E-Book, Deutsch, Band 29, 384 Seiten
Reihe: Historical Präsentiert
Joyce König der Schmuggler dreister Verführer
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7337-7541-4
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 29, 384 Seiten
Reihe: Historical Präsentiert
ISBN: 978-3-7337-7541-4
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stolz und unbezwingbar am Steuerrad seiner schwarzen Fregatte, so brachte der berüchtigte Schmuggler Jack Greystone das Herz der schönen Evelyn d'Orsay zum Beben. Damals rettete er sie und ihre Familie furchtlos vor dem sicheren Tod. Heute steht die frisch verwitwete Comtesse wieder am Abgrund, und es gibt nur einen, der ihr helfen kann: Captain Jack Greystone! Doch der verführerische Draufgänger weist ihre erneute Bitte um Hilfe eiskalt ab - und küsst sie gleichzeitig so heiß, dass die Wellen der Sehnsucht höher schlagen ...
Brenda Joyce glaubt fest an ihre Muse, ohne die sie nicht New-York-Times-Bestseller-Autorin hätte werden können. Ihre Ideen treffen sie manchmal wie ein Blitz - zum Beispiel beim Wandern, einem ihrer Hobbys neben der Pferdezucht. Sie recherchiert für ihre Historicals so genau, dass sie auch reale historische Figuren und sogar echte Zeitungsschlagzeilen von damals in ihre Romane einbinden kann. Oft verliebt sie sich beim Schreiben regelrecht in ihre Hauptfiguren.
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PROLOG
Brest, Frankreich, 5. August 1791
Ihre Tochter wollte nicht aufhören zu weinen. Evelyn hielt Aimee auf dem Schoß und betete, dass sie sich beruhigte – ein schier aussichtsloses Unterfangen angesichts der schlechten Straßenverhältnisse und der irrsinnigen Geschwindigkeit, mit der die Kutsche durch die Nacht raste und die Passagiere auf ihren Sitzen hin und her schleuderte.
Wenn Aimee doch nur schlafen würde! Nun, da es ihnen geglückt war, aus Paris zu fliehen, hatte Evelyn Angst, dass man ihnen gefolgt war und das Schreien des Kindes Verdacht erregte und unerwünschte Aufmerksamkeit auf sie zog.
Doch ihre Tochter hatte Angst, weil sie selbst Angst hatte. Ein Kind spürte die Gemütsregungen seiner Mutter. Und Evelyn hatte Angst um Aimee. Es gab nichts Wichtigeres für sie als das Kind. Sie würde ihr Leben geben, um es zu schützen.
Aber was, wenn Henri starb?
Evelyn d’Orsay drückte das vierjährige Mädchen fest an sich. Sie saß vorn, neben dem Kutscher Laurent, der gleichzeitig der Kammerdiener ihres Mannes war und sich als wahrer Alleskönner entpuppt hatte. Der Comte d’Orsay hing zusammengesunken auf der hinteren Sitzbank zwischen ihrer Zofe Bette und Laurents Frau Adelaide. Evelyn warf einen Blick über die Schulter. Ihr Ehemann war totenblass.
Es stand nicht gut um seine Gesundheit. Schon seit ein paar Jahren litt Henri an der Schwindsucht. Würde er diese aberwitzige Jagd durch die Nacht und die Überfahrt nach England überstehen, oder musste sie fürchten, dass ihn sein Herz im Stich ließ? Die Anstrengungen waren Gift für ihn. Er brauchte dringend einen Arzt.
Wenn es ihnen nur gelang, aus Frankreich herauszukommen, wenn sie es nach England schafften! Dann waren sie in Sicherheit.
„Wie weit ist es noch?“, fragte sie flüsternd. Aimee hatte aufgehört zu weinen; sie war tatsächlich eingeschlafen.
„Wir sind fast da, glaube ich.“ Laurent und sie sprachen Französisch miteinander. Evelyn war Engländerin, doch sie hatte die Sprache schon fließend beherrscht, als sie den Comte d’Orsay kennengelernt hatte und gleichsam über Nacht seine blutjunge Braut geworden war.
Die Pferde waren schweißbedeckt und schnaubten vor Anstrengung. Gottlob hatten sie ihr Ziel bald erreicht, jedenfalls wenn Laurent sich nicht täuschte. Bald würde es hell werden. Der belgische Schmuggler, der sie an Bord seines Schiffes nehmen sollte, erwartete sie bei Sonnenaufgang.
„Werden wir uns verspäten?“ Evelyn sprach leise, was angesichts des Ratterns und Ächzens der Kutsche lächerlich war.
„Ich schätze nicht“, erwiderte Laurent stirnrunzelnd. „Aber wir sollten keine Zeit verlieren.“ Er streifte sie mit einem kurzen Seitenblick. In seinen Augen las sie Sorge.
Evelyn wusste, was ihm durch den Kopf ging – sie alle dachten an nichts anderes. Die Flucht aus Paris war gefahrvoll gewesen. Sie würden niemals zurückkehren, auch nicht in ihr Schloss im Loiretal. Sie mussten Frankreich für immer verlassen. Ihr Leben stand auf dem Spiel.
Aimee schlief fest. Evelyn strich ihr über das seidige dunkle Haar und kämpfte die Tränen der Angst und der Verzweiflung nieder.
Abermals sah sie über die Schulter und musterte ihren viel älteren Ehemann. Seit sie Henris Frau war, führte sie ein Leben wie im Märchen. Als sie ihn zum ersten Mal getroffen hatte, war sie eine mittellose Waise gewesen, angewiesen auf die Wohltätigkeit ihrer Tante und ihres Onkels. Henri hatte sie zur Comtesse d’Orsay gemacht. Er war ihr bester Freund und der Vater ihrer Tochter. Sie und Aimee verdankten ihm unendlich viel.
Evelyn machte sich entsetzliche Sorgen um ihn. Brustschmerzen plagten ihn schon den ganzen Tag, aber er hatte darauf beharrt, dass sie die Flucht seinetwegen nicht aufschoben. Ein Nachbar von ihnen war letzten Monat verhaftet worden, wegen angeblicher Staatsverbrechen. Aber der Vicomte de LeClerc hatte sich nichts zuschulden kommen lassen, das wusste Evelyn ganz genau. Sein einziges Verbrechen bestand darin, dass er von Adel war …
Wie gewöhnlich, hatten sie den größten Teil des Jahres auf Henris Familiensitz im Loiretal verbracht und waren erst im Frühling für ein paar Wochen in die Hauptstadt gereist, um Einkäufe zu machen, das Theater und die Oper zu besuchen und an den vielen Empfängen teilzunehmen. Bereits bei ihrem allerersten Aufenthalt, vor der Revolution, hatte Evelyn sich in die Stadt verliebt, doch das Paris jener Tage gab es nicht mehr, und wäre ihnen klar gewesen, welche Verhältnisse dort mittlerweile herrschten, sie hätten den Besuch abgesagt.
Horden aufgebrachter Bürger, Handwerker und Bauern durchstreiften die Stadt auf der Suche nach denen, die etwas besaßen, stets bereit, sich an all jenen zu rächen, die sie zu ihren Feinden zählten. Auf den Champs-Élysées zu flanieren hatte Evelyn vor der Revolution großes Vergnügen bereitet. Nun war es schlicht lebensgefährlich. Es fanden keine Empfänge mehr statt, und die Läden, in denen der Adel eingekauft hatte, waren seit Langem geschlossen.
Henris verwandtschaftliche Beziehungen zum Königshaus waren nie ein Geheimnis gewesen. Doch von dem Moment an, da ein Hutmacher ihren Mann denunziert hatte, war ihrer aller Leben schlagartig zum Albtraum geworden. Ein aufgebrachter Mob von Sansculotten belagerte seitdem ihr Stadtpalais, und jedes Mal, wenn Evelyn das Haus verlassen hatte, war ihr jemand gefolgt. Irgendwann hatte sie nicht mehr den Mut gehabt, auf die Straße zu gehen. Und dann war LeClerc verhaftet worden.
„Ihr seid als Nächste dran“, hatte einer der Männer feixend zu ihren Fenstern hinaufgerufen und den Vicomte in Fesseln abgeführt.
Von dem Augenblick an waren sie tatsächlich Gefangene des Mobs gewesen. Evelyn hatte befürchtet, dass man sie daran hindern würde, die Stadt zu verlassen, wenn sie es versuchten. Als zwei Offiziere der Nationalgarde bei ihnen aufgetaucht waren, hatte sie damit gerechnet, dass Henri verhaftet würde, doch stattdessen war die gesamte Familie d’Orsay unter Hausarrest gestellt worden. Dass diese Männer sogar über Aimee Bescheid wussten, hatte den Ausschlag gegeben. Henri und sie waren sich einig gewesen, dass sie fliehen mussten.
Der Vorschlag, es den unzähligen französischen Emigranten gleichzutun und nach England zu gehen, stammte von Henri. Evelyn hatte der Idee begeistert zugestimmt. Sie war in Cornwall zur Welt gekommen und aufgewachsen und vermisste die felsige Küste, die einsamen Moore und den rauen Winter ebenso wie die freimütigen, arbeitsamen Menschen des Landstrichs. Sie sehnte sich nach einer Tasse starkem Tee im Dorfgasthaus und nach den ausufernden Festen, wenn ein Schmuggler mit einer Ladung wertvoller Fracht eintraf. Das Leben in Cornwall war hart und schwer, doch es hatte auch schöne Seiten. Natürlich würden sie hauptsächlich in London leben, aber sie mochte die Stadt. Sie konnte sich keinen besseren – und sichereren – Ort vorstellen, um ihre Tochter aufzuziehen.
Aimee verdiente so viel mehr. Was sie indes ganz bestimmt nicht verdiente, war, ein weiteres unschuldiges Opfer dieser entsetzlichen Revolution zu werden!
Als Erstes jedoch mussten sie an Bord des Schmugglerschiffs gehen und den Kanal überqueren. Und Henri musste durchhalten.
Bei dem Gedanken überlief Evelyn ein Frösteln, und sie spürte, wie die Angst sie zu überwältigen drohte. Henri brauchte ärztliche Behandlung, und einen Moment lang war sie versucht, die Fahrt zu unterbrechen und sich darum zu kümmern. Unvorstellbar, was aus ihr werden sollte, wenn er starb. Aber er wollte sie und Aimee unbeschadet außer Landes bringen. Und für sie selbst stand ihre Tochter an erster Stelle.
„Geht es meinem Mann besser?“, fragte sie bang.
„Non, Madame.“ Ihre Zofe schüttelte bedauernd den Kopf. „Ich glaube, Monsieur le Comte benötigt dringend einen Arzt.“
Wenn sie eine Pause machten und einen Arzt kommen ließen, mussten sie einen weiteren Tag in Brest bleiben, vielleicht sogar länger. Ihr Verschwinden würde binnen Stunden bemerkt, spätestens heute Abend. Ob man ihnen auf den Fersen war? Evelyn konnte es nicht sagen. Sie wusste nur, dass die Männer der Nationalgarde ihnen untersagt hatten, die Stadt zu verlassen, und dass sie trotzdem gefahren waren. Wenn man nach ihnen suchte, würde es in Brest oder Le Havre sein. Von diesen beiden Häfen liefen die meisten Schiffe nach England aus.
Ihr blieb keine andere Wahl. Entschlossen ballte sie die Hände zu Fäusten. Sie war es nicht gewohnt, Entscheidungen zu treffen, schon gar nicht so folgenschwere. Aber ohne Aufenthalt würden sie sich in einer Stunde auf See befinden, außer Reichweite ihrer Verfolger.
Sie erreichten die Außenbezirke von Brest und fuhren an schmucken kleinen Häusern vorüber. Laurent tauschte einen verschwörerischen Blick mit ihr.
Kurz darauf konnte Evelyn das Salz in der Luft riechen. Laurent lenkte das Gespann auf den Innenhof einer Herberge, die im Hafenviertel lag. Als er die Kutsche zum Stehen brachte, jagten Wolken über den Himmel und schoben sich vor den verblassenden Mond. Evelyns Anspannung wuchs, als sie Bette ihre schlafende Tochter reichte und vom Kutschbock kletterte. Es ging laut zu in der Schankstube. Aber wenn der Gasthof voll war, schenkte man ihnen vielleicht keine Beachtung.
Oder vielleicht erst recht.
Aimee wieder entgegennehmend, stand sie da und wartete, während Laurent nach drinnen ging, um jemanden zu holen, der ihm half, den Comte ins Haus zu bringen. Sie trug eins von Bettes Kleidern und den dunklen Kapuzenumhang einer anderen Dienerin. Auch...




