E-Book, Deutsch, Band 5, 400 Seiten
Reihe: Die Brüder Sass
Jensen Bluthunde
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8412-3749-1
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Syndicat Berlin
E-Book, Deutsch, Band 5, 400 Seiten
Reihe: Die Brüder Sass
ISBN: 978-3-8412-3749-1
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der spektakulärste Coup von Berlin.
Sommer, Ende der 1920er Jahre: die beste Zeit der Weimarer Republik. Für die Sass-Brüder und ihr Syndicat wird das Pflaster in Berlin jedoch allmählich zu heiß. Zu sehr sind sie ins Visier der Behörden geraten. Franz Sass plant einen letzten großen Coup: In einem der Tresore der Commerz- und Disconto-Bank sollen eine Million Reichsmark aus illegalen Wahlkampfspenden liegen. Mit dieser Beute hätten die Brüder endgültig ausgesorgt. Doch mit dieser Aktion legen sie sich mit einem höchst gefährlichen Feind an: Joseph Goebbels ...
Michael Jensen wurde im Norden Schleswig-Holsteins geboren. Hauptberuflich ist er als Arzt tätig und interessierte sich früh für jüngere deutsche Geschichte und deren Folgen für die Nachkriegsgenerationen. Für sein literarisches Schreiben hat er ein Pseudonym gewählt. Er lebt mit seiner Familie in Hamburg und im Kreis Schleswig-Flensburg. Im Aufbau Taschenbuch sind seine historischen Krimis um die Brüder Sass lieferbar sowie seine Reihe um Inspektor Jens Druwe. Mehr zum Autor unter autor-jensen.de.
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»Steck doch den Kopf nicht gleich in den Sand. Es hätte auch klappen können. Es fehlte nicht viel«, meinte Franz. Sein Bruder schwieg. Im Hinterzimmer des Klub Berlin war es ansonsten vollkommen still. Die Fenster waren eine spezielle Anfertigung, hatten drei Scheiben, und die Tür war innen mit dickem Leder überzogen, so dass alle Geräusche ausgesperrt wurden. Franz saß im Büro seines Bruders, von dem aus Erich die Lokale des Syndicats leitete. Das Rad der Geschäfte drehte sich. Und es drehte sich schwindelerregend schnell. Was heute schick und angesagt war, galt morgen schon als olle Kamelle. An der Tür stand jetzt in goldenen Lettern: E. Sass – Manager.
Franz mochte diese frühe Tageszeit. Kurz nach fünf Uhr. Noch war draußen auf den Straßen nichts los. Aber bald erwachte die Stadt zum Leben, machten sich die Menschen bereit, einem neuen Tag ins Gesicht zu sehen. Manchmal packten sie den Stier bei den Hörnern, schwangen sich auf und ritten den Koloss, dann konnte es ein guter Tag werden. Viel öfter wurden sie jedoch durch die Manege des Daseins getrieben und versuchten nur, irgendwie durchzukommen, zu überleben. Die Brüder hatten nach ihrer überstürzten Flucht vom Gelände der Bahndirektion zunächst einfach erschöpft geschwiegen, geraucht und getrunken. Sie waren verdreckt und verschwitzt. Franz hatte vorher darauf bestanden, die Werkzeuge in einem Kellerraum abzustellen, dessen Mietvertrag über einen Mitarbeiter lief. Dort hatten sich die Brüder auch gewaschen und die Kleidung gewechselt. Franz wollte kein Risiko eingehen. Sollte die Polizei auftauchen, schärfte er seinem Bruder ein, dann würden sie angeben, dass sie zunächst ihrer Tante und ihrem Lebensgefährten bis in die Nacht bei deren Hausrenovierung geholfen hatten. Danach waren sie hier im Klub versackt. Erich schien die ganze Sache jedoch nicht so gelassen zu nehmen. Er lief im Raum auf und ab, fummelte an der Schnur des Fernsprechers herum und verschob mehrmals die Tischlampe, als wäre er mit deren Standort unzufrieden.
»Mensch, irgendwann kommen wir noch schwer inne Bredulje«, meinte er. »Imma jeht wat krumm.« Er zerriss ein Blatt Papier, knüllte es zu kleinen Kugeln und schnippte sie unwirsch durch den Raum.
»Ist doch alles nur zum Spaß, Erich. Det Jeld is doch ejal.« Franz lachte, als er ganz bewusst in den Straßendialekt wechselte. Eigentlich geschah dies nur, wenn er mächtig angefressen war. »Spaß hat es doch gemacht. Fast waren wir so weit. Wer kann ahnen, dass dieser Torfkopp ausgerechnet bei unserem Schuppen pullern geht? Freundlicherweise hat er gerufen, als ihm mulmig zumute wurde. So konnten wir wenigstens jut verduften.«
»Was meinst du, steckt Fabich dahinter? Hat er uns doch ausspioniert?«
»Glaube ich nicht, Erich. Dann hätten sie uns sicherlich geschnappt.« Franz forderte seinen Bruder auf, sich endlich zu setzen und die Hände in die Hosentaschen zu stecken. Langsam nervte ihn die Unruhe, die Erich verbreitete. »Wahrscheinlich war es Zufall, dass die Polente aufgetaucht ist. Der Wachmann hat uns beim Bohren und Stemmen gehört und dann die Schupos gerufen. Diese Kerle liefen doch strunzdumm auf dem Gelände herum und haben sogar laut gerufen, als sie ankamen. Nee, Fabich wäre schlauer gewesen und hätte uns sicher gleich hopsgenommen. Wir haben nur Pech gehabt. Oder Glück, wie man es nimmt. Beruhige dich endlich, Erich.«
Kaum hatte er diese Gedanken ausgesprochen, merkte Franz, dass ihm die Angelegenheit doch mehr auf den Magen schlug, als er zugeben wollte. Wenn die Polizei in solchen Fällen besser organisiert wäre, säßen die Brüder jetzt wohl auf irgendeinem Revier. Stattdessen wusste Franz von Kommissar Konter, dass die meisten Raubüberfälle in Berlin zunächst vom örtlich zuständigen Revier untersucht wurden. Man schickte dann zwei unterbelichtete Wachtmeister, die sich vor allem um ihre Butterbrote und Nachtruhe sorgten. Und meist waren sie nicht erpicht darauf, jemanden auf frischer Tat zu ertappen. Welcher Beamte ließ sich schon gern für eine Mark Schichtzuschlag von ein paar aufgeschreckten Gaunern zusammenschießen? Franz war sicher: Würde man hingegen das Überfallkommando und erfahrene Ermittler wie Fabich sofort einbinden, dann sähe es zappenduster aus für schräge Vögel wie die Brüder. Franz kippte einen weiteren Kognak hinunter, ohne ihn zu genießen.
»Was hältst du davon, wenn wir uns ein ordentliches Alibi beschaffen? Nur für alle Fälle«, meinte Erich. »Bei der Gelegenheit lassen wir uns mal wieder in der Birke bei Mutti und Vadder blicken.«
Birke war seit ihrer Kindheit die Bezeichnung der Sass-Jungs für die elterliche Wohnung in der Birkenstraße im Ortsteil Moabit. Dort hatten sie zeitweise mit sieben Personen in zwei Zimmern mit Küche und Abstellkammer gelebt. Auf engstem Raum hatte es damals nichts Privates gegeben; weder ein Flüstern noch die allzu menschlichen Verrichtungen oder gar die Geräusche ehelicher Pflichten waren verborgen geblieben. Während jedoch in vielen Behausungen das völlige Chaos herrschte und Kinder unter den Misshandlungen und dem Suff der Eltern zu leiden hatten, waren Marie und Andreas Sass immer bemüht gewesen, die Familie zusammenzuhalten. Selbst in den schlimmsten Zeiten wurden die wenigen Kartoffeln mit wässriger Mehlstippe gerecht unter allen verteilt. Zwar zog der Vater auch manches Mal den Riemen, um die Burschen, wie er seine Söhne nannte, auf Trab zu bringen. Und Mutter Marie schimpfte, wenn sie die Hosen zum zehnten Mal flicken musste, weil ihre Kinder beim Toben nicht achtgegeben hatten. Aber alles in allem hatten die Sass-Brüder eine Kindheit erlebt, die den Namen durchaus verdiente.
»Wenn wir uns beeilen, erwischen wir Vadder noch, bevor er auf Maloche jeht«, sagte Erich und blickte auf seine Armbanduhr. »Bringen wir ihm Schrippen und eine Packung Fünfer mit. Und zwei Bier für den Feierabend, dann frisst er uns aus der Hand.«
Als die Brüder eine halbe Stunde später in Moabit ankamen, begannen sich die Straßen in dem Arbeiterviertel bereits zu füllen. Männer und Frauen strömten in die vielen Fabriken. Übermüdung stand ihnen in den Gesichtern, stumm und noch halb schlafend eilten sie ihren Zielen zu. Die kleineren Angestellten machten sich meist erst eine Stunde nach diesem Schichtwechsel auf den Weg. Vom Westhafen zog ein modriger Geruch durch die Straßen. Man hatte dort vor kurzem das Hafenbecken ausgebaggert und den übel stinkenden Schlick auf einer Brachfläche des nahe gelegenen Reichsbahngeländes abgekippt. Aus diesem Grund suchten nun seit einiger Zeit allabendlich Myriaden von Mücken und Fliegen die Moabiter heim. Trotz der winterlichen Kälte schienen sich die Mistviecher in dem gärenden Dreck gut zu vermehren.
»Ihr lasst euch also auch mal wieder blicken«, stellte Andreas Sass fest, als Erich und Franz ihn in der Küche begrüßten. Seine Miene hellte sich auf, als er die Tüte des Bäckers bemerkte.
»Seid ja doch zu was zu gebrauchen«, fügte er hinzu, als Franz die Zigaretten auf den Tisch legte und die zwei Flaschen Bier abstellte. Sein Vater rauchte am liebsten die billigen Fünfer, die jetzt zwar acht Pfennig kosteten, aber immer noch Fünfer hießen. Er weigerte sich beharrlich, vom Reichtum seiner Kinder etwas anzunehmen. Immer noch ging der Lohnschneider seiner Arbeit nach und bestand darauf, dass auch seine Frau jeden Tag Wäsche auslieferte.
»Eure Mutter weint sich wegen euch die Augen aus«, sagte er dann. Er verzog dabei keine Miene, aber Franz war sicher, dass sein Vater nur nicht zeigen wollte, dass er sich selbst Sorgen machte. »Habt ihr wieder etwas ausgefressen?«
»Nur ein paar kleine Prügeleien mit den Jungs.« Franz lachte, als er an die Zeit in der Clique dachte. Etwas ausgefressen. Es klang, als wären drei geklemmte Stangen Zigaretten das Schlimmste, was Andreas Sass seinen Söhnen zutraute. Er mochte den alten Griesgram.
»Habt ihr etwas gegessen?«, fragte ihre Mutter. Sie war eine rundliche Frau, deren Liebe zu ihren Kindern sich gern in ständiger Sorge um deren leibliches Wohl ausdrückte. »Du bist schmaler geworden, Franz.«
Gerade vor einer Woche hatte sich ihr Sohn darüber geärgert, dass er sechs Anzüge zum Schneider gebracht hatte, die ihm zu eng geworden waren. Er fand, dass er langsam aus dem Leim ging. Folglich wechselte er jetzt lieber schnell das Thema. Obwohl sie ...




