E-Book, Deutsch, Band 4, 150 Seiten
Reihe: backstage
Jörder / Ostermeier OSTERMEIER
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95749-018-6
Verlag: Verlag Theater der Zeit
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 4, 150 Seiten
Reihe: backstage
ISBN: 978-3-95749-018-6
Verlag: Verlag Theater der Zeit
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gerhard Jörder, geboren 1943 in Pamplona/Spanien. Theaterkritiker, Moderator und Dozent. Autor der ZEIT. Er war und ist Mitglied in mehreren Jurys (Berliner Theatertreffen, Else-Lasker-Schüler-Preis, Autorentheatertage, Ulrich-Wildgruber-Preis, Körber Studio für Junge Regie), hat elf Jahre lang die Autorengespräche bei den Mülheimer Theatertagen geleitet und unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und Akademien. 2013 erhielt er den Marie- Zimmermann-Preis für Theaterkritik. Er war von 1998 bis 2001 verantwortlicher Theaterredakteur und (gemeinsam mit Sigrid Löffler) stellvertretender Feuilletonchef bei Die Zeit, lebt in Berlin und Freiburg.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
von Maurice Maeterlinck, Deutsches Theater 1999, André Szymanski, Kay Bartholomäus Schulze, Nina Hoss, Horst Lebinsky, Falk Rockstroh
Leider nein. Das ist die Sorglosigkeit des Betriebs. Und ich selbst, ich Idiot, war ja so verliebt in die Idee. Formal war das Ergebnis, zumindest teilweise, gar nicht so schlecht. Bloß das Inhaltliche war natürlich totaler Humbug. Ich weiß heute noch, als das Bühnenlicht verlosch, noch vor dem Applaus, fragte eine Stimme aus dem Zuschauerraum ins Dunkle hinein: Warum? Ja, warum – das war die völlig richtige Frage.
Blauer Vogel ZEIT-
Ja, wir hatten zwar in der Baracke häufig darüber geschwelgt, wie schön wir es dort hatten. Aber es war eben nur eine Hütte, kein Ort, an dem man ernsthafte Ensemblepolitik gestalten konnte. Alles war begrenzt. Ich wollte unabhängig sein.
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Ja, aber dahinter steckte viel weniger Strategie als ein Gefühl. Als wir 1998 „Theater des Jahres“ wurden, haben wir das doch eher achselzuckend zur Kenntnis genommen, uns waren solche Kategorien noch völlig fremd. Nein, es war mehr so eine Lust am Größenwahn: die ganze Welt umarmen und alles wollen!
Daran waren wohl mehrere beteiligt. Ich hatte damals immer wieder Kontakt mit Uli Matthes, der meine Arbeiten in der Baracke genau verfolgt hatte und der ja, Sie wissen es, schon immer ein aufmerksamer Beobachter von Talenten in der Theaterszene war. Irgendwann muss ich zu ihm gesagt haben: Menschenskind, Schaubühne, das wär schon ein Ding! Matthes, der ja selbst noch Mitglied im alten Ensemble war, hat den Namen Ostermeier dann wohl auf der Gesellschafter- und Direktionsebene, bei Jürgen Schitthelm und Gerhard Ahrens, fallen lassen. Auch Jutta Lampe und Corinna Kirchhoff hatten sich das eine oder andere in der Baracke angeguckt – es war an Peter Steins Mitbestimmungsbühne ja durchaus Usus, dass Schauspieler selbst nach Regisseuren Ausschau hielten. Wahrscheinlich haben auch sie mit Schitthelm und Ahrens gesprochen – tatsächlich sind die beiden dann auf mich zugekommen. Auch sie hatten in der Baracke schon vieles gesehen, jedenfalls war ich in den ersten Gesprächen mit Schitthelm erstaunt, was er alles von mir wusste. Im Rückblick muss man sich ja wirklich fragen: Woher hat Schitthelm diesen Mut genommen – oder war es der Mut der Verzweiflung? Das Haus war ja, nach dem Abgang von Peter Stein, nach den Querelen mit Andrea Breth, in einer trostlosen Verfassung. Jedenfalls: Hut ab, das war Wahnsinn. Schitthelm hat für seine Entscheidung auch viel Schelte einstecken müssen in der Berliner Presse.
Allerdings! Es gab für uns zwei völlig unterschiedliche Varianten – und zuerst schien mir die Option ganz klar: Wir übernehmen das Modell des Londoner Royal Court Theatre, es war uns durch die Zusammenarbeit mit der Baracke schon vertraut. Das hätte also geheißen: Wir spielen neue Autoren, gerne auch mal Bearbeitungen klassischer Texte, für jede Produktion wird ein Ensemble zusammengestellt. Ich bin, als das Angebot der Schaubühne auf dem Tisch lag, sofort nach London gefahren und habe dort mit Stephen Daldry vom Royal Court als einem der Ersten darüber gesprochen. Daldry war der Entdecker von Autoren wie Kane, Ravenhill und Crimp, später ist er den Weg nach Hollywood gegangen. Ein engagierter, vitaler Mann, aus der Arbeiterklasse kommend, mit viel Lust in seiner Biografie stehend, ich fühlte mich ihm sehr nah. Und seine Art, Theater zu machen, hat mir sehr imponiert. Aber es gab eben auch die andere Variante. Mein linksradikaler Hintergrund, meine Erfahrungen in der Szene, Häuserrat, Mitbestimmung, Diskussionen im Kollektiv, flache Hierarchien, angstfreie Diskurse, soziale Gerechtigkeit – alle diese Phänomene spielen ja in meiner Biografie eine große Rolle. Und das hat letztlich den Ausschlag gegeben: Das System, sagte ich mir, bietet dir Gestaltungsraum, du kannst hier eine kleine, bewohnbare Insel schaffen, ein richtiges Leben im falschen. Und das haben wir dann versucht. Ich hab mich für die Verantwortung entschieden.
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Ja, das war eine direkte Volte gegen mich. Man wollte den Mythos befeuern, ich hätte die Koryphäen des alten Schaubühnen-Ensembles, Jutta Lampe, Edith Clever, Corinna Kirchhoff und wie sie alle heißen, einfach rausgeschmissen. Nichts davon ist wahr! Ich musste gar niemand rauswerfen, die waren doch gar nicht mehr da. O.k., da gab es noch ein paar luxuriöse Gastverträge mit sagenhaften Gagen und Konditionen … Aber ich habe definitiv keine festen Verträge aufgelöst. Das Haus war längst leer, glauben Sie mir! Nicht weil ich es leer geräumt hätte, sondern weil es sich selbst auf allen Ebenen leer gespielt hatte, beim Publikum, in den Inhalten, in der Leitung. Das Ensemble hatte sich selber pulverisiert.
Ich wollte tatsächlich nicht, dass unser ohnehin schwieriger Anfang noch dadurch belastet würde, dass jemand in der Kantine immer erzählt, wie toll es früher war unter Peter Stein. Das haben in der Stadt sowieso alle erzählt, ins eigene Haus wollte ich mir das nicht noch holen. Und selbst zu Uli Matthes, der von Anfang an bei uns mitmachen wollte, habe ich gesagt: Uli, gib uns bitte zwei Jahre! In dieser Zeit müssen wir beweisen, dass wir aus unserer Generation heraus selbst diesen Laden bespielen können. Und dann, bitte, kommt, ihr seid alle herzlich willkommen … Und das darf man nun auch nicht vergessen: Nach und nach haben viele frühere Ensemblemitglieder bei uns gespielt, Hans Diehl, Werner Rehm, Gerd Wameling, Jutta Lampe, Corinna Kirchhoff.
Weil er dann am Deutschen Theater durchstartete.
Die kam von mir. Ich wusste, so ein Haus muss man auf mehrere Schultern stellen. Und das war der richtige Instinkt.
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„Dieses Theater steht uns zu“: Das neue Leitungsteam der Schaubühne Jochen Sandig, Sasha Waltz, Jens Hillje und Thomas Ostermeier, 1999
Ja, nicht-narrativ wurde sie erst später, in der Schaubühnen-Zeit. Wissen Sie, was uns am meisten vereint hat? Wir waren beide völlig unbeleckt von dieser in der Kulturlandschaft grassierenden Bedenkenträgerei. Wir wollten nach...




