Johnson | 72 Jungfrauen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Johnson 72 Jungfrauen


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-942989-25-1
Verlag: Haffmans & Tolkemitt
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

ISBN: 978-3-942989-25-1
Verlag: Haffmans & Tolkemitt
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Zwischen Politik und Komödie müsse er sich entscheiden, warnte ihn einst sein Kollege Michael Portillo, doch Boris Johnson denkt nicht daran. Er bringt beides unter einen Hut - sowohl in persona als auch in seinem ersten Roman 72 Jungfrauen, einer packenden 'Post-9/11- Farce', die unseren Umgang mit dem Terrorismus aufs Korn nimmt. Das Buch spielt in einem Zeitfenster von nur dreieinhalb Stunden: Ein Unterhausabgeordneter radelt, wie der Autor es selbst gerne tut, zur Arbeit, wo der amerikanische Präsident in Westminster Hall eine große Ansprache haltensoll. Secret Service und Scotland Yard sorgen mit ihren besten Leuten für Sicherheit, Scharfschützen sind auf dem Dach des Parlamentsgebäudes stationiert. Zur gleichen Zeit gerät eine wilde Gruppe von Pakistanis in einem gestohlenen Krankenwagen in Konflikt mit einem Parkwächter. Während das Fahrrad des Abgeordneten als potentielles Bombendepot eingestuft wird, gelingt es den Terroristen mit dem Parkwächter im Kofferraum des Krankenwagens ohne viel Mühe durch die Sicherheitsschleusen zu schlüpfen. Als die Situation eskaliert, wird daraus ein TV- Spektakel, an dem die ganze Welt teilnimmt.

Boris Johnson, geb. 1964 in New York, ist Journalist, Autor, Bürgermeister von London und einer der bekanntesten und umstrittensten Charakterköpfe Englands. Berühmt wurde er durch schräge TV-Auftritte und seinen zerzausten blonden Schopf. Neben seiner journalistischen Tätigkeit hat er zahlreiche Romane veröffentlicht.
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1. KAPITEL


07:52 UHR

Am aller Voraussicht nach letzten Tag seiner unbedeutenden Karriere erwachte Roger Barlow in einem Zustand sexueller Erregung und mit einer auf seinen Kopf gerichteten Waffe. Ersterer verschwand, als er letzterer gewahr wurde.

Die Waffe war mit einer orangefarbenen Walharpune geladen und wäre tödlich, wäre sie länger als fünfzehn Zentimeter und nicht aus Plastik gewesen.

»Sprich dein letztes Gebet, Freundchen«, sagte der Vierjährige. Rogers Lider flatterten.

Der Junge hätte Sigmund Freud begeistert. Selten hatte es einen so unverhohlenen, einen so ungenierten Ödipuskomplex gegeben.

Eines Morgens, als sie alle drei im Bett lagen und Roger versuchte, seinen Sohn dazu zu überreden, Scooby Doo zu sehen, wandte sich das Kind an seine Mutter.

Er sprach artig, mit derselben Stimme, die er aufgesetzt hätte, um weitere Fischstäbchen zu ordern.

»Ich bringe Daddy um, und dann heirate ich dich.«

Heute wollte Roger nicht zu streng zu dem Viervjährigen sein, wollte seinen Komplex nicht noch verschlimmern, aber er hatte auch nicht vor, sich dieses Benehmen gefallen zu lassen. Grunzend drehte er sich auf die andere Seite und umfasste seine schlummernde Frau mit beiden Armen.

Der Vierjährige schoss den Plastikpfeil zielsicher in Rogers Nacken.

Barlow schlug um sich. Dann überließ er den Platz seinem Rivalen und stand auf. Er trug im Bett gern T-Shirts, und dieses Exemplar war das Relikt einer kurzen, aber glorreichen früheren Tory-Führung, der er stolz gedient hatte.

»Zeit für Hague«, verkündete das T-Shirt, und auf dem Rücken stand: »Die Revolution des gesunden Menschenverstands«. Als Schlafanzug, behauptete seine Frau, habe es eine unfassbar lusttötende Wirkung.

»Mmmm«, sagte seine Frau.

»Mmm«, sagte Roger. »Bin gleich wieder da.«

Auf dem Weg ins Bad hörte er das Klappern des Briefkastens. Verdammt! dachte er, die Zeitungen …

Er flitzte nach unten und hob sie von der Fußmatte auf. Eilig durchblätterte er die schonungslose Klatschzeitung, von der er am ehesten annahm, dass sie ihn zur Strecke bringen würde, dann die anderen, die vorgaben, seriöser zu sein.

Nein.

Nichts.

Nein. Nichts.

Puh.

Nur die üblichen ollen Kamellen, die als Neuigkeiten verkauft wurden.

Angeblich gab es für London eine Bombendrohung, jedenfalls behaupteten das »Quellen« im Innenministerium, zweifellos um die Öffentlichkeit zu beunruhigen und dann irgendwelche neuen Freiheitseinschränkungen durchzudrücken. Flächendeckend vorhersehbares Gewäsch über die Sicherheitsvorkehrungen für die Feierlichkeiten am heutigen Tag.

Die Polizei hatte ein paar al-Qaida-Razzien in Wolverhampton und Finsbury durchgeführt. Allerdings gab es die sowieso jeden Monat.

Mit anderen Worten, nichts Wichtiges, und schon gar nichts, was seine alberne Paranoia speiste. Doch sein unterschwellig schlechtes Gewissen veranlasste ihn dazu, den Stapel Zeitungen zu entsorgen.

Also dehnte er die Revolution des gesunden Menschenverstands zu einer Art Nachthemd (gesunder Menschenverstand, gell?) und flitzte hinaus in den Sommermorgen. Er stopfte sie in den von Füchsen verwüsteten Müll, dann versicherte er sich, dass ihn niemand beobachtet hatte.

Blöd. Es hatte ihn wirklich jemand gesehen. Diese komische Frau, die immer vor sich hin murmelte und die einmal gesehen hatte, wie ihm bei einem seiner anderen Kinder die Hand ausgerutscht war – tatsächlich so ziemlich das einzige Mal, dass ihm das passiert war.

Er bedachte sie mit einem strahlenden Lächeln, krampfhaft bemüht, das T-Shirt über die Hüften zu ziehen.

Schaudernd wandte seine Nachbarin sich ab. Roger eilte die Stufen hoch und sah gerade noch, wie ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen wurde.

»He. Du. Nein!« sagte er.

Er bückte sich, um durch den Briefschlitz zu spähen.

»Bitte«, sagte er.

Das süße Gesicht des Kindes kam näher. Es trug jetzt einen roten Kreuzritter-Waffenrock und schwang ein Gladius-Plastikschwert.

»Du bist überflüssig«, erklärte er Roger durch den Briefschlitz. »Mami«, rief er über die Schulter, »kennen wir diesen Mann?«

Fünf Minuten später hatte sich Roger Barlow mithilfe seiner Frau wieder Zutritt zu seinem Haus verschafft, geduscht, sich angezogen und stümperte nun in der Küche herum, auf der Suche nach … diesem Ding.

»Du weißt schon«, sagte er zu seiner Frau, »das Ding mit diesem Ding drin.«

Seine Frau kannte ihn gut genug, um zu wissen, was in einem solchen Fall zu tun war. Sie trank weiter ihren Kaffee. »Ach ja«, sagte sie, »das Ding.«

Barlow warf einen besorgten Blick auf seine Armbanduhr. Er meinte das grüne Ding mit den Unterlagen über die arme Mrs. Betts. Das Pflegeheim, auf das diese zur Betreuung ihres lernbehinderten Sohnes angewiesen war, sollte geschlossen werden. Und gestern Abend, in einem Anfall alkohol-induzierter Euphorie, hatte er sich die Zeichnungen des autistischen Betts-Sprösslings angesehen, die nicht schlecht waren, und die Lösung gefunden. Doch er brauchte brauchte BRAUCHTE den Ordner.

Am Nachmittag wollte er Mrs. Betts anrufen, und es hatte keinen Sinn, wenn er …

Vielleicht hatte Cameron ihn noch. Wieder blickte er auf die Uhr und fragte sich, ob er seine hübsche, omni-kompetente amerikanische Assistentin anrufen sollte. Es war noch zu früh.

Er suchte in seinem Arbeitszimmer, unter dem Bett, unter dem Sofa, unter der Fußmatte, in der Recyclingtonne. Plötzlich befürchtete er, er könnte den Ordner versehentlich zusammen mit den Zeitungen weggeschmissen haben, und wollte gerade im Müll nachsehen, als er etwas unter dem Stuhl seines Sohnes entdeckte, der gerade sein zweites Frühstück einnahm.

Er hatte keine Zeit zu fragen, wie es dort hingekommen war. Er hatte keine Zeit, über die klebrige Masse nachzusinnen, mit der es bedeckt war und die aus der Mischung von Weetabix und Milch entsteht.

Er hatte keine Zeit, weil er eine Rede vorbereiten musste, ein Pflegezentrum retten, und er musste im Unterhaus sein, bevor alles von den Amerikanern blockiert war.

Die Rede des Präsidenten sollte um zehn beginnen, und Roger musste in weniger als einer Stunde auf seinem Platz sein. Er wandte sein Fahrrad gen Süden und begann, in die Pedale zu treten.

Was das Frühstück des Präsidenten betraf, so unterschied es sich von Rogers in jeder Hinsicht. Es war eine entspannte, ja besinnliche Mahlzeit, eingenommen an einem runden Tisch vor einem großen Panoramafenster in denselben großzügigen Räumlichkeiten, die seit fünfzig Jahren jedes Staatsoberhaupt zu Besuch beherbergen.

Olaf von Norwegen hatte hier genächtigt. Ebenso König Baudouin von Belgien. Ebenso der Papst und, nicht zu vergessen, Präsident Marcos von den Philippinen und diverse andere Verbrecher, die das Außenministerium einst für gesellschaftsfähig hielt, als da waren Präsident Ceaucescu aus Rumänien (1978) und Präsident Mugabe aus Zimbabwe (1994).

Auf dem Nachttisch fanden sich ein Wegweiser für das British Museum, ein Band Tennyson und ein gebundenes Exemplar von Dick Francis, eine Neuerscheinung von 1973, als Präsident Mobutu Sese Seko aus Zaire hier logiert hatte.

Jetzt blickte der Präsident auf den Windsor Great Park, auf die alten Eichen und die Rehe, und in der Ferne auf die Türmchen von Legoland. Doch was ihn am meisten faszinierte, war die gelbe Packung Frühstücksflocken, die auf einem eigenen silbernen Ständer ruhte.

»Nun hör dir das an, Schatz«, sagte er zur First Lady und las die ehrfurchtgebietende königliche Urkunde für Hoflieferanten. »Weetabix und Co., offizieller Hoflieferant Ihrer Majestät der Königin für Frühstücksflocken. Und Prinz Charles. Und die Königin Mutter. Ich dachte, die ist tot.«

»Meine Güte«, sagte die First Lady, die ebenfalls versucht hatte, Weetabix zu essen. »Heißt das, die stellen das Zeug extra für die Königin her?«

»Ich nehme an, sie muss es für gut befinden.«

»Wie viel muss sie davon essen?« fragte die First Lady.

Beide starrten auf ihre Schüsseln.

»Keine Ahnung«, meinte der Präsident. »Irgendwie absorbiert es die Milch, nicht?«

Wie Barlow sann auch der Präsident über die erstaunlichen physikalischen Eigenschaften einer Weetabix-Milch-Verbindung nach. Die First Lady fantasierte flüchtig von einem präsidialen Siegel auf jeder Packung Fruit Loops.

Es klopfte an der Tür.

»Sir«, sagte ein Leibwächter des Präsidenten in blauem Jackett. »Colonel Bluett hat gerade angerufen. Er wollte sich vergewissern, dass Sie über die Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen wegen der Verhaftungen letzte Nacht informiert sind.«

Der Präsident verzog das Gesicht. Natürlich hatte er die Zeitungen gelesen, doch er hatte gehofft, das Thema vor seiner Frau vermeiden zu können.

»Und ob«, sagte er. »Die Briten haben ganze Arbeit geleistet.«

»Wir sollten jetzt los, Sir, wenn Sie soweit sind, Ma’am.«

»Ein Jammer, dass sie den Drahtzieher nicht erwischt haben«, sagte die First Lady, die ebenfalls die Zeitungen gelesen hatte.

Das war nicht das einzige Detail, das Kommissar Stephen Purnell beunruhigte, der seit sechs Uhr früh an seinem Schreibtisch in der Operationszentrale von New Scotland Yard saß. Ihn hatte die Nachricht von einem Fahrzeugdiebstahl in Wolverhampton erreicht, der sich kurz vor den nicht ganz so erfolgreich zeitlich abgestimmten Razzien ereignet zu haben schien. Vielleicht hatte das etwas zu bedeuten. Vielleicht auch nicht. Die Sache war schon sonderbar, und nun befand er sich in dem Dilemma, ob er die Information mit...



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