E-Book, Deutsch, 350 Seiten
Jeier Das Lied der Cheyenne
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96148-026-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 350 Seiten
ISBN: 978-3-96148-026-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thomas Jeier wuchs in Frankfurt am Main auf, lebt heute bei München und »on the road« in den USA und Kanada. Seit seiner Jugend zieht es ihn nach Nordamerika, immer auf der Suche nach interessanten Begegnungen und neuen Abenteuern, die er in seinen Romanen verarbeitet. Seine über 100 Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet. Bei dotbooks erscheinen folgende Titel des Autors: »Die Sterne über Vietnam« »Die abenteuerliche Reise der Clara Wynn« »Flucht durch die Wildnis« »Sie hatten einen Traum« »Sturm über Stone Island« »Wo die Feuer der Lakota brennen« »Flucht vor dem Hurrikan« »Wohin der Adler fliegt« »Die Reise zum Ende des Regenbogens« »Hinter den Sternen wartet die Freiheit« »Die vergessenen Frauen von Greenwich Village« »Solange wir Schwestern sind« »Blitzlichtchaos« »Der Stein der Wikinger« Die Website des Autors: www.jeier.de Der Autor im Internet: www.facebook.com/thomas.jeier
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1
Donnervogel
Das Krächzen eines großen Donnervogels drang durch die Nacht. Seine schwarzen Flügel hoben sich unheilvoll gegen den Mond ab und warfen einen dunklen Schatten auf das Tipi des Schamanen. Niemand sah den Vogel, seine flammenden Blitze erhellten nur den Traum des alten Sieht-hinter-die-Berge. Ein Windstoß fegte durch das Dorf und ließ die Zeltplanen flattern. Die beiden Pferde, die vor dem Tipi angebunden waren, scharrten unruhig mit den Hufen, und die Hunde zerrten an den Leinen. Eine tiefe Stimme geisterte durch die Nacht und rief den Namen des Medizinmannes.
Sieht-hinter-die-Berge schreckte aus dem Schlaf. Er rieb sich den Schweiß von der Stirn und stützte sich auf die Ellenbogen. Die Glut der Feuerstelle warf einen roten Schein auf sein Gesicht und ließ die langen weißen Haare leuchten. Seine dunklen Augen brannten. Was war geschehen? Er spannte seine Sinne an und starrte in die Dunkelheit. Als keine Antwort kam, stimmte er ein leises Lied an. Er hatte keine Angst vor den Geistern, weil er mehrmals am Tag betete und regelmäßig zum Fasten in die Berge ging. Aber er spürte eine innere Unruhe und wollte es nicht darauf ankommen lassen. Die Geister waren sehr empfindlich. Vielleicht hatte irgend jemand im Dorf ein Tabu verletzt oder die Geister auf andere Weise erzürnt.
Er stand auf, öffnete die Zeltklappe und ging nach draußen. Irgend jemand hatte ihn gerufen. In einem Traum, an den er sich nicht mehr erinnern konnte, und von dem er nicht wußte, ob er gut oder schlecht gewesen war. Ich werde alt, dachte er bekümmert, es wird Zeit, daß sich ein anderer um das heilige Bündel kümmert, und ich in meinen letzten Sonnenuntergang reite.
Sieht-hinter-die-Berge hatte mehr als siebzig Winter gesehen, aber immer noch keinen würdigen Nachfolger gefunden. Hatten sich die Geister endlich entschieden? Hatten sie einen jungen Mann gefunden, der das zweite Gesicht hatte und die Heilkraft aller lebenden Dinge kannte? Hatten sie ihn deshalb geweckt?
Er blieb nachdenklich stehen. Ein lauer Nachtwind wisperte in den nahen Weiden am Flußufer und kühlte den Schweiß auf seinem Gesicht. Einige Pferde schnaubten und stampften nervös mit den Hufen, als hätten sie denselben Traum wie der alte Mann gehabt. Aus dem Nachbartipi drang das laute Schnarchen von Büffelhöcker, der bis in die späte Nacht mit einigen Freunden getanzt hatte. Das Trommeln war laut gewesen, und der eintönige Gesang hatte den alten Schamanen lange wach gehalten. Sieht-hinter-die-Berge wohnte allein in seinem Tipi, und die jungen Krieger hatten viel zuviel Respekt vor ihm, um ihn zu einem Fest einzuladen. Manche hatten sogar Angst vor ihm. Er war der alte Mann mit den vielen Falten im Gesicht, der mit den Geistern sprechen konnte und sah, was auf der anderen Seite der Berge geschah. Er entdeckte die Büffel, bevor der erste Krieger aufgeregt ins Dorf geritten kam, und er spürte ein Gewitter, bevor der Donnervogel seine brennenden Pfeile auf die Erde schleuderte.
Er ging ein paar Schritte, blieb dann stehen, um wieder zu lauschen. Das Schnarchen war immer noch zu hören, und auch die Pferde waren nicht ruhiger geworden. Auf der Westseite des Dorfes war Babygeschrei zu hören, und er sah den Schatten einer Frau, die mit ihrem Kind in den nahen Wald verschwand, um die anderen nicht zu stören. Ein Bussard zog krächzend über das Dorf und badete im bleichen Licht des halben Mondes. Er rief etwas, aber der Schamane verstand ihn nicht. »Was willst du mir sagen, Bussard?« fragte er, aber der dunkle Nachtvogel glitt über ihn hinweg.
Sieht-hinter-die-Berge hatte gelernt, seiner inneren Stimme zu folgen, wenn ihn etwas beunruhigte. Alles im Leben hatte seinen Sinn. Die Geister hätten ihn niemals geweckt und aus seinem Tipi gelockt, wenn es keinen Grund dafür gab. Er ging weiter und verließ das Dorf, das unweit eines kleinen Flusses in einer Senke errichtet worden war. Nach alter Sitte waren die Zelte in einem Halbkreis errichtet worden, dessen offene Stelle nach Osten zeigte. Dort ging die Sonne auf, die von den Hügelleuten als Ursprung des Lebens verehrt wurde. Er hatte keine Waffen dabei. Er vertraute dieser inneren Stimme, die ihm sagte, daß es keine Anzeichen für einen nächtlichen Überfall gab. Die Ho-he waren weit nach Norden gezogen, und die Shar-ha waren vor zwei Wintern vernichtend von den Hügelleuten geschlagen worden und hatten sich seitdem nicht mehr blicken lassen. Er lächelte, als er an die blutige Schlacht dachte. Er hatte damals vier Tage in den nahen Bergen gefastet und einen weiteren Tag auf einem bemalten Büffelschädel gestanden, um die Geister auf den Kampf gegen die Shar-ha einzustimmen. Sie hatten das Opfer angenommen und sich auf die Seite der Hügelleute geschlagen. Die Shar-ha waren blind in die Falle gelaufen, und die Hügelleute waren mit Skalpen beladen ins Dorf zurückgekehrt. Aiee, das waren gute Tage gewesen.
»Bist du das, Onkel?« fragte die Stimme eines Jungen. Er war unbemerkt aus der Dunkelheit getreten, das Gesicht mit nasser Erde beschmiert. Er blickte den Schamanen erstaunt an. »Was tust du hier, wenn alle anderen schlafen?«
Sieht-hinter-die-Berge erkannte den jungen Gelber Wolf, der bei Büffelhöcker und seinen beiden Frauen lebte, seitdem seine Eltern bei einem Überfall der Ho-he ums Leben gekommen waren. In Friedenszeiten durfte er die Pferdeherde bewachen, die nachts auf den nahen Hügelhängen weidete.
»Du hast scharfe Augen und gute Ohren«, lobte er den Jungen, »ich habe dich nicht gesehen.« Er legte ihm eine Hand auf die Schultern und fuhr lächelnd fort: »Alte Männer wie ich haben oft seltsame Träume. Wir sehen dunkle Gestalten und hören seltsame Stimmen, die uns am Schlafen hindern.«
»Ich habe nichts gehört, Onkel«, sagte Gelber Wolf. Er war nur mit einem Lendenschurz bekleidet, und das Mondlicht glänzte auf seinem fettbeschmierten Körper. Der Respekt vor dem Schamanen verbot es ihm, ihn weiter auszufragen.
Sieht-hinter-die-Berge spürte die Neugier des Jungen, verriet aber nichts von seinem Traum. »Paß gut auf die Pferde auf«, meinte er stattdessen, »sei wachsam und halte Ausschau nach unseren Feinden. Dann wirst du ein großer Krieger.«
Gelber Wolf winkte ab. »Die Shar-ha lassen sich so schnell nicht mehr blicken. Sie sitzen bei ihren Weibern und Kindern und lecken ihre Wunden. Sie sind Feiglinge.«
Sieht-hinter-die-Berge sah das Leuchten in den Augen des Jungen. Es verriet die Ungeduld des jungen Mannes, der darauf brannte, auf seinen ersten Kriegspfad zu gehen. Er dachte an seine eigene Jugend und mußte lächeln. Er war genauso ungeduldig wie Gelber Wolf gewesen und früh in den Krieg gezogen. Erst dann war er in den Bergen seinem Schutzgeist begegnet und hatte seine wahre Berufung erfahren.
»Wenn die Büffel kommen, werde ich zum ersten Mal gegen die Shar-ha reiten«, prahlte der Junge. »Ich werde Coups schlagen und viele Pferde rauben. Ich will ein großer Krieger werden wie Büffelhöcker.«
»Dann geh zu den Pferden zurück und paß auf deinen Skalp auf«, antwortete der Schamane schmunzelnd. »Sonst stehlen dir die Shar-ha die Pferde unter dem Hintern weg, und dein Skalp baumelt an der Lanzenspitze eines dieser feigen Krieger.«
Der Junge wurde blaß und kehrte zur Herde zurück. Sieht-hinter-die-Berge beobachtete, wie er sich hinter einen Felsen kauerte und den Bogen schußbereit von der Schulter nahm. Der Schamane ging lächelnd weiter. Seine nackten Füße teilten das Präriegras, das ihm schon bis zu den Knöcheln reichte. Trotz seines hohen Alters ging er aufrecht. Er hatte seinen Wanderstock im Tipi gelassen und auch nicht daran gedacht, eines seiner Pferde zu besteigen. Das hatten die Geister nicht gewollt, sonst hätten sie es ihm ausdrücklich befohlen. Er wanderte wie ein Einsiedler über die Prärie, und er würde erst stehenbleiben, wenn ihn eine innere Stimme dazu aufforderte.
Die Prärie umgab das Zeltdorf der Hügelleute wie ein erstarrter Ozean. Mit Büffelgras bewachsene Hügel erstreckten sich zu beiden Seiten des Flusses, der im Osten des Dorfes vorbeifloß. Vereinzelte Bäume rauschten im leichten Wind, und der schwere Duft von Salbei hing in der Luft. Im Nordosten erhoben sich schroffe Felsen aus dem Gras und bildeten ein Labyrinth aus verzweigten Schluchten und Tälern. In der Dunkelheit waren die Felsen nur als Schatten zu erkennen. Der Mond war hinter Wolken verschwunden.
Nach einem zweistündigen Marsch erreichte Sieht-hinter-die-Berge die Felsen. Er stieg über einen schmalen Pfad zu den Sternen empor. Seine Füße brannten auf dem steinigen Boden, und seine Knochen schmerzten von der Anstrengung. Er bereute jetzt, seinen Wanderstock nicht mitgenommen zu haben, und hielt sich immer wieder an den Felsen fest, um auszuruhen. Der Pfad war steil und führte in vielen Windungen nach oben. Der alte Mann war diesen Weg noch nie gegangen, aber er wußte plötzlich, daß es jetzt nicht mehr weit war, und die Antwort auf seine Fragen jenseits der großen Felswand auf ihn wartete. Sie ragte wie das Ende der Welt in den Himmel empor, und der Pfad würde durch sie hindurch zum Licht führen.
Das wußte Sieht-hinter-die-Berge, und seine Ahnung trog ihn nicht. Als jeder andere längst umgekehrt und vor dem unheilvollen Schatten der Felswand zurückgewichen wäre, tat sich eine tunnelartige Öffnung in dem grauen Stein auf. Am Ende des dunklen Ganges flackerte Licht. Er kletterte mit letzter Kraft hindurch und blieb erstaunt stehen.
Vor ihm erstreckte sich eine sumpfartige Wiese. Nebelfetzen waberten über dem Gras und verbreiteten einen modrigen Geruch. Als der Mond hinter den Wolken hervorkam, erkannte Sieht-hinter-die-Berge einen großen Büffel, der wie ein Schatten aus dem Nebel tauchte. Das mächtige Tier schwebte über dem Boden und hatte anscheinend auf ihn...




