Jeffries Lord Stonevilles Geheimnis
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8025-8929-4
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 01, 400 Seiten
Reihe: Hellions
ISBN: 978-3-8025-8929-4
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Marquess von Stoneville, Oliver Sharpe, wird von einem tragischen Ereignis aus seiner Vergangenheit verfolgt: Er gibt sich die Schuld am Tod seiner Eltern. Sein haltloser Lebensstil sorgt in der vornehmen Gesellschaft für Skandale. Bis seine Großmutter ihn eines Tages vor die Wahl stellt: Entweder Oliver sucht sich eine Frau und heiratet sie, oder er verliert sein Erbe. Kurz darauf begegnet Oliver der Amerikanerin Maria und heckt mit ihr einen Plan aus. Maria soll sich als seine Verlobte ausgeben. Doch Oliver hätte niemals vermutet, dass er sich in die hübsche Maria tatsächlich verlieben könnte ...
Sabrina Jeffries ist in den USA geboren und in Thailand aufgewachsen. Sie ist begeisterte Jane-Austen-Leserin und besitzt einen Doktortitel in englischer Literatur. Mit ihren Liebesromanen gelangt sie regelmäßig auf die amerikanische Bestsellerliste.
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1
Ealing
1825
Oliver stand in der Bibliothek von Halstead Hall am Fenster und starrte hinaus. Der triste Wintertag drückte nur noch mehr auf seine Stimmung, während er sich bemühte, seine schmerzlichen Erinnerungen wieder in der eisernen Truhe zu verstauen, in der er sie seit jeher verwahrte. Doch auf dem Land war dies viel schwieriger als in der Stadt, wo er sich mit Wein und Weibern ablenken konnte.
Nicht dass die Zerstreuung lange währte. Der Skandal lag zwar schon neunzehn Jahre zurück, aber die alten Gerüchte verfolgten ihn immer noch, wohin er auch ging.
Seine Großmutter hatte den Gästen an jenem Abend gesagt, ihre Tochter sei zur Jagdhütte geritten, um ein Weilchen für sich zu sein, und sei dort eingeschlafen. Als sie von Geräuschen geweckt wurde, sei sie in Panik geraten und habe den Mann erschossen, den sie für einen Einbrecher hielt, nur um kurz darauf festzustellen, dass es sich um ihren Ehemann handelte. In ihrem Schockzustand habe sie dann die Pistole gegen sich gerichtet.
Es war eine allenfalls dürftige Geschichte zur Vertuschung eines Mordes und eines Selbstmordes, und das Gerede hatte nie ganz aufgehört, denn die Gäste hatten seinerzeit allerhand Spekulationen über die Wahrheit angestellt. Die Großmutter hatte Oliver und seinen Geschwistern untersagt, mit irgendjemandem darüber zu sprechen – auch nicht miteinander.
Nur so könne man den Gerüchten den Garaus machen, hatte sie gesagt, aber Oliver hatte sich oft gefragt, ob ihr Verbot vielleicht daher rührte, dass sie ihn für das verantwortlich machte, was geschehen war. Warum hatte sie ihre Meinung wohl sonst in den letzten Monaten geändert und ihn immer wieder zu dem Streit zwischen ihm und seiner Mutter an jenem Abend befragt? Er hatte ihr natürlich nicht geantwortet. Schon bei dem Gedanken, ihr davon zu erzählen, drehte sich ihm der Magen um.
Er wendete sich ruckartig vom Fenster ab und ging neben dem Tisch auf und ab, an dem seine Geschwister saßen und auf die Großmutter warteten. Genau aus diesem Grund hielt er sich von Halstead Hall fern: Es versetzte ihn immer in eine melancholische Stimmung.
Warum in Gottes Namen hatte seine Großmutter darum gebeten, dass ihre verdammte Familienversammlung auf dem Land stattfand? Das Haus war seit Jahren unbewohnt. Es stank nach Schimmel und Moder, und obendrein war es eiskalt in diesem Bau. Der einzige Raum ohne schützende weiße Laken auf den Möbeln war das Arbeitszimmer, in dem sein Verwalter die Bücher führte. In der Bibliothek hatten sie die Laken eigens wegen dieser Versammlung entfernen müssen, die Großmutter sehr wohl in ihrem Haus in der Stadt hätte abhalten können.
Normalerweise hätte er ihr die Bitte um ein Treffen auf seinem verwahrlosten Anwesen abgeschlagen. Doch seit dem Unfall seines Bruders Gabriel drei Tage zuvor bewegten er und seine Geschwister sich auf dünnem Eis, was die Großmutter anging. Ihr ungewöhnliches Schweigen über den Vorfall war ein deutliches Zeichen: Es war etwas im Busch. Und Oliver hatte den Verdacht, dass es nichts Erfreuliches für ihn und seine Geschwister war.
»Wie geht es deiner Schulter?«, fragte Minerva Gabe.
»Wie soll es ihr schon gehen?«, knurrte Gabe. Er trug eine Armschlinge über seinem zerknitterten schwarzen Reitmantel, und sein aschbraunes Haar war wie immer zerzaust. »Tut höllisch weh!«
»Was fährst du mich so an? Ich bin nicht diejenige, die sich beinahe umgebracht hätte.«
Die achtundzwanzigjährige Minerva war das mittlere der fünf Geschwister: vier Jahre jünger als Jarret, der Zweitälteste, zwei Jahre älter als Gabe und vier Jahre älter als Nesthäkchen Celia. Aber als das älteste Mädchen unter ihnen neigte sie dazu, die anderen zu bemuttern.
Sie sah sogar wie ihre Mutter aus – eine Haut wie Samt und Seide, golden durchwirktes braunes Haar und efeugrüne Augen wie Gabe. Die beiden hatten so gut wie keine Ähnlichkeit mit Oliver, der das Aussehen ihres halb italienischen Vaters geerbt hatte: dunkle Augen, dunkles Haar, dunkle Haut. Und ein ebenso dunkles Herz.
»Es war dein Glück, dass Lieutenant Chetwin gerade noch rechtzeitig einen Rückzieher gemacht hat«, sagte Celia zu Gabe. Sie war eine etwas hellere Ausgabe von Oliver, so als hätte jemand dem dunklen Teint einen Klecks Sahne beigemischt, und ihre Augen waren haselnussbraun. »Er soll angeblich mehr Mut als Verstand besitzen.«
»Dann sind er und Gabe ja ein gutes Gespann«, brummte Oliver.
»Nun lass ihn doch endlich in Ruhe!«, herrschte Jarret ihn an. Er kam einer Mischung aus beiden Elternteilen am nächsten, denn er hatte schwarzes Haar, aber blaugrüne Augen, und Olivers italienische Züge fehlten ihm völlig. »Du hackst seit diesem blöden Kutschenrennen ständig auf ihm herum. Er war betrunken – ein Zustand, der dir bestens vertraut sein sollte.«
Oliver ging augenblicklich auf Jarret los. »Ja, aber du warst nicht betrunken, und trotzdem hast du zugelassen, dass …«
»Mach Jarret nicht dafür verantwortlich«, warf Gabe ein. »Chetwin hat mich herausgefordert. Ich hätte für alle Zeiten als Feigling dagestanden, wenn ich nicht mitgemacht hätte.«
»Besser ein Feigling als tot.« Oliver hatte kein Verständnis für solche Dummheiten. Nichts war es wert, sein Leben dafür aufs Spiel zu setzen – weder eine Frau noch die Ehre und ganz gewiss nicht ein guter Ruf. Aber davon hatte er seine schwachsinnigen Brüder leider noch nicht überzeugen können.
Gerade Gabe hätte es besser wissen müssen. Die Strecke, die er bei dem Rennen gefahren war, war die gefährlichste in ganz London. An einer Stelle flankierten nämlich zwei gewaltige Felsblöcke den Weg. Sie standen so dicht beieinander, dass nur eine Kutsche zwischen ihnen hindurchpasste, weshalb einer der Fahrer gezwungen war, sich im letzten Moment zurückfallen zu lassen, wenn er nicht mit seiner Kutsche an einem Felsblock zerschellen wollte. Doch es kam häufig vor, dass es jemandem nicht mehr rechtzeitig gelang, das Tempo zu verringern.
Für die Freunde dieses Sports war es das »Nadelöhr-Rennen«. Für Oliver war es blanker Wahnsinn. Chetwin hatte Gabe zwar Vorfahrt gewährt, aber trotzdem hatte Gabes Kutsche die Kante eines Felsblocks erwischt, wodurch ein Rad abbrach und von dem ganzen Gefährt schließlich nur ein Haufen aus zersplittertem Holz, zerrissenem Leder und verbogenem Metall übrig geblieben war. Gott sei Dank hatten die Pferde überlebt, und Gabe war zum Glück mit einem gebrochenen Schlüsselbein davongekommen.
»Wisst ihr, Chetwin hat nicht nur mich beleidigt.« Gabe schob das Kinn vor. »Er hat gesagt, ich würde nicht gegen ihn antreten, weil ich genauso feige wäre wie Mutter mit ihrer Schattenschießerei«, erklärte er und wurde immer zorniger. »Er hat sie die Mörderin von Halstead Hall genannt!«
Die altbekannte Verleumdung ließ sie alle erstarren, und Oliver biss die Zähne zusammen. »Sie ist schon seit Langem tot«, knurrte er. »Ihre Ehre brauchst du nicht mehr zu verteidigen.«
»Irgendjemand muss es doch tun«, entgegnete Gabe mit eisigem Blick. »Du machst es ja nicht.«
Verdammt richtig! Sie hatte schließlich das Undenkbare getan, und das konnte Oliver ihr nicht verzeihen. Ebenso wenig, wie er sich verzeihen konnte, dass er es nicht verhindert hatte.
Die Tür ging auf, und ihre Großmutter betrat gefolgt von Elias Bogg, dem Anwalt der Familie, die Bibliothek. Allen fünf Geschwistern stockte der Atem. Die Anwesenheit des Anwalts verhieß nichts Gutes.
Während Bogg Platz nahm, blieb die Großmutter am Kopf des Tisches stehen. Sie wirkte müde, und die Erschöpfung grub tiefe Falten in ihr ohnehin schon zerfurchtes Gesicht. Oliver plagten unversehens Schuldgefühle ganz neuer Art. Die Großmutter sah dieser Tage viel älter aus als einundsiebzig, so als habe die Last der Verantwortung ihre Schultern gebeugt und sie insgesamt schrumpfen lassen.
Er hatte versucht, sie zu überreden, als Direktorin der Brauerei zurückzutreten, die der Großvater gegründet hatte. Sie musste unbedingt einen Geschäftsführer einstellen, aber sie weigerte sich standhaft. Sie möge die Arbeit, sagte sie immer und pflegte zu fragen, was sie stattdessen tun solle. Etwa auf dem Land hocken und sticken? Und dann lachte sie jedes Mal angesichts der Vorstellung, als Bierbrauerwitwe mit dem Stickrahmen auf dem Schoß in einem Schaukelstuhl zu sitzen.
Und vielleicht hatte sie auch allen Grund zu lachen. Hester »Hetty« Plumtree war eine »Bürgerliche«, wie viele es nennen würden. Ihre Eltern hatten das Wirtshaus geführt, in der sie ihren Ehemann kennengelernt hatte, und sie hatten aus dem einstigen Brauhaus Plumtree ein Imperium gemacht, durch das sie es sich hatten leisten können, Olivers Mutter Prudence auf die besten Schulen zu schicken. Dieses Imperium hatte es Prudence zudem ermöglicht, sich einen verarmten Marquess als Ehemann zu angeln.
Die Großmutter war immer sehr stolz darauf gewesen, dass es ihrer Tochter gelungen war, die Familie mit einer der ältesten Seitenlinien des englischen Adels zu verbinden. Doch sie selbst vermochte den »Makel des Gewerbes«, der ihr anhaftete, nie ganz zu verbergen. Er kam hin und wieder zum Vorschein, wenn sie beispielsweise einen Schluck Bier zum Dinner trank oder über einen unanständigen Witz lachte.
Aber sie hatte sich in den Kopf gesetzt, dass ihre Enkel wurden, was ihr selbst immer verwehrt geblieben war: echte Adelige. Sie verabscheute den Hang der jungen Leute, die Gesellschaft zu provozieren, in...




