E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Jeschke Svendborg 1937
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7117-5476-9
Verlag: Picus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-7117-5476-9
Verlag: Picus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tanja Jeschke wurde in Pretoria geboren, wuchs zunächst dort und in Port Elizabeth am Indischen Ozean auf und verbrachte ihre Schulzeit in Norddeutschland. Sie studierte Germanistik und Evangelische Theologie und reiste eine Weile durch Su?dafrika und Namibia. Schließlich arbeitete sie als freie Autorin, Literaturkritikerin und Lektorin in Rostock und Stuttgart. Sie hat etliche Kinderbu?cher und auch Bu?cher fu?r Erwachsene veröffentlicht und erhielt zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen. Im Herbst 2022 ist ihr Roman »Svendborg 1937« im Picus Verlag erschienen.
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Worte wie Bullaugen
Jeden Vormittag übt Ricarda Cello. In der Zeit muss Meret ihr gemeinsames Zimmer verlassen. Ricarda übt eisern drei Stunden. Zuerst Etüden, dann Brahms. Immerzu seine zweite Symphonie. Wunderschön. Aber dann fängt sie an zu sägen. Das ist keine Musik mehr. Als würde sie Holz sägen, laut, hart, ohne jedes Gefühl kratzt sie auf ihrem Instrument herum, hin, her, kreuz, quer, verbissene Tonleitern, lang gezogenen Katzenjammer, wilde, bodenlose Geräusche.
Meret findet es grauenhaft. Aber die Eltern lassen Ricarda. Sie sagen: Sie muss sich austoben. Sonst geht es gar nicht mit ihr hier.
Die Tante, die in der Küche die ganze Zeit mit den Vorbereitungen der Mahlzeiten beschäftigt ist und sich nicht helfen lassen möchte, runzelt die Stirn zu dem Gekratze und Gekreische. Was macht sie da? Ricarda muss doch üben, sagt sie vorwurfsvoll, richtig üben, sehr gut werden muss sie, die Beste von allen, das wart ihr doch immer, ihr Juden.
Die Erleichterung des Vaters über den gelungenen Ortswechsel scheint riesig. Schon morgens beim Frühstück erzählt er ohne Sinn und Verstand einen Hitler-Witz nach dem anderen. Ein Zuviel an Hoffnung ist das.
Trifft ein Psychiater einen anderen Psychiater. Sagt der eine: Heil Hitler!, sagt der andere: Heil du ihn doch! Dabei lauscht der Vater seinen eigenen Worten nach und steckt sich schmunzelnd und nickend die Serviette in den Hemdkragen, während die anderen ein klein bisschen lachen.
Später setzt er sich in den Garten, ganz nach hinten beim Holunderbusch auf die weiße Bank, und liest Zeitung. Er holt sich diese jeden Morgen um zehn Uhr von Herrn Vegesack, einem Deutschen aus der Nachbarschaft, der schon lange hier lebt, kein Emigrant, einer, der hier ein Schuhgeschäft hat, etwas Richtiges. Herr Vegesack ist gleich am zweiten Tag an der Tür erschienen, die Bienen wild im Rosenbogen summend, während er sich dem Vater vorstellte, ein alter Freund Knuds, wie dieser ein Quäker, bereit, seine deutsche Zeitung mit ihm zu teilen, kein Nazi-Blatt, natürlich nicht, sondern die Frankfurter Zeitung. Der Vater nickte zustimmend und wollte wissen, woher der Mann kam. Herr Vegesack sagte, er wohne in der Valdemarsgade. Aber nein, sagte der Vater, woher aus Deutschland. Ach so, aus Deutschland, sagte Herr Vegesack, aus Wuppertal, seine Frau sei Dänin, deshalb habe es ihn hierher verschlagen, schon 1914 vor dem Großen Krieg, er sei ein Glückspilz, schon immer einer gewesen, ein von Unglück und Krieg verschonter Mensch. Und nun bin ich auch ein Glückspilz, sagte der Vater, und kann jeden Tag die Frankfurter Zeitung lesen. Ganz richtig, sagte Herr Vegesack und nickte zufrieden. Keine einzige Biene stach, ganz ohne Beten.
Nach dem Mittagessen gehen die Eltern zu den Behörden in die Stadt. Meret muss dann auf Friedrich aufpassen. Sie spielt ein bisschen lustlos mit ihm im Garten. Eigentlich weiß sie mit der Zeit nichts anzufangen. Sie hat in Stuttgart eine große Bücherkiste vorausschicken lassen, mit all den Klassikern, die sie jetzt endlich lesen will: Goethe, Schiller, Kleist, die Droste, Mörike, die Manns, Klopstock, Heine, Rilke, auch Dostojewski und Tolstoi, Turgenjew und Puschkin, die halbe Bibliothek der Eltern hat sie in die Kiste gepackt. Ich werde viel Zeit dafür haben, hat sie zu Lisa Stubenrauch gesagt, ihrer besten Freundin, der sie hat versprechen müssen, ein Tagebuch zu führen über ihre Lektüre-Eindrücke. Dann können wir darüber reden, wenn du wiederkommst, hat Lisa Stubenrauch gemeint und Meret zum Abschied ein dickes Schreibheft mit blauem Leineneinband in die Hand gedrückt. Die Kiste steht oben in ihrem Zimmer, sie könnte gleich anfangen. Aber sich einen Platz suchen und hinsetzen und ein Buch aufschlagen, das geht noch nicht. Es sind ja auch keine Ferien. Sie hat das Gefühl, es ist gar nicht ihre eigene Zeit. Ist es nicht Ricarda, die alles bestimmt? Die Stimmung, die Tätigkeiten, die ganze Zukunft bestimmt Ricarda mit ihrem Cello, um das sich alles dreht. Solange sie ihr Cello spielt, ist alles noch fast wie immer und alles kann noch werden.
Manchmal setzt sich Meret mit Friedrich auf die Bank und liest ihm aus der Zeitung vor, die der Vater dort immer liegen lässt. Friedrich lauscht mit ernstem, stillem Gesicht und weit geöffnetem Mund, als würde er alles verstehen. Aber Meret lässt die gedruckten schwarzen Zeilen nicht in ihren Kopf vordringen. Sie prallen gegen die Mauer, die dort entstanden ist.
Der Mauerbau hat vor langer Zeit schon begonnen. Fertig war sie dann im April, als der Vater sagte: Wir müssen hier weg. Ein ungewöhnlich höflicher Nazi ist in seiner Galerie in der Kronprinzenstraße aufgetaucht, Wolfgang Willrich. Ich nehm mir dann mal, was ich brauche, hat er gesagt und sich die Bilder angeschaut, die Gemälde und Zeichnungen und die Aquarelle, hat sie genau betrachtet, dann die besten beschlagnahmt mit den Worten: Entartet, Herr Dinkelspiel, die haben keinen Wert mehr. Aber was geschieht mit ihnen?, hat der Vater entsetzt gefragt, obwohl er es genau wusste. Woraufhin der Mann mit völlig unverständlichem Frohsinn, der ihm über der Nase lag wie ein Wundverband, von der Ausstellung berichtet hat. Ab Juli in München, Herr Dinkelspiel, da stellen wir die Entarteten aus, in den Hofgartenarkaden werden sie hängen, und unser deutsches Volk wird erkennen, was heute nicht mehr passt. Dann hat Wolfgang Willrich den Vater aufgefordert, ihm bei der Verladung der Bilder zu helfen, der Lieferwagen draußen, der Vater, der seine Schätze hintragen muss, in der Eile nicht sorgsam genug verpackt, nur mit einfachem grauem Papier. Willrich, der seine Absätze zusammengeknallt und die Hand zum Hitlergruß gestreckt hat und abgefahren ist, der Vater, zurückgeblieben mit herabhängenden Schultern, die sich seither nicht mehr aufrichten lassen.
Wir müssen hier weg, so heißen die letzten Mauersteine in Merets Kopf. Vor der Mauer aber ist noch ein bisschen Platz, ein siebzehn Jahre junger Platz, darauf scheint die Sonne in den ersten Tagen warm vom hellblauen dänischen Himmel, an dem dicke Möwen flattern und kreischen. Es ist Sommer, denn hohe blutrote Malven stehen am Zaun, dessen weiße Farbe abblättert.
Meret kommt plötzlich auf den Gedanken, diesen Zaun anzustreichen. Sie erinnert sich dabei an Tom Sawyer, der sich daraus einen großen Spaß gemacht hat, als er den Zaun seiner Tante Polly streichen musste. Er hat seine Strafarbeit einfach umgewandelt in einen Gewinn.
Kann ich das nicht auch?, fragt sich Meret grüblerisch. Das hier umwandeln in einen Gewinn?
Sie geht zur Tante und erzählt ihr von der Idee, die schaut sie lange zögernd an und antwortet schließlich: Das lohnt nicht mehr.
Meret ist daraufhin so enttäuscht, dass ihr die Tränen kommen. Weil die Tante ihr Angebot abgelehnt hat? Weil sie so gern den Zaun mit frischer Farbe versehen hätte? Weil die Tante nicht Tante Polly ist und sie nicht Tom Sawyer? Oder weil es sich nicht mehr lohnt? Was lohnt sich nicht mehr, was?
Dann, denkt sie, lohnt sich doch auch Ricardas Cello-Üben nicht mehr.
Sie rennt hinauf in ihr Zimmer. Da am Fenster sitzt Ricarda am Cello in ihrem blauen Kleid mit den roten Tupfen, das Haar hochgesteckt, das Gesicht erhitzt, die Brille schief auf der Nase.
Hör auf!, schreit Meret die Schwester an. Das hält ja kein Mensch aus!
Ricarda lässt den Bogen erstaunt sinken. Dann legt sie ihn auf die Fensterbank neben sich, steht auf und nimmt Meret in den Arm.
Ja, sagt sie ganz ruhig, und deshalb werde ich auch nicht lange hierbleiben.
Meret erschrickt. Was willst du machen?, fragt sie und schüttelt die Schwester ab.
Gehen, gibt Ricarda patzig zur Antwort.
Aber wohin?, fragt Meret und spürt die Angst heraufkriechen.
Zu Kurt-Anselm, sagt Ricarda.
Das kannst du nicht, stößt Meret hervor und weiß es in diesem Augenblick zum ersten Mal selber ganz klar: Es ist unmöglich, zurückzukehren, der Satan ist an der Macht.
Ricarda, du kannst nicht mehr zurück. Meret weiß es nicht nur, sie ist auch so alt wie dieses Wissen, nämlich älter als Ricarda, älter als alle Menschen auf der Welt und allein.
Doch, sagt Ricarda, das kann ich.
Sie werden dich –, sagt Meret. Du weißt doch, warum wir hier sind. Weil es keine Chance mehr für uns in Deutschland gibt.
Ach, aber hier in diesem dänischen Nest soll es die geben?! Ricarda schnaubt zynisch durch die Nase.
Du musst hierbleiben, sagt Meret.
Ricarda schüttelt den Kopf.
Doch. Du musst versuchen zu bleiben, sagt Meret und merkt, wie sie anfängt zu betteln. Wenn sie diesen Punkt erreicht hat, ist es schon immer umsonst gewesen, worum es auch ging. Die bettelnde Meret und die erhabene, sich stets verweigernde große Schwester. Das alte Spiel. Meret muss ganz kurz lächeln. Und beendet es dann auf der Stelle. Und für einen winzigen Augenblick fühlt sie keine Bedrängnis, nur Freiheit.
Ich hatte vor, gar nicht erst in den Zug zu steigen, nicht einmal zum Bahnhof habe ich kommen wollen, sagt Ricarda. Aber...




