E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Jaffe Die Welt war so groß
18001. Auflage 2018
ISBN: 978-3-8437-1781-6
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-8437-1781-6
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rona Jaffe wurde 1931 in Brooklyn geboren und blieb lebenslang eine New Yorkerin. 1958 erschien ihr Debütroman 'Das Beste von allem', der lange vor 'Sex and the City' das Leben und die Liebesgeschichten von fünf Freundinnen in New York beschrieben hatte. Rona Jaffe ist Gründerin der nach ihr benannten Stiftung, die jährlich einen Förderpreis an vielversprechende Nachwuchsautorinnen vergibt. Sie starb im Jahre 2005.
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Prolog
Tausende waren an diesem sonnigen Junitag gekommen, angelockt vom Zauber ihrer Vergangenheit; oder, wie einige, um die Zukunft zu feiern. Harvard Yard, sonst eine friedliche Enklave inmitten der geschäftigen Stadt Cambridge, war an diesem besonderen Vormittag überfüllt von einer Menschenmenge, die sich von den weißen Steinstufen der Widener-Bibliothek bis zur Kapelle hinzog und zu den schmiedeeisernen schwarzen Hoftoren hinausquoll. Die Gebäude und die mächtigen Laubbäume waren uralt; die Menschen gehörten allen Altersstufen an.
Sie waren hier zum Radcliffe-Treffen und zur Urkundenverleihung, die seit Kurzem von Harvard und Radcliffe gemeinsam veranstaltet wurde und die das erste Ereignis der dreitägigen Festlichkeiten bildete. Ehemalige Schülerinnen aus allen Jahrgängen waren gekommen, aus der Abschlussklasse von vor fünf Jahren bis zu der vor fünfundsiebzig Jahren, aus der sich eine einzige Frau eingefunden hatte. Auch Ehemänner und einige erwachsene Kinder waren anwesend, außerdem die Eltern der diesjährigen Abschlussklasse und natürlich die Abschlussklasse selbst in Barett und Robe. Sämtliche Klappstühle, die es in Cambridge zu leihen gab, waren auf Rasen und Gehwegen aufgestellt, doch es ließ sich bereits absehen, dass sie nicht reichten.
Die Ehemaligen sollten sich am Johnson-Tor sammeln, am Rande dieses Chaos ihren Jahrgang ausfindig machen, und dann sollten die Klassen, jede einzeln vom Zeremonienmeister von Harvard angekündigt, einmarschieren. Das konnte ein spektakuläres und bewegendes Schauspiel werden, im Augenblick allerdings gab es nur Krach und Durcheinander.
Für Annabel Jones war es die Zwanzigjahresfeier. Sie hatte nie vorher an einem Klassentreffen teilgenommen und war auf so viele Menschen nicht gefasst. Sie hatte die Stelle gefunden, an der sich ihr Jahrgang aufstellte, beäugte nun argwöhnisch die anderen Frauen und versuchte sich zu erinnern. Hatten die sich geändert oder waren sie immer noch so eingebildet? Sie dachte an die hasserfüllten und neugierigen Blicke, mit denen sie sie vor so langer Zeit verfolgt hatten. Würden sie sich jetzt freuen, sie zu sehen, alles vergeben und vergessen, oder waren sie immer noch so wie früher?
Damals war alles an Annabels Aussehen außergewöhnlich gewesen. Sie hatte goldschimmerndes kupferfarbenes Haar, wellig, weich, dicht; sie trug es schulterlang zu einer Zeit, als fast alle sich die Haare kurz schneiden ließen. Ihre Augen waren von einem kühlen Grün, unschuldig und leicht spöttisch. Sie hatte hohe Wangenknochen, die ihr einen vornehmen Ausdruck verliehen, und ein paar Sommersprossen, die sie wie ein Kind aussehen ließen. Sie war groß und schlank und hatte eine lachende Stimme mit dem gedehnten Klang des Südens. Sie war glücklich und geistreich, beliebt und reich. Diese Eigenschaften hätten ihr Bewunderung eintragen können; doch am Ende wurde sie von allen Mädchen gehasst.
Im vergangenen Winter war ein Fragebogen für die Jubiläumsschrift verschickt worden. Eine Frage lautete: »Haben sich die Erwartungen, die Sie nach Ihrem Radcliffe-Examen hatten, erfüllt?« Zwei Frauen hatten geantwortet: »Ich hatte keine Erwartungen.« Annabel war eine von ihnen. Sie hätte gern gewusst, wie die zweite das gemeint hatte. Ihre eigene Antwort war zugleich hoffnungsvoll und bitter. Nach ihrem Examen hatte sie erwartet, dass das Leben mit all seinen Überraschungen auf sie zukommen würde, wie es immer gewesen war, und sie war darauf vorbereitet. Aber es hatte auch Verletzungen gegeben. Keine Erwartungen … eine seltsame Haltung für eine Einundzwanzigjährige!
Sie fragte sich, wie viele von den Tausenden von Menschen hier heute liebevoll auf die Vergangenheit zurücksahen und sie für eine einfachere Zeit hielten. Annabel wusste es besser. Nichts an der Vergangenheit war einfach gewesen; die Leute dachten das nur, weil es damals Regeln gegeben hatte. »Es war die beste aller Zeiten, es war die schlechteste aller Zeiten.« Annabel war großzügig und nicht nachtragend, und sie hatte angenommen, die anderen wären auch so. Doch das stimmte nicht; sie waren kleinlich und erinnerten sich an alles, an die Lügen ebenso wie an die Wahrheit.
Sie wünschte, dass Max hier sein könnte. Sie hoffte, niemand würde so blöd sein und fragen: Was ist denn aus deinem Freund geworden? Aber wenigstens war Chris hier irgendwo. Sie hielt ständig nach Chris Ausschau, konnte sie aber nicht entdecken. Sobald Chris auftauchte, könnten sie die Köpfe zusammenstecken und lachen und boshafte Bemerkungen über alle Welt machen und sich amüsieren.
Niemand hatte Annabel gezwungen zu kommen. Sie hatte einfach der Herausforderung und der Neugier nicht widerstehen können. Sie wollte sehen, was aus all den Leuten geworden war, mit denen sie vier Jahre so nahe beieinander gelebt hatte, was sie mit ihrem Leben, ihren Träumen angestellt hatten. Es war, als lauerte die Vergangenheit im Schrank, um sie anzuspringen und ihr wehzutun, und sie wollte ihr mit gebleckten Zähnen und ausgestreckten Krallen entgegentreten und ihr ins Gesicht lachen.
Christine Spark English trat aus dem riesigen, unpersönlichen Currier House, wo sich dreihundert Ehemalige (einschließlich Ehemänner) versammelt hatten, und schlenderte durch den überfüllten Radcliffe Quad, um einen Blick in ihr altes Zimmer in Briggs Hall zu werfen, wo sie vor zwanzig Jahren gewohnt hatte. Damals war Radcliffe Quad eine kleine Anlage gewesen, inzwischen aber war so viel dazugebaut worden, dass Christine sie kaum wiedererkannte. Der Empfangsschalter im Currier House hatte ein Sicherheitsfenster, und überall waren Schlösser wie in einem Gefängnis. Wo die Mädchen früher ihre Fahrräder abgestellt hatten, parkten Autos. Christine hoffte, dass es die Wagen von Ehemaligen waren.
Annabel hatte sie für verrückt gehalten, weil sie während des Klassentreffens im Wohnheim schlafen wollte, statt mit ihr ins in Boston zu ziehen. Aber dass sie sich im Heim einquartierte und mit der Eisenbahn aus New York kam, statt zu fliegen, war der Anfang ihrer Reise zu sich selbst. Sie wollte zu ihren Collegejahren zurückkehren, um herauszufinden, wo alles begonnen hatte. Das College und Alexander … sie waren unentwirrbar miteinander verknüpft. Hier hatten vor über zwanzig Jahren das Mysterium und die Faszination ihren Anfang genommen und sie zeitlebens nicht mehr losgelassen.
Ihr altes Wohnheim Briggs Hall wirkte ermutigend vertraut von außen. Es war klein, aus roten Ziegeln, hatte eine steinerne Veranda davor, wo die Pärchen geschmust hatten, und immer noch die alten Fensterreihen, von wo aus ein paar Mädchen sie beobachteten. Sie machte keinen Rundgang durch das ganze Haus, weil sie die feierliche Urkundenverleihung nicht versäumen wollte, sondern ging gleich die Treppe hinauf. Auch hier war an jeder Tür ein Schloss, aber da die Studentinnen ausgezogen waren und ihre Zimmer ausgeräumt hatten, konnte sie hineingehen. Ihr altes Zimmer war kaum mehr als eine Zelle, die Wände in schmuddeligem Gelb-Weiß gestrichen, ein paar ramponierte Möbelstücke, die dem College gehörten. Sie hatte ihr Zimmer gern gemocht – es hatte zu ihrem klösterlichen Gemüt gepasst. Als sie daran dachte, wie unschuldig und unwissend sie in Radcliffe gewesen war, konnte sie es fast nicht glauben. Sie war ein verschrecktes kleines Mädchen gewesen, das sich am liebsten unsichtbar gemacht hätte.
Sie sah sich wieder vor sich, die alte Chris mit Mittelscheitel und glatten braunen Haaren, die manchmal mit zwei Klammern hinter den Ohren festgesteckt wurden, und mit der Hornbrille, die sie zum Lesen brauchte und fast nie abnahm. Die Collegekleidung von Peck & Peck wirkte wie eine strenge Schuluniform: schlichte, dunkle Strickjacken aus Shetland, weiße Baumwollblusen, Schottenröcke in gedämpften Farben, dazu Kniestrümpfe und flache Schuhe. Sie war überglücklich gewesen, denn Radcliffe bedeutete, dass sie fern von zu Hause leben konnte. Niemand würde etwas über ihr Zuhause erfahren, und sie würde frei sein.
Doch im letzten Moment, am Tag ihrer Befreiung, hatte das Schicksal sie eingeholt. Ihre Mutter, dieses Miststück, war am Bahnhof erschienen, um sich von ihr zu verabschieden, und erklärte, stockbesoffen wie gewöhnlich, lärmend sentimental aller Welt, dies sei ihre kleine Tochter und die gehe nun aufs College. Zwei andere Mädchen, die ebenfalls den Zug nach Boston nahmen und nach Radcliffe fuhren, hatten mitsamt ihren ehrwürdigen Eltern danebengestanden und Chris und ihre Mutter mit einem entsetzt wirkenden Ausdruck angestarrt. Sie hatte das Gefühl, sie müsste sterben vor Verlegenheit. Dann stellte sich heraus, dass eines der Mädchen, das gesehen hatte, wie sich ihre Mutter zum Narren machte, nicht nur im gleichen Wohnheim wie Chris, sondern auch noch im Nebenzimmer wohnte! Emily Applebaum, die hübsche Jüdin. Chris hatte solche Angst, Emily könnte etwas sagen, aber Emily verlor nie ein Wort darüber und erzählte auch sonst niemandem davon. Chris’ Beklemmungen gegenüber Emily verwandelten sich in Dankbarkeit. Emily würde nicht plaudern. Sie konnte so etwas wie eine betrunkene Mutter spielend verkraften. Erst Jahre später kam Chris auf den Gedanken, dass Emily vermutlich eigene Probleme hatte und die Mutter...




