Johansson | Im Schlaf komm ich zu dir | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Reihe: Heyne fliegt

Johansson Im Schlaf komm ich zu dir

Thriller
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-16529-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Thriller

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Reihe: Heyne fliegt

ISBN: 978-3-641-16529-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der siebzehnjährige Parker ist total am Ende: Seit vier Jahren hat er nicht mehr geschlafen. Stattdessen ist er dazu verdammt, Nacht für Nacht die Träume desjenigen mitzuerleben, dem er vor dem Schlafengehen zuletzt in die Augen geschaut hat. Er durchleidet fremde Ängste, erfährt dunkelste Geheimnisse – und darf niemals selbst träumen oder schlafen. Wenn sich nicht schnell etwas ändert, wird er sterben. Da trifft er Mia, und in ihren entspannenden Traumbildern findet er endlich Ruhe. Er beginnt sie zu verfolgen, um sicherzustellen, dass er in ihren nächtlichen Visionen landet. Doch damit erweckt er ihr Misstrauen. Denn sie wird schon längere Zeit von einem gefährlichen Stalker verfolgt. Plötzlich sind sie beide in höchster Gefahr.

Jennifer R. Johansson hat Public Relations und Psychopathologie studiert. Gerade Letzteres hilft ihr sehr bei der Ausgestaltung ihrer Figuren. J. R. Johansson schreibt hauptberuflich und lebt mit ihrer Familie mitten in der Natur.
Johansson Im Schlaf komm ich zu dir jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


1

Es ist über vier Jahre her, seit ich das letzte Mal geschlafen habe, und ich vermute, es bringt mich langsam aber sicher um.

An diesem Abend schien es mir nicht die Mühe wert zu sein, Blickkontakt zu einem anderen Menschen zu suchen, nachdem ich Mr. Flint in die Augen gesehen hatte. Immerhin war er ein alter Mann, der Haumeister der Bibliothek in Oakville. Träume wie seine hatte ich schon dutzendfach gesehen. Der aufregendste Teil war normalerweise der neue Rasenmäher, den sie gekauft hatten.

Doch als sein Traum einsetzte, wusste ich mit einem Schlag, dass ich mich gewaltig geirrt hatte. Dieser Mann war nicht wie die anderen.

Eine Frau lag ausgestreckt auf einem Bett. Ihr dünner Arm bedeckte schützend ihre Augen, und ihre Jeans war am Saum zerrissen, wahrscheinlich, weil sie über den Boden gezerrt worden war. Das weiße Tanktop war auf einer Seite hochgeschoben und entblößte ihren Bauch. Sie wirkte ziemlich attraktiv, doch dann bemerkte ich die Falten um ihren Mund, den Ring an ihrem Finger und ihren auffallend grauen Haaransatz. Ich stieß einen leisen Seufzer aus. Ich stehe nicht besonders auf Sexy-Mom-Träume.

Die Szene erstarrte, und ich blickte mich um: Die Wände waren hellgrün, winzige rosafarbene und blaue Blumen sprenkelten die Bettdecke. Ich hörte den Donner, bevor mir der Geruch von feuchtem Holz und Parfüm in die Nase stieg. Meine fünf Sinne rollten wie eine Welle heran und brachen über mir zusammen.

Regen fiel durch das offene Fenster und sammelte sich in einer Lache auf der Zedernholzkommode darunter. Die schweren grünen Vorhänge, die die Dunkelheit draußen umrahmten, raschelten.

Ich wusste, ich würde Mr. Flint bald zu Gesicht bekommen. Der Träumer zeigte sich immer zuletzt, so als müsste das Gehirn die Szene erst langsam aufbauen, bevor es den Träumer hineinstieß. Es hatte lange gedauert, bis ich auch nur in etwa begriffen hatte, wie Träume funktionieren. Wahrscheinlich würde ich sie niemals ganz verstehen.

Nach vielen Monaten und unzähligen Versuchen hatte ich erkannt, dass mich kein Träumer sehen konnte. Selbst wenn ich mich direkt vor sie stellte und mir die Lunge aus dem Leib schrie – sie bemerkten mich nicht.

Irgendwie lag jede Menge Ironie darin, dass ich so viel über die Träume anderer Menschen wusste, ohne selbst jemals zu schlafen. Nun ja, mein Körper schlief, aber mein Gehirn … nein, das schlief nicht wirklich. Die Welt meiner Träume gehörte längst nicht mehr mir. Sie war verboten und in unüberwindliche Entfernung gerückt. Ich war nur noch der Junge, der zuschaute, ein passiver Beobachter im Bewusstsein anderer, der sah, was sie sahen, fühlte, was sie fühlten. Ich kannte ihre Träume, als wären sie mein zweites Ich.

Eines der ersten Dinge, die ich herausgefunden hatte, war, dass alle Träume aus verschiedenen Schichten bestanden. Als wäre es dem Gehirn zu langweilig, jeweils nur einen Traum zu fabrizieren. Unter der Oberfläche war immer noch etwas anderes im Gange. Mein Gehirn neigte wohl dazu, mich in der Schicht zu lassen, die der Realität am nächsten war. Das zumindest war meine Vermutung. Ich wusste es nicht mit Sicherheit, aber es war die einzige Erklärung, die mir dafür eingefallen war, dass ich häufig Fantasien und Erinnerungen sah. Natürlich habe ich auch bizarres Zeug gesehen, allerdings viel seltener. Dem Fehlen von Kobolden und sprechenden Möbelstücken nach zu urteilen, stellte dieser Traum keine Ausnahme dar. Ich bekam nicht den Subtext, nicht die Metaphern, sondern die raue Wirklichkeit.

Der Donner grollte wieder. Ich seufzte und wartete darauf, dass Mr. Flint auftauchen würde. Ich wusste bereits, dass sein Traum eine Erinnerung war, und wollte es so schnell wie möglich hinter mich bringen.

Ich mochte Erinnerungen nicht. Irgendwie kam ich mir dann noch aufdringlicher vor, als bei Fantasien zuzusehen. In einer Erinnerung ist alles kristallklar, mit sehr wenigen Unschärfen und Dunstschleiern, die anderen Träumen zu eigen sind. Nach Jahren des Zuschauens kannte ich dieses Level der Bildschärfe, der greifbaren Genauigkeit, was nur eines bedeuten konnte: Dies hier war kein Produkt seiner Vorstellungskraft, es war ein Teil von Mr. Flints Leben. Der verzerrte Blick seines Gehirns auf seine Vergangenheit ließ die Luft um mich herum dickflüssiger werden, so als würden mir gleichzeitig eine Million Beobachtungen übermittelt.

Und dann sah ich ihn im Türrahmen stehen, wie er sie eindringlich musterte. Als seine Gefühle mich trafen, rissen sie mir den Boden unter den Füßen weg und verschlugen mir den Atem. Verzweifelt und aufgewühlt fegte ein Chaos aus Traurigkeit, Wut und Enttäuschung über mich hinweg, und jeder neue Impuls war stärker als die letzten, bis der Schmerz sie alle überschattete, unerträglich und unveränderlich. Das Leben war nur noch Schmerz, jede Hoffnung wie weggewischt. Der Schmerz erstickte jeden Funken und alles, was den Hauch glücklicherer Tagen in sich trug.

Ich krümmte mich und schlang keuchend die Arme um den Körper. Ich wusste es besser.

Das Zimmer war mit einer unerklärlichen Energie aufgeladen, während der körperliche Schmerz von unheilvolleren Gefühlen überdeckt wurde: Hass gemischt mit aufpeitschendem Adrenalin, das sich in die rohste Form von Zorn verwandelte, die mir jemals untergekommen war.

Ich krallte mich in den Boden, während Mr. Flints siedende Wut durch mich hindurchpeitschte. Sein Drang, etwas zu zerstören, jemandem den Schmerz zuzufügen, den er empfand, überwältigte mich.

Als sich der Hausmeister dem Bett näherte, blitzte etwas in seiner Hand auf. Ich kniff die Augen zusammen, um es besser erkennen zu können. Er umklammerte einen schimmernden silbernen Brieföffner mit marineblauem Griff. Zusammen mit der grimmigen Entschlossenheit in seinem Gesicht war dies die tödlichste Waffe, die ich je gesehen hatte.

Ich kämpfte gegen seine Gefühle an und versuchte verzweifelt, mich zu bewegen, mich vor dem zu verstecken, was nun unweigerlich folgen würde. Doch es war zwecklos. Ich konnte nicht entkommen.

Ich wollte die Augen schließen, doch die Gefühle des Träumers waren das Schlimmste. Vor ihnen konnte ich mich nicht verstecken. Wenn ich nicht beobachtete, was vor sich ging, füllte mein Gehirn die Lücken. Und viel zu häufig waren die verstörenden Bilder, die ich mir ausdachte, noch viel schlimmer als der Albtraum, in dem ich gefangen war.

Mr. Flint drückte ihr ein Kissen aufs Gesicht, während er den Brieföffner dreimal in ihr Tanktop rammte. Ihre gurgelnden Schreie durchdrangen die Luft. Zusammen mit seinem Grunzen erzeugte ihr Tod eine entsetzliche Melodie, bis sich alle Geräusche zu einem Flüstern dämpften. Die plötzliche Stille verschlang mich regelrecht. Während ich versuchte, meinen Atem zu kontrollieren, schoss ihr Blut aus dem Dreieck an Wunden und ergoss sich auf ihr Oberteil und die blumenbesetzte Decke. Mein Kopf schmerzte, das Herz pochte laut in meiner Brust.

Sein Zorn verrauchte so abrupt, wie er gekommen war, und ließ nichts als Verzweiflung zurück. Ich spürte, wie sehr er sie hasste, wie sehr er sich selbst hasste. Die Gewissheit, dass sein Leben nicht mehr lebenswert war, prallte mit voller Wucht auf meine Schultern, und ich schüttelte mich unter dieser Last.

Mr. Flint hielt ihre Hände in seinen und schluchzte. Langsam zog er ihr den goldenen Ehering vom Finger und hielt ihn sich an die Lippen. Ein qualvolles Wimmern schwappte wie in einem Schwall aus seinem Körper und begrub uns beide in einer Woge aus Elend, die kaum Platz für Luft ließ.

Ich war entsetzt über mich selbst, weil ich Mitleid mit ihm empfand, doch es war ein Ding der Unmöglichkeit, es nicht zu haben. Jede seiner Empfindungen spürte ich am eigenen Leib. Der Traum war wahrscheinlich eine Erinnerung, aber Mr. Flint schlief und schwebte an dem Ort, wo die Grenzen zwischen richtig und falsch verschwammen – ich hingegen nicht. Mitgefühl für einen Mörder zu empfinden widerte mich an, aber ich konnte nichts dagegen tun. Sein Selbstmitleid überschwemmte mich, besiegte meine Abscheu. Mein Blick huschte zwischen ihm und der Frau hin und her, seiner Ehefrau. Das war nicht derselbe Mann wie anfangs im Traum. In ihm hatte sich etwas verändert, etwas so Grundlegendes, dass ich es sofort spürte. Er war jetzt ein Mörder und konnte nie mehr derselbe Mensch sein. Von dieser Tat gab es kein Zurück.

Er war ein Abbild meiner Fähigkeit – meines Fluchs. Und nachdem ich es gesehen hatte, würde auch ich nicht mehr derselbe Mensch sein.

Ich erwachte hustend und keuchend. Mein Körper war in Schweiß gebadet. Wie zu einer Kugel zusammengerollt, schlang ich einen Arm um meine Knie und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Warum musste ich mir ausgerechnet ihn aussuchen? Warum einen Mörder?

Traumseher zu sein nervte gewaltig, insbesondere da alle um mich herum Träumer waren. Ich wusste nicht, ob es noch andere wie mich gab – jedenfalls konnte ich dem Glückspilz von einem Träumer, der mir jeden Tag als Letzter in die Augen blickte, nicht entfliehen. Egal, wie sehr ich ihn abschütteln wollte, ich war für eine Nacht unausweichlich an ihn gekettet.

Ein dumpfes Pochen ließ meine Tür klappern, und ich rollte aus dem Bett.

»Es ist Wochenende, Mom.« Meine Stimme klang heiser und erschöpft. Ich taumelte in Richtung Bad, nahm einen tiefen Atemzug und zwang mich, nicht länger über Mr. Flints Traum nachzudenken.

Ein und aus.

Ein und aus.

»Es ist fast Mittag, Eure Majestät«, rief mir Mom aus der Küche zu.

Ich blieb mitten im Flur stehen und rieb mir die Augen. »Es ist fast...


Johansson, Jennifer R.
Jennifer R. Johansson hat Public Relations und Psychopathologie studiert. Gerade Letzteres hilft ihr sehr bei der Ausgestaltung ihrer Figuren. J. R. Johansson schreibt hauptberuflich und lebt mit ihrer Familie mitten in der Natur.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.