E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Jonas Bis zum Hals
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-09704-2
Verlag: Blessing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-641-09704-2
Verlag: Blessing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sie müssen Entscheider sein und haben doch keine Ahnung, was sie tun sollen. Sie haben sich bis fast ganz oben auf der Karriereleiter hochgeboxt und fallen dann doch wegen Leichtfertigkeiten der Liebe. Sie wollen die Welt aus den Angeln heben und holen sich dabei nur einen Leistenbruch. Männer und Frauen wie die, die sich der große Kabarettist Bruno Jonas für seine Geschichten aus dem Leben gegriffen hat, füllen täglich die großen und kleinen Schlagzeilen, werden bewundert oder belächelt. Und was sie auch anfassen, irgendjemand sorgt schon dafür, dass es in die Hose geht und alle davon erfahren.
„Wem das Wasser bis zum Hals steht, der kann den Kopf nicht mehr in den Sand stecken.“
Der große Kabarettist Bruno Jonas als wandlungsreicher Erzähler. In zehn hintergründigen Geschichten bringt er seine mitten aus dem Leben gegriffenen Figuren in Situationen, die ihr Leben verändern. Jonas erzählt von Menschen, die glaubten, ihr Leben im Griff zu haben – in der Politik und der Wirtschaft in der Familie und im Beruf. Bis zu dem Moment, an dem das Schicksal gnadenlos zuschlägt und damit alles in Frage stellt: Der Reporter Timo Reinfeldt kam zu Geld und Ruhm, indem er Prominente in die Pfanne haute. Doch nachdem ihn beim Beckenbauer-Cup am 7. Loch ein Herzinfarkt ereilte, muss er sich in die Hände eines Arztes begeben, dem er einst die Fälschung seines Doktortitels nachweisen wollte. Ein pensionierter Steuerprüfer, der seine Klienten von Amts wegen bis auf die Unterhosen durchleuchtete, beobachtet seine Frau beim flirten mit dem Mann, der ihm einst seine größte Niederlage beibrachte. Der Altenpfleger Andreas begegnet auf der Demenzstation einem geheimnisvollen Mann, der behauptet in seinem früheren Leben als Profikiller hohe Politiker ins Jenseits befördert zu haben. Ein CSU-Karrierist starrt am Wahlabend fassungslos auf die ersten Hochrechnungen. Ein griechischer Wirt wird mitten in der Krise unverhofft zum Staatspräsidenten. Ein Busfahrer überlegt, wie er seiner Familie schonend beibringt, dass er Lottomillionär ist. Bei einem alten Mann, der sich zum Sterben hingelegt hat, klopfen plötzlich Geburtstagsgratulanten an die Tür.
Verpasste und verpatzte Chancen liegen unter der scheinbar glatten Oberfläche dieser deutschen Musterleben, in die Bruno Jonas überraschend vielstimmig, komisch und nachdenklich eintaucht.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
HerzLos
Mein Leben hing an einem seidenen Faden. Atropos hatte die Schere schon angesetzt. Ich lag auf der Intensivstation des Herzzentrums. Ich fühlte mich miserabel, elendig schwach, ich lag darnieder, so muss man das wohl nennen.
Alle, die mich besuchten, konnten ihr Entsetzen über meinen beklagenswerten Zustand nur unzureichend verbergen. Der Schrecken stand ihnen ins Gesicht geschrieben, als sie mich auf dem Krankenbett liegen sahen, angeschlossen an alle möglichen Apparate, ohne die ich längst verschieden wäre. Verschieden? So sagt man, wenn einer tiefer gelegt wird. Also Erdbestattung, Feuerbestattung, Seebestattung.
Noch lebe ich. Aber wie lange noch? Mir fiel ein, dass ich die Letzten Dinge bisher nicht geregelt hatte. Wie soll mit meinen sterblichen Überresten verfahren werden? Ich finde es schon komisch, dass der Mensch in der Lage ist, sich vorzustellen, wie das ist, wenn er nicht mehr ist. Ich habe mir meine Beerdigung ausgemalt, natürlich in den schönsten Farben. Ich habe alle Reden schon gehört, die Nachrufe gelesen, die Trauer der Hinterbliebenen gesehen. Die Gebinde und Gestecke, die Kränze, die Blumen, die Tränen. Die Trauermienen. Die verstohlenen Seitenblicke. Die Verlogenheiten.
Sehr ergreifend das alles.
Über ein Testament hatte ich nie nachgedacht. Warum sollte ich? Mit 42 Jahren, was gab es da schon erbrechtlich zu regeln? Die Dachgeschosswohnung, die Wertpapiere, das Ferienhaus in den Marken. Es würde sowieso alles meine Frau Teresa bekommen. Teresa, eine Witwe! Wie das klingt! Ich sah schon die Schlagzeile: Timo Reinfeldt – Tod beim Golfen!
Sie haben vielleicht schon einmal von mir gehört. Ich bin Gesellschaftsreporter beim Münchner Abend. Zumindest war ich das bis zu dieser Herzattacke, die mich aus heiterem Himmel niederstreckte. Die Sonne stand hoch, und es war ein heißer Tag im Juli, als ich von einer Minute auf die andere umfiel. Beim Golfen am siebten Loch anlässlich des Beckenbauercups, der einmal jährlich zugunsten der gleichnamigen Stiftung in Griesbach in Niederbayern stattfindet.
Alle waren sie da. Ganz großes Aufgebot. Ein Auflauf wie selten. Die Wichtigen und die Unwichtigen. Alles, was Rang und Namen hat, hatte sich aufgemacht ins Rottal, um für die Beckenbauer-Stiftung Gutes zu tun. Vorstandsvorsitzende, Rennfahrer und ehemalige Spitzensportler, Medaillengewinner einer am anderen, dazu Schauspieler, Musiker, Künstler und Schönheitschirurgen, die mit den Verschnittenen, Gestrafften und Geglätteten und den »Noch-nicht-Verschönten« schäkerten und plauderten. Alles, was ein Eisen halten konnte, bewegte sich über den Platz. Natürlich auch der Franz! Die Lichtgestalt. Es waren auch noch ältere Herren im Wettbewerb, solche, bei denen nicht sicher war, ob sie das Ende des Turniers überhaupt noch erleben würden. Der Boandlkramer ist auch da, hab ich noch im Scherz gesagt. Der Tod hält sich mit Golfen fit! Ich wollte wissen, welches Handicap er hat. Hat der überhaupt die Platzreife? So einen Blödsinn redet man. Man will ja komisch sein. Aber dass der Gevatter Tod bei diesem Turnier auf Sieg spielte, damit hatte niemand, ich am allerwenigsten, gerechnet. Ich hätte es wissen müssen, Witze provozieren ihn. Und er reagierte sofort. Er streckte mich hin aufs Green. An einem hellen Sommertag. Im Fallen entwarf ich schon die Schlagzeilen: Vor dem Loch verreckt! Den letzten Ball ließ er liegen. – Man ist ja Profi.
Ich muss ziemlich tot ausgesehen haben, wie man mir später berichtete. Leichenblass und mit blauen Lippen sei ich im Gras gelegen, kein schöner Anblick. Viele der Anwesenden wollten es einfach nicht wahrhaben – was ich verstehen kann, weil das ja nicht so oft vorkommt, dass bei einem gesellschaftlichen Event wie dem renommierten Beckenbauercup einer stirbt. Journalistisch betrachtet eine Superstory, nur hätte ich sie nicht mehr schreiben können. Das wäre schade gewesen.
Vor den Ereignissen am siebten Loch hatten mich alle auf von Klauberg angesprochen. Jeder wusste Bescheid. Alle hatten die Serie gelesen. Seit dieser Geschichte war die Auflage täglich gestiegen. Es war die alles beherrschende Story dieser Tage. Von Klaubergs tiefer Fall! Baron Nikolaus von Klauberg. Von Klauberg überstrahlte alles in der Medienlandschaft. Er hatte eine Blitzkarriere hingelegt. Ruckzuck war der in höchste Positionen aufgestiegen. Und schließlich war er eines Tages Wirtschaftsminister, Verteidigungsminister und Außenminister, und manche sahen ihn schon im Kanzleramt. Natürlich erinnern Sie sich. Jeder war davon berührt. Von Klauberg, die neue Lichtgestalt! Bis dieser hässliche, kinderpornografische Verdacht auf ihn fiel. Ich habe die Geschichte in den Medien – wie soll ich sagen – angestoßen. Mehr nicht!
Obwohl es nicht sehr freundlich war, was ich über Klauberg schrieb, schien es der Wahrheit ziemlich nahe zu sein. Ich war ein hungriger Journalist, immer auf der Suche nach heißen Storys. Mein Gott, ich hatte einen Ruf zu verlieren! Schließlich galt ich als besonders gemein und hinterhältig, eine sogenannte Edelfeder in der Branche, boshaft zwar, aber stilistisch geschliffen. Ästhetische Hinterfotzigkeiten waren meine Spezialität.
Mein Chefredakteur Jerry Zenker hat mich jedenfalls gelobt. Also Timi, sagte Jerry Zenker, ich kann es nicht oft genug sagen, da ist dir ein Meisterstück gelungen. Timi, nannte er mich, wenn er mir zeigen wollte, dass mir etwas besonders gut gelungen war. Was mir in dieser Form immer unangenehm war, weil ich nie ein Timi war und auch nie sein wollte. Timi klingt in meinen Ohren immer kindlich, und ich sehe sofort einen kleinen Jungen von höchstens fünf Jahren vor mir, der liebevoll einen Collie mit Namen Lassie streichelt. Ich fühlte mich als Timo Reinfeldt immer sehr wohl, als »der Reinfeldt«, der als Kolumnist für den Münchner Abend der Gesellschaft zurückgab, was sie bot. Geschichten aus der Gesellschaft für die Gesellschaft in leicht ironischem Ton.
Timo ist eine Abkürzung für Timotheus, und genauso steht es auch in meinem Pass. Diesen altehrwürdigen Namen gab man mir, weil mein Großvater auch schon so hieß und es in der Familie meines Vaters Tradition war, den Enkel nach dem Großvater zu benennen. Allerdings hieß der Großvater Fürchtegott, was wiederum meiner Mutter nicht gefiel. Und so einigte man sich in der Familie auf Timotheus, was auf Lateinisch so viel heißt wie Fürchtegott. Ich selbst habe mir um die Bedeutung meines Namens nie viele Gedanken gemacht. Wenn man mich allerdings gefragt hätte, welchen der beiden Vornamen ich selbst bevorzugt hätte, so wäre meine Wahl ebenfalls auf die lateinische Variante Timotheus gefallen. Mit Fürchtegott hätte ich mich nie anfreunden können. Es wäre mir zu altmodisch, zu christlich und zu religiös gewesen. Außerdem habe ich mich in meinem Leben nie viel für Gott interessiert. Aber so, wie sich die Dinge entwickelt haben, scheint sein Interesse an mir größer gewesen zu sein, als meines an ihm.
Ich gab nicht viel auf Jerrys Lobhudeleien. So was war nie von Dauer, konnte sich schnell wieder ins Gegenteil verkehren, und dann war ich wieder ein blutiger Anfänger. Nun war es also ein Meisterstück! Ehrlich gesagt, die Fakten waren dürftig. Die Geschichte lag schon Jahrzehnte zurück. Von Klauberg soll in der Pubertät homosexuelle Anwandlungen gehabt haben, behauptete ein junger Mann, der mit ihm im gleichen Fußballverein gespielt hatte. Unter der Dusche soll es zu Berührungen gekommen sein. Es war eigentlich nichts. Wir haben eine kleine Geschichte daraus gemacht. Aber von Klaubergs politische Gegner haben im Wahlkampf immer wieder Anspielungen auf seine angebliche Neigung gemacht. Von Klauberg würde sich verstärkt um die frühkindliche Förderung kümmern. Wie gesagt, viel dran war wohl nicht, und wir haben die Sache zunächst eher als anekdotische Anmerkung geplant, als lustiges Spiel. Aber in solchen Situationen zeigt sich, was einen guten Journalisten ausmacht. Aus wenig viel zu machen, das kann nicht jeder. Aus einigen wenigen Gerüchten habe ich eine spannende Story gestrickt. Es war ein echter Aufreger. Las sich gut, und die Auflage des Münchner Abends stieg. Jerry Zenker war voll des Lobes für mich. Mensch Reinfeldt, Timi, das hast du großartig gemacht. Du hast deine Chance genutzt.
Er meinte damit, dass man alle Quellen zum Sprudeln bringen muss. Von Klauberg und ich kannten uns aus gemeinsamen Internatszeiten. Und ich konnte ein paar Geschichten aus unserer Jugend beisteuern, die eine gewisse pädophile Neigung zwar nicht bewiesen, aber auch nicht ganz entkräfteten. Jungen in einem gewissen Altern, in einem katholischen Internat zusammengepfercht, probieren einiges aus in sexueller Hinsicht. In einem gewissen Alter ist das normal. Nun war der Pädophilieverdacht aber mal im medialen Raum. Von Klauberg sah sich plötzlich den kritischen Fragen von Journalisten ausgesetzt. Man war gespannt, wie sich der junge Politstar damit schlug. War er in der Lage, eine mediale Schlacht zu gewinnen, sie souverän durchzustehen? Und wenn ja, dann war er für höhere Ämter auf jeden Fall geeignet. Aber von Klauberg war nicht der starke Mann, den er uns vorspielte. Er war dünnhäutig und dem Spektakel nicht gewachsen. Er nahm...




