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E-Book, Deutsch, 360 Seiten

Janssen Ein Haufen Kommunisten

Mutant Collective - die Geschichte der demokratischsten Post-Punk-Band die je eine Bühne betreten hat
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7693-9567-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Mutant Collective - die Geschichte der demokratischsten Post-Punk-Band die je eine Bühne betreten hat

E-Book, Deutsch, 360 Seiten

ISBN: 978-3-7693-9567-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sänger und Mitbegründer des Mutant Collectives, Stefan Michels, erzählt in diesem Buch von seiner faszinierenden Erfahrung als Mitglied der wohl demokratischsten Band, die je eine Bühne betreten hat. Hamburg 1980, Punk hat sich totgelaufen und in Deutschland erblüht eine neue musikalische Avantgarde, geprägt durch künstlerische Vehemenz und dem Wunsch nach Selbstorganisation. Nach zarten Anfängen in einer Hobby-Band auf dem Campus der Uni Hamburg stellt Stefan fest, dass seine Bestimmung das Singen ist. Mit einigen seiner ehemaligen Kommilitonen beginnt er wieder zu proben, aber der Schlagzeuger - alias der Doktor - spricht aus was Stefan ahnt: Ihm erscheint alles eher wie ein unmotivierter Neigungskurs. Erst als Stefan den Avantgardisten Cem Yilmaz in einer abrissreifen Villa aufgabelt und zu einer Probe einlädt, erkennen die Anderen, dass er und sein Sammelsurium an gefundenen Gegenständen inklusive einer massiven Eisenplatte es sind, was dem Sound fehlte. In autobiografischer Form beschreibt Stefan die Höhen und Tiefen des alltäglichen Bandlebens, in dem alles eine einfache Mehrheit braucht. Alles, von Verhandlungen mit Labelbossen, über strategische musikalische Entscheidungen, bis hin zu der Frage, wer den nächsten Bierkasten holt. Mit den Jahren und dem zunehmenden Erfolg nagt die Gleichheit unter gleichen an Stefans Motivation. Auch wenn ihr egalitärer Anspruch sie voreinander schützt fragt sich der kreative Kopf der Band, warum alle, die nichts zum kreativen Prozess des Songschreibens beigetragen haben trotzdem zu gleichen Teilen an den Erlösen beteiligt werden.

Volker Janssen hat den wesentlichen Teil seines Lebens in Hamburg verbracht. Geprägt wurde seine Liebe zur Musik vor allem durch die aufstrebende Szene der frühen 1980er, die sich abwandte vom Bombast der 1970er. Er war aktiv in der Hausbesetzerszene, nahm Teil an den Protesten gegen Atomkraftwerke und an Friedensdemonstrationen gegen die Pershing-Raketen-Stationierungen. Seine Eltern wurden ihrer Kindheit im zweiten Weltkrieg beraubt - ein wesentlicher Grund für Volker sich für Zivildienst anstelle des Wehrdienstes zu entscheiden. Neben Graphik Design gehört das Schreiben zu Volkers Passionen. Nach der Übersetzung von Iain McIntyres Buch "Tomorrow Is Today - Australien in der psychedelischen Ära, 1966 - 1970" (2022) ist "Ein Haufen Kommunisten" sein erstes eigenes Buch. Volker lebt heute in Melbourne und arbeitet hauptberuflich an den lokalen Universitäten in der Karriereberatung für Studenten.
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Autoren/Hrsg.


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2004


FEBRUAR


Prolog


BAD SEGEBERG


Es war ein langsamer Tod. Mutant Collective zu killen war eine langatmige Angelegenheit, die viel Vorbereitung brauchte. Einige von uns hatten niemals dran gedacht, Rücklagen zu bilden - zu spießig. Deshalb waren es die Gagen, die uns zum Weitermachen antrieben. Wir brauchten einen „großen Verdiener“, wie es unser Manager auszudrücken pflegte, „etwas das mal für später da ist“. Und so war es dann: Dreizehn Wochen lang ein Konzert nach dem anderen, jeden Abend ausverkauft, bis zu dreitausend zahlende Gäste pro Abend.

Die Leute kamen von überall her. Offensichtlich hatte sich herumgesprochen, dass wir wohl ein allerletztes Mal vorbeischauen würden. Die Ticketverkäufe gingen durch die Decke. Drei Monate vor Antritt war der erste Teil der Tour ausverkauft. Die Promoter waren völlig aus dem Häuschen. Sie rannten unserer Agentur die Tür ein, um weitere Auftritte zu buchen.

In der allerletzten Nacht unserer allerletzten Tournee flossen Tränen, und mit den Tränen gab es Umarmungen und Rückenklopfen; Tischreden und Bouquets. Oder wie A-phon-Tonträger-Boss Seidler es ausdrückte: „Da war viel Liebe im Raum“. Danach nichts mehr. Nach achtzehn Jahren tumultartiger Feierstimmung in unzähligen Konzertsälen und Klubs war nichts übrig ... außer Radio.

Acht Jahre später: Ein Supermarkt in Bad Segeberg. Es war Herbst und es wurde schon früh dunkel. Ich stand vor der Tiefkühltruhe, auf der Suche nach gefrorenen Erbsen. Ein Typ, der aussah wie ein Handwerker, kam auf mich zu. Es war Freitag. Er hatte seine Tochter dabei.

„Hallo“, sagte sie, als sie neugierig mit triefender Nase zu mir aufschaute. Sie strahlte mich an. Es war ein kalter Abend. An ihren rosigen Wangen konnte ich erkennen, dass sie draußen in der Kälte gewesen war und in der Dunkelheit herumgetobt hatte.

Dad lächelte.

„Sind Sie nicht der Typ, der ‚Sailor From The Stars‘ singt?“

„Ja“, erwiderte ich.

„Haben Sie den Song heute schon gesungen?“

„Nee.“

„Haben Sie ihn gestern gesungen?“

„Ja.“

„Wo?“

„Unter der Dusche.“

Der Vater lachte und schaute dann zur Supermarktdecke hinauf. Er grinste mich an und zeigte auf einen der Lautsprecher dort oben. Irgendwer musste der Supermarktleitung einen Tip gegeben haben. Sie konnten es nicht lassen, das verdammte Lied über die Supermarktanlage zu dudeln. Sailor From The Stars, ein Stück über eine höhere Intelligenz, die die Erde besucht, war zur Supermarktbeschallung verkommen. Ein Song, den man mitsummen konnte, während man sich in einer ehemaligen Kalkbergbausiedlung, mitten in Schleswig-Holstein, mit den Gütern des Alltags eindeckte.

Das also war alles was übrig war. Supermarktbeschallung und ein kleines Mädchen mit Schnoddernase, die einen Button mit dem Konterfei von HSV-Torwart Hans Jörg Butt auf ihre Trainingsjacke geheftet hatte. Sie hielt sich an der Hand ihres Vaters fest, der nur zu gern bereit war, uns gegenseitig vorzustellen. Es war seine Musik und sie liebte ihren Vater. Das war besser als nichts. „Besser als nichts“ war alles, was von uns übriggeblieben war.

Die meisten Geschichten über Rockbands sind einfach nur Aneinanderreihungen kurzweiliger Anekdoten über Gelegenheitssex und den verschwenderischen Umgang mit Drogen. Die langen Perioden, in denen niemand irgendetwas zertrümmert, wo absolut gar nichts passiert, werden ausgelassen. Das liest ja auch keiner. Leute mögen gute Geschichten. Um eine Geschichte zu verkaufen, macht es sich ab und zu schon bezahlt, etwas zu übertreiben. Die Versuchung, einfach geradeheraus zu lügen, ist groß, besonders in der Musikindustrie. Jeder tut es, vor allem, wenn es darum geht, die Verkaufszahlen zu steigern.

Aber die schreckliche Wahrheit ist, dass das Leben als Mitglied von Mutant Collective über lange Strecken todlangweilig war. Diese kleine Saga ist ein Best-of und manchmal auch ein Worst-of aus achtzehn Jahren Bandleben. Eine Art Tourtagebuch. Nicht alles daran war golden. Mit der Zeit wurde Mutant Collective zu einer gut geölten Maschine. Das Leben als Mitglied der Band war so geradlinig und bis ins kleinste Detail ausgefeilt, dass es einfach nur öde sein konnte. Mit dem Erfolg kam Umfang, mit Umfang kam die Komplexität und mit der Komplexität die eingespielte Routine. Routine war wiederum die Mauer zwischen Spaß-Haben und Sich-über-Pannen-Ärgern. Und trotz aller Routine: Pannen waren üblich. Mal hatte jemand vergessen, den Wecker zu stellen, ein anderes Mal hatte jemand die Arbeitsvorlage für den Bühnenaufbau falsch interpretiert, oder die Arbeitsvorlage war schlicht fehlerhaft. Es gab zwei Realitäten: die des Managements und die der Fußsoldaten. Die Tourneen wurden länger, die Produktionen größer, das Personal mehr. Klare Jobabgrenzungen waren nötig, um die operative Crew anzuleiten. Innerhalb der festgelegten Prozesse entstanden isolierte Gruppen. Unterhaltungen fingen an, in vorgegebenen Rastern zu verlaufen. Aber der menschliche Erfindungsgeist suchte sich immer wieder Wege heraus aus der Langeweile. Dialekte tauchten auf, Crew-Sprache gegen Bandsprache. Aus der Arbeitsvorlage wurde das Buch der Lügen. Trotz des ernsthaften Images, das die Band nach außen hin hatte, gab es viel zu lachen. Eigentlich war es diese lustige Seite, die dafür sorgte, dass die Arbeit interessant blieb und – viel wichtiger - dass sie weiterging.

Dinge passierten. Der Sound der Band veränderte sich. Leute kamen und gingen. Die Band kam beim Publikum an und tourte schließlich auf globaler Ebene. Verdammt, die Band ROCKTE! Sie hatte definitiv etwas Besonderes. Und dennoch: Obwohl wir von unserer Unverwundbarkeit überzeugt waren, brach die Band schließlich auseinander.

All das fügt sich zu einer Geschichte, die eine Frage aufwirft: Wie konnte diese Maschine so reibungslos laufen und trotzdem eines Tages kaputt gehen? Oder, anders gefragt: Warum sollte eine Gruppe von Leuten so lange zusammenbleiben und ausgerechnet dann, als der Erfolg auf ihrer Seite war, auseinandergehen? Die Antwort auf diese Fragen liegt in den kleinen, besonderen Momenten. Momente, die manchmal unbeachtet vorübergingen, aber zusammen einen kumulativen Effekt hatten; wie Wellen, die von einem Frachter auf der Elbe ausgehen und sich zum Strand hin ausbreiten. Egal, wie positiv unsere Einstellung war, der Kern konnte die gesamte Band nicht ununterbrochen zusammenhalten, und mitunter waren Veränderungen nötig. Kleine Gruppen innerhalb des großen Ganzen organisierten sich neu, Beweggründe tauchten auf, Sündenböcke wurden gefunden. In Momenten wie diesen tauchte die Menschlichkeit auf, wie Phönix aus der Asche, und der wahre kollektive Geist gewann erneut die Oberhand: der Wunsch, Geschehenes hinter sich zu lassen und gemeinsam nach vorne zu schauen.

Mutant Collective war der große Außenseiter unter den deutschen Bands der 1980er Jahre. Ohne Hilfe von außen, nur durch Beharrlichkeit, wurde sie zu einer der erfolgreichsten unabhängigen Bands in der deutschen Musikgeschichte. Trotz der Unfähigkeit, die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu ziehen, überlebte die Band achtzehn Jahre schwankender Chartsplatzierungen, überwiegend schlechter bis mittelmäßiger Platten- und CD-Verkäufe, Kritiken die zwischen arschkriecherisch und grausam oszillierten, und Publikumszahlen zwischen zwei und siebentausend.

Wir hatten eine fast schon fundamentalistisch anmutende Abneigung gegen schrilles Auftreten. Wir bevorzugten Substanz gegenüber Stil. Übertreibungen wurden als eitel und korrumpierend betrachtet. Dementsprechend schwer war es, uns zu promoten, es trieb unseren Manager in den Wahnsinn. Lautstark unsere Egalität untereinander zu proklamieren kam wahrscheinlich dem, was man eine Message nennen kann, am nächsten – als Alleinstellungsmerkmal war es wohl kaum dazu geeignet, unbändige Teenagerhysterien zu entfachen. Aber wir meinten es ernst.

Selbst der Sound-Ingenieur erhielt seinen Anteil an den Tantiemen für die komponierte Musik. Jahre später sollten wir dafür als ein „Haufen Kommunisten“ beschimpft werden. Und derjenige, der das gesagt hatte, der traf den Nagel auf den Kopf. Alles wurde gleichmäßig aufgeteilt, manchmal sogar das Bier. Es erforderte eine ungeheure Selbstdisziplin. Wir waren weder sexy noch benahmen wir uns daneben (jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit), und keiner von uns hatte eine berühmte Freundin. In Sachen Werbung fanden wir praktisch gar nicht statt - ausgenommen auf der Bühne, dem einzigen Ort, auf den es unserer Meinung nach ankam.

Live spielen, vor zahlendem Publikum, war das, was für uns zählte. Mutant Collective war auf der Bühne eine Naturgewalt. Die Band war laut - sehr laut: eine Bühne, auf der eine Horde Wahnsinniger herumturnte, die Refrains ins Publikum gröhlten. Das Publikum gröhlte sie mit ebenso kämpferischer Hingabe zurück. Dieser Lärm aus Tausenden von Kehlen wurde von einer Rhythmusgruppe untermalt, die den Groove gnadenlos in den Boden hämmerte. Die Musik wurde vom Sound des Basses getrieben,...



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