E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Jasmund Das Lied des Schwanenritters
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-8412-3497-1
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Historischer Roman
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-8412-3497-1
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Retelling der mittelalterlichen Lohengrin-Sage.
Nach dem Tod ihres Vaters herrscht Elsa über Brabant. Doch Graf Telramund verweigert ihr die Gefolgschaft und behauptet, der verstorbene Herzog habe ihm das Herzogtum und Elsa zur Frau versprochen. Elsa widerspricht, und König Heinrich bestimmt, dass ein Zweikampf die Entscheidung bringen soll. Unerwartet erscheint ein fremder Ritter zu Elsas Unterstützung. Sein Name ist Lohengrin. Er kämpft für Elsa, aber seine Herkunft muss für immer geheim bleiben. Ist mit ihm Elsas Zukunft als Herrscherin über Brabant gesichert?
Birgit Jasmund, geboren 1967, stammt aus der Nähe von Hamburg. Sie hat Rechtswissenschaften in Kiel studiert und lebt in Dresden. Im Aufbau Taschenbuch Verlag sind ihre Romane 'Die Tochter von Rungholt', 'Luther und der Pesttote', 'Der Duft des Teufels', 'Das Geheimnis der Porzellanmalerin', 'Das Geheimnis der Zuckerbäckerin', 'Das Erbe der Porzellanmalerin', 'Die Maitresse. Aufstieg und Fall der Gräfin Cosel', 'Das Geheimnis der Baumeisterin' und 'Die Elbflut' lieferbar.
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Kapitel III
Die Ländereien, die Elsa von ihrer Mutter geerbt hatte, waren das Peelland im Nordosten Brabants. Eine wald- und wildreiche Gegend, streckenweise morastig. Die Bewohner waren Bauern, Holzfäller und Köhler. An den Flüssen gab es Fischer. Der Reichtum des Landes wurde in Schweinen und Rindern berechnet, und fast überall gab es Gerber, die die Rinder- und Schweinehäute zu Leder verarbeiteten. Als einziger Ort verdiente Helmont die Bezeichnung Stadt. Elsa trug Überlegungen mit sich herum, den Peelländern mit der Herstellung von Pergament mehr Reichtum zu verschaffen. Ihre Idee war bisher überall auf Misstrauen gestoßen – auch bei den Peelländern selbst.
Zwei- bis dreimal im Jahr besuchte Elsa das Peelland, sprach Recht und kümmerte sich um die Menschen, ganz so wie es als Herzogin ihre Aufgabe für ganz Brabant wäre und wie sie es seit Jahren tat, ohne dass Pater Clement ihr als Berater zur Seite stand. Das erste Mal kam sie im zeitigen Frühjahr, um sich davon zu überzeugen, dass ihre Peelländer den Winter gut überstanden hatten. Es war ihr hauptsächlich darum zu tun, Kranken und Hungernden Linderung zu verschaffen.
Diesmal begleitete sie Graf Telramund. Er hatte sich angeboten, mit seinen Männern für ihren Schutz zu sorgen, und ihr Vater hatte freudig zugestimmt. Sie war nicht mehr gefragt worden. Beim Aufbruch hatte sie deshalb keine Szene machen wollen, aber unterwegs gab sie ihm meist einsilbige Antworten und trachtete danach, immer einen gewissen Abstand zwischen ihm und sich zu halten. Letzteres war nicht einfach, denn Graf Telramund drängte sein Pferd immer wieder neben ihres und plauderte ungewöhnlich redselig über das Wetter und andere Nichtigkeiten. Sie nahm sich fest vor, sich auf ihrer nächsten Reise von Herrn Lothar aus der herzoglichen Leibwache begleiten zu lassen und dies mit ihm rechtzeitig vorher abzusprechen. Ihr Vater sollte sie nicht noch einmal mit Graf Telramund als Begleiter überraschen können.
In Helmont war vor einem Haus eine Frau an einen Pfahl gebunden. Zwei lange Zöpfe verrieten die Slawin. Ihr Gewand lag zerrissen zu ihren Füßen, und auf ihrem Rücken überkreuzten sich blutige Striemen. Blut lief auch an ihren Beinen hinunter.
Elsa zügelte ihr Pferd. Bevor jemand etwas sagen konnte, war sie abgesessen und stürmte auf das Haus zu. Dem äußeren Anschein nach handelte es sich bei dem aus Lehm und Holz errichteten Gebäude um das eines wohlhabenden Bauern oder Handwerkers. Ohne anzuklopfen, riss sie Tür auf. Die quietschte in ihren Lederangeln.
Ein magerer Mann, einen Kopf größer als sie, erschien vor Elsa. Er sah erschrocken aus. Sie kannte ihn, auch wenn ihr sein Name im Moment nicht einfiel, aber er war kein Bauer, sondern ein Lederhändler.
»Frau Elsa«, sagte er völlig überrumpelt und verneigte sich linkisch. »Ich fühle mich geehrt, Euch in meinem Haus begrüßen zu dürfen. Darf ich Euch eine Erfrischung anbieten oder eine warme Suppe?«
»Nichts davon. Ich verlange zu erfahren, was mit der Frau an dem Pfahl draußen ist. Das ist doch deine Sklavin?«
»Sie hat eine Bestrafung verdient.«
»Was hat sie sich zuschulden kommen lassen?«
Inzwischen standen sie neben dem Pfahl. Die Haut der Slawin schimmerte fahl im Winterlicht, ihre Lippen waren blau angelaufen. Sie musste frieren und Schmerzen leiden, aber ihr Augen funkelten wie die eines in die Enge getriebenen Tieres.
»Das Heidenweib.« Der Händler spuckte aus.
In diesem Moment fiel Elsa ein, dass der Mann Hunold hieß. Er war mehrfach bei Hofe gewesen, hatte mit Leder gehandelt und die Gerichtstage besucht. Vor Jahren hatte er einen Prozess gegen einen anderen Händler geführt, aber welches Urteil gesprochen worden war, erinnerte sie nicht mehr. Sie war damals noch ein Mädchen gewesen, das mit Puppen spielte, die Gerichtsbarkeit im Peelland hatte ihr Vater für sie ausgeübt.
»Ich bin Christin«, widersprach die Slawin in Elsas Gedanken hinein.
Die meisten slawischen Sklaven, die den Glauben ihrer Herren annahmen, hofften, damit ihr Los zu erleichtern. Bei einigen mochte sich das bewahrheiten, bei dieser Frau offensichtlich nicht.
»Ich kann das Credo und das Paternoster aufsagen«, beharrte die Frau. »Auch kenne ich die zehn Gebote und die Geschichte des Herrn Jesus.«
Ob sie nun aus Überzeugung oder aus Opportunismus Christin geworden war, auf jeden Fall beeindruckte ihre stolze Haltung Elsa. Sie hob das zerrissene Gewand auf und wollte die Blöße der Slawin bedecken, so gut es sich bewerkstelligen ließ. Der Fetzen taugte jedoch nur noch als Putzlumpen, deshalb nahm Elsa ihren eigenen Umhang und legte ihn der Gefesselten um die Schultern. Sofort biss sie kalter Wind in Schultern und Leib.
»Auf deren Lug und Trug falle ich nicht herein«, geiferte Hunold. »Sie verdirbt mir die Kinder.«
»Was hat sie getan?«
»Erzählt ihnen Geschichten von einem Schwanenkämpfer. Ein unbesiegbarer Krieger, auf dessen Schild das Abbild eines Schwanes prangt. Er steht edlen Jungfrauen in Nöten bei und eilt dazu auf einem von Schwänen gezogenen Nachen herbei. So ein Quatsch.«
Elsa kannte die Geschichten auch. Sie wurden landauf und landab erzählt, und manchmal wurde das Boot des Schwanenritters von den Tieren auch durch die Lüfte gezogen.
»Die Jungen sollen bei meinen Geschäften helfen, der Älteste sie einst übernehmen, aber jetzt stehlen sie sich zu jeder Tageszeit weg, um im Wald mit Stöcken herumzufuchteln, von denen sie behaupten, es wären ihre Schwerter. Die Mädchen kämmen den ganzen Tag ihr Haar und wollen gerettet werden«, pestete Hunold. »Das ist alles die Schuld von der da.«
Hinter Elsa erklang ein Schnauben von Graf Telramund, und auch sie musste an sich halten, um nicht zu grinsen. Es war nichts als Unfug, den Hunold da von sich gab, aber für die Slawin war es bitterernst.
»Die Kinder wollen diese Geschichte hören«, verteidigte sie sich. »Ich erzähle sie den Mädchen beim Kochen oder Spinnen. Die Jungen haben sie nur deshalb gehört, weil sie um die Zeit der längsten Nacht alle mit Fieber darniederlagen.«
»Stimmt das?«, wollte Elsa streng wissen.
»Die Jungen waren um das Weihnachtsfest herum krank.«
»Keiner von ihnen ist gestorben, weil ich mich gut um sie gekümmert habe«, warf die Slawin ein.
»Das Leben deiner Söhne dankst du ihr auf diese Weise? Mach sie endlich los«, verlangte Elsa. »Du hörst doch, dass sie keinerlei Schuld trifft.«
»Sie gehört mir, und sie hat Strafe verdient.« Hunold schaute zu Graf Telramund, der immer noch im Sattel saß und nun mit den Schultern zuckte, als wollte er sich auf keinen Fall einmischen.
»Mein Name ist Rhuna«, sagte die Slawin so leise, dass nur Elsa sie hören konnte. »Lasst mich nicht bei diesem Menschen, ich bitte Euch. Ich stand hier schon einmal.«
»Das Weib hat keine Seele und verdient jeden Schlag und noch viel mehr.« Hunold stand in einer Mischung aus Aufmüpfigkeit und Unterwürfigkeit vor Elsa.
»Du schlägst sie oft?«
»Das muss so sein bei diesen Weibern, sonst gehorchen sie nicht.«
»Hast du noch andere Sklavinnen?«
»Nur diese.«
»Und eine Frau?«
»Die schlägt mich auch«, flüsterte Rhuna.
Jeder freie Mann konnte mit seinem Besitz verfahren, wie es ihm gutdünkte. Darunter fielen auch seine Sklaven, dennoch missfiel es Elsa, wenn eine Frau ausgepeitscht wurde und dann in winterlicher Kälte ausharren musste.
»Ich nehme sie dir ab, da du keine echte Verwendung für sie hast. Dann bist du das Problem los. Kochen, spinnen und weben kann auch deine Frau.«
Hunold und Telramund wirkten beide gleichermaßen erstaunt. Auf das Gesicht des Händlers trat ein gieriger Ausdruck.
»Sie ist mir trotz allem teuer«, beharrte er.
»In ihrem...




