E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Kabus "...weine ich täglich um meinen Vater"
2. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-0241-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In der Gewalt Stalins und der SED
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-7412-0241-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ronny Kabus - 1947 in Görlitz geboren - ist promovierter Historiker. Infolge seiner kritischen Haltung zur Biermann-Ausbürgerung 1976 und der damit verbundenen Kulturpolitik der SED verlässt er den Schuldienst in seiner Heimatstadt. Er findet Zuflucht im reformationsgeschichtlichen Museum 'Staatliche Lutherhalle' Wittenberg (heute Lutherhaus), wo er über ein Jahrzehnt als wissenschaftlicher Mitarbeiter, stellvertretender Direktor und Direktor tätig ist. Nach anhaltender Bedrängung durch SED und MfS übersiedelt er mit seiner Familie noch vor der 'Wende' in die Bundesrepublik. Dort leitet er das im Aufbau befindliche Zonengrenz- und Universitätsmuseum Helmstedt bevor er für 1 ½ Jahrzehnte Direktor des Ostpreußischen Landesmuseums in Lüneburg wird. Im Mittelpunkt seines breit gefächerten Wirkens stehen vor allem Forschungen zu den Opfern historischer Prozesse, so u. a. auch zu den während der Nazidiktatur verfolgten Juden.
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1. Stalins demokratische Versprechen und die Praxis sowjetischer Besatzung nach dem Ende des Nazireiches und Zweiten Weltkrieges – ein antifaschistisch-demokratischer Neubeginn?
Als das Inferno des Zweiten Weltkrieges sich seinem Ende nähert, beherrscht vor allem die Menschen im Besatzungsbereich der Roten Armee Angst vor der Rache der Sieger. Der von Hitlerdeutschland gegen die Sowjetunion geführte gnadenlose Vernichtungskrieg hat von ihrer Bevölkerung einen hohen Blutzoll sowie ein hohes Maß an Verwüstung und Zerstörung des Landes gefordert. Nachsicht wird das Volk des Aggressors wohl wenig zu gewärtigen haben. Viele Deutsche ahnen zumindest, dass die Berichte über den Terror der Stalinschen Geheimpolizei gegen das eigene Volk nicht nur Propaganda waren. Bis zu über 20 Millionen Tote sollen die Verfolgungen in der eigenen Bevölkerung gekostet haben.2
Nicht nur die zur Rache aufstachelnde sowjetische Kriegspropaganda eines Ilja Ehrenburg „Töte den Deutschen!“ lässt Furchtbares erwarten, die Schreckensschilderungen über Gräueltaten der Roten Armee bei ihrem Einfall in Ostpreußen, Pommern und Schlesien werden von den immer häufiger und zahlreicher durch Görlitz strömenden Flüchtlingskolonnen aus den deutschen Ostgebieten bestätigt.
Und dennoch erfüllt ein zaghaftes Hoffen auf ein Ende des vom Naziwahn verursachten Kriegsschreckens und einen friedlichen Neubeginn wohl die meisten der noch etwa 31.000 verbliebenen Bewohner von Görlitz, das noch vor kurzem 96.000 Einwohner zählte, als in den frühen Morgenstunden des 8. Mai 1945 Gefechtslärm und Granatbeschuss weitgehend verstummen und Truppen der Roten Armee die Stadt besetzen.
Am 7. Juni 1945 wird die Görlitzer Bevölkerung in den vom Nachrichtenamt herausgegebenen „Bekanntmachungen für Görlitz-Stadt und -Land“ mit einer Erklärung der sowjetischen Besatzungsmacht vom 10. Mai konfrontiert. Stalins Versprechen „An die deutsche Bevölkerung“ wirken beruhigend und lassen viele hoffen, dass die sowjetischen Sieger bei aller Strenge Nazi- und Kriegsverbrechern gegenüber sich zivilisiert verhalten und allgemein gültige Rechtsnormen einhalten werden. Vielleicht ist es sogar mehr, als man von dem einst brutal bekämpften Gegner erwarten durfte, wenn man da liest:
- Die Rote Armee bringt den Frieden und tastet die friedliche Bevölkerung nicht an.
- Sie garantiert die Unversehrtheit des Eigentums, die Freiheit der Religionsausübung und der Berufstätigkeit.
- Verfolgt werden ausschließlich Nazi- und Kriegsverbrecher, die Gerichten übergeben werden.
- Nominelle unbelastete Mitglieder der Nazipartei und ihrer Gliederungen unterliegen keinerlei Verfolgungen.
- Der Zivilbevölkerung droht keinerlei Gefahr.
- Zur Herstellung des normalen Lebens werden deutsche Verwaltungen eingesetzt.
Dass die Bevölkerung auch aufgerufen wird, Nazi- und Kriegsverbrecher sowie „Provokateure“ aufzuspüren und der Roten Armee zu übergeben, wird auch manchen Unschuldigen bedenklich gestimmt haben, werden damit doch erneut Tür und Tor den Denunzianten eröffnet, die auf diese Weise manche private Rechnung der Vergangenheit zu begleichen gedenken oder sich persönliche Vorteile erhoffen.
Görlitzer Zeitzeugen, die ihre Erlebnisse in den Tagen, Wochen und Monaten nach dem Kriegsende tagebuchartig festgehalten haben, lassen keinen Zweifel am Geschehen in dieser Zeit. Der erst unlängst entdeckte 23-doppelseitig beschriebene Schreibmaschinendurchschlag „Bericht über meine Erlebnisse vom 7. Mai 1945 und die folgenden Tage“ des Bestattungsunternehmers der Firma „Oskar Ullrich“ und Direktors des „Adler-Volksversicherungsvereins“ Max Opitz (1886-1953) umfasst die kurze Zeitspanne vom 7. Mai bis 12. Juli 1945.3 Max Opitz, obwohl kurzzeitig bis zu seinem Ausschluss 1935 selbst Mitglied der NSDAP, ist infolge seiner langjährigen Mitgliedschaft in der Görlitzer Freimaurerloge „Carl Wiebe zum ewigen Licht“ (Eintritt 1917, Meister 1919) sowie seiner christlichhumanistischen Grundeinstellung den Prinzipien von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität zu sehr verpflichtet, um sich nicht auch unter persönlicher Gefährdung der Bedrängten und in Not geratenen Mitbürger anzunehmen. Sein Erlebnisbericht enthält Namen, die dem Kundigen etwas sagen und bei eingehender Betrachtung sowie Heranziehung zeitgeschichtlicher Quellen nicht nur Geschichten, sondern Geschichte offenbaren. Ab 1936 gibt er mehr als einem Dutzend von den Nazis wegen ihrer SPD-Mitgliedschaft aus den Ämtern geworfenen und anderen in ihrer Existenz bedrohten Görlitzern Lohn und Brot. Unter ihnen sind der Stadt-Jugendpfleger Willy Leisten, der Vorsitzende der Görlitzer SPD Wilhelm Baumgart, der Vorsitzende des Görlitzer Arbeiter-Samariterbundes Hermann Arndt, der Sekretär der Landarbeitergewerkschaft Fritz Biermann, der Studienrat Paul Gatter, der ehemalige sozialdemokratische Stadtverordnete Hermann Tausch, das ehemalige Reichsbannermitglied Franz Schwarzbach, aber auch Dr. Schiller von der Freireligiösen Gemeinde oder das spätere CDU-Mitglied Georg Nowak sowie 5 Mitglieder Görlitzer Freimaurerlogen und rassisch Verfolgte wie die Ehefrau des jüdischen Logenbruders Ephraim Skala. Der mit seiner jüdischen Ehefrau von den Nazis drangsalierte Gymnasial-Professor Robert Gaertner erinnert sich in einem Schreiben vom 21.6.1946: „Und gerade damals besuchten Sie mich und zeigten sich namentlich meiner jüdischen Ehefrau gegenüber von solch herzgewinnenden Art, dass ich wiederholt auf die Gefahren hinweisen musste, die Ihr Verkehr bei uns Ihnen bringen musste… Ihr Bestreben, Gott und der Menschheit wohlgefällige Werke zu vollbringen, ist am Neißestrand bekannt.“4
Als der ehemalige Breslauer SPD-Stadtverordnete Karl Pietsch aus dem KZ Groß Rosen entlassen und ihm die Lebensmittelkarte in Breslau entzogen wird, findet er ebenfalls eine Existenzsicherung in der Firma von Max Opitz, der sich mit seinem Kompagnon Hermann Richter auch um die im Unternehmen beschäftigten französischen und belgischen Kriegsgefangenen kümmert. Im Juni 1945 holen Karl Pietsch und Wilhelm Baumgart auch den ehemaligen Breslauer SPD-Bezirksvorsitzenden Heinrich Bretthorst kurzzeitig in das Haus von Max Opitz, bevor dieser weiterzieht und dieselbe Funktion in Leipzig einnimmt.
Über das für manchen lebensrettende Klima in der Firma und den durch die SPD-Gruppe gegen die Nazis geleisteten Widerstand liegen Erinnerungsberichte von Wilhelm Baumgart und Hermann Arndt vor.5 Als im November 1945 der Adler-Volksversicherungsverein aufgelöst und in die Staatliche Versicherungsanstalt eingegliedert wird, erinnert Max Opitz in einem Gedicht an die dramatische gemeinsame Zeit:
„Die Rote Ecke“
(an Herrn Wilhelm Baumgart)
Sie heißt die Rote Ecke
Im alten Winkelhaus,
Dient manchem zum Verstecke,
der dort ging ein und aus!
Dort konnte mancher leisten
Geheimen Widerstand
In Stadt und Land am meisten
Getarnt und unerkannt.
Die Winterstürme wichen
Dem Wonnemonat Mai.
Der „ADLER“ ist gestrichen,
Es grüßt der Frieden frei!
Gar manche nicht mehr lenken
Den Schritt zum Winkelglück.
Zur Roten Ecke denken
Doch alle gern zurück!
Und die noch heute stehen
In Arbeit dort und Brot,
Den möge gut es gehen,
Was ab und zu auch droht.
Wir möchten Ihnen danken,
Dass auch ihr guter Rat
In letzter Zeit in Schranken
Gefahr gehalten hat.
Mag ihnen sein beschieden
Noch manche gute Zeit
Zu wirken für den Frieden
Und für die Einigkeit!
Für den offenkundig gegen die NS-Politik agierenden Max Opitz mag seine durch Blindheit gegebene Schwerbehinderung sowie sein als Frontsoldat mit Kriegsauszeichnungen hoch dekorierter Sohn Paul-Hermann (Vater meiner Frau Katharina)6 ein gewisser Schutz gewesen sein. Als nach 1945 von den Alliierten das legitime Anliegen der „Entnazifizierung“ verwirklicht wird, dient es in der Sowjetischen Besatzungszone auch dazu, „Kapitalisten“ und politisch Unliebsame aus dem Weg zu räumen. Das Denunziationswesen gewinnt, wie schon unter den Nazis, großen Raum. Doch die (ehemaligen) Angestellten von Max Opitz stehen wie eine Eins hinter ihrem (früheren) Chef und stellen ihm beste Zeugnisse menschlichen Verhaltens aus. Von den bei ihm tätig gewesenen Sozialdemokraten erlangen nach Kriegsende nur Paul Gatter und Willy Leisten zeitweilig verantwortliche Positionen, bevor sie wieder aus ihren Ämtern...




