E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Jelinek 1924
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-903441-18-7
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Schneller, frecher, wilder – Der Beginn der fabelhaften Zwanziger
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-903441-18-7
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gerhard Jelinek, Prof., Dr., arbeitete 1989-2019 beim ORF, u. a. als Leiter der Abteilung »Dokumentation und Zeitgeschichte« sowie der Sendungen »Report« und »Newton«. Der Jurist und erfahrene Journalist gestaltete rund 70 politische und zeitgeschichtliche Dokumentationen und Porträts. Für ServusTV drehte er die 6-teilige Dokureihe »Österreichs wunderbare Jahre« und zuletzt anlässlich des 100. Todestags des letzten Habsburgerkaisers »Kaiser Karl - eine Spurensuche«.
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VORWORT
JETZT WIRD ALLES GUT. 1924.
Die Welt vergisst eine Pandemie. Die Spanische Grippe hat nach mehreren Wellen ihren tödlichen Schrecken verloren.
Eine Hyperinflation ebbt ab. Der an den Goldwert gebundene Schilling löst in Österreich die alte Krone ab. Wegen seiner Stabilität wird er bald zum „Alpendollar“.
In Deutschland werden auf den Geldscheinen zwölf Nullen gestrichen. Eine „Rentenmark“ ersetzt eine Billion Mark. Zur Sicherung der Währung werden sämtliche Grundstücke auf deutschem Boden verpfändet. Nun kann die Reichsmark eingeführt werden, die etwa einem Vierteldollar entspricht. Die Währungsreform ist bei den verfeindeten Parteien höchst umstritten.
Zehn Jahre nach Beginn des Weltkriegs finden sich Europas Völker langsam mit den neuen Wirklichkeiten ab. Amerika ist die einzige Supermacht. Eine zweite industrielle Revolution und stürmische Fortschritte in der Technik kurbeln die Wirtschaft an. Die Autoindustrie wird zum Motor des Wachstums. Mit der explosionsartigen Verbreitung des Radios und einer boomenden Filmindustrie entsteht eine neue Kultur für Millionen. Die Wirtschaft wächst in den USA jährlich um sechs Prozent: Vollbeschäftigung. Mit 1924 beginnen fünf „goldene Jahre“. Krieg, Revolution, Seuche, Inflation – das war einmal. Jetzt wird alles gut. Hoffnung statt Verzweiflung. Auch nach Europa schwappt die Nachkriegskonjunktur über, schwächer zwar, aber doch.
Stefan Zweig, der österreichische Schriftsteller, dessen Romanporträts in den 1920er-Jahren in Massenauflage gedruckt werden, schreibt in seinem Lebensrückblick „Es war … für Europa eine verhältnismäßig ruhige Zeit, dieses Jahrzehnt von 1924 bis 1933, ehe jener eine Mensch unsere Welt zerstörte. Gerade weil sie an Beunruhigungen so schwer gelitten, nahm unsere Generation den relativen Frieden als unverhofftes Geschenk. Wir alle hatten das Gefühl, man müsse nachholen, was die schlimmen Jahre des Kriegs und des Nachkriegs aus unserem Leben an Glück, an Freiheit, an geistiger Konzentration gestohlen; man arbeitete mehr und doch entlasteter, man wanderte, man versuchte, man entdeckte sich wieder Europa, die Welt. Nie sind die Menschen so viel gereist wie in diesen Jahren – war es die Ungeduld der jungen Leute, hastig gutzumachen, was sie versäumt in ihrem gegenseitigen Abgesperrtsein? Was es vielleicht ein dunkles Vorgefühl, man müsse noch rechtzeitig ausbrechen aus der Enge, ehe die Sperre wieder von neuem begann?“
Mit dem amerikanischen Dawes-Plan gelingt vorerst eine Stabilisierung der deutschen Wirtschaft auf Kredit. Bei den Berliner Reichstagswahlen Ende 1924 verlieren die radikalen Ränder, aber die gesellschaftliche Mitte bleibt dennoch gefährlich uneins.
Nach der Depression ist vor der Depression. Von 1924 bis 1929 geht es wirtschaftlich zunächst aufwärts. Selbst in den „Verliererstaaten“ Deutschland und Österreich gelingt eine durch große Opfer (und amerikanische Kredite) erkaufte Stabilisierung. Deutschlands Industrie erholt sich, die Arbeitslosigkeit sinkt binnen weniger Monate. Selbst Österreichs Wirtschaft erholt sich auf niedrigem Niveau. Der Priester Ignaz Seipel amtiert als christlichsozialer Bundeskanzler einer „Bürgerblock“-Koalition mit deutschnationalen Parteien und lässt sich als „Retter Österreichs“ plakatieren.
In Wien beginnen sich die Menschen langsam an die neue, die unbedeutende Rolle im europäischen Mächtespiel zu gewöhnen: Statt k. u. k. Glanz Bittsteller bei den Siegermächten. Der Völkerbund in Genf stellt die Republik unter Kuratel. Die einstige kaiserliche Metropole wird zum gesellschaftspolitischen Experimentierfeld einer selbstbewussten Sozialdemokratie. Zwischen dem „Roten Wien“ und den katholisch-konservativen Bundesländern vertieft sich der Graben. Neben dem alten Adel versucht eine kleine Schicht von Neureichen auf dem gesellschaftlichen Parkett zu glänzen. Die teuren Logen auf der ersten Opernredoute nach dem Krieg sind zwar ausverkauft, doch Hunderte „normale“ Eintrittskarten müssen verschenkt werden.
Die seit 1918 ungestillte Sehnsucht nach einem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich wird von den Siegermächten ignoriert. Österreich ist neutral und nähert sich Italien an. In Rom regiert seit zwei Jahren ein ehemaliger sozialistischer Journalist. Benito Mussolini träumt von einem neuen Imperium am Mittelmeer und erfindet den Faschismus als totalitäre Massenbewegung.
In Wien platzt im Frühjahr 1924 eine riesige Spekulationsblase. Finanzielle Abenteurer scheitern mit ihren Termingeschäften gegen den französischen Franc. Panik reißt die Börsenkurse nach unten. Kleinere und größere Banken schließen ihre Schalter. Sparer verlieren ihren Notgroschen. Das „Sanierungswerk“ von Bundeskanzler Ignaz Seipel, dem es nach zähen Verhandlungen gelingt, einen vom Völkerbund garantierten Kredit für die notleidende Alpenrepublik zu bekommen, droht zu scheitern.
Der sagenhaft reiche Camillo Castiglioni, Großspekulant, wagemutiger Industrieller, Kunstliebhaber, finanziert dem Theatererneuerer Max Reinhardt die Rückkehr aus Berlin nach Wien. Das Theater in der Josefstadt wird unter der Direktion Reinhardts zu einer Bühne, auf der die großen deutschsprachigen Schauspieler gefeiert werden. Richard Strauss verlässt die Wiener Staatsoper im Streit und macht damit das kulturelle Wien zur Provinz.
In den „Goldenen Zwanzigern“ verzücken neue Rhythmen die Welt: der Foxtrott, der Shimmy. 1924 schreibt der 29-jährige Pianist James P. Johnson den Schlager, der für eine ganze Epoche steht: „The Charleston“. Das Jahrhundert des Jazz hat begonnen.
Auch in der Weimarer Republik swingt die neuartige amerikanische Musik in den Tanzsälen und Nachtcafés. Die Piccadilly Four aus Wiesbaden gelten als erste deutsche Jazzband. Auch wenn der US-Import von konservativen Kulturwächtern als „Negerkrach“ verunglimpft wird, so erobert er doch die Varietés.
Im französischen Chamonix beginnen die ersten Olympischen Winterspiele. Vier Sportler aus Österreich tragen die rot-weiß-roten Farben. Alle kommen aus Wien. Alle gewinnen Medaillen. Athleten aus Deutschland dürfen noch immer nicht an internationalen Wettspielen teilnehmen.
Auch die Olympischen Sommerspiele werden in Frankreich eröffnet. Das finnische Laufwunder Paavo Nurmi siegt in Paris und gewinnt fünf Goldmedaillen. Sein Name geht in den allgemeinen Sprachgebrauch ein: „Laufen wie ein Nurmi.“ Der US-amerikanische Schwimmer Johnny Weissmuller stellt einen neuen Weltrekord über 100 Meter Freistil auf. Er wird später als Tarzan Filmgeschichte schreiben.
Thomas Mann veröffentlicht seinen Roman . In den Lichtspielhäusern feiert Greta Garbo mit – ihrem ersten Film unter diesem Namen – Triumphe. Die Schauspielikone Eleonora Duse stirbt. Die moderne Frau legt das Korsett ab: Bubikopf und kurze Röcke deuten ungeahnte sexuelle Freiheiten an. In Amerika nennt man diese Mädchen Flapper Girls. Tagsüber arbeiten sie in den Kontoren, nachts tanzen, rauchen, leben sie – einige auch exzessiv. Die meisten aber können vom schönen Leben, das ihnen auf der Leinwand vorgespiegelt wird, nur träumen.
In Wien findet Arthur Schnitzler eine neue Liebe. Der Engländer George Mallory scheitert beim Versuch, erstmals den Mount Everest zu besteigen, und gilt als verschollen. Berlin wird zum Zentrum der avantgardistischen Moderne: Konstruktivismus, Futurismus und die Künstler des Bauhauses.
Wetterleuchten am Horizont.
Wladimir Iljitsch Lenin stirbt in Gorki bei Moskau. Der Revolutionär und Putschist hat mit seinen Genossen die Sowjetunion gegründet. Seine Träume von einer mit wissenschaftlicher Notwendigkeit kommenden Weltrevolution sind gescheitert. Sein Nachfolger Josef Stalin übernimmt die Kommunistische Partei und wird die Sowjetunion zu einem diktatorischen Terrorstaat umbauen. Lenin ahnt das und warnt in seinem Testament vor dem Georgier Stalin. Er will ihn verhindern, auch damit scheitert der Todkranke.
In München wird der Führer einer krakeelenden Kleinpartei wegen eines dilettantischen Putschversuchs, bei dem ein Dutzend Menschen sterben, in einem Prozess zu nur vier Jahren Festungshaft verurteilt. Die Weltpresse schreibt von einem „Skandalurteil“ einer mit den Angeklagten klüngelnden bayrischen Justiz. Adolf Hitler verfasst auf der Festung Landsberg seine politische Biografie: . Nach wenigen Monaten Haft wird der Nationalsozialist noch im gleichen Jahr begnadigt.
Drei amerikanische Flugzeuge umrunden die Welt in 175 Tagen. Der deutsche Zeppelin Z.R. III überfliegt erstmals den Atlantik. Und der norwegische Polarforscher Roald Amundsen muss Konkurs anmelden. Österreichs Nationalteam schlägt Bulgarien 6:0, während Deutschland sein erstes...




