E-Book, Deutsch, 122 Seiten
Jaspers Nietzsche und das Christentum
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-944891-30-9
Verlag: onomato Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 122 Seiten
ISBN: 978-3-944891-30-9
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Karl Jaspers wurde am 23. Februar 1883 in Oldenburg geboren. Seine Mutter Henriette Jaspers, geb. Tantzen (1862-1941) war die Tochter des oldenburgischen Landtagspräsidenten Theodor Tantzen des Älteren. Der Vater Carl Wilhelm Jaspers (1850-1940) war ein liberal-konservativer und wohlhabender Bankier. Karl Jaspers besuchte das Alte Gymnasium in Oldenburg. Von Kindheit an war sein Leben von der Umsicht um seine gesundheitliche Beeinträchtigung geprägt. Seine Veranlagung zu Bronchialproblemen benötigte zeitlebens Disziplin und Rücksichtnahme. Nach einem kurzen Studium der Rechtswissenschaft und einem Kuraufenthalt in Sils Maria immatrikulierte er sich 1902 in Heidelberg für das Studium der Medizin. Er promovierte im Jahr 1908 bei Karl Wilmanns, dem Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik. Sein Doktorvater ermöglichte ihm gleich darauf eine mehrjährige Mitarbeit in der Klinik als Volontär. Während des Studiums lernte Jaspers seine spätere Frau, Gertrud Mayer, kennen. Sie arbeitete als Pflegerin in der psychiatrischen Klinik. Im Jahr 1910 heiratete das Paar. Der Bruder seiner Frau, Ernst Mayer, war ein Studienfreund Jaspers'. Die Geschwister stammten aus einer orthodox-jüdischen Familie. Im Jahr 1913 erschien Jaspers' 'Lehrbuch der Allgemeinen Psychopathologie'. Schon als 30-Jähriger konnte er sich mit dieser Schrift im Fach Psychologie habilitieren. Während einer nun zweijährigen Lehrtätigkeit am Philosophischen Seminar der Universität Heidelberg ergab sich Jaspers' Übergang zur Philosophie. 1916 wurde er dort zum außerordentlichen und 1921 zum ordentlichen Professor ernannt. In dieser Zeit fand auch die erste Begegnung und Zusammenarbeit mit Martin Heidegger statt. In den folgenden Jahren entwickelte Jaspers seine Arbeit zur Geschichte und Systematik der Philosophie. In Zusammenarbeit mit seinem Freund und Schwager Ernst Mayer entstand das dreibändige Hauptwerk 'Grundriss der Philosophie'. Von 1926-1928 studierte und promovierte Hannah Arendt bei Jaspers. Eine lebenslange Freundschaft erwuchs aus dieser Zeit. Den aufkommenden Nationalsozialismus hat Jaspers in der ganzen Dimension eines Zivilisationsbruchs zunächst nicht erfasst. Anfänglich war er noch bereit, an einer von den Nationalsozialisten intendierten neuen Universitätsverfassung mitzuarbeiten. Offensichtlich schätzte Jaspers die Lage falsch ein. Auch die lebensbedrohliche Situation der Juden verkannte er. Die Voraussicht seines jüdischen Freundes und Schwagers Ernst Mayer vom Sommer 1933, man werde die Juden 'eines Tages in Baracken bringen und die Baracken anzünden', hielt er nicht für möglich. Zunehmend wurde aber auch er selbst von den Nationalsozialisten bedroht. Da er nicht bereit war, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen, wurde er Ende September 1937 in den Ruhestand versetzt und ab 1938 mit Publikationsverbot belegt. Auch er und seine Frau dachten nun an Emigration: Mehrere Versuche scheiterten allerdings. Das Ehepaar stand unter ständiger Beobachtung und Gefährdung. Noch kurz vor Ende des Krieges, am 14. April 1945, sollte das Ehepaar in ein KZ verschleppt werden. Für den Fall einer Festnahme hielt das Ehepaar Jaspers stets eine Dosis Zyankali bereit. Durch den Einmarsch der US-Armee am 30. März in Heidelberg entkamen die Jaspers der Gefahr. Kurz nach dem Krieg wurde Jaspers von der amerikanischen Besatzungsbehörde in den Ausschuss zum Wiederaufbau der Universität Heidelberg berufen. Enttäuscht von der hochschulpolitischen Entwicklung im Nachkriegsdeutschland, nahm Karl Jaspers einen Ruf an die Universität in Basel an. Als Reaktion auf die Wahl des ehemaligen NSDAP-Mitglieds Kurt Georg Kiesinger zum Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland sowie die Verabschiedung der Notstandsgesetze 1968 erwarb Jaspers auch die Schweizer Staatsbürgerschaft. Karl Jaspers starb 1969 in Basel und wurde auf dem Friedhof am Hörnli begraben.
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Darstellung der weltgeschichtlichen Ansicht Nietzsches
Drei Fragenkreise sind zu vergegenwärtigen: erstens Nietzsches Bewußtsein der Krise des gegenwärtigen Zeitalters; zweitens seine Lehre von der Herkunft dieser Krise aus dem Christentum; drittens sein Blick auf die Weltgeschichte im Ganzen und die Stellung des Christentums in ihr.
1. Die Krise des gegenwärtigen Zeitalters
Nietzsche entwarf das erschreckende Bild der modernen Welt, das seitdem ständig wiederholt worden ist: das Sinken der Kultur: den Ersatz der Bildung durch ein bloßes Wissen um Bildung; – den Ausgleich des seelischen Substanzverlustes durch eine universale Schauspielerei: das Leben im „als ob“; – die Übertäubung der Langeweile durch Rausch und Sensation; den Lärm des Scheingeistes, in dem nichts mehr wachsen kann: alles redet, aber alles wird überhört; alles wird zerredet; alles wird verraten. – Nietzsche zeigt die Öde des atemlosen Erwerbs, er zeigt die Bedeutung der Maschine, der Mechanisierung der Arbeit, die Bedeutung der Heraufkunft der Massen.
Aber alles das sieht Nietzsche nur als Vordergrund. Heute, „wo alles wackelt, wo alle Erde bebt“, ist das Grundgeschehen ein tieferes, nämlich die Folge eines Ereignisses, das – wie Nietzsche in seinem beruhigten Zeitalter der bürgerlichen Selbstzufriedenheit mit wahrem Grauen sagt – noch niemand merkt; es ist das Ereignis: „Gott ist tot“. „Das ist eine furchtbare Neuigkeit, welche noch ein paar Jahrhunderte bedarf, um den Europäern zum Gefühl zu kommen: und dann wird es eine Zeit lang scheinen, als ob alles Schwergewicht aus den Dingen weg sei“.1
Nietzsche meint einen Befund der gegenwärtigen Wirklichkeit festzustellen. Er sagt nicht: Es gibt keinen Gott, auch nicht einfach: Ich glaube nicht an Gott. Er beschränkt sich auch nicht auf eine psychologische Feststellung der wachsenden Glaubenslosigkeit. Vielmehr macht er eine Seins-Wahrnehmung. Ist diese Wahrnehmung einmal gemacht, so ergeben sich alle einzelnen Züge dieses Zeitalters als Folge des Grundfaktums, ergibt sich alles Bodenlose und Unheilvolle, ergibt sich das Zweideutige und Verlogene, das Schauspielerhafte und unruhig Hastende, das Rausch- und Vergessensbedürfnis dieses Zeitalters.
Bei diesem Grundfaktum bleibt Nietzsche nicht stehen. Er fragt: Warum ist Gott gestorben? Nur eine unter seinen Antworten ist umfassend durchdacht und entwickelt: Ursache des Todes Gottes ist das Christentum. Denn vom Christentum wurde einst alle Wahrheit zerstört, aus der der Mensch vordem lebte: vor allem die tragische Wahrheit des Lebens der vorsokratischen Griechen. Das Christentum setzte dagegen lauter Fiktionen: Gott, moralische Weltordnung, Unsterblichkeit, Sünde, Gnade, Erlösung. Wenn dann die fingierte Welt des Christentums durchschaut wird – denn am Ende bekommt „der Sinn der Wahrhaftigkeit, durch das Christentum hochentwickelt, Ekel vor der Falschheit und Verlogenheit aller christlichen Weltdeutung“2 –, so kann nur das Nichts übrig bleiben: „der Nihilismus ist die zu Ende gedachte Logik unserer großen Werte und Ideale“.3 Da für das Christentum schlechthin aller Halt und Wert in Fiktionen lag, muß im Augenblick der Enthüllung der Fiktionen der Mensch in ein solches Nichts sinken, wie er es noch nie in der Geschichte erlebt hat.
Heute ist von alledem erst der Beginn. Die „Heraufkunft des Nihilismus“, sagt Nietzsche, „ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte.“ „Unsere ganze europäische Kultur bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: wie ein Strom, der an’s Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen“.4
Nietzsches Antwort auf die Frage, warum Gott stirbt – nämlich durch die Konsequenzen des Christentums –, muß der Geschichte des Christentums eine ganz neue Bedeutung geben. Die zwei christlichen Jahrtausende, die hinter uns liegen, sind unser Verhängnis. Wie ist dies Verhängnis vor sich gegangen?
2. Herkunft und Verwandlung des Christentums
Entstehung, Verkehrung und Fortgang des Christentums lassen sich aus Nietzsche zu einem zusammenhängenden geschichtlichen Bilde fassen.5 Herausgenommen aus der Geschichte des Christentums wird Jesus. Er steht bei Nietzsche abseits. Seine Wirklichkeit hat mit der Geschichte des Christentums eigentlich nichts zu tun.
a) Wer war Jesus?
Nietzsche antwortet: ein Menschentypus, der psychologisch zu charakterisieren ist.
Jesus verwirklicht eine neue Lebenspraktik, nicht ein neues Wissen (einen neuen Wandel, nicht einen neuen Glauben).6 Ihn beherrscht „der tiefe Instinkt“ dafür, „wie man leben müsse, um sich ,im Himmel‘ zu fühlen, um sich ,ewig‘ zu fühlen“.7 Die von Jesus gelebte, durch seine Lebenspraktik errungene Seligkeit ist „die psychologische Realität der Erlösung“8:
Diese Seligkeit ist das „Zu-Hause-Sein in einer Welt, an die keine Realität mehr rührt, einer inneren Welt ...“9. Nur von dieser redet Jesus: „,Leben‘ oder ,Wahrheit‘ oder ,Licht‘ ist sein Wort für das Innerste – alles Übrige, die ganze Realität, die ganze Natur, die Sprache selbst, hat für ihn bloß den Wert eines Zeichens, eines Gleichnisses“.10 Auf die kürzeste Form gebracht, heißt das: „Die Seligkeit ist die einzige Realität – der Rest ist Zeichen, um von ihr zu reden“.11 Was es als Gegenstand, als Welt gibt, alles ist nicht mehr „als eine Gelegenheit zu Gleichnissen. Gerade, daß kein Wort wörtlich genommen wird, ist diesem Antirealisten die Vorbedingung, um überhaupt reden zu können“12. Daher kann es keine Lehre Jesu geben, vor allem keine eindeutige, keine feste: „Dieser Glaube formuliert sich nicht – er lebt, er wehrt sich gegen Formeln“.13
Wie aber kann die Grundhaltung dieses „wahren Lebens“, dieses „ewigen Lebens“, das „nicht verheißen“ wird, sondern das „da ist“, in Wort und Tat zur Erscheinung kommen?
Wenn der Selige ein Wort spricht, so muß offenbar in Zeichenrede und Gleichnis alle rationale Eindeutigkeit versinken. „Die gute Botschaft ist, daß es keine Gegensätze mehr gibt“14, d. h., alle Unterschiede haben ein Ende. Nietzsche läßt Jesus sprechen, als ob alles das nicht sei, was unserem gegenständlichen Wahrnehmen, Denken, Wissen das Sein dadurch ist, daß es unterschieden, gegensätzlich und bestimmt ist.
Für das Tun des Seligen ist das Charakteristische: Er geht an der Welt vorüber, oder er geht unbetroffen durch die Welt hindurch. Machen wir die Konsequenzen dieser Grundhaltung klar, wie Nietzsche sie entwickelt:
Es gilt erstens: Nirgends Widerstand leisten. Nichts wird verneint, alles wird bejaht. Solche Haltung nennt Jesus Liebe. Sein „Leben in der Liebe ohne Ausschluß, ohne Distanz“15 bedeutet, daß ihm alles gleicherweise nah ist: Er macht „keinen Unterschied zwischen Fremden und Einheimischen, zwischen Juden und Nichtjuden“16. Diese Liebe ist wahllos, zu jedem Nächsten bloß als zu diesem gerade Gegenwärtigen, Anwesenden. Sie „schätzt niemanden gering“.
Doch dieses Nichtwiderstehen der Liebe beschränkt sich nicht auf das Übersehen aller Unterschiede. Der Christ kämpft nicht, auch nicht, wenn sein Dasein bedroht ist. „Ein solcher Glaube zürnt nicht, tadelt nicht, wehrt sich nicht: er bringt nicht das ,Schwert‘“.17 Der Christ leistet „dem, der böse gegen ihn ist, weder im Wort noch im Herzen Widerstand“.18 Da er schlechthin nicht kämpft, läßt er sich auch „bei Gerichtshöfen weder sehen noch in Anspruch nehmen (,nicht schwören‘)“19.
Wird aller unterscheidende und handelnde Bezug des Menschen zur Welt hinfällig, und ist, was sonst Wirklichkeit heißt, nur unfeste Symbolik, um mit ihr von der Seligkeit, der eigentlichen Wirklichkeit, zu reden, so folgt zweitens: „eine solche Symbolik par excellence steht außerhalb aller Religion, aller Kultbegriffe, aller Historie, aller Bücher, aller Kunst“ – „Jesu ,Wissen‘ ist eben die reine Torheit darüber, daß es dergleichen gibt“.20 „Die Kultur ist ihm nicht einmal vom Hörensagen bekannt ... er verneint sie nicht ... Dasselbe gilt vom Staat, von der Arbeit, vom Kriege – er hat nie einen Grund gehabt, ,die Welt‘ zu verneinen ... Das Verneinen ist eben das ihm ganz Unmögliche ...“21 Darum, weil es keine Gegensätze mehr gibt, fehlt auch „der Begriff Schuld und Strafe. Die Sünde, jedwedes Distanz-Verhältnis zwischen Gott und Mensch ist abgeschafft“.22
Mit dem Wegfall aller Weltwirklichkeit wird drittens auch der Tod etwas Unwirkliches. „Der ganze Begriff des natürlichen Todes fehlt im Evangelium: der Tod ist keine Brücke, kein Übergang, er fehlt, weil einer ganz anderen, bloß scheinbaren Welt zugehörig. Die Zeit, das physische Leben und seine Krisen sind gar nicht vorhanden für die Lehrer der ,frohen Botschaft‘ ...“23
Die Seligkeit seiner Lebenspraxis bestätigte Jesus...




