E-Book, Deutsch, Band 4, 400 Seiten
Reihe: Die Brüder Sass
Jensen Blutiges Erbe
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-8412-3293-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Syndicat Berlin
E-Book, Deutsch, Band 4, 400 Seiten
Reihe: Die Brüder Sass
ISBN: 978-3-8412-3293-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Jagd nach dem Roten Erbe.
Herbst 1925. Ein ungewöhnlicher Mord lässt Franz Sass und sein Syndicat aufhorchen. Auf dem Ufa-Gelände in Potsdam ist ein russischer Diplomat ermordet aufgefunden worden, ein Bekannter des Regisseurs Sergej Eisenstein, der gerade seinen Revolutionsfilm 'Panzerkreuzer Potemkin' abgedreht hat. Offenbar sind Spione in Berlin unterwegs, die nach dem 'Roten Erbe', dem Geld russischer Adeliger, suchen. Franz Sass wittert ein Geschäft - warum sollte nicht er sich um das Vermögen der russischen Exilanten kümmern? Doch nicht nur Susanne, die Frau an seiner Seite, sondern auch die anderen Mitglieder des Syndicats ahnen, in welche Gefahr er sich damit begibt ...
Hochspannend und unterhaltsam - die Zeit der Weimarer Republik aus einem ganz anderen Blickwinkel erzählt.
Michael Jensen wurde im Norden Schleswig-Holsteins geboren. Im Hauptberuf ist er als Arzt tätig und interessierte sich früh für jüngere deutsche Geschihcte und deren Folgen für die Nachkriegsgeneration. Für sein literarisches Schreiben hat er ein Pseudonym gewählt. Er lebt mit seiner Familie in Hamburg und im Kreis Schleswig-Flensburg. Über die Sass-Brüder erschienen im Aufbau Taschenbuch bisher 'Blutgold', 'Blutige Stille' und 'Blutiger Schnee'. Außerdem sind hier seine Kriminalromane 'Totenland', 'Totenwelt' und 'Totenreich' lieferbar. Mehr zum Autor unter www.autor-jensen.de.
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Berlin, Mitte Oktober 1925
Das – ehemals Königliche – Preußische Untersuchungsgefängnis an der Ecke Alt-Moabit und Rathenower Straße war seit gut zehn Monaten das unfreiwillig zugewiesene Zuhause von Iwan Baruch Kutisker. Der aus Russisch-Polen stammende Geschäftsmann lebte seit fast sieben Jahren in Berlin. Er hatte nach dem Krieg die Zeichen seiner Zeit, sämtlich Zeichen der Auflösung und des Chaos, schnell erkannt und riesige Gewinne mit »herrenlosen Gütern« gemacht. Herrenlos, das waren die alten Waffenbestände, Tuche, Gerätschaften und Chemikalien des gerade beendeten Wahnsinns. Kutisker hatte sie zu einem Spottpreis erworben, gelistet, aufgeteilt und an Interessenten wieder verkauft. Bereits zur Zeit des Versailler Vertrags war er auf recht einfache, nicht immer legale Weise mehrfacher Millionär geworden.
»Elendes Schmutzblatt«, fluchte der beleibte Mann und geriet bereits infolge dieser winzigen Anstrengung außer Atem. Friedrich Hussong, ein rechtsnationaler Keifer im Gefolge Hugenbergs, hatte im Berliner Lokal-Anzeiger einen Leitartikel über Kutisker verfasst.
Wehrt euch! Der Jude Iwan Baruch frisst sich fett am Eigentum des Volkes. Eure Kinder hungern, während er wie eine Made im Speck … stand darin zu lesen.
»Es war zu erwarten«, meinte Dr. Alfons Renger, der als sein offizieller Strafverteidiger auftrat. »Die Rechten machen Stimmung.« Renger, der auch als eine Art Justiziar und Rechtsberater des Syndicats arbeitete, hatte das Mandat auf Bitte eines guten Freundes übernommen, der selbst nicht in Erscheinung treten wollte. Erich Frey war der berühmteste Anwalt der Republik. Er war Liberaler und Jude, aber verstand es mit viel Geschick, sich nicht in eine Ecke drängen zu lassen. Kutisker konnte sich Freys Honorare leisten, doch der wollte negative Publicity – er war auch im Sprachgebrauch ganz auf der Höhe der Moderne – unbedingt vermeiden. Also war man übereingekommen, dass Renger an die Front ging, während Frey in der Etappe blieb.
»Ich zahle viel Geld, damit ihr mich hier herausboxt.« Leider war Kutiskers Art nicht unbedingt dazu angetan, die Vorurteile, die manche Leute gegen ihn hegten, zügig zu widerlegen. Als Kind und Jugendlicher hatte er »Dreck gefressen«, wie er es nannte. Für eine Kopeke wäre er bereit gewesen, mit dem Teufel zu tanzen. Nun, da er mit rücksichtsloser Spekulation zu Erfolg gekommen war, ging er wie selbstverständlich davon aus, dass alle Menschen käuflich waren. Und meistens behielt er damit sogar recht. Er hatte Politiker, Verwaltungsbeamte und andere Unternehmer bestochen. Dass Frey sich ihm entzog, hatte seinen Unmut ausgelöst.
»Wir haben die Kontakte hergestellt«, sagte Renger, ohne auf die beleidigende Provokation einzugehen. Er schob seine Nickelbrille nach oben. Sein Gesicht war im Alter hager geworden, und der Nasenrücken derart abschüssig, dass keine Sehhilfe richtig sitzen wollte. »Wie Sie es wünschten.«
Kutiskers Anwälte hatten drei Dutzend einflussreiche Männer angeschrieben, die an Kutiskers Geschäften beteiligt gewesen oder aber in Absprachen verwickelt waren. Elf von ihnen hatten mit Verleumdungsklagen gedroht, der Rest ließ sich verleugnen. Als Renger diese ernüchternde Bilanz aller Anstrengungen schilderte, fluchte Kutisker erneut.
»Höfle hätte Sie ganz sicher entlasten können«, meinte der Anwalt. »Er war bereit, vor Gericht auszusagen.«
Anton Höfle hatte Kutiskers Konzernen als Minister ein paar Millionen als ungedeckte Kredite der Reichspost verschafft. Und dafür ein ordentliches Sümmchen in die eigene Tasche gesteckt. Unter mysteriösen Umständen hatte er im Frühjahr, kurz nach seiner Verhaftung, ein ganzes Röhrchen Luminal-Tabletten geschluckt. Nachdem ihm sein Gewissen geraten hatte, ein umfassendes Geständnis abzulegen.
»Was ist mit Bauer?«, fragte der Häftling unwirsch. »Dem Kerl kann ich alles nachweisen.«
»Wir sprechen immerhin vom ehemaligen Reichskanzler. Der Staatsschutz sorgt dafür, dass wir ihm nicht an den Karren fahren können.«
Alfons Renger zuckte mit den Schultern. Er hätte nie gedacht, dass er mal einen Mandanten vertreten würde, der so viele Hinweise für die Verwicklung von Honoratioren des Reichs in Mauscheleien in den Händen hielt. Hinweise, die sich zunehmend als wertlos erwiesen hatten. Weil sie eben keine Beweise waren. Politik und Wirtschaft deckten sich gegenseitig. »Ich kann mich nicht erinnern. Ich glaube aber nicht, dass es stimmt, Herr Vorsitzender.« Zur Not wurde mit dieser schlichten und eigentlich törichten Aussage jeder Ausschuss abgespeist. Kleinganoven hätte man vorgeworfen, es handelte sich dabei um eine Schutzbehauptung. Großen Gaunern hingegen nahm man es ab. Reichsanwalt und Richterschaft nickten jedes Mal nur ergeben und fegten damit alle Indizien, die Kutisker vorgebracht hatte, vom Tisch.
»Wenn Sie ein Geständnis ablegen, wird sich dies strafmildernd auswirken«, schlug Renger zum wiederholten Mal vor. »Wenn Sie auf Vorwürfe gegen Dritte verzichten, können wir sicherlich noch verhandeln. Ich denke, vier oder fünf Jahre …«
»Ich soll gestehen und alles auf mich nehmen?«, unterbrach ihn Kutisker. »Ich habe geschätzt eine Million Mark an diese Herren gezahlt, und jetzt sollen sie davonkommen? Einfach so? Die Leute haben mir die Kredite förmlich aufgedrängt. Natürlich gegen eine hübsche Provision. Wie Bauer.«
Renger schwieg. Ein Geständnis schien ihm und Frey die einzige Möglichkeit zu sein, ein etwas milderes Urteil zu erwirken. Der Reichsanwalt wollte fünfzehn Jahre für Kutisker fordern. Der Mann würde bei einem solchen Urteil wahrscheinlich im Gefängnis sterben.
»Ich habe noch ein Ass im Ärmel, wie die Amerikaner so schön sagen«, sagte Kutisker nach einer Weile.
»Besser zwei«, erwiderte Renger und schaute auf die Uhr. Gleich würde der Wärter kommen, um den Gefangenen abzuholen.
»Ich habe einen guten Bekannten«, sagte Kutisker. »Er ist Buchhalter. Sie verstehen, Herr Dr. Renger? Diese Leute schreiben alles auf. Es ist eine Art Zwang bei ihnen. AEG, Krupp, Borsig, Siemens. Mit diesen Konzernen habe ich gute Geschäfte gemacht, und sie haben meine illegale Ware gern genommen. Mein Mann hat zudem Belege für Zahlungen an mindestens fünfzig Beamte bei der Polizei, Gewerbeaufsicht, Steuerbehörde und in der Stadt- und Reichsverwaltung. Zwanzig Abgeordnete der SPD und des Zentrum standen auf meiner Gehaltsliste. Dazu Bauer und Höfle. Ich werde alles an die Presse geben. Buchung für Buchung. Ich spreche von handfesten Beweisen!«
Der Anwalt war überrascht und entsetzt zugleich. Wenn es einen glaubhaften Zeugen und belastbares Beweismaterial gab, dann konnte dieser Skandal die Republik zu Fall bringen. Links und rechts außen lauerten die Aasgeier, die sich nur allzu gern über ihren Leichnam hermachen würden.
»Er heißt Annuscheit. Finden Sie ihn! Dieser untreue Kerl war schon immer ein Hasenfuß. Er ist einfach abgehauen, als es brenzlig wurde.« Kutisker grinste hämisch. »Aber seine Lebensversicherung hat er sicherlich mitgenommen. Ohne seine Zahlen fühlt er sich nackt. Und seine Aufzeichnungen können beweisen, dass dieser Skandal bis nach ganz oben reicht.«
»Der Mann muss doch befürchten, dass man ihn ebenfalls zur Rechenschaft zieht«, meinte Renger skeptisch.
»Er war nur ein Weisungsempfänger.« Kutisker schüttelte den Kopf. »Sie sind der Anwalt, Herr Dr. Renger! Machen Sie ihm klar, dass er lediglich als Zeuge gebraucht wird und keine Anklage zu erwarten hat.«
»Er sieht es wohl anders. Warum sonst ist er verschwunden?«, fragte Renger, ahnte jedoch die Antwort.
»Er hatte Angst vor Konsequenzen anderer Art.« Kutisker fuhr sich mit seinem fleischigen Zeigefinger quer über den Hals. »Und wir beide wissen, dass er sie nicht zu Unrecht hat....




