E-Book, Deutsch, Band 71, 400 Seiten
Reihe: Historical Gold Extra
Joyce Die heißen Küsse der Revolution
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7337-6083-0
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 71, 400 Seiten
Reihe: Historical Gold Extra
ISBN: 978-3-7337-6083-0
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Cornwall, 1793: Die junge Julianne ist eine glühende Anhängerin der neuen Pariser Republik. Dass die sich gerade im Krieg mit ihren englischen Landsleuten befindet, kümmert die hübsche Adelige nicht. Ohne eine Sekunde zu zögern, versteckt sie einen verwundeten Franzosen, der Hilfe suchend in Greystone Hall auftaucht. Schon bald erliegt sie dem Charme des betörenden Mannes, in dessen grünen Augen sie das Feuer der Revolution brennen sieht. Seine heißen Küsse entfachen ihre Leidenschaft sogar noch heftiger als die gemeinsame Sache! Doch dann erfährt sie: Ihr romantischer Charles ist in Wahrheit ein flüchtiger Aristokrat- und ein Spion ...
Brenda Joyce glaubt fest an ihre Muse, ohne die sie nicht New-York-Times-Bestseller-Autorin hätte werden können. Ihre Ideen treffen sie manchmal wie ein Blitz - zum Beispiel beim Wandern, einem ihrer Hobbys neben der Pferdezucht. Sie recherchiert für ihre Historicals so genau, dass sie auch reale historische Figuren und sogar echte Zeitungsschlagzeilen von damals in ihre Romane einbinden kann. Oft verliebt sie sich beim Schreiben regelrecht in ihre Hauptfiguren.
Autoren/Hrsg.
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1. KAPITEL
2. Juli 1793 – Penzance, Cornwall
Sie war sehr spät dran.
Julianne Greystone sprang aus dem Einspänner, den sie gerade vor dem Laden des Hutmachers gestoppt hatte. Die Gesellschaft der Friends of the People traf sich nebenan, im Saal des White Hart Inn, aber davor waren alle Rastplätze bereits belegt. Nachmittags war hier immer viel los. Sie vergewisserte sich, dass die Schleifbremse des Einspänners angezogen war, klopfte der alten Mähre auf die Flanken und schlang eilig den Riemen des Zaumzeuges um den Pfosten.
Sie kam ungern zu spät. Es lag nicht in ihrer Natur, herumzutrödeln. Anders als die anderen Damen, die sie kannte, nahm Julianne das Leben sehr ernst.
Für die anderen Damen gab es nur Mode und Einkäufe, gegenseitige Besuche zum Tee sowie Empfänge, Tänze und Abendgesellschaften, aber diese Damen lebten auch in ganz anderen Verhältnissen als Julianne. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass es in ihrem Leben jemals eine Zeit der Muße gegeben hatte. Juliannes Vater hatte die Familie noch vor ihrem dritten Geburtstag im Stich gelassen, doch schon zuvor hatten sie beengt und sehr sparsam gelebt. Als jüngster Sohn hatte der Vater über keinerlei Mittel verfügt und war doch ein Verschwender gewesen. Während sie auf dem Landgut der Familie aufwuchs, musste sie all die Arbeiten verrichten, für die unter ihresgleichen eigentlich die Dienerschaft zuständig war. Julianne kochte, erledigte den Abwasch, schleppte Brennholz, bügelte die Hemden der Brüder, fütterte die beiden Pferde, mistete den Stall aus, ständig wartete eine Pflicht auf sie. Nie war genug Zeit, um all das zu erledigen, was noch getan werden musste und dennoch fand Julianne es unentschuldbar, zu spät zu kommen.
Eigentlich dauerte die Fahrt von ihrem Landgut bei Sennen Cove bis in die Stadt eine Stunde. Aber an diesem Tag hatte ihre ältere Schwester Amelia die Kutsche genommen. Egal, ob es stürmte oder schneite, an jedem Mittwoch verfrachtete Amelia die Mutter in die Kutsche, um den Nachbarn Besuche abzustatten. Es störte sie nicht, dass Momma keinen Menschen mehr erkannte. Momma war alt und gebrechlich und hatte nur noch selten all ihre Sinne beisammen. Es kam sogar vor, dass sie nicht einmal ihre Töchter erkannte, aber sie genoss diese Besuche. Niemand konnte so fröhlich und so ausgelassen sein wie sie. Momma schien sich noch immer als Debütantin zu betrachten, die von ihren vergnügten Freundinnen und ritterlichen Verehrern umgeben war. Julianne konnte sich nur annähernd vorstellen, wie es für ihre Mutter gewesen sein musste, in einem luxuriösen Haushalt aufzuwachsen. Im Heim ihrer Eltern wurde selbst der kleinste Handgriff von der Dienerschaft übernommen, als junge Frau trug sie teure Kleider und genoss den Reichtum. Doch das war lange bevor die Kolonisten in Amerika ihre Unabhängigkeit erkämpften. Diese Zeit war nur von kurzen Kriegen geprägt und kannte keine Furcht, keinen Hass und keine Revolution. Es war eine Zeit des unumschränkten Glanzes gewesen, voller verschwenderischer Prahlerei und himmelschreiende Zügellosigkeit. Eine Zeit, in der niemand das Leid und die Armut der kleinen Leute auf der Straße auch nur sah.
Die arme Momma. Nachdem Juliannes Vater sie verlassen hatte, um sich den Spielsalons und den liederlichen Frauenzimmern in London, Antwerpen und Paris hinzugeben, war sie in sich zusammengebrochen. Aber Julianne war sich nicht sicher, ob ein gebrochenes Herz auch den Verstand ausschalten konnte. Manchmal glaubte sie, dass es dafür einen ganz anderen, einfachen Grund gab. Ihre Mutter kam anscheinend mit den düsteren, bedrohlichen Zuständen der modernen Welt nicht zurecht und flüchtete sich in eine Scheinwelt.
Aber der Arzt hatte empfohlen, mit ihr unter die Leute zu gehen, und die ganze Familie stimmte dem zu. Also musste sich Julianne heute mit dem Einspänner und ihrer zwanzig Jahre alten Stute begnügen. Die Fahrt hatte doppelt so lang gedauert.
Noch nie war Julianne so ungeduldig gewesen. In Wahrheit lebte sie nur für diese monatlichen Zusammenkünfte in Penzance. Julianne hatte die Gesellschaft im vergangenen Jahr gemeinsam mit ihrem Freund Tom Treyton gegründet, nachdem König Ludwig der XVI. vom Volk abgesetzt und Frankreich zur Republik erklärt worden war. Tom Treyton war ebenso radikal wie Julianne und glaubte wie sie an die Ideale der Französischen Revolution. Die Kräfte in Paris setzten alles daran, die Not und die Mühsal der Bauern und der kleinen Bürger zu lindern. Aber niemals hätten Julianne und Tom zu träumen gewagt, dass die Revolution das Ancien Régime, diese traditionell uneingeschränkte Herrschaft des Königshauses, eines Tages tatsächlich hinwegfegen würde.
Jede Woche gab es eine neue verblüffende Wendung im Kampf um die Freiheit für die gewöhnlichen Bürger in Frankreich. Erst letzten Monat hatten sich die Führer der Jakobiner in der Nationalversammlung an die Macht geputscht und viele Mitglieder der Opposition verhaften lassen. Doch daraus war auch eine neue Verfassung hervorgegangen, die jedem Mann das Wahlrecht gab! Es war zu schön, um wahr zu sein. Im April war in Paris ein Wohlfahrtsausschuss gegründet worden, der die Regierungsgeschäfte vorübergehend übernahm und Julianne war ganz erpicht darauf zu erfahren, welche Reformen er nun planen und umsetzen würde. Es gab so viele Kriege auf dem Kontinent. Die neue französische Republik wollte ganz Europa die Freiheit bringen. Dafür hatte die Regierung in Paris den Habsburgern im April 1792 den Krieg erklärt. Aber die radikalen Ansichten von Julianne und Tom sowie ihre Begeisterung über Frankreichs neue politische Führung wurden in England nur von wenigen geteilt. Im Februar hatte Großbritannien sich mit Österreich und Preußen verbündet und war in den Krieg gegen Frankreich eingetreten.
„Miss Greystone.“
Julianne wollte gerade den Jungen des Mietstalls auf der anderen Straßenseite herbeiwinken, um ihn zu bitten, der alten Stute Wasser zu geben, als sie die strenge Stimme vernahm. Sie zuckte zusammen und wandte sich langsam um.
Richard Colmes funkelte sie wütend an. „Sie können den Wagen hier nicht abstellen.“
Sie wusste genau, warum er sich ihr in den Weg stellte. Julianne strich eine blonde Strähne aus ihrem Gesicht. Auffallend höflich erwiderte sie: „Die Straße ist für alle da, Mr Colmes. Guten Tag, Mr Colmes. Wie geht es Mrs Colmes?“
Der Hutmacher war ein kleiner, untersetzter Mann mit grauem Backenbart. Seine Perücke war zwar nicht gepudert, dafür aber gut in Schuss, und auch sonst wirkte er von den weißen Strümpfen und den Lederschuhen bis hinauf zu dem bestickten Mantel makellos. „Ich werde Ihre Gesellschaft nicht dulden, Miss Greystone.“
Julianne hätte ihre Wut am liebsten ausgeschnauft, doch stattdessen lächelte sie ihn reizend an. „Es handelt sich wohl kaum um meine Gesellschaft“, begann sie.
„Sie haben sie doch gegründet. Ihr Radikalen schmiedet finstere Pläne, um dieses großartige Land zu Fall zu bringen!“, rief er wütend. „Ihr seid doch alle Jakobiner und trefft euch nur, um gleich nebenan hinterhältige Komplotte zu schmieden. Sie sollten sich schämen, Miss Greystone!“
Julianne blickte ihn streng an. „Dies ist ein freies Land, Sir, und jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung. Wir können uns auch neben Ihrem Laden treffen, wenn John Fowey uns das erlaubt.“ John Fowey war der Besitzer des Inn.
„Fowey ist genauso verrückt wie ihr!“, schrie Mr Colmes. „Wir befinden uns im Krieg, Miss Greystone, und Sie und Ihresgleichen unterstützen den Feind. Zweifellos werden Sie die Franzosen mit offenen Armen begrüßen, wenn sie über den Kanal kommen!“
Julianne reckte das Kinn in die Höhe. „Sie vereinfachen eine sehr komplizierte Angelegenheit auf unzulässige Weise, Sir. Ich unterstütze die Rechte jedes Einzelnen, selbst der Vagabunden, die hier in die Stadt kommen, um sich eine Mahlzeit zu erbetteln. Ja, ich gehöre zu den Unterstützern der Revolution in Frankreich, aber das tut eine große Anzahl unserer Landsleute! Ich befinde mich in guter Gesellschaft mit Thomas Paine, Charles Fox und Lord Byron, um nur einige der herausragenden Köpfe aufzuführen, die erkannt haben, dass die Veränderungen in Frankreich nur zum Wohle der ganzen Menschheit sind. Ich bin eine Radikale, Sir, aber…–“
Mr Colmes schnitt ihr das Wort ab. „Sie sind eine Verräterin, Miss Greystone, und wenn Sie Ihren Karren nicht selbst von hier wegschaffen, werde ich es für Sie erledigen.“ Er drehte sich um, stapfte in seinen Laden. Dabei knallte er die Tür so fest hinter sich zu, dass die Glasscheibe klirrte und die Glöckchen klingelten.
Julianne zitterte vor Wut. Ihr wurde übel. Zu gerne hätte sie dem Hutmacher erklärt, dass auch sie ihr Land über alles liebte. Schließlich konnte man Patriot sein und trotzdem die neue Republik in Frankreich unterstützen. Man konnte Patriot sein und gleichzeitig für politische Reformen und gesellschaftliche Veränderungen eintreten, sowohl im eigenen Land als auch anderswo.
„Komm schon, Millie“, sagte sie zu der betagten Stute. Sie führte das Pferd und den Einspänner über die Straße zu dem Mietstall, doch der Streit ging ihr nicht aus dem Kopf. Mit jeder Woche wurde der Umgang mit den Nachbarn schwieriger und schwieriger, dabei kannte sie alle von Kindesbeinen an. Früher war sie in jedem Geschäft und in jedem Salon mit offenen Armen und einem freundlichen Lächeln begrüßt worden. Aber damit war es vorbei.
Die Revolution in Frankreich und die Kriege auf dem Kontinent hatten das ganze...




