E-Book, Deutsch, 1691 Seiten
Jennings Marco Polo - Der Besessene
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-729-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Historischer Roman | Die Geschichte des berühmten Abenteurers
E-Book, Deutsch, 1691 Seiten
ISBN: 978-3-98690-729-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gary Jennings wurde in Virginia geboren und studierte in New York an der berühmten Kunstschule »Art Students League« in New York. Nach seiner Rückkehr aus dem Koreakrieg, in dem er als Korrespondent tätig war, begann er, seine Romane zu schreiben, die schließlich in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine historischen Romane »Marco Polo - Der Besessene« und »Die Manege der Welt«.
Weitere Infos & Material
CYAPRES COMMENCE
LE LIURE DE
MESSIRE MARC PAULE
DES DIUERSES
ET GRANDISMES
MERUEILLES DU MONDE
Nur herzu, große Fürsten. Nur herzu,
Kaiser und Könige, Herzöge und Grafen,
Ritter und Bürgersleut! Nur herzu, Leute jeglichen Stands,
die es Euch gelüstet, die vielen Gesichter der Menschheit
zu sehen und zu erfahren, wie höchst unterschiedlich die Welt
beschaffen ist! Nehmt dies Buch und lest es oder
laßt es Euch vorlesen. Denn finden werdet Ihr darin
die größten Wunder und Absonderlichkeiten ohnegleichen ...
Luigi, Luigi! In den schwülstigen Worten dieser zerlesenen und zerfledderten Seiten höre ich deine Stimme wieder.
Viele Jahre waren vergangen, seit ich das letztemal in unser Buch hineingeschaut, doch als dein Brief kam, holte ich es noch einmal hervor. Immer noch entlockt es mir Lächeln und Bewunderung zugleich. Bewunderung, weil es mich berühmt gemacht hat, sowenig ich diesen Ruhm auch verdienen mag, und Lächeln, weil es mich berüchtigt gemacht hat. Jetzt erklärst du, du wollest noch ein Buch schreiben, einen epischen Bericht diesmal, darin eingebettet – so ich dir dies gestatte – abermals die Abenteuer Marco Polos; nur, daß du sie diesmal einem erfundenen Helden in den Mund legen willst.
In der Erinnerung kehre ich zurück zu unserer ersten Begegnung in den Gewölben jenes Genueser Palazzos, in dem wir Gefangene untergebracht waren. Ich weiß noch wie heute, mit welcher Schüchternheit du an mich herantratest und mit welcher Zurückhaltung du sprachst.
»Messer Marco, ich bin Luigi Rustichello, ehedem Pisa, und war ein Gefangener hier, längst ehe Ihr hergebracht wurdet. Ich habe zugehört, wie Ihr die herrlich saftige Geschichte von jenem Hindu erzähltet, der sich mit seinem ahem in dem heiligen Felsloch verklemmt hatte. Ich habe sie Euch jetzt dreimal erzählen hören: einmal Euren Mitgefangenen, dann dem Aufseher und schließlich dem Almonesier der Bruderschaft der Gerechtigkeit.«
Woraufhin ich nachfragte: »Seid Ihr es überdrüssig, sie zu hören, Messere?«
Und Ihr sagtet: »Keineswegs, Messere, nur werdet Ihr es bald leid sein, sie zu erzählen. Noch viele Menschen werden sie hören wollen, genauso wie alle anderen Geschichten, die Ihr erzählt habt oder vielleicht auch noch nicht erzählt habt. Bevor Ihr des Erzählens oder vielleicht auch der Geschichten selbst müde werdet – warum erzählt Ihr nicht einfach mir, was Ihr von Euren Reisen und Abenteuern noch nicht vergessen habt? Erzählt es mir nur einmal und laßt es mich zu Papier bringen. Das Schreiben geht mir mühelos von der Hand, und Erfahrung darin habe ich auch. Eure Erzählungen könnten ein stattliches Buch ergeben, Messer Marco, und dann könnten viele, viele Menschen mit eigenen Augen lesen, was Ihr alles erlebt habt.«
Welchselbiges ich tat. Und du tatest, wie versprochen; woraufhin viele, viele Menschen diese Dinge haben lesen können. Wiewohl eine ganze Reihe von Reisenden vor mir über ihre Erlebnisse geschrieben hatten – keines ihrer Werke hat sich je einer so unmittelbaren und anhaltenden Beliebtheit erfreut wie unsere Weltbeschreibung. Vielleicht, Luigi, hat das daran gelegen, daß es dir gefallen hat, meine Worte auf französisch wiederzugeben, der verbreitetsten Sprache im Abendlande. Vielleicht aber hast du die Geschichten auch besser niedergeschrieben, als ich sie habe erzählen können? Auf jeden Fall wurde unser Buch zu meiner nicht geringen Überraschung viel gelesen; es wurde viel darüber geredet und war sehr gesucht. Es wurde abgeschrieben und abermals abgeschrieben und ist nunmehr in jede andere Sprache übersetzt worden, die man in der Christenheit spricht. Auch von diesen Ausgaben sind zahllose Abschriften angefertigt und in Umlauf gebracht worden.
Doch in keiner von ihnen steht die einzigartige Geschichte von dem unseligen Hindu, der sich an einem Felsen vergeht.
Als ich in dem modrigen Gefängnis in Genua saß, abermals meine Erlebnisse erzählte und du sie in wohlgesetzten Worten niederschriebst, kamen wir überein, sie nur in hochanständiger Rede wiederzugeben. Du warst der Rustichello aus Pisa und ich ein Polo aus Venedig. Du warst der romancier courtois und genossest bereits einen gewissen Ruf als jemand, der die klassischen Ritterepen von Tristan und Isolde, Lancelot und Ginevra sowie Amys und Amyllion neu erzählt hatte. Ich war, wie du mich in dem Buch auch beschrieben hast, repräsentativ für die »sajes et nobles citaiens de Venece«, die ›weisen und edlen Bürger Venedigs‹. Infolgedessen kamen wir überein, daß die Seiten nur jene meiner Abenteuer und Beobachtungen enthalten sollten, die wir ihnen ohne zu erröten und ohne etwelche andere Bedenken anvertrauen konnten, die man also lesen konnte, ohne die christlichen Gefühle der Leser zu verletzen, und seien dies auch unverehelichte Damen oder Nonnen.
Des weiteren beschlossen wir, alles aus dem Buch herauszulassen, was die Gutgläubigkeit des Lesers, der nie aus seiner Heimat herausgekommen ist, über Gebühr auf die Probe stelle. Ich entsinne mich noch, wie wir darüber stritten, ob man meine Begegnung mit dem Stein, der brennt, und dem Gewebe, das nicht brennt, mit hereinnehmen solle oder nicht. So blieben viele der wunderlichsten Zwischenfälle auf meinen Fahrten gleichsam auf der Strecke. Wir ließen alles Unglaubwürdige, alles Unzüchtige und Skandalöse heraußen. Jetzt jedoch teilst du mir mit, du würdest diese Lücken gern schließen – ohne indessen meinen guten Namen in Verruf zu bringen.
Dein neuer Held soll also Monsieur Bauduin heißen und nicht Messer Marco; außerdem soll er aus Cherbourg grüßen und nicht aus Venedig. In allem anderen soll er sein wie ich. Er soll alles durchmachen, genießen und erleiden, was ich durchgemacht, genossen und durchlitten habe – und überdies auch noch all das, was ich bisher nicht erzählt habe –, sofern ich deine Erinnerungen dadurch auffrische, daß ich all die vielen Geschichten noch einmal erzähle.
Die Versuchung ist wahrhaftig groß. Es wäre, als würde ich diese Tage – und diese Nächte – noch einmal durchleben, und das zu tun, habe ich mich seit langem gesehnt. Du weißt ja, ich habe immer vorgehabt, noch einmal in den Fernen Osten zu reisen. Doch nein, das kannst du nicht wissen. Davon habe ich nicht einmal im engsten Kreis der Familie gesprochen. Das war ein Traum, der mir zuviel bedeutete, als daß ich ihn mit anderen hätte teilen mögen ...
Jawohl, ich hatte vor, irgendwann noch einmal aufzubrechen. Doch als ich aus Genua befreit wurde und nach Venedig zurückkehrte, erforderte das Familienunternehmen meine Aufmerksamkeit, und so zögerte ich abzufahren. Dann lernte ich Donata kennen, und sie wurde meine Frau. Infolgedessen zögerte ich abermals eine Zeitlang, und dann kam eine Tochter. Das selbstverständlich war Grund genug, neuerlich zu zögern, und so wurde eine zweite Tochter geboren; bald waren es drei. So schob ich es immer wieder hinaus, und ehe ich’s mich versah, war ich alt.
Alt! Es ist unfaßlich! Werfe ich einen Blick in unser Buch, Luigi, sehe ich mich als Knaben, dann als Jüngling und später als Mann; selbst am Ende des Buches bin ich immer noch ein strammes Mannsbild. Schaue ich jedoch in den Spiegel, erblicke ich einen betagten Fremden, gebeutelt und gebeugt, ausgelaugt und geschwächt vom Rostfraß meiner fünfundsechzig Jahre. Leise murmele ich: »Dieser alte Mann kann nicht noch mal in die Ferne ziehen«, und dann wird mir klar: Dieser alte Mann ist Marco Polo.
Dein Brief hat mich also in einem verwundbaren Augenblick erreicht. So bietet dein Vorschlag, zu einem neuen Buche beizutragen, eine Gelegenheit, die ich mir nicht entgehen lassen will. So ich schon nicht die Dinge wiederholen kann, die ich einst getan, kann ich mich ihrer zumindest erinnern und mich in ihnen sonnen, zumal das in der Larve deines Bauduin ungestraft geschehen kann. Vielleicht verwundert es dich, daß ich diese Verkleidung so begrüße, so wie dich meine Bemerkung weiter oben erstaunt hat, das frühere Buch habe mir sowohl unverdiente Bekanntheit und nicht minder unverdiente Berüchtigtheit eingetragen. Laß mich das erklären.
Ich habe nie behauptet, der erste Mensch gewesen zu sein, der aus dem Westen in den Fernen Osten gereist ist; du hast auch derlei ruhmsüchtige Behauptungen in unserem Buch nicht aufgestellt. Gleichwohl scheint das der Eindruck zu sein, der bei den meisten Lesern entstand – zumindest bei jenen Lesern, die nicht in Venedig leben, wo man solchem Wahn nicht frönt. Schließlich waren mein eigener venezianischer Vater und Onkel gen Osten gereist und von dorther zurückgekehrt, bevor sie die Reise wiederholten und mich bei dieser Gelegenheit mitnahmen. Überdies bin ich im Osten selbst manch anderem Abendländer begegnet, und zwar Angehörigen aller möglichen Nationen, von Engländern bis Ungarn, welchselbige vor mir dorthin gekommen waren und von denen etliche länger dort blieben als ich.
Doch schon lange vor ihnen waren viele andere Europäer über dieselbe Seidenstraße gezogen, der ich folgte. Da war der spanische Rabbi Benjamin aus Tudela, der Franziskanerbruder Zuàne von Carpini und der flämische Mönch Wilhelm van Ruysbroeck; gleich mir haben alle diese Männer Berichte über ihre Reisen veröffentlicht. Bereits vor sieben- oder achthundert Jahren sind Missionare der Nestorianischen Christlichen Kirche bis nach Kithai vorgedrungen, wo noch heute viele ihr mühseliges Werk verrichten. Selbst in vorchristlicher Zeit muß es Händler aus dem Abendland gegeben haben, die zwischen dem Osten und dem Westen hin- und herzogen. Es ist bekannt, daß die Pharaonen...




