E-Book, Deutsch, 184 Seiten
Kaddor / Rubinstein So fremd und doch so nah
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8436-0438-3
Verlag: Patmos Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Juden und Muslime in Deutschland
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-8436-0438-3
Verlag: Patmos Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lamya Kaddor, geboren 1978 in Ahlen, ist muslimische Religionspädagogin und Islamwissenschaftlerin. Sie ist Mitglied im Vorstand des Liberal-Islamischen Bundes. 2010 wurde sie zu einer der einflussreichsten muslimischen Frauen Europas gewählt. Sie publiziert in der 'ZEIT' sowie in der 'Süddeutschen Zeitung'. Michael Rubinstein, geboren 1972 in Düsseldorf, Diplom-Medienwirt, übernahm 2003 die Geschäftsführung der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Ruhr-Oberhausen. Für sein Engagement im interreligiösen Dialog wurde er mit dem Duisburger Preis für Toleranz und Zivilcourage 2010 ausgezeichnet.
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II. Das Kardinalproblem – der Nahostkonflikt
»Was Rubinstein als OB-Kandidat angeht, finde ich das nicht gut. Ich finde, wir brauchen - gerade jetzt – in Duisburg einen deutschen OB. Rubinstein kann ja gern seinen jüdischen Club [gemeint ist die Jüdische Gemeinde Duisburg, Mühlheim/Ruhr, Oberhausen] weiter leiten. Da habe ich nichts dagegen, betrifft mich ja nicht. Schließlich schicken wir ja auch keinen Deutschen nach Israel mit dem Ziel, ihn zum israelischen Ministerpräsidenten zu machen.«
Diese Email erreichte mich im Rahmen meines Oberbürgermeisterwahlkampfes im März 2012, natürlich unter falschem Namen abgeschickt. Fünf kurze Sätze, die eine eindeutige Botschaft aussenden: Rubinstein ist nicht deutsch, Rubinstein ist jüdisch und Israeli. Dass Juden als Israelis wahrgenommen werden, ist beinahe alltäglich. Sicherlich ist das ein Grund dafür, dass der Nahostkonflikt selbst im geographisch weit entfernten Duisburg ein Thema ist. Jüdischen Mitbürgern und insbesondere Jüdischen Gemeinden wird da rasch die Rolle eines »Außendienstmitarbeiters« oder Außenpostens des Staates Israel zugewiesen. Die einen nehmen sie an, andere nicht.
Der Kommunalpolitiker Hermann Dierkes, bis 2013 Fraktionschef der Partei »Die Linke« im Rat der Stadt Duisburg, fühlte sich im Jahr 2009, als er als Oberbürgermeister kandidierte, dazu berufen, einen Boykottaufruf gegen Israel zu unterstützen. Dazu wurde ein Flugblatt veröffentlicht. Dierkes erläuterte gegenüber dem »Muslim-Markt«, einem Internetportal, dessen Betreiber wegen islamistischer Aktivitäten im Blickfeld des Bundesamtes für Verfassungsschutz stehen: »Als Aktionsformen, um die israelische Politik zu einer Änderung zu bewegen, werden darin vorgeschlagen: Boykott, Desinvestment, Sanktionen. Ich füge hinzu, ich halte diese Maßnahmen für vollkommen legitim. Jede und jeder könne sich zum Beispiel ganz persönlich entscheiden, ob er/sie im Supermarkt Obst und Gemüse aus Israel kaufe oder nicht, ich tue das angesichts der schweren Menschenrechtsverletzungen durch Israel schon lange nicht mehr.« Ein Aufschrei ging durch Duisburg und Hermann Dierkes zog in letzter Konsequenz seine Kandidatur zurück.
Selbstverständlich muss und soll Israelkritik in Deutschland möglich sein, dies gehört zur demokratischen Errungenschaft der Meinungsfreiheit. Ein Maulkorb wäre weder richtig noch zielführend. Die wirklich relevanten Fragen in diesem Vorfall sind jedoch andere: Warum fühlt sich ein Lokalpolitiker im Wahlkampf zur Unterstützung eines Boykottaufrufs gegenüber einer anderen Nation, die mehrere tausend Kilometer entfernt ist, veranlasst? Und warum griff er sich ausgerechnet Israel unter all den Staaten heraus, die die Menschenrechte missachten? Israel ist bekanntlich kein Staat wie jeder andere, weder in seinem Selbstverständnis noch in der internationalen Wahrnehmung.
Auch auf das im Großen und Ganzen konstruktiv-freundschaftliche Verhältnis zwischen Juden und Muslimen auf der lokalen Organisations- und Funktionärsebene wirft der Nahostkonflikt bisweilen seine Schatten. Als die Duisburger Stadtspitze zu einer gemeinsamen Kundgebung der gesellschaftlichen und religiösen Kräfte unter dem Motto »Flagge zeigen« aufrief, kam es beinahe zu einem Scheitern der gemeinsamen Bemühungen. Von Teilen der muslimischen Organisationen wurde es abgelehnt, die Veranstaltung offiziell am Yitzhak-Rabin-Platz beginnen zu lassen. Als Begründung wurde der über den Namenspatron, den Friedensnobelpreisträger und 1995 ermordeten israelischen Ministerpräsidenten, scheinbar gegebene Bezug zum Staat Israel genannt. Erst mit dem Kompromiss, dass man die Veranstaltung offiziell am »Jüdischen Gemeindezentrum Duisburg« starten würde – das direkt neben dem Yithak-Rabin-Platz liegt –, ließen sich die Wogen glätten. Wenn an solchen Detailfragen das große Ganze zu scheitern droht, hinterlässt das viele Fragen bezüglich der Belastbarkeit der Dialogbereitschaft.
Dem Ganzen vorausgegangen war am 10. Januar 2009 der so genannte Duisburger Flaggenstreit. Die islamische Bewegung Milli Görüs demonstrierte gegen den Gaza-Krieg, der zu diesem Zeitpunkt stattfand. Rund 10000 Menschen folgten dem Aufruf und zogen unter den Augen der Sicherheitskräfte durch die Duisburger Innenstadt. Am Rande des Demonstrationsweges hatte ein Student an Fenster und Balkon seiner Wohnung eine Israelfahne angebracht. Die Fahne erregte den Zorn einiger Demonstranten, worauf diese begannen, Gegenstände nach ihr zu werfen. Als »deeskalierende Maßnahme« brachen daraufhin Polizeibeamte die Wohnung auf, in der sich in diesem Moment niemand aufhielt, und entfernten die Flagge – unter lautem Beifall der Demonstranten, die anschließend ihren Protestmarsch wie geplant fortsetzten. Dieser Vorfall fand internationale Beachtung, unter anderem im US-Sender FOX-News, der spanischen Zeitung »El Mundo« sowie der israelischen »Jerusalem Post«. Auf YouTube wurden die Videoaufnahmen tausende Male geklickt. Die politische Debatte, die der Fall auslöste, blieb aber letztendlich ohne Konsequenzen. Bei einem späteren Protestzug muslimischer Vereine gegen die Politik des Staates Israel wurden rund um das Jüdische Gemeindezentrum Duisburg Panzerblockaden aufgestellt sowie eine Hundertschaft der Polizei eingesetzt, um mögliche Übergriffe zu verhindern.
Eine Frage bleibt bis heute im Raum stehen: Warum demonstrierten überwiegend türkeistämmige Muslime, die in Duisburg leben, in diesem Ausmaß gegen die Politik Israels? Es leben kaum Israelis in Duisburg und die Funktionäre unserer Jüdischen Gemeinde, mich eingeschlossen, halten sich ganz bewusst mit Äußerungen zu Israel und zum Nahostkonflikt weitgehend zurück. War es ein Ventil, um unter dem Deckmantel der israelischen Politik gegen die hiesige jüdische Bevölkerung demonstrieren zu können, was ansonsten nicht möglich gewesen wäre? Oder war es ein Ausdruck für den Status der israelisch-türkischen Beziehungen? Beide Länder waren lange Zeit miteinander in freundschaftlichem Kontakt und pflegten intensive Wirtschaftsbeziehungen. Nennenswerte historische Gründe für die Feindschaft gibt es nicht. Erst unter dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan verschlechterte sich das bilaterale Verhältnis. Doch auch das taugt nicht so recht als einleuchtende Erklärung. Den absoluten Tiefpunkt markierte erst eineinhalb Jahre später der Fall der »Mavi Marmara«, eines Passagierschiffs, das von israelischen Soldaten gewaltsam an einer »Solidaritäts«-Fahrt nach Gaza gehindert wurde. Bei diesem Einsatz starben neun Passagiere. Die »Mavi Maramara« war von der türkischen Organisation IHH (zu Deutsch: Stiftung für Menschenrechte, Freiheiten und Humanitäre Hilfe) bereitgestellt worden, die wiederum Anfang der 90er-Jahre aus der Bewegung Milli Görüs heraus entstanden ist.
Bleibt zu konstatieren, dass die jüdische Seite anscheinend in die Rolle des lokalen Stellvertreters des Staates Israel gedrängt wird, während sich die muslimische Seite in die Position einer Solidargemeinschaft mit den Palästinensern zu begeben scheint. Bedauerlicherweise konterkariert es ein Stück weit die Bemühungen, einander in einem offenen Dialog zu begegnen und sich nach Möglichkeit und Bedarf gegenseitig zu unterstützen.
Michael Rubinstein
LAMYA KADDOR: Du hast jetzt vor allem die Auswirkungen des Nahostkonflikts auf deine Arbeit thematisiert. Mich würde zunächst Folgendes interessieren: Wer hat Schuld am Nahostkonflikt?
MICHAEL RUBINSTEIN: Die Engländer. Es kommt darauf an, wie man den Nahostkonflikt definiert oder wann man ihn beginnen lässt: mit der Staatsgründung Israels am 14. Mai 1948, mit dem Zweiten Weltkrieg und der Schoah, mit den ersten größeren Einwanderungswellen jüdischer Menschen im ausgehenden 19. Jahrhundert, mit dem seit Jahrtausenden in der Region schwelenden Konflikt zwischen Juden und anderen Völkern oder eben mit der Balfour-Deklaration vom 2. November 1917. Damals hatte der britische Außenminister Arthur James Balfour dem Bankier Walter Rothschild in einem Brief versichert, dass seine Regierung die Zionistische Weltorganisation bei der »Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina« unterstützen würde.
LAMYA KADDOR: Und zugleich hatte die britische Regierung den Arabern signalisiert, dass sie die Hoheit über die Region erhielten, wenn sie sich dem damaligen Kampf gegen das Osmanische Reich anschlössen. Zu dieser Zeit spielt bekanntlich die berühmte Geschichte des Lawrence von Arabien.
MICHAEL RUBINSTEIN: Genau. Und ungeachtet des Ganzen hatten die Briten am 16. Mai 1916 auch noch eine geheime Übereinkunft mit Frankreich getroffen, wie sie die Region nach der Zerschlagung des Osmanischen Reichs unter sich selbst kolonialistisch aufteilen wollten. Frankreich riss sich die nördlichen Bereiche …
LAMYA KADDOR: … vor allem das heutige Syrien …
MICHAEL RUBINSTEIN: … unter den Nagel und die Briten den südlicheren Bereich – also vor allem Jordanien und den Irak. Diese Doppelzüngigkeit und Doppelstrategie der Engländer, beiden Seiten quasi dasselbe zu versprechen und dann etwas ganz anderes zu tun, war natürlich ein entscheidender Aspekt für den Beginn des Nahostkonflikts. Aber auch das ist selbstverständlich nur eine Ursache. Letztendlich kann das kaum ein Grund sein, warum man sich auch im Jahr 2013 noch die Köpfe einschlägt. Deswegen ist die Schuldfrage eine ganz, ganz schwierige Frage. Es werden nationale Interessen, sprich der...




