E-Book, Deutsch, Band 3, 376 Seiten
Reihe: edition fünf
Johnson Zaunköniginnen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-942374-77-4
Verlag: edition fünf
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 3, 376 Seiten
Reihe: edition fünf
ISBN: 978-3-942374-77-4
Verlag: edition fünf
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Joyce Johnson (* 1935) arbeitete als Lektorin und schrieb vier Romane. Ihre journalistischen Arbeiten erschienen im New Yorker, Vanity Fair, Harper's und The New York Magazine. Ihr Debüt 'Come and Join the Dance' gilt als erster weiblicher Beat-Roman. Für »Zaunköniginnen', ihre Erinnerungen an die Anfänge als Schriftstellerin, erhielt sie 1983 den »National Books Critic Award'. Doch berühmt wurde sie - zu ihrem eigenen Missfallen - als Kerouacs Geliebte. Die beiden waren von 1957 bis 1958 ein Paar.
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VORWORT
In den frühen Fünfzigern, als ich aufs College ging, waren wir von der Zeit, in der wir lebten, keineswegs begeistert. Wir waren die Silent Generation, aber viel lieber wären wir die Lost Generation gewesen. Damals tanzten auf den Partys die schönsten und selbstbewusstesten Mädchen Charleston. Man ging paarweise aus und trank zu viel Gin und fühlte sich wie F. Scott und Zelda Fitzgerald. Und kein Dichter war so angesagt wie T. S. Eliot. Die Zwanziger Jahre waren uns noch nicht so fern, sondern waren zum Greifen nah: In Mutters Kleiderschrank hingen noch die Flapperkleider.
Alle paar Jahre lassen junge Leute die Beat Generation wiederaufleben. So erlebten wir 1993 in downtown Manhattan ein Revival, als eine Welle von Dichterlesungen die Cafés erfasste und bis auf die Titelseite des New York Magazine schwappte. In einer Anzeige für Khakihosen stieß ich auf ein Foto von Jack Kerouac, wie er an einem warmen Septemberabend lässig vor einer Bar an der McDougal Street namens Kettle of Fish posiert. Aber auf dem Bild war etwas wegretuschiert worden. Eine junge Frau im Hintergrund, die Arme verschränkt, natürlich in Schwarz, mit wartendem Ausdruck. Wie seltsam, alles über diese junge Frau zu wissen, die auf dem Foto fehlte: wie seltsam, lebendig zu sein – und der unsichtbare Schatten eines Mythos.
Beat Women … Um die Jahrhundertwende hatte Rilke ihre Vorgängerinnen in Paris gesehen – Mädchen, die allein ins Musée de Cluny gingen, wo sie mit dem Skizzenblock vor den Wandteppichen mit dem Einhorn saßen und die Millefleur-Stickereien abmalten. »Nur dass gezeichnet wird, das ist die Hauptsache; denn dazu sind sie fortgegangen eines Tages, ziemlich gewaltsam. Sie sind aus guter Familie«, schrieb Rilke in Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. »Aber wenn sie jetzt beim Zeichnen die Arme heben, so ergibt sich, dass ihr Kleid hinten nicht zugeknöpft ist oder doch nicht ganz. Es sind da ein paar Knöpfe, die man nicht erreichen kann. Denn als dieses Kleid gemacht wurde, war noch nicht davon die Rede gewesen, dass sie plötzlich allein weggehen würden.«
Für Rilke gilt es als ausgemacht, dass all die Zeichnerei zu nichts führt. Alles ist im Wandel, und diese verletzlichen, bettelarmen, leicht derangierten Mädchen werden Opfer der Veränderung sein. Sie werden die falschen Männer treffen – Künstlertypen – und sich wegwerfen. »Sie sind ganz nahe daran, sich aufzugeben … Das scheint ihnen ihr Fortschritt.«
Ende der Fünfziger Jahre flüchteten junge Frauen – nicht viele anfangs – wieder einmal ziemlich ungestüm von zu Hause. Auch sie kamen aus guten Familien, und ihre Eltern verstanden einfach nicht, warum die Töchter, die sie mit solcher Sorgfalt erzogen hatten, plötzlich ein Leben in Unsicherheit wählten. Ein Mädchen hatte bis zur Heirat unter dem Dach ihrer Eltern zu bleiben, auch wenn sie vielleicht ein Jahr lang als Sekretärin ging, um flüchtige, aber nicht zu intensive Bekanntschaft mit dem »wirklichen Leben« zu machen. Erfahrungen, Abenteuer – das war nichts für junge Frauen. Man wusste, sie würden mit Sex in Berührung kommen. Sex war Männersache. Für Frauen war es gefährlich wie russisches Roulette; eine ungewollte Schwangerschaft bedrohte das Leben in mehrfacher Hinsicht. Und was die Künste betraf – hübsche junge Frauen fanden ihren Platz als Musen oder im bewundernden Publikum.
Diejenigen unter uns, die von zu Hause flohen, hatten kein brauchbares Rollenvorbild für das, was sie taten. Wir wollten nicht wie unsere Mütter werden, wie unsere altjüngferlichen Lehrerinnen oder die hartgesottenen Karrierefrauen, die auf der Leinwand zu sehen waren. Niemand hatte uns beigebracht, selbst Schriftstellerinnen oder Malerinnen zu sein. Wohl wussten wir von Virginia Woolf, aber sie hatte uns wenig zu sagen. Sie wirkte entmutigend privilegiert, hineingeboren in die Welt der Literatur, in gesellschaftliche Beziehungen und Reichtum. Das »eigene Zimmer«, von dem sie schrieb, setzte voraus, dass dessen Bewohnerin über ein Einkommen verfügte. Dank unserer Collegebildung konnten wir uns für fünfzig Dollar die Woche als Tippse durchs Leben schlagen – kaum genug für Essen und die Miete für ein winziges Apartment in Greenwich Village oder North Beach, fast nichts für Schuhe oder die Stromrechnung. Wir wussten nichts von Jean Rhys, der Schriftstellerin, von ihrem frühen Ausbruch aus dem bürgerlichen Leben und ihrem gefährlichen Dahintreiben in der Pariser Boheme der Zwanziger Jahre; vielleicht hätten wir uns mit ihrem mangelnden Glauben ans eigene Schreiben identifizieren können, hätten in der quälenden Passivität ihrer Beziehungen zu Männern eine beherzigenswerte Warnung entdeckt. Keine Warnung aber hätte uns zurückhalten können, so hungerten wir danach, uns ins volle Leben zu stürzen. Auch Härte und Not wollten ausgekostet sein.
Natürlich verliebten wir uns in Männer, die Rebellen waren. Und verliebten uns leicht, überzeugt wie wir waren, dass sie uns mitnehmen würden auf ihre Reisen und Abenteuer. Wir strebten nicht danach, Rebellinnen im Alleingang zu sein; wir rechneten nicht mit Einsamkeit. Sobald wir unseren männlichen Gegenpart gefunden hatten, waren wir in unserem Vertrauen zu blind, um die alten Regeln von Männlich und Weiblich infrage zu stellen. Wir waren sehr jung, und es hieß: Mitgegangen, mitgefangen. Aber wir wussten, wir hatten etwas Mutiges getan, beinahe etwas historisch Bedeutsames. Wir hatten es gewagt, von zu Hause aufzubrechen.
Wer die Beat-Frauen verstehen will, mag ein Übergangsphänomen in uns sehen, eine Brücke zur nächsten Generation, die in den Sechziger Jahren – zu der Zeit, als das Recht junger Frauen, von zu Hause fortzugehen, nicht mehr bestritten wurde – mit allen Vorstellungen brach, die das Leben einer Frau einschränken wollten, und sich an die lange, nie endende Arbeit machten, die Beziehungen zu den Männern zu verändern.
»Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst«, lautete die berühmte Parole des Zweiten Weltkriegs. Nach dem Krieg, in den Fünfziger Jahren, sollte diese Furcht Amerika verschlingen – die Furcht vor der Bombe, vor den Kommunisten, vor dem Verlust der Gnade Gottes, vor der Abweichung oder dem Anderssein. Die amerikanische Kleinfamilie schottete sich ab und versuchte die Welt auszusperren. Es herrschte eine Atmosphäre allgemeinen Misstrauens, und eine für junge Menschen wie mich bedrückende Ehrbarkeit. Es war, als hätten wir etwas versäumt, wären zu spät geboren worden. Die Energie und der Mut der Jugend waren uns geraubt worden.
Aber es war auch eine Zeit, als Bücher noch ernst genommen wurden, als Schriftsteller tatsächlich etwas verändern konnten. 1957 schienen Allen Ginsberg und Jack Kerouac wie aus dem Nichts aufzutauchen, obwohl sie seit Anfang der Fünfziger Jahre Gedichte und Romane im Untergrund geschrieben hatten. Bloß hatte niemand gewagt, sie zu veröffentlichen. Sie verliehen der Unruhe und spirituellen Unrast, die viele empfanden, aber nicht artikulieren konnten, eine Stimme. Plötzlich entfesselte sich der übermächtige Drang nach einem freieren Leben durch Worte in fesselnden, unwiderstehlichen Rhythmen. Die Zeit war reif für die Beat-Dichter, die beim Publikum sofort Widerhall fanden.
Repression erzeugt Intensität. Keine andere Zeit erlebte ich so besonders, so intensiv wie die späten Fünfziger Jahre. Die Beat-Bewegung dauerte fünf Jahre und trieb viele junge Männer zum Aufbruch – auf Jack Kerouacs Spuren. Für junge Frauen war das Streben nach Freiheit viel komplizierter. Trotzdem war das meine Revolution.
Ich bin nicht auf die Reise gegangen … Ich bin einfach aus dem Viertel in New York, wo ich aufgewachsen war, ein paar Straßen weiter downtown gezogen. Zufällig traf ich Kerouac und stand mit ihm einen Moment lang im Mittelpunkt des Geschehens, aber ich habe mich immer als Nebenfigur gefühlt. Ich war und blieb Beobachterin, auch wenn ich mehr gewollt hätte. Aufgeschrieben habe ich nichts von den Dingen, die ich erlebt habe, aber ich habe mir immer gesagt: »Merk es dir und erinnere dich.«
1981 war Jack Kerouac schon mehr als zehn Jahre tot, und ich hatte keineswegs vor, meine Memoiren zu schreiben, als ich eines Abends in einem Jazzclub in London saß – dem Pizza Express, kein besonders vornehmes Lokal, wie schon der Name verrät, vielmehr eine enge, verräucherte Kellerkneipe am Hyde Park. Trotzdem waren die jungen Gäste des Clubs über ihren Pizzen mit Ernst und Begeisterung bei der Sache. Ich hatte noch unter dem Jetlag zu leiden. Vielleicht fühlte ich mich deshalb plötzlich in die Vergangenheit zurückversetzt, ins Jahr 1957, in eine andere Jazzkneipe – das Open Door –, wo ich neben Jack Kerouac im Gedränge an der Theke gestanden und auf Miles Davis’ letzten Auftritt gewartet hatte.
Jetzt war ich in London, um Jay MacShann am...




