Joyce | Ein Porträt des Künstlers als junger Mann | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Joyce Ein Porträt des Künstlers als junger Mann

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-15601-5
Verlag: Manesse
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-641-15601-5
Verlag: Manesse
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der beste Einstieg in die Welt des James Joyce

Mit dieser in Dublin spielenden, autobiografisch gefärbten Coming-of-Age-Geschichte schrieb sich James Joyce in die Weltliteratur ein. Thematisch steckt in diesem aufsehenerregenden Roman schon ein Großteil dessen, was den berühmten Iren ausmacht: Kunst, Sex, Religion, Rebellion und all die damit einhergehenden Verwicklungen.

Ein Junge macht sich auf die Suche nach sich selbst. Anfangs noch ganz im Bannkreis von Konventionen und Autoritäten, entdeckt er nach und nach seine geistigen Fähigkeiten, seine zwiespältige Gefühlswelt und seine Sexualität. Die Hürden seiner Selbstfindung sind vielfältig, muss er sich doch als angehender Künstler von Übervätern emanzipieren. Auch mit der puritanischen Rolle der katholischen Kirche setzt er sich auseinander. Zwischen Moral und Amoral, Anpassung und Auflehnung entwickelt er schließlich den Mut, eigene Wege zu beschreiten.

Joyce’ Roman ist ein Spiegelbild der politischen Situation seiner Epoche und ein grandioses Bekenntnis zum freiheitsstiftenden Potenzial der Kunst.

James Joyce (1882–1941) gilt als einer der einflussreichsten Vertreter der literarischen Moderne in Europa. Wenige Autoren haben stärker auf das 20. Jahrhundert eingewirkt als der revolutionäre irische Sprachmagier. Besonders sein Erfindungsreichtum fasziniert: Wie kein Zweiter beherrschte Joyce das Spiel der Wortschöpfungen und poetischen Lautmalereien.

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I


Es war einmal zu einer Zeit und eine sehr gute Zeit war’s da kam eine Muhkuh die Straße entlang und diese Muhkuh die da die Straße entlangkam traf ein feinches kleinches Jungchen das hieß Baby Tuckuck .....

Sein Vater erzählte ihm diese Geschichte: sein Vater kuckte ihn an durch ein Glas: er hatte ein haariges Gesicht.

Er war Baby Tuckuck. Die Muhkuh kam die Straße entlang wo Betty Byrne wohnte: sie verkaufte Zitronenbonschen.

O die wilde Rose blüht
An diesem kleinen grünen Platz.2

Er sang das Lied. Das war sein Lied.

O die güne Wose bütet.

Wenn man ins Bett macht ist’s erst warm dann wird es kalt. Seine Mutter legte das Öltuch auf. Das hatte den komischen Geruch.

Seine Mutter hatte einen feineren Geruch als sein Vater. Sie spielte auf dem Klavier den Matrosen-Hornpipe für ihn zum Tanzen. Er tanzte:

Tralala lala
Tralala tralaladdi
Tralala lala
Tralala lala.

Onkel Charles und Dante klatschten. Sie waren älter als sein Vater und seine Mutter aber Onkel Charles war älter als Dante.

Dante hatte zwei Bürsten in ihrem Schrank. Die Bürste mit maronenbraunem Samt auf der Rückseite war für Michael Davitt und die Bürste mit grünem Samt auf der Rückseite war für Parnell.3 Dante gab ihm jedes Mal ein Lakritzdragee wenn er ihr ein Stück Seidenpapier brachte.

Die Vances wohnten in Nummer sieben. Sie hatten einen anderen Vater und eine andere Mutter. Das waren Eileens Vater und Eileens Mutter. Wenn sie erwachsen waren würde er Eileen heiraten.

Er versteckte sich unter dem Tisch. Seine Mutter sagte:

– Oh, Stephen entschuldigt sich – komm raus!

Dante sagte:

– Oh, wenn nicht, kommen die Adler und hacken ihm die Augen aus.

Ihm die Augen aus,
Schuldigt sich komm raus,
Schuldigt sich komm raus,
Ihm die Augen aus.

Schuldigt sich komm raus,
Ihm die Augen aus,
Ihm die Augen aus,
Schuldigt sich komm raus.

Die weitläufigen Spielfelder wimmelten von Jungs. Alle brüllten, und die Präfekten trieben sie mit lauten Schreien an. Die Abendluft war blässlich und kühl, und nach jedem Angriff und Abschlag der Rugbyspieler flog die glitschige Lederkugel wie ein schwerer Vogel durch das graue Licht. Er hielt sich am Rand seiner Stufe, außer Sichtweite des Präfekten, außer Reichweite der brutalen Füße, tat hin und wieder so, als renne er. Er spürte seinen Körper klein und schwach mitten im Getümmel der Spieler, und seine Augen waren schwach und wässrig. Rody Kickham war ganz anders: er würde Kapitän der dritten Stufe4 werden, sagten alle Kameraden.

Rody Kickham war ein anständiger Kamerad, aber Nasty Roche war ein Stinksack. Rody Kickham hatte Schienbeinschoner in seiner Nummer5 und einen Esskorb im Refektorium. Nasty Roche hatte große Hände. Er nannte den Freitagspudding Hund-im-Schlafrock. Und eines Tages hatte er gefragt:

– Wie ist dein Name?

Stephen hatte geantwortet:

– Stephen Dedalus.

Dann hatte Nasty Roche gesagt:

– Was ist das denn für ein Name?

Und als Stephen zu keiner Antwort imstande gewesen war, hatte Nasty Roche gefragt:

– Was ist dein Vater?

Stephen hatte geantwortet:

– Ein Gentleman.

Dann hatte Nasty Roche gefragt:

– Ist er Friedensrichter?

Er schlich am Rande seiner Stufe von Stelle zu Stelle herum, machte hin und wieder kleine Sprints. Aber seine Hände waren bläulich vor Kälte. Er behielt seine Hände in den Seitentaschen seiner grauen Schultracht. Das hieß Tracht, was er da trug. Und Tracht war auch, jemandem eine Tracht zu verpassen. Eines Tages hatte ein Kamerad zu Cantwell gesagt:

– Ich verpass dir auf der Stelle eine Tracht.

Cantwell hatte geantwortet:

– Such dir mal einen passenderen Gegner zum Verprügeln. Verpass lieber Cecil Thunder eine Tracht. Da möcht ich dich mal sehen. Der würd dir selber mal richtig in den Arsch treten.

Das war gar kein schöner Ausdruck. Seine Mutter hatte ihn angehalten, nicht mit den ruppigen Jungs im College zu sprechen. Feine Mutter! Am ersten Tag in der Halle vom Schloss beim Verabschieden, da hatte sie, um ihn zu küssen, ihren Schleier doppelt hochgeschlagen bis zur Nase: und ihre Nase und ihre Augen waren rot. Aber er hatte so getan, als ob er nicht sehen würde, dass sie gleich weinen musste. Sie war eine feine Mutter, aber sie war nicht so fein, wenn sie weinte. Und sein Vater hatte ihm zwei Fünfshillingstücke als Taschengeld gegeben. Und sein Vater hatte ihn angehalten, ihm nach Hause zu schreiben, wenn er irgendwas brauchte, und niemals, ganz egal, was er anstellte, einen der anderen Kameraden zu verpetzen. Dann hatte an der Tür vom Schloss der Rektor seinem Vater und seiner Mutter die Hand geschüttelt, während seine Soutane im Luftzug flatterte, und der Wagen war weggefahren, sein Vater und seine Mutter obendrauf. Mit den Händen winkend, hatten sie ihm vom Wagen aus zugerufen:

– Wiedersehen, Stephen, Wiedersehen!

– Wiedersehen, Stephen, Wiedersehen!

Er geriet in den Wirbel eines Ballgerangels und bückte sich aus Angst vor den blitzenden Augen und schlammigen Stiefeln, um durch die Beine zu schauen. Die Kameraden rackerten und stöhnten, und ihre Beine rieben sich und traten und stampften. Dann bugsierten Jack Lawtons gelbe Stiefel den Ball heraus, und alle anderen Stiefel und Beine rannten hinterher. Er rannte ihnen ein kleines Stück nach und blieb dann stehen. Es war nutzlos, weiterzurennen. Bald würden sie über die Ferien heimfahren. Nach dem Abendessen im Studiersaal würde er die Nummer, die innen an seinem Pult festgeklebt war, von siebenundsiebzig in sechsundsiebzig ändern.

Besser wär’s, im Studiersaal zu sein, als da draußen in der Kälte. Der Himmel war blässlich und kühl, aber im Schloss, da gab es Lichter. Er fragte sich, aus welchem Fenster Hamilton Rowan seinen Hut in den Ha-Ha geschmissen hatte,6 und waren da zu jener Zeit wohl Blumenbeete unter den Fenstern gewesen? Eines Tages, als er ins Schloss gerufen worden war, hatte der Kellermeister ihm die Einschusslöcher von den Kugeln der Soldaten gezeigt und ihm ein Stück von dem Spritzgebäck gegeben, das die Gemeinschaft aß. Es war fein und warm, die Lichter im Schloss zu sehen. Das war wie etwas in einem Buch. Vielleicht war Leicester Abbey so ähnlich. Und da gab es feine Sätze in Doctor Cornwells Buchstabierbuch. Die waren wie Gedichte, aber es waren bloß Sätze, um zu lernen, wie man richtig buchstabierte.

Wolsey7 starb in Leicester Abbey,
Wo die Äbte ihn begruben.
Krebs heißt ein Tier am Meeressaum,
Krebs heißt ein übles Leiden.

Es wäre fein, auf dem Kaminvorleger vorm Feuer zu liegen, den Kopf auf die Hände gestützt, und an diese Sätze zu denken. Ihn schauderte, als wäre da kaltes schleimiges Wasser direkt an seiner Haut. Das war fies gewesen von Wells, ihn in den Lokusgraben zu schubsen, weil er seine kleine Schnupftabakdose nicht gegen Wells’ bewährte Hackkastanie hatte tauschen wollen, den vierzigfachen Sieger. Wie kalt und schleimig das Wasser gewesen war! Ein anderer Kamerad hatte mal eine dicke Ratte in die Kloake springen sehen. Ihn schauderte, und er hätte am liebsten geweint. Es wäre fein, zu Hause zu sein. Mutter saß mit Dante am Feuer und wartete drauf, dass Brigid den Tee reinbrachte. Sie hatte die Füße auf dem Kaminvorsetzer, und ihre Juwelenpuschen waren so heiß, und sie hatten so einen herrlichen warmen Geruch! Dante wusste viele Sachen. Sie hatte ihm beigebracht, wo die Straße von Mosambik lag und welcher der längste Fluss von Amerika war und wie der höchste Berg auf dem Mond hieß. Pater Arnall wusste mehr Sachen als Dante, weil er Priester war, aber sein Vater und Onkel Charles sagten alle beide, dass Dante eine kluge Frau war und eine belesene Frau. Und wenn Dante nach dem Essen dieses eine Geräusch machte und dann ihre Hand vor den Mund hielt: das war Sodbrennen.

Eine Stimme rief weit draußen auf dem Spielfeld:

– Alle rein!

Dann riefen andere Stimmen aus der Unterstufe und der dritten Stufe:

– Alle rein! Alle rein!

Die Spieler sammelten sich, hitzegerötet und verschlammt, und er ging mit ihnen mit, froh, wieder reinzudürfen. Rody Kickham hielt den Ball an seinem glitschigen Gummi. Ein Kamerad bat ihn, ihm noch einen zum Abschluss zu verpassen: aber er ging weiter, ohne dem Kameraden auch bloß eine Antwort zu geben. Simon Moonan sagte ihm, er solle nicht, weil der Präfekt kuckte. Der Kamerad wandte sich zu Simon Moonan um und sagte:

– Wir wissen doch alle, warum du quatschst. Du bist Mc-Glades Schmarotzer.

Schmarotzer war ein komisches Wort. Der Kamerad nannte Simon Moonan so, weil Simon Moonan immer dem Präfekten die falschen Ärmel hinter dem Rücken zusammenband und der Präfekt immer so tat, als wär er böse. Aber es hörte sich hässlich an. Einmal hatte er sich in der Toilette im Wicklow Hotel die Hände gewaschen, und sein Vater zog anschließend den Stöpsel an der Kette raus, und das schmutzige Wasser lief durch das Loch im Waschbecken ab. Und als es dann langsam ganz abgelaufen war, hatte das Loch im Waschbecken ein Geräusch gemacht, das so klang: schmarotz. Bloß lauter.

Von der Erinnerung daran und dem weißen Aussehen der Toilette wurde ihm kalt und dann heiß. Da waren zwei...


Joyce, James
James Joyce (1882–1941) gilt als einer der einflussreichsten Vertreter der literarischen Moderne in Europa. Wenige Autoren haben stärker auf das 20. Jahrhundert eingewirkt als der revolutionäre irische Sprachmagier. Besonders sein Erfindungsreichtum fasziniert: Wie kein Zweiter beherrschte Joyce das Spiel der Wortschöpfungen und poetischen Lautmalereien.

Rathjen, Friedhelm
Friedhelm Rathjen, Jahrgang 1958, ist ausgewiesener Joyce-Kenner und einer der profiliertesten deutschen Übersetzer (Herman Melville, Mark Twain, Robert Louis Stevenson u.a.); seine 2004 erschienene Joyce-Monografie gilt als Standardwerk. 2013 erhielt er den Paul-Celan-Preis für sein Gesamtwerk und insbesondere für die Übersetzung von James Joyce' "Porträt des Künstlers als junger Mann" (Manesse Verlag).



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