E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
Johannson Die Halligärztin
17001. Auflage 2017
ISBN: 978-3-8437-1391-7
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
ISBN: 978-3-8437-1391-7
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lena Johannson war ein Jahr lang Halligschreiberin auf Hooge im Wattenmeer vor der Westküste Schleswig-Holsteins. Sie lebt mit ihrem Mann an der Ostsee in der Nähe von Lübeck. Ihr Mann versorgt sie mit Kraft und Energie, die Ostsee und ein stattlicher Garten geben ihr Ruhe und Inspiration.
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2
»Wenn Sie meinen, Herr Doktor.« Dethlefsen schob eine sehr kräftige Dame mittleren Alters aus dem Behandlungszimmer. »Aber wenn ich hier drücke«, sie legte zwei Finger neben den Bauchnabel, »dann tut’s weh.«
»Dann drücken Sie nicht!«, gab der Arzt zurück. Er blickte in Wiebkes Richtung, kniff die Augen wieder so merkwürdig zusammen, wie er es am Vortag schon getan hatte, und machte ein paar Schritte auf sie zu. Die mollige Patientin verabschiedete sich scheu und ging.
»Moin, Dr. Dethlefsen. Wir haben uns zwar schon gesehen, aber ich wollte doch noch mal ganz offiziell hallo sagen. Haben Sie etwas von dem Motorradfahrer gehört?«
»Nein. Ist ja auch nicht mehr meine Sache. In Niebüll ist er in den besten Händen. Um den brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.«
Wiebke nickte. »Ich wollte mal fragen, wann es Ihnen wegen der Übergabe passt.«
»Na, mal nicht so schnell mit den jungen Pferden.« Er lachte sie freundlich an.
»Ich will nicht hetzen, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich wollte nur nachfragen, wann es Ihnen passt, die Einzelheiten zu besprechen.«
»Bitte?«
»Ich wüsste nur gerne, wann Sie sich die Zeit nehmen können, mit mir die Einzelheiten zu klären«, wiederholte sie lauter. »Sie wollen bestimmt recht bald Ihren wohlverdienten Ruhestand genießen. Aber ein paar Tage werde ich Sie noch brauchen, bis ich mich zurechtfinde.«
»Sie machen das schon.« Er legte den Kopf leicht schief. »Ein paar Tage wird es allerdings dauern, da haben Sie recht. Na, nach gut vierzig Berufsjahren kommt es auf ein paar Tage mehr oder weniger wohl nicht an.«
»Über vierzig Jahre! Das ist eine stolze Leistung.« Sie nickte anerkennend. Dann fiel ihr etwas ein. »Sagen Sie, die Frau da eben …«
Er sah sich irritiert um. »Wo neben?«
»Da eben«, wiederholte sie laut und besonders deutlich.
»Ach, die!« Er machte eine wegwerfende Handbewegung.
»Die Stelle, auf die sie gezeigt hat«, begann Wiebke, »das könnte eine entzündliche Darmerkrankung sein, meinen Sie nicht?«
Er schüttelte den Kopf. »Die hat immer was. Jeden Tag was Neues.« Er seufzte. »Nee, nee, die ist kerngesund.« Er tippte sich an die Schläfe. »Das Problem liegt woanders, wenn Sie verstehen.«
»Sollte man vielleicht trotzdem abklären«, meinte Wiebke leise.
»Ja, da haben Sie allerdings recht, die muss dringend abnehmen.«
»Sie tragen kein Hörgerät, oder?« Da war es heraus, ehe sie sich eine diplomatischere Formulierung einfallen lassen konnte.
Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. »Nein, hilft das neuerdings bei Leuten, die nuscheln?«
Sie hatte es geahnt, sie war mitten in das Fettnäpfchen hineingehüpft. »Nein, wohl kaum. Ich hatte aber den Eindruck, dass Sie …« Weiter kam sie nicht.
»So, Sie haben einen Eindruck. Na, wenn der Sie mal nicht täuscht.«
Das Gefühl hatte sie allmählich auch. Bei ihren letzten beiden Begegnungen hatte sie ihn eigentlich ziemlich sympathisch gefunden. Aber jetzt? Irgendwie hatte sie den Verdacht, dass es gut war, auf der Hut zu sein.
»Ich muss mich jetzt um meine Patienten kümmern. Wir sehen uns nachher. Um fünf ist die Sprechstunde zu Ende. Dann können wir uns darüber unterhalten, wie das mit der Übergabe mal laufen kann.«
Mal laufen kann? Was sollte das denn heißen? Bisher war immer die Rede davon gewesen, dass sie nach ein oder zwei Wochen Einarbeitung die Praxis allein weiterführte, damit er sich endlich zur Ruhe setzen konnte. Sie schluckte den Ärger herunter. Wahrscheinlich hatte sie ihn nur falsch verstanden.
»Natürlich, ich wollte nicht stören«, sagte sie. »Bis später dann.« Hatte Sprechstundenhilfe Sandra schadenfroh gegrinst, als Wiebke gegangen war? Ihre Zweifel, ob Pellworm die richtige Entscheidung gewesen war, kehrten mit Macht zurück. Was nützte es, wenn Maxis Asthma Ruhe gab, die Inselbewohner ihre Mutter aber nicht akzeptierten? Ruhig Blut, sagte sie sich, Dethlefsen war bestimmt nur eitel und hatte sich geärgert, dass sie ihn auf sein schlechtes Gehör angesprochen hatte. Sie kannten sich kaum. Es stand ihr nicht zu, derartig mit der Tür ins Haus zu fallen. Von ihrem Patzer bei Dethlefsen abgesehen, war der Start doch mehr als erfreulich verlaufen. Ihre Nachbarinnen waren ausgesprochen nett gewesen. Sie nahm sich vor, ihnen ein kleines Dankeschön zu besorgen oder sie am besten mit ihren Familien zum Essen einzuladen. Dann konnte man sich gleich kennenlernen. Sie machte sich bestimmt zu viele Gedanken. Was sollte denn schon passieren? Wenn die Leute sie wirklich nicht wollten, dann würde sie eben doch nach Nordrhein-Westfalen zu ihren Eltern ziehen. Oder in einen anderen Küstenort mit guter Luft. Es gab immer mehrere Möglichkeiten.
Ihr kam in den Sinn, dass Sandra gleich bei ihrem ersten Zusammentreffen regelrecht von Dethlefsen geschwärmt hatte.
»Sein Nachfolger wird es nicht leicht haben«, hatte sie gemeint, ohne Wiebke in die Augen zu sehen. »Wer auch immer es sein wird. Auf einer Beliebtheitsskala von eins bis zehn liegt Herr Dr. Dethlefsen bei zwölf. Man muss fachlich schon ziemlich gut und mindestens ebenso sympathisch sein, um die Herzen der Einwohner zu gewinnen.«
War doch klar, dass die Leute sich nicht gerade leicht von ihrem beliebten alten Doktor trennen mochten. Das hatte nichts mit ihr persönlich zu tun. Anfängliche Skepsis seiner Nachfolgerin gegenüber war ganz normal. Da musste sie durch. Die würden sich schon beruhigen, wenn sie merkten, dass man mit der Neuen gut auskommen konnte.
»Mami, da war ein ganz großer Vogel im Garten«, rief Maxi atemlos, kaum dass Wiebke zur Tür hereingekommen war. Prompt begann die Kleine zu husten.
»Nun beruhige dich erst mal. Schön tief atmen. Ein und aus. Komm, mach mit! Einatmen.« Wiebke machte es ihr vor und holte tief und lange Luft. »Und ausatmen.« Sie ließ den Atem langsam und geräuschvoll strömen. Maxi passte sich ihrem Rhythmus an. Der Anfall ebbte ab. Gott sei Dank! »Also, was für einen Vogel hast du gesehen, eine Möwe?«
Maxi verdrehte die Augen. »Nein, das war keine. Ich weiß doch, wie eine Möwe aussieht. Der war viel größer! Und der hatte einen langen Schwanz.«
»Ein Vogel mit einem Schwanz?«, fragte Wiebke lächelnd.
»Na ja, mit so langen Schwanzfedern eben. Der hat ganz komisch gekrächzt, als ob er auch Asthma hätte.«
»Hm, keine Ahnung, was du gesehen hast. Wenn er wieder da ist, zeigst du ihn mir einfach, einverstanden?«
Das, was von Wiebkes Ärger über Dethlefsens merkwürdiges Verhalten übrig war, verflog augenblicklich. Zwar hatte Maxi gerade mal wieder einen Anfall gehabt, aber nur einen ganz leichten. Dafür war sie lange nicht mehr so aufgekratzt gewesen. Ihre Wangen leuchteten, sie sprühte geradezu vor Abenteuerlust und Tatendrang.
»Da!«, schrie Maxi. »Hörst du? Das ist er wieder.« Schon rannte sie zum Wohnzimmer und von dort in den kleinen Garten. »Da, dahinten!«
Das Grundstück grenzte an einen Acker, auf dem ein Fasan herumstolzierte. Wie lange war es her, dass Wiebke zum letzten Mal einen Fasan gesehen hatte? Das musste bei ihren Großeltern gewesen sein. Wahrscheinlich war sie so alt gewesen wie Maxi jetzt, höchstens ein oder zwei Jahre älter. Ein warmes Gefühl durchströmte sie. Sie hatte, als sie gestern endlich ins Bett gegangen war, dem Piepen und Pfeifen irgendwelcher Vögel gelauscht, ehe sie eingeschlafen war. Was für ein Unterschied! Statt des ewigen Rauschens vorüberfahrender Autos war da nur der Wind gewesen. Statt des Hupens und der immer mal aufheulenden Sirenen hatte es nur Schreie von Tieren gegeben. Wiebke hatte wunderbar geschlafen und Maxi ganz offensichtlich auch, denn sie war nicht ein einziges Mal in Wiebkes Zimmer aufgetaucht, womit die fest gerechnet hatte. Sie blickte sich um. Die Natur war noch nicht so weit wie in Berlin. Es war kälter als in den Straßenschluchten, in denen die Häuser die Frühsommerwärme gespeichert hatten. Obendrein wehte auf der Insel immer ein Wind, den sie in Berlin wohl schon als Sturm bezeichnet hätte. Sie schaute Maxi eine Weile zu, die gebannt den Fasan beobachtete und sich nur von einem Hasen ablenken ließ, der über das Feld gerannt kam, kurz vor dem Garten einen Haken schlug und davonsauste. Wiebke ging das Herz auf.
»Wollen wir einen Ausflug machen?«, schlug sie spontan vor.
»Ich denke, wir müssen auspacken.« Maxis Augen leuchteten. Sie wollte bei diesem herrlichen Sonnenschein liebend gern einen Ausflug machen, statt Kartons aus dem Wagen zu tragen und ihre Spielsachen und Kleider in ihr Zimmer zu räumen.
»Das Wetter ist so schön. Wir müssen ja auch nicht lange wegbleiben. Was meinst du?«
»Au ja!«
»Na, dann los!« Wiebke streckte ihrer Tochter die Handfläche hin, die klatschte dagegen. Sie hatten lange nichts mehr gemeinsam unternommen. Wiebke hatte immer gearbeitet oder war zu erschöpft gewesen. Es wurde höchste Zeit, dass sich das änderte.
Maxi zögerte kurz....