E-Book, Deutsch, Band 4, 436 Seiten
Joss Des Hauses Hüterin
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96148-779-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 4, 436 Seiten
Reihe: Ein Fall für Selkirk und Poole
ISBN: 978-3-96148-779-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Morag Joss wuchs an der Westküste Schottlands auf und studierte an der Londoner Guildhall School of Music. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter als freie Schriftstellerin in der Nähe von Bath im Süden Englands. Dieser mondäne Kurort ist auch Schauplatz ihrer Kriminalromane. Für ihren brillanten Spannungsroman »Des Hauses Hüterin« erhielt sie den Silver Dagger Award der Crime Writers' Association. Die Website der Autorin: moragjoss.com Morag Joss veröffentlichte bei dotbooks ihren preisgekrönten psychologischen Spannungsroman »Des Hauses Hüterin«. Außerdem erscheinen bei dotbooks ihre Krimi-Reihe um Detective Inspector Andrew Poole und die Cellistin Sara Selkirk: »Der Klage dunkles Lied« »Des Todes heller Klang« »Des Grabes stumme Melodie«
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FEBRUAR
Ein paar Wochen später erfasste Michael ein schales Gefühl der Vertrautheit angesichts seiner Verfassung. Schon vorher hatte er solche Zeiten erlebt, Zeiten, in denen Hell und Dunkel ineinander übergingen und ein Teil seines Wesens sich von der Welt, in der sein Körper lebte, zu entfernen schien und in einer eigenen Nische wohnte. So etwas überfiel ihn unvermittelt, aber gewöhnlich folgten diese Phasen auf irgendwelche Schwierigkeiten, wie zum Beispiel sein Erscheinen vor Gericht. Und im Winter war es noch viel schlimmer, weil er gegen Ende der zweiten Woche, wenn er glaubte, wieder aufstehen und sich waschen zu können, erst einmal die Kälte überwinden musste, und dieser spezielle Kampf konnte ihn, wie es dieses Mal der Fall war, noch ein paar Tage länger festhalten.
Er war noch dünner geworden, denn Essen und Waschen erforderten unvorstellbare Anstrengungen. Wenn es gar nicht mehr anders ging, schleppte er sich zum Lebensmittelgeschäft und kaufte einige Dosen Suppe und Brot. Wenn er in den nächsten Tagen das Gefühl hatte, er müsse etwas im Magen haben, löffelte er die Suppe kalt aus der Dose. Weder der süßliche, halb faule Gemüsegeschmack, das klebrige Gefühl der weichen Klumpen in seinem Mund noch die Botschaft, die sein Magen danach aussandte und die eher Übelkeit signalisierte, als dass sein Hunger gestillt war, schienen ihn zu berühren. Auch nicht der immer größer werdende Stapel geöffneter und nicht leer gegessener Dosen neben seinem Bett, deren Metallgeruch dem Zimmer einen säuerlichen Gestank verlieh.
Tagelang lag er da, als habe er eine mehr oder weniger halbherzige Affäre mit dem Tod, und wartete, ob dieser sich einstellen werde. In seiner Apathie würde er keinen Widerstand leisten, aber er würde ihm auch nicht entgegeneilen. Er würde also sterben, ohne Selbstmord zu begehen, was ja immerhin einen gewissen Einfallsreichtum von ihm erfordert hätte, und dazu war er nicht fähig. Er besaß nicht die Kraft, sich lange genug mit dem Problem seines Körpers zu beschäftigen, um seinen Herzschlag, seinen Atem und seine Verdauung zum Stillstand zu bringen. Selbst die kleinste Abweichung von der Gewohnheit erforderte fast unmögliches schöpferisches Denken. Und genau das bewog ihn, mehr als Stolz oder ein verkümmerter Begriff von Anstand, aufzustehen, wenn er pinkeln musste. Wie durch einen Nebel überlegte er, dass eine feuchte Matratze ihn schließlich zwingen würde, aufzustehen und aufzubleiben, aber seine Benommenheit war so stark, dass er den Moment hinauszögerte, bis er dann kaum mehr aufrecht gehen konnte und mit Überdruck auf der Blase zur Toilette stolperte.
Dieses Mal nahm er einmal pro Tag seine Suppe zu sich und schlief stundenlang. Dazwischen starrte er über die Bettdecke hinweg auf den Fernseher, den Ton abgeschaltet. Da er seinen Fernseher nicht angemeldet hatte und vermutete – da er keine Ahnung hatte, wie so etwas funktionierte –, dass ein Detektor-Van irgendwie die Geräusche registrierte, hatte er sich angewöhnt, ohne Ton fernzusehen. Und da er sowieso nicht aufnahm, was er sah, bildete die Stille auch einen Schutz gegen das Unverständnis gegenüber dem, was sich auf der Leinwand abspielte. Er beobachtete Gesichter, die zuhörten, redeten, lachten, schrien, weinten, sah darin nicht nur die Gesichter von Fremden, sondern von Menschen, die er beobachtete, um herauszufinden, wie sie funktionierten, konnte dies aber weder verstehen noch sich vorstellen, dass er es genauso machte. Er starrte auf den Bildschirm und überlegte leicht verwundert, warum er so vollkommen anders war, denn es war offensichtlich, dass ihm ein grundlegendes Verständnis fehlte, das all diese Menschen miteinander verband und ihn ausschloss. Während sie Meinungen, Hoffnungen, Ideen, Eigenheiten, Marotten und Überspanntheiten an den Tag legten, entdeckte er nichts davon bei sich. Er war unerträglich langweilig und unwichtig. Manchmal träumte er, er sei kein Mensch, wusste aber nicht, was er stattdessen war. Bei anderen Menschen hatte er den Eindruck, dass ein Fluss sie durchströmte, eine belebende Flüssigkeit in ihren Venen zu pulsieren schien, was auch immer sie taten. In seinen Venen brodelte nichts, hier war alles still und ruhig. Wenn er überhaupt mit etwas gefüllt war, war es weiße Asche. Michael hatte das Gefühl, dass in ihm ein leerer Raum war, den bei anderen Menschen die Motive einnahmen, die ihr Leben antrieben.
Eines Morgens, noch vor Tagesanbruch, hob er auf dem Rückweg vom Bad sein Heidi-Buch vom Boden auf und nahm es mit ins Bett. Einige Stunden lag es so unaufgeschlagen neben ihm, aber von Zeit zu Zeit strich er über den Umschlag und dachte über die Geschichte nach. Das Buch gehörte zusammen mit David Copperfield, Oliver Twist und Eine kleine Prinzessin zu seinen Lieblingslektüren. Vor vielen Jahren hatte er diese Bücher als Sonderausgabe für Kinder von Beth geschenkt bekommen. Sie selbst war nicht gerade eine Leseratte gewesen, also hatte sie sie ihm geschenkt, um sein offensichtliches Interesse an Büchern zu fördern. Um den Gedanken an Beth zu verdrängen, setzte sich Michael auf und öffnete das Buch. Es tat ihm weh, wenn er daran dachte, wie sie immer versucht hatte, ihn zu ermutigen, auch wenn es ihr nicht gelang, ihn zu verstehen: Ihre Bemühungen mit den Büchern, mit seiner Schauspielerei, sie erklärte sogar, er erfinde Geschichten, wenn alle anderen behaupteten, er erzähle Lügen. Er knipste das Licht neben dem Bett an. Er wollte nicht lesen, sondern die Bilder anschauen. Solange er es schaffte, Beth aus seinen Gedanken zu verdrängen, würde er bald wieder auf die Beine kommen. Er war sich dessen ganz sicher, als er wie zufällig anfing zu lesen, seinen Lieblingsabschnitt (in dem der brummige alte Großvater Heidi im Heuschober ein kleines Bett bereitet hatte, das nur ihr gehörte), und dabei, wie immer, in Tränen ausbrach.
Später stand er auf, suchte ein paar frische Kleidungsstücke zusammen und klopfte an Kens Tür auf der anderen Seite des Flurs. Ken schien dankbar, ihn zu sehen. Michael nahm ein Bad und kehrte dann in Kens Wohnzimmer zurück. Die Gemeindeschwester war da gewesen, und Ken war ganz geschafft und sagte nicht viel. Er saß in seiner üblichen Kombination aus Pyjama und Tageskleidung in seinem Tagesstuhl. Um den Hals trug er ein Ding an einer Schnur, das er drücken konnte, falls er fiel, und das irgendwo einen Alarm auslöste. Die Schwester hatte ihm auf das Plastiktablett neben seinem Stuhl einen Teller mit einem Sandwich gestellt und eine Plastikfolie darüber gespannt. Außerdem hatte sie die Fernbedienung, den Express von gestern und ein Glas frisch gepressten Orangensaft bereitgestellt. Ein Plastikbecher mit mehreren Tabletten stand auf einem Stück Papier, auf dem zu lesen war: UM 12 UHR EINNEHMEN, NACH DEM ESSEN, NICHT FRÜHER. Ken wirkte heute aufgedunsener als sonst. Seine Gehhilfe befand sich in Reichweite. Michael stellte fest, dass der Nachtstuhl direkt hinter Kens Tagesstuhl stand und nicht im Bad, und das Telefonkabel war von dem kleinen Tisch an der Tür quer durch das Zimmer gezogen worden, so dass er danach fassen konnte, ohne aufstehen zu müssen. Das hieß aber nicht, dass Ken viele Anrufe bekam. Michael fühlte sich etwas besser, aber nur bedingt. Während Ken vor sich hin döste, trocknete er sein Haar und empfand für seinen Nachbarn nur vages Bedauern; er hatte noch nicht herausgefunden, wo bei ihm die Stelle zu finden war, an der echtes Mitleid angesiedelt war. Er fragte nicht, ob Ken ihn vermisst hatte. Er hätte nicht gewusst, was er mit der Antwort hätte anfangen sollen, mit der Last, ihn enttäuscht zu haben, wenn er mit Ja geantwortet hätte. Sie verloren kein Wort darüber, wie er während Michaels übler Wochen zurechtgekommen war, als er nicht bei Ken reingeschaut hatte, um einen kleinen Schwatz mit ihm zu halten oder ein paar Dinge für ihn zu besorgen.
»Weißt du, Ken«, sagte er, »ich habe heute ein gutes Geschäft in den Cotswolds vor. Die Schwester kommt doch noch mal, oder?«
Die Schwester kam immer noch mal um halb fünf und machte ihn fertig fürs Bett, was Michael wusste, aber seine Nachfrage klang besorgt und schien Ken zu gefallen. Er nickte und krächzte, dass er ein Glückspilz wäre und dass Michael auf sich aufpassen solle, und als er ihn mit einem wackeren Heben der Hand verabschiedet hatte, machte Michael sich davon.
Der Van fuhr nur unter Protest nach Painswick, aber Michael fühlte sich jetzt so viel besser, dass er dies lediglich als zusätzliche Herausforderung betrachtete. Ein leichtes Brummen unter der Kühlerhaube würde Jeff Stevenson, den Hilfsgeistlichen von St. Margaret, Burnham Norton, nicht aus der Fassung bringen. Dieses Mal hatte Michael angerufen und mit der Frau im Pfarrhaus gesprochen. Der Pfarrer erwartete Jeff Stevenson. Auf der Fahrt dorthin gewann Michael Spaß an der Vorstellung, sich in Jeff zu verwandeln.
Es würde wie immer ein Kinderspiel sein. Michael war immer ein guter Schauspieler gewesen. Bereits seine Lehrer hatten ihm Talent bescheinigt. Vielleicht hätte er tatsächlich Schauspieler werden sollen. Wenn er die Jahre irgendwo anders als in Beths Haus am Rande von Swindon verbracht hätte, hätte er es vielleicht geschafft, aber es war unmöglich, von dort aus den Sprung zu schaffen. Beth hatte keine Ahnung. Aber er hatte ganz entschieden Schauspieltalent, denn er besaß die Gabe, völlig zu vergessen, dass er Michael war. Vermutlich war er mit diesem Talent geboren worden, denn es war das Einzige, was ihm natürlich erschien und keine Mühe machte. Er streifte seine Identität ab und schlüpfte in eine neue. Das war, als ob er Urlaub vom Ich machen würde. Und dieses Gefühl, Michael hinter sich zu lassen und jemand anderer zu werden, erfüllte ihn jedes Mal mit solcher...




