E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Job Hinterher
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8031-4351-8
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-8031-4351-8
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Finn Job wurde am 8. Mai 1995 in Hannover geboren. Nach seinem Abitur zog er nach Berlin und brach allerlei Studiengänge ab, um in Ruhe lesen zu können. Er arbeitet als Kellner und Lektor. Hinterher ist sein erster Roman.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
Eigentlich mied ich Neukölln im Allgemeinen und die Sonnenallee im Besonderen. Normalerweise machte ich Umwege, um die Konfrontation zu vermeiden. Manchmal nur, wenn es eben nicht zu vermeiden war, es keinen anderen Weg durch die Stadt gab, fuhr ich mit dem Bus durch den verhassten Bezirk, wäre aber niemals ausgestiegen, und verbarg mich in der Ecke ganz vorne, direkt hinter dem Fahrer, das Gesicht weg vom Gang. Doch an diesem schwülen Sommernachmittag erklomm ich hektisch huschend, mit meinem kleinen Rollkoffer in der Hand, die Stufen der U-Bahnstation Hermannplatz – mein Blick von links nach rechts und wieder zurückschnellend. Ich hatte mich so unauffällig wie möglich gekleidet, trug eine kurze, weite Jogginghose und eine tief ins Gesicht gezogene Basecap. Auch versuchte ich, meine Beine beim Gehen ausladender auseinanderreißend, meine Schultern breiter streckend als gewöhnlich, so maskulin wie möglich zu erscheinen. Aber ach! Natürlich wurde ich erkannt: Irgendwas war an meinem Wesen, irgendetwas, das ich nicht zu kaschieren vermochte, da ich es selbst nicht an mir sah.
»Schwuchtel!«, erklang es, noch bevor ich oben angekommen war.
Besser, ich versuchte so zu tun, als hätte ich nichts gehört. Hastig, aber darauf achtend, bloß nicht zu rennen, ging ich weiter, vorüber an den Marktständen mit Sesamringen und gefälschten Handtaschen, vorüber an den streitenden Junkies, dann vorüber an den beiden verschleierten, vielleicht siebenjährigen Mädchen, deren Blicke sich in mich bohrten, vorüber an den Wohlstandsverwahrlosten, die sich aus Gründen, die mir immer rätselhaft bleiben würden, betont hässlich anzogen – schließlich vorüber an dem salafistischen Schlüsseldienst. An der Ampel angekommen setzte ich alles daran, meine Atmung zu beruhigen, doch es gelang mir nicht. Eine Hand streckte sich mir von unten entgegen, und ich trat nach ihr, erst dann bemerkend, dass es die bettelnde Hand eines alten Mannes war.
Und also lief ich vor die fahrenden Autos und zwischen ihnen hindurch. Besser, ich sah nicht noch einmal zurück. Mein Mund war trocken und meine Stirn war nass. Den Alten hatte ich schon wieder vergessen, als ich auf der anderen Straßenseite ankam, da mein Blick und mein Verstand gezwungen waren, Gefahrenherde auszumachen und sich dabei mehr und mehr überschlugen. Mitten in dem Strom von Menschen galt es, blitzschnell zu erfassen, wem ich gleichgültig war und wer meine Vernichtung ersehnte: Die pubertären Dealer mit den aufleuchtenden Ohrringen hatten nur ihr Geschäft im Sinn, aber war das dahinter – ja, gleich dort drüben – nicht der Hüne aus dem Imbiss, der Mann mit der Holzlatte?
Doch lief ich zu schnell, um alle vorbeiziehenden Gesichter zu filtern; doch war mein Kopf unter der brennenden Sonne zu heißgelaufen, um einen klaren Gedanken zu fassen. Auch der Boden unter mir schwitzte, und jeder Mülleimer stieß mir seinen fauligen Atem entgegen, als verwese Neukölln bei lebendigem Leib. Wiewohl, nichts verweste hier, alles war quietschfidel – gar zu lebendig. Niemand, der etwas auf sich hält, weicht einem auf dieser Straße aus, und wieder war ich gezwungen, einen bizarren Slalom zu laufen. Kurz dachte ich, im Augenwinkel die schmale Gestalt Chaims zu erkennen, aber natürlich war er es nicht, nein, denn er war ja in Sicherheit.
Meine Eindrücke vermengten sich zusehends mit meinen Erinnerungen, vermengten sich zu einem diffusen Gestöhn, in dem die Realität bald zur Wahrscheinlichkeit, bald zur Unwahrscheinlichkeit wurde, doch irgendwann erreichte ich das hässliche Haus – das hässliche Haus, in dem ich damals so viel Zeit verbracht hatte. Ich drückte auf die einzige Klingel ohne Namensschild und versuchte, mich nicht weiter umzusehen. Wenige Meter neben mir saßen einige Männer breitbeinig in Plastikstühlen vor einer Shishabar, rauchten beziehungsweise sogen an ihren bunten Schläuchen – tauschten ihre Ressentiments aus. Einer von ihnen starrte schon seit mehreren Sekunden zu mir herüber, und es war denkbar, dass sie sich auch über mich austauschten. Die erste Sommerbrise, die mich an diesem sonst windstillen Tag streifte, war eher ein heißer Stoß, der mir den Dampf ihrer Wasserpfeifen entgegenwarf, und jene Mischung aus Apfeltabak und etwas, das mich an überzuckerte Kaugummis aus Kindertagen gemahnte, verursachte mir Ekel – ich spürte es meine Kehle hochschießen. Besser, ich schluckte alles wieder hinunter.
Besser, ich starrte auf die Gegensprechanlage.
Kein Summen, nichts – noch einmal drückte ich auf die Klingel. Mittlerweile war ich sicher, dass die Männer dort drüben über mich sprachen. Aber ich wusste auch, dass ich oft sicher war, selbst dann, wenn es keinen Anlass gab, und also versuchte ich, mich auf die übrigen Klingelschilder zu konzentrieren. Alle waren sie mehrfach überklebt. Einzelne Namen waren weggestrichen, andere hinzugefügt worden, oftmals mehr als fünf Namen pro Schild; manche waren unleserlicher als die Graffiti über, unter und neben den Klingeln, alles klebte – und doch, ich war ganz sicher, dass man dort drüben über mich sprach. Ich drückte also ein drittes, dann ein viertes und fünftes Mal auf die Klingel, bis ich wieder einen kurzen Blick auf die Männer in den Plastikstühlen wagte. Niemand sah zu mir, und sie redeten auch nicht über mich, sie redeten überhaupt nicht mehr, nein, sie sogen nur noch – wohl wollten sie mich täuschen.
Endlich, nachdem ich ein sechstes Mal auf die Klingel, auf die einzige Klingel ohne Namensschild, gedrückt hatte, ertönte das erlösende Summen, und ich warf mich mit aller Kraft gegen die Tür, weil sie früher immer geklemmt hatte, früher nicht anders zu öffnen war – weil das früher die einzige Möglichkeit gewesen war, in dieses hässliche Haus zu kommen. Irgendjemand hatte die Tür jedoch offenbar repariert, und so fiel ich in den Hausflur und landete samt meinem Koffer auf dem Boden.
Bis auf die Tür war nichts repariert, nichts verändert worden. Neben einigen Spritzen lagen Ausgaben der »Einkauf Aktuell« lose verteilt auf dem Boden, dazu Flyer von umliegenden Restaurants und eine kyrillische Ausgabe des Neuen Testaments, zerrissen.
Wie immer, wie früher, roch es nach Urin.
Im fünften Stock angekommen, erwartete mich niemand an der Tür, aber sie war einen Spaltbreit offen, und von drinnen ertönte das altbekannte Gewirr aus sich überschlagenden Stimmen und Punkrock. Dass Francesco mich ausgerechnet bei Peter abholen wollte, war so einleuchtend wie unangenehm – zumindest hatte ich nun die Gewissheit, dass er seinen Entzug aufgeschoben hatte, ich in Frankreich also seinem Entzug nicht würde beiwohnen müssen.
Peter lebte schon seit ich ihn kannte in dieser heruntergekommenen Fünfzimmerwohnung, in diesem heruntergekommenen, hässlichen Haus. Dass er hier inzwischen ganz allein lebte, war dem Umstand geschuldet, dass es niemand mehr mit ihm aushielt, seine Mitbewohner nach und nach ausgezogen waren und sich auch keine neuen fanden – obgleich, oder vielleicht eher weil er einen großen Bekanntenkreis hatte und also jeder wusste, dass man hier besser nicht einzog. Nein, hier zog man nicht ein. Und weil sich mit jedem neuen Auszug sein Anteil an der zu zahlenden Miete vergrößerte, hatte er mit jedem neuen Auszug auch immer mehr Drogen verkaufen müssen, und aus dem kleinen Broterwerb von früher hatte sich ein immer größeres Geschäft entwickelt – so zumindest hatte ich es sagen hören. Ja, Hatice hatte es mir so erklärt.
Chaim war als erster, vorletztes Jahr, ausgezogen, und seitdem hatte ich die Wohnung nicht mehr betreten, Peter folglich nicht mehr gesehen. Denn immer seltener verließ dieser seine Wohnung – verließ er sie überhaupt noch? Und die Zeit, da ich mit ihm unbeschwert von Club zu Club zog, war schon einige Jahre, eine Ewigkeit her. All die Ängste vor den Gefahren der Sonnenallee waren indes, während ich die Treppen emporgestiegen war, der Angst vor einem Zusammentreffen mit Peter gewichen. Es ist seltsam, wie die Schrecken, obwohl sie einander alle ähneln, sich von Mal zu Mal übertönen, einige für eine gewisse Zeit verstummen, nur damit andere klarer, reiner vernehmbar werden – und also die Orchestrierung der Angst jedem Instrument einen Solopart einräumt. Sowie das Tutti verstummte, richtete sich meine Angst auf ein konkretes Objekt, auf Peter. Nur büßte sie deshalb nicht an Lautstärke ein – nein, der Solist knüpfte problemlos an das Fortissimo des ganzen Orchesters an, und es schien verwunderlich, wie laut seine Stimme war.
Peters Zimmer lag noch immer am Ende der Wohnung, am Ende des langen Flurs, da er sich nie die Mühe gemacht hatte, die verlassenen Zimmer zu betreten, geschweige denn sie zu nutzen. Im Flur standen hunderte leerer Bierflaschen, die seine Kunden zurückgelassen hatten, leere Bierflaschen, die früher Chaim entsorgt hätte und deren verwesender Bodensatz nun einen schimmligen Teppich webte. Dieser eher stehende, dumpfe Geruch wurde überflügelt von dem beißenden Gestank, der von der Küche herwehte – schlimmer noch als früher, viel schlimmer. Sowie ich an Chaims altem Zimmer vorbeikam, hielt ich einen Augenblick inne, doch ich sah besser nicht durch die halboffene Tür, richtete meinen Blick lieber weiter auf das Ende des Flurs. Es waren nur noch wenige Schritte bis zu Peter, und ich versuchte, das Stimmengewirr zu entflechten, bekannte Stimmen von unbekannten zu unterscheiden, doch es gelang mir nicht: zu laut der Lärm der Musik, zu schrill das hastige Ineinander der Organe.
Erst als ich direkt vor der Tür stand, vernahm ich die sich überschlagende Stimme Sophias:
...



