E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Jestin Der Tanzende
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-0369-9622-6
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Roman
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-0369-9622-6
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
La Plage heißt der Club in einer kleinen Stadt am Ufer der Loire. Schon bei seinem ersten Besuch anlässlich eines Kindergeburtstages fühlt sich Arthur unwohl, wie erstarrt. Später, als Jugendlicher, will er lernen, mitzumachen. Er begleitet verschiedene Bekannte in den Club, versucht zu sein wie sie, verliebt sich zum ersten Mal, lernt zu tanzen, wird sogar zum besten Tänzer und ist schließlich beinahe täglich dort. Doch alle in seinem Umfeld verlassen die Stadt, bauen sich ihr Leben auf, können mit Erwartungen, die an sie gestellt werden, umgehen. Für Arthur hingegen wird das La Plage zu seinem eigentlichen Leben, nur an diesem Ort mit seinen eigenen Gesetzen gelingt es ihm, einen Platz in der Menge und eine Form der Existenz zu finden. Nur auf der Tanzfläche fühlt er sich frei und gibt die Hoffnung auf Liebe nicht auf.
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VINCENT
1998
Acht Jahre später ging es wieder los.
»Jungs, gehen wir tanzen?«
Ich rauchte bei Vincent auf dem Sofa, mit zwei anderen Jungen, an die ich mich kaum erinnern kann, Statisten. An Vincent erinnere ich mich. Er war imposant, trug immer weiße T-Shirts und schmutzige Jeans, die manchmal stark rochen, aber selbst sein Geruch war ihm zuträglich, war wie seine Gesten Teil einer Männlichkeit, die vor unserer herangereift war, eines Männerkörpers. Er war Rechtshänder, rauchte aber mit der Linken. Ich mochte die Art, wie er in seiner Tasche nach dem Feuerzeug suchte, im Mund eine Zigarette, sie mit geneigtem Kopf anzündete und jeden Satz mit einem langen Zug beendete, bei dem wir an seinen Lippen hingen, bis er am Ende die Kippe wegwarf, um zu signalisieren, dass das Gespräch beendet war. Ich saß neben ihm, eine Pobacke in der Luft, und konzentrierte mich darauf, nicht zu paffen, sondern wie bei den Proben in meinem Zimmer ganz tief zu inhalieren. Ich erhoffte mir ein wenig Vergnügen, nur ein bisschen, damit man es meinem Gesicht ansah, aber es war eklig, ein Geschmack von Staub und Tod, der mir die Tränen in die Augen trieb. Ich behauptete, allergisch auf das Sofa zu sein. Ich hätte alles getan, um dort zu bleiben, auf der gemeinsamen Wolke, auf Bewährung. In Wahrheit war ich nur halb ihr Freund. Ich war eine Option, ein Anhängsel, das durch den Zahn der Zeit, durch Verschleiß in der Clique implantiert worden war, die Art von Freund, dessen Anwesenheit und Abwesenheit die gleiche zu vernachlässigende Bedeutung haben.
»Gehen wir jetzt tanzen, oder was?«, wiederholte Vincent.
Ich tat weiterhin so, als würde ich nichts hören, während ich darauf wartete, dass die anderen für mich ablehnten.
»Warum sollten wir tanzen gehen?«
»Ich habe genug davon, abends hierzubleiben. Mir ist lieber, es sind haufenweise Leute da.«
»Die lassen uns doch nie rein.«
»Doch, ich bin schon einmal mit Freunden meines Bruders dorthin, sie wollten meinen Ausweis nicht sehen.«
»Ich hab ohnehin keine Lust zu tanzen.«
»Das will ich auch nicht. Ich scheiß aufs Tanzen. Man tanzt nicht, um zu tanzen, sondern um eine aufzureißen.«
Aufreißen, bei dem Wort wurde mir übel. In ihrer Sprache hieß das Knutschen. Seit einiger Zeit nahm sie dieses Thema völlig in Beschlag. Auf dem Gymnasium war es langsam losgegangen: Ihre Körper waren massiver geworden, ihre Stimmen hatten sich verändert, ihre Blicke waren nach und nach an den Mädchen haften geblieben, wo sie von den Brüsten über ihre Beine, ihren Hintern glitten, die in ihrer Sprache Ärsche geworden waren, und ich sagte es errötend nach. Ich war nicht bereit dafür. Ich sah noch immer aus wie ein Kind.
»Kommt schon«, hakte Vincent nach, »ich habe das Gefühl, dass Arthur dort Erfolg haben wird.«
Sie lachten und ich auch, mit verkniffenem Gesicht. Vincent wollte immer, dass ich aufriss. Jedes Mal, wenn wir ausgingen, suchte er nach einer Gelegenheit für mich. Das war regelrecht zu seiner Mission geworden, ehrenamtlich, sozial, humanitär. Mein Fall ließ ihn nicht los. Ich hatte noch nie jemanden geküsst. Nicht mal ein kleiner Schmatz in einer verborgenen Ecke des Schulhofs. Während die anderen bereits an Sex dachten, trat ich auf der Stelle, als würde ich auf dem Startfeld eines Spielbretts festsitzen. Eines Tages würde ich vorankommen müssen, und wenn auch nur, damit sie aufhörten zu lachen.
»Ich bin dabei«, sagte ich plötzlich mit aufwallendem Mut.
Bevor wir aufbrachen, hatten die anderen telefonisch um Erlaubnis fragen müssen. Sie beneideten uns, Vincent und mich, um unsere Freiheit. Unsere Eltern hielten uns nie vom Ausgehen ab, aber aus unterschiedlichen Gründen: Seine, weil sie nur selten da waren, meine, weil jedes Zeichen von Sozialisierung eine gute Nachricht war, ein kleiner Sieg über meine Einsamkeit.
Um diese Zeit war im Stadtzentrum wenig los; ein paar nach Mitternacht geöffnete Bars, unser Lieblingskiosk, ein Kebab-Laden, wo man am Ende der Nacht landete, der Nachtbus in den leeren Straßen, und, am anderen Ufer der Loire, vor dem Industriegebiet, La Plage, die einzige Disko der Stadt, ein glänzendes gelbes Rechteck am Wasser. Ich ging nie dort vorbei. Als wir näher kamen, schlug mir etwas auf den Magen, und es waren nicht nur die Bässe, die durch die Wände wummerten – ich erkannte den Ort wieder und mit ihm eine alte Angst, so wie man sich an eine bestimmte Straßenecke erinnert, an eine geometrische Anordnung, wo der Schmerz seine Spuren hinterlassen hat.
Wir gingen über die Brücke und den Parkplatz zum Eingang. Auf der Fassade prangte in großen Neonlettern »La Plage«. Mehrere Leute standen Schlange. Wir stellten uns dazu. Ich tat entspannt, die anderen vielleicht auch, aber es gelang ihnen besser als mir. Alle hier schienen volljährig zu sein, zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt. Als wir vor dem Türsteher standen, fiel sein Blick auf mich. Ich fürchtete, dass wir meinetwegen abgewiesen würden, weil ich nicht begehrenswert genug war, nicht genug begehrte, was auch immer. Ich hielt mich aufrecht. Ich hätte etwas Suspektes tun können, auf die Erde spucken zum Beispiel, damit seine Ablehnung sich darauf richtete und nicht auf mich.
»Okay.«
Wir gingen hinein. Vincent und die anderen jubelten, als hätten sie gerade eine Bank ausgeraubt. In der Schleuse wurde die Musik lauter, das Gebäude schien langsam in der Erde zu versinken. Schwimmbadschleusen, Umkleidekabinen, Warteschlangen vor Attraktionen, Durchgänge aller Art, Vorzimmer der Panik – mein Herz begann systematisch, schneller zu schlagen, und ich zog meine verschränkten Arme vor die Brust, um mit meinen Fäusten das Pochen einzudämmen. Wir ließen unsere Jacken am dafür vorgesehenen Ort. Jeder von uns bekam einen Jeton. Als der Gang enger wurde, kam es mir auf einmal so vor, als würde ich in die Fabrik gehen, nicht auf eine Feier, sondern in die Fabrik, zur Arbeit, in die Mine.
Daft Punk – Around the World
Drinnen gab es eine Bar, eine künstliche Palme, eine Spiegelwand, in den Ecken Bänke aus violettem Leder und in der Mitte eine rechteckige Tanzfläche, wo sie zu Hunderten in einem Gemisch aus Musik, Farben und Rauch tanzten. Das war, was ich sah. Gleichförmig und anhaltend. Das Gefühl, von einer Bewegung in vollem Gange mitgerissen zu werden, währte nur kurz; schon nach ein paar Schritten waren wir vollständig von der Atmosphäre aufgesogen, von den Lichtern hineingezogen. Unsere T-Shirts, Schuhe und Zähne fingen an zu leuchten wie beim Bowling. Ich spürte die anderen in Erregung geraten. Sie sagten etwas, was ich nicht verstand, da die Musik zu laut war. Wir gingen um die Tanzfläche herum zur Bar. Vincent, das sah ich an seinem Gang, fand Gefallen daran, nicht zu tanzen, den Moment hinauszuzögern, wie es selbstbewusste Leute tun. Ich versuchte, ihn zu imitieren. Solange ich nicht tanzte, wies nichts darauf hin, dass ich kein großer Tänzer war, ein Verführer, der sein Game ziemlich gut hinter seiner Verlorenheit versteckte.
»Vier Gin Tonic«, brüllte Vincent dem Barkeeper zu, ohne nach unserer Meinung zu fragen, und legte hundert Francs auf den Tresen.
Ich hätte mich nie getraut, für alle zu bestellen. Das war wie in der Kantine den Aufbruch zu initiieren, indem man zuerst aufstand, nur Anführer wussten, wie man das machte. Ich wusste nicht, was ein Gin Tonic war, und mir wäre eine Cola lieber gewesen, höchstens ein Apfelkorn, aber ich sagte nichts. Anschließend folgte ich ihnen zu den Bänken und hielt dabei mein Glas als Entschuldigung dafür, dass ich nicht tanzte, konzentriert nach oben. Alkohol floss in meinen Hemdärmel. Wir setzten uns nebeneinander an den Rand der Tanzfläche. Noch nie hatte ich gesehen, wie sich so viele Leute im selben Raum bewegten. Um sie nicht anzuschauen, hob ich den Blick. An der Decke wirbelten in höllischer Geschwindigkeit Dutzende irrer Spots, jeder mit einer eigenen Farbe und Bahn, seiner eigenen kleinen Partitur inmitten des Chaos. Sie wirkten erschöpft, sogar ein bisschen mitleiderregend. Ich schaute wieder nach unten, konzentrierte mich auf die Musik. In meinen Füßen zuckte die Lust, mit ihnen wie auf einem Konzert zu wippen, ein ruhiges Konzert, bei dem jeder sitzen bleibt, das hätte mir gefallen. Neben mir unterhielten sich die drei anderen, indem sie einander ins Ohr brüllten. Ich glaubte zu hören, wie Vincent von einer Party erzählte, auf der er letztes Wochenende war. Das war sein Lieblingsthema. Noch mehr als das Ausgehen gefiel ihm, davon zu erzählen. Das Vergnügen eines Abends bestand in der Erinnerung, die er daraus formte. Er übertrieb es immer. Die anderen hörten ihm lachend zu, lachten noch vor der Pointe, so sehr hatten sie Lust zu lachen, längst verführt und überzeugt. Ich reckte den Hals, um mich einzuklinken, mich in das Dreieck ihrer Körper einzufügen, aber es gelang mir nicht, denn ihre Schultern drängten mich zurück, ohne dass sie es bemerkt hätten. Ich lachte willkürlich, aber meine Stimme glitt ab ins Schrille, also hörten sie mich nicht. Resigniert starrte ich zu Boden und trank meinen Gin Tonic. Gin mit Schweppes. Sehr bitter. Blähend. Was mache ich hier bloß, fuhr es mir durch den Kopf.
Vincent stand auf. Er tat ein paar Schritte und fing an zu tanzen, schwang mit zusammengekniffenen Lippen die Hüften, seine Arme rotierten langsam an seinem Körper, als würde er in Zeitlupe joggen. Er schob sich in die Mitte der Tanzfläche und verschwand in der Menge.
»Verdammt, der kann tanzen!«
»Der Arsch hat echt was drauf.«
Sie folgten ihm wie die Fliegen.
»Ich trinke aus und komme...




