E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Josephson Bist du sauer auf mich?
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7558-1144-2
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie du aufhörst, anderen gefallen zu wollen, und endlich dein Leben lebst | Das perfekte Buch für alle People Pleaser und Overthinker
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-7558-1144-2
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
MEG JOSEPHSON ist Psychotherapeutin und Meditationslehrerin und hat über 500.000 Follower*innen und Millionen von Likes auf Instagram, TikTok und Substack. Meg Josephsons Ansatz verbindet westliche klinische Ansätze mit buddhistischen Lehren und Praktiken.
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Einleitung
»Warum denke ich nur immer, alle wären sauer auf mich?«, frage ich meine Therapeutin.
Es ist unsere erste Sitzung – an einem schwülen, heißen Tag in New York City. Ihre salbeigrüne Praxis liegt zwischen Union Square und Chelsea, und der schrille Lärm vorbeirasender Sirenen driftet herein wie eine Brise. Ich bin zwanzig Jahre alt und arbeite in diesem Sommer zwischen meinem zweiten und dritten College-Jahr als Praktikantin bei einem Lifestyle-Magazin. Ich habe genug zusammengespart, um mir über den Sommer fünf bis sieben Sitzungen bei ihr leisten zu können, daher spreche ich ein stummes, an niemanden gerichtetes Stoßgebet, dass sie mich schnell wieder auf Vordermann bringt.
Meine Eingangsfrage quittiert sie mit einem langsamen Nicken, atmet tief ein, wartet auf mehr, während ich darauf warte, dass sie etwas sagt. Sie rückt die Brille mit den rechteckigen rot gerahmten Gläsern zurecht, schlägt erneut die Beine übereinander, und mein Blick fällt auf das Bild über ihrem Sessel: Ich kneife die Augen zusammen, neige den Kopf und versuche zu entscheiden, ob es sich um das Gemälde einer Blume oder einer Vagina handelt.
Am Ende unserer gemeinsamen fünfzig Minuten und nachdem ich ihr einiges an Hintergrundinfos über mein bisheriges Leben geliefert habe, verlasse ich ihre Praxis mit nassem, verheultem Gesicht und einer Buchempfehlung über erwachsene Töchter alkoholkranker Eltern. Ein bisschen seltsam, aber okay. Ich hatte gehofft, besagte Therapeutin würde mir verraten, was mit mir »los« war, dass sie einen Drei-Stufen-Plan für mich hätte, eine Wundertüte, eine 2.0-Version meiner selbst.
Stattdessen fragte sie mich die meiste Zeit nach meiner Kindheit aus und vermittelte mir in unseren Sitzungen behutsam die Erkenntnis, dass ich zwar nicht mehr zu Hause wohnte – es sich aber in mancher Hinsicht anfühlte, als sei ich immer noch dort. Zwar fürchtete ich die Launen meines Vaters nicht mehr, hatte aber jedes Mal, wenn mein Chef mir eine Mail schrieb, Angst, gefeuert zu werden. Ich analysierte nicht mehr den Tonfall meines Vaters, um zu hören, ob er getrunken hatte, jetzt analysierte ich, was es wohl bedeuten mochte, wenn meine Freundin mir eine Textnachricht mit einem Punkt am Ende schickte statt eines Ausrufezeichens. Ich musste nicht mehr »perfekt« und »brav« sein, um den häuslichen Frieden zu wahren, merkte jedoch, dass ich immer noch fürchtete, als etwas anderes als brav oder perfekt zu gelten.
Diese Hypervigilanz – dieses unbewusste Gefühl, ständig in höchster Alarmbereitschaft, ständig auf der Hut zu sein – war der Faden, der sich durch meine Kindheit wie auch mein Erwachsenenleben zog. In diesem Sommer begriff ich endlich, dass meine Ängste nicht nur Phobien waren, die es zu überwinden galt; tatsächlich erfüllten sie sogar einen wichtigen Zweck – sie hatten mein vergangenes Ich beschützt. Was ich als Selbstsabotage betrachtete, hatte einst dem Selbstschutz gedient.
Nach jenem Sommer musste ich mich der Einsicht stellen, dass Heilung womöglich nicht das Abhaken von Kontrollkästchen bedeutete, sondern ein unbequemer, ein chaotischer Prozess der Selbstbetrachtung war, eine Innenschau. Puh! Aber ich war motiviert. Und wenn es etwas gab, dessen ich mir absolut sicher war, dann dies: Ich wollte nicht mehr in tiefer Furcht leben. Ich fühlte mich gespalten: in einen jüngeren Teil, der in Angst lebte, und den klügeren »Eltern«-Teil, der wusste, dass eine bessere, friedlichere Existenz möglich war. Ich wusste nur nicht, wo ich anfangen sollte.
So viele Menschen, vor allem Frauen, quälen sich ständig mit der Befürchtung, man sei ihnen böse. »Bist du sauer auf mich?«, fragen wir bang unsere Partnerinnen und Partner oder besten Freundinnen und Freunde – wenn die lediglich miese Laune haben oder nicht gleich zurückschreiben –, fragen wir unsere Kolleginnen und Kollegen, die uns nicht gegrüßt haben, als wir ihnen auf dem Weg zur Toilette begegneten. Oder vielleicht fragen wir nicht mal, sondern grübeln lieber stumm unter der Dusche, bis unsere Hände schrumpelig geworden sind, liegen nachts um halb eins hellwach und beklommen im Bett – bis wir zu erschöpft sind, um uns weiter das Hirn zu zermartern.
Dass wir uns heute – angesichts des ständigen Austauschs, in dem wir miteinander stehen – so viele Gedanken darum machen, wie andere uns sehen, mag merkwürdig erscheinen. Doch es sind genau diese unendlichen Quellen gegenseitiger Bestätigung und gegenseitigen Zuspruchs (texten, Nachrichten mit Herzchen quittieren, Postings liken, über FaceTime telefonieren, Videos per DM verschicken), die bewirken, dass wir in eine Abwärtsspirale der Verunsicherung geraten.
Wenn unsere Körper derart an diese intensive Kommunikation gewöhnt sind und es dann irgendwie zu einem Rückzug kommt, kann uns das durchaus verunsichern. Es gibt so viele Arten, jemanden wissen zu lassen, dass man an ihn denkt, und folglich auch ebenso viele Möglichkeiten, sich vergessen zu fühlen.
Als ich in jenem Herbst an die Uni zurückkehrte, erlitt ich eine ziemlich üble Gehirnerschütterung, nachdem auf einer Halloween-Party ein Betrunkener mit mir zusammengeprallt war und dabei so eindrucksvoll seine Stirn gegen meine knallte, dass sie fast einen Eindruck hinterließ. Die ärztliche Anweisung lautete: freinehmen, nicht auf Bildschirme starren und möglichst viel im Dunkeln ausruhen. Durch diese jähe Unterbrechung meiner Uni-Routine gelangte ich – ob mir das damals klar war oder nicht – zu einer Meditations- und spirituellen Praxis, die mich auf den Pfad zurück zu mir selbst führte. Denn während dieser Monate der Erholung war ich gezwungen (von der steinharten Stirn des Typen oder vom Universum), mich von Selbstbetäubung, Alkohol und Ablenkungen zu verabschieden. Ich musste bei meinen Gefühlen bleiben, bei den Erinnerungen und Verletzungen, die ich so lange ignoriert, so lange in die kleinen staubigen Winkel meines Körpers und meiner Seele verbannt hatte.
Das wäre wohl die Stelle, an der ich euch in einem kurzen, kargen Absatz erklären würde, wie ich wieder »gesund« wurde. Doch meine emotionale Heilung vollzog sich langsam und unmerklich und ist – anders, als man es sich wünschen würde – nach wie vor nicht abgeschlossen. In den vergangenen Jahren war mir nicht einmal bewusst, wie sehr ich mich verändert hatte, erst im Rückblick fiel mir auf, wie anders ich mich in Situationen, die einst so gewaltige Spannungen ausgelöst hatten, innerlich fühlte. Fünf Minuten Meditation erschienen mir damals, als ich wegen meines inneren Unbehagens so aufgewühlt war, wie eine Ewigkeit. Und dann, eines Tages, merkte ich, dass ich mühelos eine ganze Stunde lang sitzen konnte. Aus einem Monat ohne Alkohol wurden sieben Jahre. Was mich früher in eine Grübelspirale gestürzt hätte, fühlte sich längst nicht mehr so erdrückend an. Ich konnte ein bedrückendes Gefühl aushalten, es identifizieren und begriff, dass ich es gar nicht ändern musste, sondern lediglich meinen Umgang mit ihm.
Nach dem College verspürte ich einen nicht zu leugnenden Drang, Menschen bei ihrem Heilungsprozess beizustehen und die zähere traumaorientierte Arbeit mit achtsamkeitsbasierten Übungen zu verbinden. Die Vorteile, die sich aus der Kombination beider Ansätze ergeben, kannte ich aus eigener Erfahrung. Ich setzte mein Studium an der Columbia University fort und machte meinen Master in Sozialarbeit mit dem Schwerpunkt auf klinischer Praxis, während ich gleichzeitig meine spirituellen Kenntnisse vertiefte und den Buddhismus studierte. Als ich nach meinem Abschluss in Vollzeit als Therapeutin zu praktizieren begann, füllte sich meine Sprechstunde rasch, vor allem mit weiblichen Klientinnen, die sich vor allem mit Ängsten, Beziehungsproblemen, Ziellosigkeit und ihrem Selbstwertgefühl herumschlugen, am allermeisten jedoch mit People Pleasing, also ihrem Drang, es allen recht machen zu wollen.
An einem nebligen Dienstag in San Francisco (Life Update: Mittlerweile war ich auf die andere Seite des Landes gezogen) saß ich in einer Sitzung mit einer Patientin, die davon sprach, wie sie nach gesellschaftlichen Anlässen nach Hause fuhr und dabei immerzu besorgt noch mal all das peinliche Zeug durchging, das sie dort von sich gegeben hatte. Sie redete sich dann ein, dass alle sie hassten, und verkniff es sich gerade noch so, ihrer Freundin eine Entschuldigung zu texten für etwas, das sie nicht einmal klar benennen konnte.
»Warum denke ich bloß immer, alle wären sauer auf mich?«
Und da saß ich, mittlerweile im Therapeutensessel, sah mich plötzlich meinem zwanzigjährigen College-Ich gegenüber und bekam die gleiche Frage gestellt, die ich einst an meine erste Therapeutin gerichtet hatte.
Später an diesem Tag postete ich ein Video auf Social Media, in dem ich erklärte: »Hey, du bist nicht in Schwierigkeiten, alles ist okay. Keiner ist heimlich sauer auf dich. Das gaukelt dir deine Psyche nur vor, weil sie Angst hat. Ich weiß, du fürchtest, insgeheim ein schlechter Mensch zu sein und dass es vielleicht nur eine Frage der Zeit ist, bis alle anderen das herausfinden, aber in Wirklichkeit bist du sicher.«
Noch am selben Tag verbreitete sich das Video wie ein Lauffeuer auf Social Media, und Tausende schrieben Kommentare wie: »Okay, warum heule ich jetzt?«, »Das war … seltsam spezifisch, aber wahr«, »Liest du gerade meine Gedanken?«.
Ich postete weiter Videos zu diesem Thema, diesem Gefühl, die bei Menschen rund um den Globus jedes Mal und ausnahmslos auf die...




