Jurjew Halbinsel Judatin
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-99027-116-2
Verlag: Jung u. Jung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 302 Seiten
ISBN: 978-3-99027-116-2
Verlag: Jung u. Jung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Oleg Jurjew geboren 1959 in Leningrad, wo er in den 1980er Jahren als führender Autor der Leningrader Avantgarde galt. Er lebt seit 1990 als Lyriker, Dramatiker, Essayist und Erzähler in Frankfurt am Main.
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KAPITEL 1 und I
– … – und die Verkäuferin Werka, aus dem Inneren des Kiosks »Lebensmittel. Kulturwaren. Petroleum.« weißleuchtend mit ihrem großen Gesicht, gelbleuchtend mit ihrer mächtigen Frisur, stieß mit dem Nagel des kleinen Fingers (pikgleich zugespitzt, herzgleich zugeklebt mit Alufolieherzchen) einen Batzen schwarzkörnige Sülze (an der Schnittfläche durchgestoßen von ihr und gleich wieder zugewachsen) durch den Schlund eines leeren Birkensaft-Dreiliterglases (das ihr über den mit changierend-bläulichem Blech beschlagenen Ladentisch von außen hingehalten wurde). – . Und sie weitete, die Mull-Ärmelschoner hochstreifend, triumphierend die für einen Moment ihr Blau verlierenden Augen. Unsichtbar hinter dem fadenscheinigen wollenen Kopftuch und dem Mantelstoff-Rücken der Semjonowna hockte ich mich hin und begann, bemüht, die glänzenden Hacken ihrer Galoschen nicht mit meinen Atemwölkchen zu beflecken, erneut die mit langschlaufigen Flecken umgebenen Halterungen meiner stubsnasigen »Karelotschka«-Skier hineinzudrücken und zuschnappen zu lassen. Die Halterungen verrutschten, sprangen ab und schlugen schmerzhaft an die vereisten Finger.
Durch die Stube schiebt sich (die Augen füllend und sich mit den Kanten der Dinge anfüllend) ein schräger bläulicher Streif, vom Wandspiegel entzweit und verdoppelt. Über meinem verschnupften Nasensattel (dem zwischen den ein wenig nach innen gekrümmten Hörnern des Kissens konkav aufglänzenden). Über das Kopfteil des Betts (das obere Gitter zu vernickeltem Glanz ansteckend; doch die Löchlein für die unwiederbringlich abgeschraubten Kügelchen sind schwarz). Durch das oben spitze Schießschartenfenster (sein unteres Drittel ist mit einem Gardinchen zugepinnt, einem glanzlosen, ungleichmäßig in kleinen Wülstchen gebauschten). Her von dem gußeisernen Meer, das sich hufeisenrund um das immer noch schneebedeckte Ufer legt. Von dem an der letzten Ausbuchtung der sowjetischen Meere stehenden Rotbanner-Orden-Flugzeugmutterschiff »Der wahre Mensch« (dieses grausige Buch von Boris Polewoj hat mir im vorvorigen Sommer meine Großtante Zilja vorgelesen – von einem beinlosen Flieger, der einen Igel aufaß). Am Heck des Flugzeugmutterschiffs – fast unsichtbar in dem Lichtdunst neben dem Strahl und in der plötzlichen Schwärze, wenn der Strahl vorüber ist, befindet sich der Zerstörer »Dreißigster Jahrestag des Sieges«, klein wie eine Jolle. In einem Monat wird man ihn in »Vierzigster Jahrestag« umbenennen, doch das ist noch ein Militärgeheimnis; als wir in der Bezirkskommandantur an der Sadowaja den Passierschein ins Grenzgebiet bekamen, unterschrieben wir, nichts davon zu sehen und zu hören. Ich habe nicht unterschrieben – , sagte der Diensthabende vom Bezirk. Für mich hat Lilka unterschrieben, sie ist schon groß. Praktisch erwachsen – sie hat schon richtige Brüste mit Warzen wie die Enden von geräucherten Würstchen und einen Mann, Jakow Markowitsch Permanent.
Die Küchentür ist links, oben und unten von Licht umrissen. Hinter der Tür schnauft etwas, pfeift dazu und ächzt. Dann erstirbt es für eine Sekunde und schmatzt wohlig-schmerzlich mit einem Nachröcheln: Jakow Markowitsch Permanent hört die . »Ich verstehe nichts, Lilkindchen! Weiß der Teufel, was das soll! Fisimatuckelt nicht! Der Gottesdienst hätte längst anfangen müssen, im Bi-Bi-Ssi!« – sagt Jakow Markowitsch Permanent und hebt – ohne sich umzuwenden – vom Radio der Vermieterin, einer alten Rigaer »Sakta«, sein rötliches Gesicht mit der schmalen gewölbten Stirn und dem von der Wangenmitte an sich nach unten verjüngenden Bart, einem so dichten, hellen und festen, als sei er einmal eingeseift und dann so gelassen worden – nicht abrasiert, doch auch nicht abgespült.
»Hier wird nie gestört, in dieser Ödnis jenseits aller Grenzen – das fehlte noch – hier zu stören. Nein, da ist was passiert! Das ist sonnenklar, da ist wieder was passiert!«
Er bückt sich erneut zum Sender – buckelkrumm – auf dem quietschenden Hocker und berührt mit dem aus der Stirn gekämmten Haar die gelbe, mit Wollfäden quer durchsteppte Stoffblende der »Sakta«. Der Bart gleitet, mit angedrückter Spitze, über die vom Rauchen verfärbten Tasten, die kleinen Finger mit den sauberen länglichen Nägeln drehen den von feuchten Halbkreisen befleckten Senderwahlknopf erbittert mal rechts, mal links bis zum Anschlag. Über die Skala mit den von innen angeleuchteten Strichelchen, Ziffern und Namen ausländischer und unserer Städte zuckt das aufrechte rote Fädchen hin und her. »Leiser, du weckst den Jungen«, bittet Lilka teilnahmslos in seinen von aschenen Locken verhüllten Nacken hinein, hebt den braunen, von verschieden großen Muttermalen dicht bestreuten Arm in dem zurückfallenden Ärmel hoch und reibt sich mehrmals rasch das Jochbein an den Falten des Oberarms. Die gußeiserne Klappe des Küchenherds ist leicht geöffnet, von dort kommen trockene lange Funken geflogen, fallen auf das Ofenblech und verschwinden. In dem gigantischen Topf (mit den roten Schreibschriftbuchstaben »GSE HJ« am Bauch, »Grenzschutzeinheit Halbinsel Judatin«) spuckt und blubbert Borschtsch für eine Woche. Daneben, in der aus Leningrad mitgebrachten Emailleschüssel, wird die Hühnerbouillon für Permanent seinetwegen zum dritten Mal abgekocht. – ereifert sich Großtante Fira, wenn sie und die Beschmentschiks Lilkas Mann durchhecheln: , antworten die klugen Beschmentschiks. Mir ist kalt unter den sieben Militärdecken, in dem unendlich hohen Zimmer, dem von den bläulichen Streifen vom Meer her geschaukelten. Ich spanne die Waden an und strecke mit Gewalt die Zehen nach vorn. Erkaltet liegt die Wärmflasche auf dem Bauch, wie die Frosch-Prinzessin.
Dort, in der Küche, schlurft Lilka (in den tungusischen Wildlederpantoffeln mit den Pelzbommeln auf dem hohen Spann) heiter über die gequollenen Dielen, leise scheppert die Schöpfkelle an dem Billigmessing des Topfs, es faucht nur und fisimatuckelt nicht die vorsintflutliche »Sakta« der Vermieterin in dem hellen Sperrholzgehäuse. Jakow Markowitsch ist offenkundig auch selber nicht froh, uns hergeschleppt zu haben, in diese unbegrenzte Ödnis, in diese Grenzzone hinter Wyborg, in die nicht einmal Störsender senden – und auch noch für die volle Zeit der Frühjahrsferien! Wir wußten ja nicht, daß es im Frühling, wenn der Schnee abnimmt und das Eis bricht, hier, im tiefen Rußland, besonders an der Küste, bleiern nach irgendwelchem Vorjahrsmüll zu stinken anfängt: nach den Packen der Zeitung »Roter Stern«, die sich den Winter über zu grauen zottigen Briketts abgelagert haben, nach halbaufgetauten Kuhfladen, Pferdeäpfeln vom Vorjahr, Hasenküttel und Tod. Am 9. März, Samstag, vertrat er in der letzten Stunde unsere Klassenlehrerin und erzählte uns die ganze Stunde außerplanmäßig, wie Peter I. die ehemalige schwedische, davor Nowgoroder Festung Oreschek erobert hat. Nach Hause zu gehn hatten wir zusammen – die schnalzenden Trolleybusleitungen entlang, über den in den Sohlen der gequollenen Botten schmatzenden, von dem großflockigen, im Flug verschwindenden Schnee schräg gestrichelten Newski – schweigend. Doch der Newski roch nach nichts, allenfalls leicht – nach den Bus-Auspüffen, schwach – nach Schuhkrem aus den Buden der Assyrer, die das gesamte Schuhputzgeschäft in Leningrad kontrollieren, und schwadenweise nach dem heißen tierischen Fett aus den Piroggen-, Tschebureki- und Pfannkuchen-Stuben. Ohne Lilka, die die Augen geschlossen und das Kinn gehoben hatte, zu küssen, lief Permanent sofort in das Wohnzimmer, zum Fernseher – mit der beschlagenen vergoldeten Brille, die er von innen mit den Daumenkuppen abwischte, im wehenden Mantel mit den vom Schnee funkelnden Schultern, in den am Reißverschluß aufschlappenden Halbstiefeln, die auf dem Parkett flüssige schwarze Hufeisen hinterließen. Im ersten Programm – ein...




