E-Book, Deutsch, 236 Seiten
Janocha / Huber Glasaale
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-5656-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Episoden
E-Book, Deutsch, 236 Seiten
ISBN: 978-3-7504-5656-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geboren in Karlstadt am Main Schule und Ausbildung in Augsburg nach sozialem Beruf Abendstudium zum Fachwirt Handel in technischen Betrieben tätig Psychologie- und Philosophie-Seminare der Erwachsenenbildung Literatur- und Schreib-Workshops in Augsburg, München, Starnberg, Kochel, Massimo Visconti, St. Moritz
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Ich und Bill
Früher, so früh auch wieder nicht, ich bin ja noch kein Greis. Dass ich öfter aus dem Fenster schaue, hat damit nichts zu tun, mir geht halt manches durch den Kopf. Meine Arbeit, früher und heute, was sich alles verändert hat. Deswegen bin ich kein Gestriger, wenn mir auch so allerhand von gestern einfällt.
So sehr lange ist es nicht her, seit Bill ein Buch über die DV-Welt geschrieben hat. Sie wissen schon, Bill Gates, Mister Microsoft. Bis hierher noch nichts Aufregendes. Dass er ziemlich knapp vorm Run aufs Internet keine Silbe darüber verloren hat dagegen schon, war er doch Begründer der IT-Branche, die US-Army mal außen vor. Gut, er wird gewusst haben, weshalb er sein Geheimnis verschwiegen hat.
Waren das noch Zeiten. Als sich niemand diesem neuen Breitensport hingab. (Aber ich bin kein Gestriger.) Dabei wollte Bill nur eines – ursprünglich – jeder sollte seinen PC ganz einfach bedienen können. Wirklich jeder, ausnahmslos. So hieß sein heiliges Versprechen. Und heute, was ist daraus geworden, nur eine der großen Fragen. Den ganzen Tag geht mir durch den Kopf: Mach ich gefahrlos Internetbanking, kann ich einfach so am Einbürgerungstest teilnehmen, ohne mich öffentlich blamiert zu haben? Besser hätte ich das sein lassen, knapp durchgefallen, und das als Deutscher.
Überhaupt, wo hinein darf ich meine sensiblen Daten schreiben, was passiert mit meiner ja/nein-Antwort der täglichen Umfragen im Netz, was mit den historischen Quiz‘, die ich so gerne mache, Momente, in denen ich meine Zeit vergesse.
Ich überlege ernsthaft: Wie gestalte ich meine privaten Mails, was schreibe ich meiner Frau, muss die NSA jedes Kosewort kennen? Wenn ja, was bedeutet das jemals?
Eine Grundfrage: Was hat sich für mich eigentlich verbessert, was hat mir das Web tatsächlich abgenommen? Gut, ich komme zurecht mit dem Handling, aber das reicht doch nicht. Die großen Fragen werden immer größer. Wenn mein Beruf auch die Kommunikationswelt ist, was hilft mir das. Meine Frau sagt, ohne das Netz wäre sie ein halber Mensch. Heutzutage. Das habe ich nicht verstanden. Dann war sie früher immer nur ein halber Mensch. Wo war die andere Hälfte, meine kann‘s noch nicht gewesen sein. Wie ich mich selber damals gefühlt habe – ich weiß nicht mehr.
Ja, ich komme zurecht. Ich sitze vorm PC, habe alles und bekomme alles was ich brauche, jede Info im Nu, nicht einmal aufstehen muss ich noch, meine Lexika verstauben im Regal. Telefonieren fällt flach, Gespräche ersetze ich durch Mails (auch mal gefällig) wie physikalische Post; Verträge reduziere ich auf ein Minimum. Aber meine Zeit vorm Bildschirm ist knapp. Meine gesamte Gedankenwelt, meine Augen und mein Hirn, nicht mehr als dieser minimalistisch elektronische Ausschnitt ist. Ich will gar nicht nachmessen, wie klein. Meine Frau hat einen riesigen Bildschirm, eine richtige Datenstation, meine Frau will ja auch ein ganzer Mensch sein. Trotzdem reicht diese Größe für sie nicht aus. Sie fürchtet nämlich nichts im Datendschungel, im Gegenteil, sie liebt das WEB. Kürzlich sagt sie doch glatt, Google wäre ihr bester Freund. Warum? Weil sie immer verstanden wird, ob sie ihre Anfragen fehlerhaft schreibt – egal – Google antwortet richtig und genau auf das, was sie wissen will. Als wenn ich nur Unsinn rede. Aber ok, ihr sachlicher Freund muss ich auch nicht um jeden Preis sein. Bei Gott nicht.
Übrigens hält sie rein gar nichts von meinen Bedenken gegen die neuen Algorithmen, die jeden Aufruf und jede unserer Anfragen registrieren, um schließlich ein Ganzes daraus zu machen. Was sie davon haben, fragt sie, dann sage ich „weil damit dein gesamtes Profil erkannt wird, jede deiner Vorlieben, wofür du Geld ausgibst und wofür nicht, deine Interessen werden komplett ausgefiltert und nur das, was dich interessiert, bekommst du noch zu lesen.“ Wissen Sie, was sie sagt, halten Sie sich fest: „Das ist doch gut, dann muss ich nicht mehr aussuchen und ich habe weniger Arbeit und mehr Zeit.“ Mir bleibt die Spucke weg, und sie schaut erfreut, als hätte ich von einer Überraschungsreise gesprochen.
Das ist zusätzlich ein Grund, weshalb ich es nicht lange aushalte in Sachen PC. Inzwischen vermeide ich solche Gespräche. Meine Frau dagegen ist überzeugt von ihrem starken Willen, den natürlich jeder haben sollte, einen eigenen Willen, wer muss schon alle Angebote annehmen und immerzu nur kaufen, kaufen!
„Kein Mensch muss müssen“, klärt sie mich auf. Und dann muss ich raten, von wem der Spruch stammt.
Ich sage „Valentin.“
„Nein“, lacht sie, „das ist Kant!“
Wie gesagt, ich halte das nicht lange aus, nicht das mit meiner Frau und nicht den ewigen Blick in den Bildschirm. Mein Pech ist, dass ich selbstständig bin, keine Kollegen habe, die mich aufmuntern, mit denen ich einmal lachen könnte. Und ich habe niemanden zum Schimpfen, ich kann ja nicht mit meiner Frau über meine Frau schimpfen. Also muss ich raus.
Da fängt es schon wieder an, egal, wie ich unterwegs bin, ob mit Auto oder Roller, zu Fahrrad oder Fuß. Ich laufe so dahin, nein, ich gehe, schon flott, Joggen mag ich nicht. Ich musste raus zum Vergrößern meines bereits eingeschränkten Gesichtsfelds (lt. Augenarzt k. B.), ich erhole mich dabei, schaue wieder rundum – ich spanne ab. Klar bin ich nicht allein unterwegs, die ersten machen schon Feierabend, ich unterbreche nur. Nicht einmal im Park, entlang am Bächlein, nirgends bin ich ungestört. Aber allein die freie Sicht macht mich schon glücklich, mein Rundblick. Ja, es fängt schon wieder an. Muss das denn sein, dass immer ich derjenige bin, der brav ausweicht und zur Seite geht? Ist das böse, Leute nicht zu mögen, die einfach dahin laufen, als wären nur sie da? Ich spreche von diesen Head-Downs, ja, die heißen so, weil sie nur mit dem Kopf nach unten laufen. Ich mag sie nicht. Soll ich piepsen, soll ich husten, schnäuzen, singen, schreien? Auf dem Rad ist es einfacher, so gesehen, ich klingle einfach, mehrmals, laut, weil ich nämlich eine Klingel habe! Und Licht! Das heißt noch lange nicht, die Sache ginge gut. Meinen Unfall neulich behalte ich besser für mich. Hier war’s, im Park, kein kleiner, kein großer, jener Mittelhund (mir hat er gereicht) an der langen Leine, weil Frauchen und Herrchen – Head Downs – wie üblich beschäftigt waren. Inzwischen bin ich etwas erfahren, ich weiß heute, wie reduziert die Sinne sein können. Es sieht nämlich so aus, als wäre allein mir überlassen, was mit Sehen oder Vorsicht zu tun hat. Verantwortung wäre ein zu großes Wort. Ich habe mir den gesamten Seh-Sinn aufgeladen, und damit die Augen aller übernommen. Dabei hat mich niemand darum gebeten, niemand gefragt – was für ein blöder Gedanke! – als hätte ich ja gesagt, wäre ich gefragt worden. Meine Frau sagt, ich wäre zu gut für diese Welt. Tatsächlich bin ich geradezu fixiert auf diese dünnen Kabel, die bis ins Mittelohr reichen. Das kommt mir vor, als haben alle ihren Kopf nur für Ohren und Kabel. Wie komisch musste ich mich schon fühlen, früher, als dieser passive Breitensport noch in den Kinderschuhen steckte. Einmal, an der Ampel hat einer vor sich hingeredet, ganz allein, freilich hab‘ ich dem Antwort gegeben und meine Hilfe angeboten, nur für den Fall, dass ich gebraucht werde. Der Typ hat vielleicht geschaut, hat nur mit dem Kopf geschüttelt und auf sein verdecktes Kabel gezeigt. Und ich hab‘ mich geniert. Also zuerst hab ich mich geniert, allmählich ist mir die Wut hochgekommen. Inzwischen rennen alle mit diesen Dingern rum und ich kann schauen wo ich bleibe, wie ich vorbeikomme ohne Unfall, gerade beim Radeln, die hören einfach nix und wenn ich noch so laut klingle. OK, bei Mädchen bin ich nicht ganz so streng, aber die sind auch achtsamer. Dabei geht es mir nicht nur um mich, es geht mir um die Achtung aller Personen. Sei es an der Ampel, sei es im Zug, in den U-und S-Bahnen, sogar in der Straßenbahn, überall gibt es einen Nachbarn, den es zu achten gilt, und nicht zuzudonnern mit lauten Videos oder sonst was. Nicht jeder Nachbar muss deswegen gleich neben einem wohnen, um Nachbar zu sein. Es gibt eben kein Wort wie Zug-bar, Bus-bar oder Straßbar, dennoch lautet mein Appell: mehr Augenmerk dem Mitmensch!
Ich bezweifle, ob Bill damals ahnte, was er anzetteln wird. Doch, er hat angefangen. Und jetzt ist ihm die Sache komplett aus dem Ruder gelaufen, gut, nicht allein ihm, da mischen noch ein paar andere mit. Wenn ich überlege, wie viele Meilen habe ich schon zusammen, und in den Staaten war ich auch erst einmal. Was könnte ich ihm alles erzählen, dem Bill, aus erster Hand. Klar ist das doppelter Unsinn, in der Hauptsache bin ich ja hier und hier ärgere ich mich auch. Wirklich, eine solche Wut habe ich, ich kann sie nicht mehr sehen, diese Head-Downs, die mir ihre Verantwortung aufdrücken. Jawohl, Verantwortung! Inzwischen gibt es nichts mehr zu beschönigen. Aber ich schaffe es nicht, sie aus dem Blick zu kriegen. Ich schaffe es ja nicht einmal, stehen zu bleiben und mich umgekehrt mal ihnen in den Weg zu...




