vom menschlichen Verhalten, indem er die Erkenntnisse der Hirnforschung und der Verhaltensbiologie zusammenführte und auf die Wirtschaftswissenschaften anwandte. Für seine Arbeit erhielt Kahneman zahlreiche Auszeichnungen namhafter Universitäten und wurde 2002 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet. »Schnelles Denken, langsames Denken« wurde zum Weltbestseller und rangiert seit vielen Jahren ganz oben in den Bestsellerlisten. Daniel Kahneman ist am 27. März 2024 im Alter von 90 Jahren verstorben.
Weitere Infos & Material
1;Widmung;2
2;Inhaltsverzeichnis;3
3;Einleitung;8
3.1;Wo wir heute stehen;8
3.2;Was als Nächstes kommt;8
4;TEIL I - Zwei Systeme;17
4.1;1. Die Figuren der Geschichte;18
4.1.1;Zwei Systeme;18
4.1.2;Der Gang der Handlung€Œ ein kurzer Überblick;18
4.1.3;Konflikt;18
4.1.4;Illusionen;18
4.1.5;Nützliche Fiktionen;18
4.2;2. Aufmerksamkeit und Anstrengung;27
4.2.1;Mentale Anstrengung;27
4.3;3. Der faule Kontrolleur;33
4.3.1;Das ausgelastete und erschöpfte System 2;33
4.3.2;Das faule System 2;33
4.3.3;Intelligenz, Kontrolle und Rationalität;33
4.4;4. Die Assoziationsmaschine;41
4.4.1;Die Wunder des Priming;41
4.4.2;Primes, die uns anleiten;41
4.5;5. Kognitive Leichtigkeit;48
4.5.1;Illusionen des Gedächtnisses;48
4.5.2;Illusionen der Wahrheit;48
4.5.3;Wie man eine überzeugende Mitteilung schreibt;48
4.5.4;Beanspruchung und Anstrengung;48
4.5.5;Die Freuden mühelosen Denkens;48
4.5.6;Leichtigkeit, Stimmung und Intuition;48
4.6;6. Normen, Überraschungen und Ursachen;57
4.6.1;Normalität beurteilen;57
4.6.2;Ursachen und Intentionen;57
4.7;7. Eine Maschine für voreilige Schlussfolgerungen;63
4.7.1;Vernachlässigung von Ambiguität und Unterdrückung von Zweifeln;63
4.7.2;Die Vorliebe, Aussagen zu glauben und eigene Erwartungen zu bestätigen;63
4.7.3;Überzogene emotionale Kohärenz€Œ der Halo-Effekt;63
4.7.4;What you see is all there is;63
4.8;8. Wie wir Urteile bilden;70
4.8.1;Elementare Bewertungen;70
4.8.2;Mengen und Prototypen;70
4.8.3;Intensitäten und wie man sie vergleichen kann;70
4.8.4;Die mentale Schrotflinte;70
4.9;9. Eine leichtere Frage beantworten;76
4.9.1;Fragen ersetzen;76
4.9.2;Die 3-D-Heuristik;76
4.9.3;Die Stimmungsheuristik für Glück;76
4.9.4;Die Affektheuristik;76
5;TEIL II - Heuristiken und kognitive Verzerrungen;83
5.1;10. Das Gesetz der kleinen Zahlen;84
5.1.1;Das Gesetz der kleinen Zahlen;84
5.1.2;Die Tendenz, eher zu glauben als zu zweifeln;84
5.1.3;Ursache und Zufall;84
5.2;11. Anker;92
5.2.1;Ankerung als Anpassung;92
5.2.2;Ankerung als ein Priming-Effekt;92
5.2.3;Der Ankerungsindex;92
5.2.4;Gebrauch und Missbrauch von Ankern;92
5.2.5;Ankerung und die beiden Systeme;92
5.3;12. Die Wissenschaft der Verfügbarkeit;100
5.3.1;Die Psychologie der Verfügbarkeit;100
5.4;13. Verfügbarkeit, Emotion und Risiko;106
5.4.1;Verfügbarkeit und Affekt;106
5.4.2;Die Öffentlichkeit und die Experten;106
5.5;14. Was studiert Tom W.?;112
5.5.1;Vorhersage durch Repräsentativität;112
5.5.2;Die Sünden der Repräsentativität;112
5.5.3;Wie man die Intuition diszipliniert;112
5.6;15. Linda: Weniger ist mehr;119
5.6.1;Weniger ist mehr, manchmal sogar bei gemeinsamer Bewertung;119
5.7;16. Ursachen vs. Statistik;127
5.7.1;Kausale Stereotype;127
5.7.2;Kausale Situationen;127
5.7.3;Kann man Psychologie unterrichten?;127
5.8;17. Regression zum Mittelwert;134
5.8.1;Talent und Glück;134
5.8.2;Regression verstehen;134
5.9;18. Intuitive Vorhersagen bändigen;142
5.9.1;Nicht regressive Intuitionen;142
5.9.2;Eine Korrektur für intuitive Vorhersagen;142
5.9.3;Eine Verteidigung extremer Vorhersagen?;142
5.9.4;Die Regression im Zwei-Systeme-Modell;142
6;TEIL III - Selbstüberschätzung;150
6.1;19. Die Illusion des Verstehens;151
6.1.1;Die sozialen Kosten der Rückschau;151
6.1.2;Erfolgsrezepte;151
6.2;20. Die Illusion der Gültigkeit;158
6.2.1;Die Illusion der Gültigkeit;158
6.2.2;Der Irrglaube, einen guten Riecher für Aktien zu haben;158
6.2.3;Kompetenz und Gültigkeit€Œ warum wir diesen Illusionen unterliegen;158
6.2.4;Die Illusionen von Experten;158
6.2.5;Die Experten können nichts dafür€Œ die Welt ist eben kompliziert;158
6.3;21. Intuitionen und Formeln;167
6.3.1;Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs minus Streithäufigkeit;167
6.3.2;Die Feindseligkeit gegen Algorithmen;167
6.3.3;Von Paul Meehl lernen;167
6.3.4;Probieren Sie es selbst aus;167
6.4;22. Die Intuition von Experten: Wann können wir ihr vertrauen?;175
6.4.1;Glanzleistungen und Mängel;175
6.4.2;Intuition als Wiedererkennen;175
6.4.3;Erwerb von Fertigkeiten;175
6.4.4;Die geeignete Umgebung für Expertise;175
6.4.5;Feedback und Übung;175
6.4.6;Die Gültigkeit von Intuitionen beurteilen;175
6.5;23. Die Außensicht;183
6.5.1;Die Verlockung der Innensicht;183
6.5.2;Der Planungsfehlschluss;183
6.5.3;Wie man Planungsfehlschlüsse in den Griff bekommt;183
6.5.4;Entscheidungen und Irrtümer;183
6.5.5;Einen Test nicht bestehen;183
6.6;24. Die Maschine des Kapitalismus;190
6.6.1;Optimisten;190
6.6.2;Illusionen von Unternehmern;190
6.6.3;Vernachlässigung der Konkurrenz;190
6.6.4;Selbstüberschätzung;190
6.6.5;Wie die Prä-mortem-Methode helfen kann;190
7;TEIL IV - Entscheidungen;198
7.1;25. Irrtümer;199
7.1.1;Bernoullis Irrtum;199
7.2;26. Die Neue Erwartungstheorie;206
7.2.1;Verlustaversion;206
7.2.2;Blinde Flecken der Neuen Erwartungstheorie;206
7.3;27. Der Endowment-Effekt;214
7.3.1;Der Endowment-Effekt;214
7.3.2;Wie ein Wertpapierhändler denken;214
7.4;28. Negative Ereignisse;222
7.4.1;Ziele sind Referenzpunkte;222
7.4.2;Den Status quo verteidigen;222
7.4.3;Das Rechtswesen und die Verlustaversion;222
7.5;29. Das viergeteilte Muster;229
7.5.1;Wahrscheinlichkeiten verändern;229
7.5.2;Das Allais-Paradoxon;229
7.5.3;Entscheidungsgewichte;229
7.5.4;Das viergeteilte Muster;229
7.5.5;Glücksspiele im Schatten des Gesetzes;229
7.6;30. Seltene Ereignisse;238
7.6.1;Überschätzen und Übergewichten;238
7.6.2;Anschauliche Ergebnisse;238
7.6.3;Anschauliche Wahrscheinlichkeiten;238
7.6.4;Entscheidungen auf der Basis globaler Eindrücke;238
7.7;31. Risikostrategien;247
7.7.1;Weit oder eng?;247
7.7.2;Samuelsons Problem;247
7.7.3;Risikostrategien;247
7.8;32. Buch führen;254
7.8.1;Mentale Buchführung;254
7.8.2;Reue;254
7.8.3;Verantwortung;254
7.9;33. Umkehrungen;262
7.9.1;Eine Herausforderung für die Ökonomik;262
7.9.2;Kategorien;262
7.9.3;Ungerechte Umkehrungen;262
7.10;34. Frames und Wirklichkeit;270
7.10.1;Emotionales Framing;270
7.10.2;Leere Intuitionen;270
7.10.3;Gute Frames;270
8;TEIL V - Zwei Selbste;279
8.1;35. Zwei Selbste;280
8.1.1;Erfahrungsnutzen;280
8.1.2;Erfahrung und Gedächtnis;280
8.1.3;Welches Selbst sollte zählen?;280
8.1.4;Biologie kontra Rationalität;280
8.2;36. Das Leben als eine Geschichte;287
8.2.1;Amnestischer Urlaub;287
8.3;37. Erlebtes Wohlbefinden;291
8.3.1;Erlebtes Wohlbefinden;291
8.4;38. Lebenszufriedenheit;296
8.4.1;Die Fokussierungs-Illusion;296
8.4.2;Immer wieder der Faktor Zeit;296
9;Schlusswort;304
9.1;Zwei Selbste;304
9.2;Econs und Humans;304
9.3;Zwei Systeme;304
10;ANHANG;312
10.1;Urteile unter Unsicherheit: Heuristiken und kognitive Verzerrungen;312
10.1.1;Repräsentativität;312
10.1.2;Verfügbarkeit;312
10.1.3;Anpassung und Verankerung;312
10.1.4;Diskussion;312
10.1.5;Zusammenfassung;312
10.2;Entscheidungen, Werte und Frames;312
10.2.1;Risikobehaftete Entscheidungen;312
10.2.2;Framing der Ergebnisse;312
10.2.3;Die Psychophysik von Wahrscheinlichkeiten;312
10.2.4;Formulierungseffekte;312
10.2.5;Transaktionen und Tauschgeschäfte;312
10.2.6;Verluste und Kosten;312
10.2.7;Abschließende Bemerkungen;312
11;Dank;341
12;Anmerkungen;342
12.1;TEIL I;342
12.1.1;1. Die Figuren der Geschichte;342
12.1.2;2. Aufmerksamkeit und Anstrengung;342
12.1.3;3. Der faule Kontrolleur;342
12.1.4;4. Die Assoziationsmaschine;342
12.1.5;5. Kognitive Leichtigkeit;342
12.1.6;6. Normen, Überraschungen und Ursachen;342
12.1.7;7. Eine Maschine für voreilige Schlussfolgerungen;342
12.1.8;8. Wie wir Urteile bilden;342
12.1.9;9. Eine leichtere Frage beantworten;342
12.2;TEIL II;342
12.2.1;10. Das Gesetz der kleinen Zahlen;342
12.2.2;11. Anker;342
12.2.3;12. Die Wissenschaft der Verfügbarkeit;342
12.2.4;13. Verfügbarkeit, Emotion und Risiko;342
12.2.5;14. Was studiert Tom W.?;342
12.2.6;15. Linda: Weniger ist mehr;342
12.2.7;16. Ursachen vs. Statistik;342
12.2.8;17. Regression zum Mittelwert;342
12.2.9;18. Intuitive Vorhersagen bändigen;342
12.3;TEIL III;342
12.3.1;19. Die Illusion des Verstehens;342
12.3.2;20. Die Illusion der Gültigkeit;342
12.3.3;21. Intuitionen und Formeln;342
12.3.4;22. Die Intuition von Experten: Wann können wir ihr vertrauen?;342
12.3.5;23. Die Außensicht;342
12.3.6;24. Die Maschine des Kapitalismus;342
12.4;TEIL IV;342
12.4.1;25. Irrtümer;342
12.4.2;26. Die Neue Erwartungstheorie;342
12.4.3;27. Der Endowment-Effekt;342
12.4.4;28. Negative Ereignisse;342
12.4.5;29. Das viergeteilte Muster;342
12.4.6;30. Seltene Ereignisse;342
12.4.7;31. Risikostrategien;342
12.4.8;32. Buch führen;342
12.4.9;33. Umkehrungen;342
12.4.10;34. Frames und Wirklichkeit;342
12.5;TEILV;342
12.5.1;35. Zwei Selbste;342
12.5.2;36. Das Leben als eine Geschichte;342
12.5.3;37. Erlebtes Wohlbefinden;342
12.5.4;38. Lebenszufriedenheit;342
12.5.5;Schlusswort;342
12.5.6;ANHANG Urteile unter Unsicherheit;342
12.5.7;Entscheidungen, Werte und Frames;342
13;Sachregister;383
14;Personenregister;391
15;Copyright;396
Einleitung
Jedem Autor, vermute ich mal, schwebt eine Situation vor, in der Leser seines Werks von der Lektüre desselben profitieren könnten. Ich denke dabei an den Kaffeeautomaten im Büro, vor dem Mitarbeiter Ansichten und Tratsch miteinander austauschen. Meine Hoffnung ist, dass ich den Wortschatz bereichere, den Menschen benutzen, wenn sie sich über Urteile und Entscheidungen anderer, die neue Geschäftsstrategie ihres Unternehmens oder die Anlageentscheidungen eines Kollegen unterhalten. Weshalb sich mit Tratsch befassen? Weil es viel leichter und auch viel angenehmer ist, die Fehler anderer zu erkennen und zu benennen als seine eigenen. Selbst unter den günstigsten Umständen fällt es uns schwer, unsere Überzeugungen und Wünsche zu hinterfragen, und es fällt uns besonders schwer, wenn es am nötigsten wäre – aber wir können von den sachlich fundierten Meinungen anderer profitieren. Viele von uns nehmen in Gedanken von sich aus vorweg, wie Freunde und Kollegen unsere Entscheidungen beurteilen werden; deshalb kommt es maßgeblich auf Qualität und Inhalt dieser vorweggenommenen Urteile an. Die Erwartung intelligenten Geredes über uns ist ein starkes Motiv für ernsthafte Selbstkritik, stärker als alle an Silvester gefassten guten Vorsätze, die Entscheidungsfindung am Arbeitsplatz und zu Hause zu verbessern. Um zuverlässige Diagnosen zu stellen, muss ein Arzt eine Vielzahl von Krankheitsbezeichnungen lernen, und jeder dieser Termini verknüpft ein Konzept der Erkrankung mit ihren Symptomen, möglichen Vorstufen und Ursachen, möglichen Verläufen und Konsequenzen sowie möglichen Eingriffen zur Heilung oder Linderung der Krankheit. Das Erlernen der ärztlichen Heilkunst besteht auch darin, die medizinische Fachsprache zu erlernen. Um Urteile und Entscheidungen besser verstehen zu können, bedarf es eines reichhaltigeren Wortschatzes, als ihn die Alltagssprache zur Verfügung stellt. Die Tatsache, dass unsere Fehler charakteristische Muster aufweisen, begründet die Hoffnung darauf, dass andere in sachlich fundierter Weise über uns reden mögen. Systematische Fehler – auch »Verzerrungen« (biases) genannt – treten in vorhersehbarer Weise unter bestimmten Umständen auf. Wenn ein attraktiver und selbstbewusster Redner dynamisch aufs Podium springt, kann man davon ausgehen, dass das Publikum seine Äußerungen günstiger beurteilt, als er es eigentlich verdient. Die Verfügbarkeit eines diagnostischen Etiketts für diesen systematischen Fehler – der Halo-Effekt – erleichtert es, ihn vorwegzunehmen, zu erkennen und zu verstehen. Wenn Sie gefragt werden, woran Sie gerade denken, können Sie diese Frage normalerweise beantworten. Sie glauben zu wissen, was in Ihrem Kopf vor sich geht – oftmals führt ein bewusster Gedanke in wohlgeordneter Weise zum nächsten. Aber das ist nicht die einzige Art und Weise, wie unser Denkvermögen (mind) funktioniert, es ist nicht einmal seine typische Funktionsweise. Die meisten Eindrücke und Gedanken tauchen in unserem Bewusstsein auf, ohne dass wir wüssten, wie sie dorthin gelangten. Sie können nicht rekonstruieren, wie Sie zu der Überzeugung gelangten, eine Lampe stehe auf dem Schreibtisch vor Ihnen, wie es kam, dass Sie eine Spur von Verärgerung aus der Stimme Ihres Gatten am Telefon heraushörten, oder wie es Ihnen gelang, einer Gefahr auf der Straße auszuweichen, ehe Sie sich ihrer bewusst wurden. Die mentale Arbeit, die Eindrücke, Intuitionen und viele Entscheidungen hervorbringt, vollzieht sich im Stillen in unserem Geist. Ein Schwerpunkt dieses Buches sind Fehler in unserem intuitiven Denken. Doch die Konzentration auf diese Fehler bedeutet keine Herabsetzung der menschlichen Intelligenz, ebenso wenig, wie das Interesse an Krankheiten in medizinischen Texten Gesundheit verleugnet. Die meisten von uns sind die meiste Zeit ihres Lebens gesund, und die meisten unserer Urteile und Handlungen sind meistens angemessen. Auf unserem Weg durchs Leben lassen wir uns normalerweise von Eindrücken und Gefühlen leiten, und das Vertrauen, das wir in unsere intuitiven Überzeugungen und Präferenzen setzen, ist in der Regel gerechtfertigt. Aber nicht immer. Wir sind oft selbst dann von ihrer Richtigkeit überzeugt, wenn wir irren, und ein objektiver Beobachter erkennt unsere Fehler mit höherer Wahrscheinlichkeit als wir selbst. Und so wünsche ich mir, dass dieses Buch die Gespräche am Kaffeeautomaten dadurch verändert, dass es unsere Fähigkeit verbessert, Urteils- und Entscheidungsfehler von anderen und schließlich auch von uns selbst zu erkennen und verstehen, indem es dem Leser eine differenzierte und exakte Sprache an die Hand gibt, in der sich diese Fehler diskutieren lassen. Eine zutreffende Diagnose mag wenigstens in einigen Fällen eine Korrektur ermöglichen, um den Schaden, den Fehlurteile und -entscheidungen verursachen, zu begrenzen. Dieses Buch stellt mein gegenwärtiges Verständnis von Urteils- und Entscheidungsprozessen dar, das maßgeblich von psychologischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte geprägt wurde. Die zentralen Ideen gehen allerdings auf jenen glücklichen Tag des Jahres 1969 zurück, an dem ich einen Kollegen bat, als Gastredner in einem Seminar zu sprechen, das ich am Fachbereich Psychologie der Hebräischen Universität von Jerusalem hielt. Amos Tversky galt als ein aufstrebender Star auf dem Gebiet der Entscheidungsforschung – ja, auf allen Forschungsfeldern, auf denen er sich tummelte –, sodass ich wusste, dass es eine interessante Veranstaltung werden würde. Viele Menschen, die Amos kannten, hielten ihn für die intelligenteste Person, der sie je begegnet waren. Er war brillant, redegewandt und charismatisch. Er war auch mit einem vollkommenen Gedächtnis für Witze gesegnet und mit einer außergewöhnlichen Fähigkeit, mit ihrer Hilfe ein Argument zu verdeutlichen. In Amos’ Gegenwart war es nie langweilig. Er war damals 32, ich war 35. Amos berichtete den Seminarteilnehmern von einem aktuellen Forschungsprogramm an der Universität Michigan, bei dem es um die Beantwortung der folgenden Frage ging: Sind Menschen gute intuitive Statistiker? Wir wussten bereits, dass Menschen gute intuitive Grammatiker sind: Ein vierjähriges Kind befolgt, wenn es spricht, mühelos die Regeln der Grammatik, obwohl es die Regeln als solche nicht kennt. Haben Menschen ein ähnlich intuitives Gespür für die grundlegenden Prinzipien der Statistik? Amos berichtete, die Antwort darauf sei ein bedingtes Ja. Wir hatten im Seminar eine lebhafte Diskussion, und wir verständigten uns schließlich darauf, dass ein bedingtes Nein eine bessere Antwort sei. Amos und mir machte dieser Meinungsaustausch großen Spaß, und wir gelangten zu dem Schluss, dass intuitive Statistik ein interessantes Forschungsgebiet sei und dass es uns reizen würde, dieses Feld gemeinsam zu erforschen. An jenem Freitag trafen wir uns zum Mittagessen im Café Rimon, dem Stammlokal von Künstlern und Professoren in Jerusalem, und planten eine Studie über die statistischen Intuitionen von Wissenschaftlern. Wir waren in diesem Seminar zu dem Schluss gelangt, dass unsere eigene Intuition unzureichend war. Obwohl wir beide schon jahrelang Statistik lehrten und anwandten, hatten wir kein intuitives Gespür für die Zuverlässigkeit statistischer Ergebnisse bei kleinen Stichproben entwickelt. Unsere subjektiven Urteile waren verzerrt: Wir schenkten allzu bereitwillig Forschungsergebnissen Glauben, die auf unzureichender Datengrundlage basierten, und neigten dazu, bei unseren eigenen Forschungsarbeiten zu wenig Beobachtungsdaten zu erheben. 1 Mit unserer Studie wollten wir herausfinden, ob andere Forscher an der gleichen Schwäche litten. Wir bereiteten eine Umfrage vor, die realistische Szenarien statistischer Probleme beinhaltete, die in der Forschung auftreten. Amos trug die Antworten einer Gruppe von Experten zusammen, die an einer Tagung der Society of Mathematical Psychology teilnahmen, darunter waren auch die Verfasser zweier Statistik-Lehrbücher. Wie erwartet fanden wir heraus, dass unsere Fachkollegen, genauso wie wir, die Wahrscheinlichkeit, dass das ursprüngliche Ergebnis eines Experiments auch bei einer kleinen Stichprobe erfolgreich reproduziert werden würde, enorm überschätzten. Auch gaben sie einer fiktiven Studentin sehr ungenaue Auskünfte über die Anzahl der Beobachtungsdaten, die sie erheben müsse, um zu einer gültigen Schlussfolgerung zu gelangen. Selbst Statistiker waren also keine guten intuitiven Statistiker. Als wir den Artikel schrieben, in dem wir diese Ergebnisse darlegten, stellten Amos und ich fest, dass uns die Zusammenarbeit großen Spaß machte. Amos war immer sehr witzig, und in seiner Gegenwart wurde auch ich witzig, sodass wir Stunden gewissenhafter Arbeit in fortwährender Erheiterung verbrachten. Die Freude, die wir aus unserer Zusammenarbeit zogen, machte uns ungewöhnlich geduldig; man strebt viel eher nach Perfektion, wenn man sich nicht langweilt. Am wichtigsten war vielleicht, dass wir unsere kritischen Waffen an der Tür abgaben. Sowohl Amos als auch ich waren kritisch und streitlustig – er noch mehr als ich, aber in den Jahren unserer Zusammenarbeit hat keiner von uns beiden irgendetwas, was der andere sagte, rundweg abgelehnt. Eine der größten Freuden, die mir die Zusammenarbeit mit Amos schenkte, bestand gerade darin, dass er viel deutlicher als ich selbst sah, worauf ich mit meinen vagen Gedanken hinauswollte. Amos war der bessere Logiker von uns beiden, er war theoretisch versierter und hatte einen untrüglichen Orientierungssinn. Ich hatte einen intuitiveren Zugang und war stärker in der Wahrnehmungspsychologie verwurzelt, aus der wir viele Ideen übernahmen. Wir waren einander hinreichend ähnlich, um uns mühelos zu verständigen, und wir waren...