E-Book, Deutsch, 410 Seiten
Jägerfeld Mein genialer Tod
Novität
ISBN: 978-3-8251-6256-6
Verlag: Urachhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 410 Seiten
ISBN: 978-3-8251-6256-6
Verlag: Urachhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jenny Jägerfeld, geboren 1974, leitet eine psychologische Praxis in Stockholm und arbeitet als Journalistin und Lektorin für Fachbücher und Zeitschriften. Nebenbei schreibt sie Romane sowie Kinder- und Jugendbücher, die ihr u.a. den August-Preis, den Astrid-Lindgren-Preis, den Kinderbuchpreis von Sveriges Radio und den LUCHS eingebracht haben. Die Verfilmung ihres Kinderbuches ?Comedy Queen? (Urachhaus 2020) wurde auf der Berlinale 2022 mit dem Gläsernen Bären ausgezeichnet.
Weitere Infos & Material
Noch 60 Tage bis zur Weihnachtsfeier Jesus ist hier! Noch 59 Tage bis zur Weihnachtsfeier Ständige Hochspannung Noch 57 Tage bis zur Weihnachtsfeier Vierzig Riesen übrig? Noch 55 Tage bis zur Weihnachtsfeier From the streets of Rågsved Noch 54 Tage bis zur Weihnachtsfeier Heilige Geiss Noch 52 Tage bis zur Weihnachtsfeier Papier wächst nicht auf Bäumen! Graffiti und fette Beats Noch 51 Tage bis zur Weihnachtsfeier Pause! Du weißt, dass du sie brauchst! Noch 49 Tage bist zur Weihnachtsfeier Schmuserei mit einer Wühlmaus Noch 46 Tage bis zur Weihnachtsfeier Absolut Pizzahut Noch 43 Tage bis zur Weihnachtsfeier Stinkreiche Meerschweinchen Noch 42 Tage bis zur Weihnachtsfeier Ist es erlaubt, so knickrig zu sein? Noch 41 Tage bis zur Weihnachtsfeier Ballons für Jesus Noch 39 Tage bis zur Weihnachtsfeier Von einer Gewürzgurke beleidigt Noch 37 Tage bis zur Weihnachtsfeier Chillen statt killen! Noch 34 Tage bis zur Weihnachtsfeier Unfall mit Umfall Noch 31 Tage bis zur Weihnachtsfeier Skaters gonna skate Chef aller Chefs – König aller Könige Noch 30 Tage bis zur Weihnachtsfeier Ein origineller Idiot Noch 26 Tage bis zur Weihnachtsfeier Ringelschwänze an Schweine verkaufe Noch 24 Tage bis zur Weihnachtsfeier Ein panierter Pinguin Noch 22 Tage bis zur Weihnachtsfeier Lebe wie ein Meerschweinchen, stirb wie Jesus! Noch 18 Tage bis zur Weihnachtsfeier Immer auf der Hut sein Noch 16 Tage bis zur Weihnachtsfeier Von Bären aufgezogen Noch 13 Tage bis zur Weihnachtsfeier Ende einer Hiphop-Karriere? Noch 12 Tage bis zur Weihnachtsfeier Eine unerträgliche Sonne Noch 10 Tage bis zur Weihnachtsfeier Ööhd und blööhd Handbuch für normales Benehmen Noch 9 Tage bis zur Weihnachtsfeier Machst du Witze? Ich brauch ne Spritze! Noch 6 Tage bis zur Weihnachtsfeier Lucia-Chaos Noch 2 Tage bis zur Weihnachtsfeier Blut und Schlamm! Blut! Und! Schlamm! Noch 0 Tage bis zur Weihnachtsfeier Mein genialer Tod 1 Tag nach der Weihnachtsfeier Ein Tanz ohne Tanzschritte Aus für Pepsi und Cola Weihnachten Wollen wir tatsächlich diesen Geheimdienstchef vom Nordpol in unser Haus lassen?
NOCH 60 TAGE BIS ZUR WEIHNACHTSFEIER
JESUS IST HIER!
»ICH BIN DER JESUS!«, schrie Majken und warf die Haustür so fest hinter sich zu, dass die Fensterscheiben klirrten.
Ich lag gerade im Eingangsflur auf dem Boden und versuchte mein Gesicht vor Einsteins wilden Küssen zu schützen. Obwohl ich schon vor einer Viertelstunde nach Hause gekommen war, hatte ich es noch nicht geschafft, meine Inliner auszuziehen, weil Einstein mich jedes Mal, wenn ich mich aufrichten wollte, wieder überfiel. Sein Schwanz wedelte so schnell hin und her, dass mir kleine Windstöße übers Gesicht fuhren. Woher er diesen Schwanz wohl hatte? Also, er hatte ihn natürlich seit seiner Geburt, dieser buschige Schwanz passte aber weder zu einem Rottweiler (Einstein war nämlich zu drei Vierteln Rottweiler) noch zu einem Schäferhund (was Einstein zu einem Viertel war). Wer weiß, vielleicht war Einstein außerdem noch mit einem Fuchs oder so was verwandt?
Majken warf ihre Cap in einem schwungvollen Bogen durch den Flur. Die Mütze machte eine perfekte Landung auf dem Hintern des ausgestopften Zebras, fiel aber dann auf den Boden, wo sie sich zu einem grünen Hut, einem Lederhandschuh und einer Königskrone aus Goldpapier gesellte.
Einstein ließ mich endlich in Ruhe, nachdem er eine Hummel (oder vielleicht war es auch eine ungewöhnlich dicke Wespe) entdeckt hatte, hinter der er jetzt herjagte. Und das, obwohl jede Hummeljagd, die er jemals in Angriff genommen hatte, immer damit endete, dass er gestochen wurde und vor Schmerz aufjaulte – wie wir beide sehr gut wussten.
»Nein, Einstein«, versuchte ich zu warnen, aber er weigerte sich, darauf zu hören.
»ICH BIN DER JESUS!«, schrie Majken noch einmal.
Meine kleine Schwester Majken hat es in ihrem ganzen achtjährigen Leben nicht geschafft, in normaler Zimmerlautstärke zu sprechen. Aber heute war sie so exaltiert, dass ich fast taub geworden wäre.
»Aha«, sagte ich und richtete mich auf. »Und dabei hab ich immer gedacht, Jesus hätte einen Bart gehabt.«
Majken runzelte die Stirn und sah mich verständnislos an. Doch dann breitete sich ein strahlendes Lächlen auf ihrem Gesicht aus, weil sie Omas Stimme aus dem oberen Stock hörte.
»The Wilde kids are home!«
Nicht dass wir besonders wild oder so wären (ich jedenfalls nicht), aber unser Nachname ist nun mal Wilde.
»CHARLOTTE!«, sagte Majken erwartungsvoll, während sie sich schnell von ihrem Rucksack befreite und sich die Turnschuhe von den Füßen streifte.
Wir sagen immer »Charlotte« zu Oma, sie will nämlich nicht Oma genannt werden. Wörter wie »Mama« und »Oma« seien herabsetzend, behauptet sie. Als hätte sie keine eigene Identität mehr, sondern wäre nur noch eine sanfte, mütterliche und fürsorgliche Person. Und so eine Person ist Oma nun wirklich nicht! Obwohl sie sich manchmal durchaus um uns kümmert. Aber dann nur, weil sie selbst es will, und nicht weil es zu dem allgemeinen Bild von einer Mutter oder Oma passt.
»Ist ja toll, dass ihr jetzt gerade auftaucht«, rief Oma aus. »Jetzt hab ich eine fantastische Ausrede, um das Staubwischen zu verschieben!«
Als Erstes erschienen ein Paar zitronengelbe hochhackige Schuhe auf der Treppe, dann kamen grüne Glitzerleggings und danach ein flauschiger weißer Pulli und schließlich die restliche Oma – also Omas Kopf mit dem grauen Zopf, der ihr über die Schulter fiel. Majken hüpfte vor Begeisterung auf und ab und brüllte:
»CHARLOTTE! DU AHNST JA NICHT, WAS PASSIERT IST! ICH BIN JESUS!«
»Nein, darling dearest! Also das hätte ich nun wirklich nie geahnt«, sagte Oma.
Mama erschien in der Türöffnung der Küche. Wenigstens nahm ich an, dass es Mama war. Sie trug nämlich einen so riesigen Haufen Wäsche, dass nur ihre Beine zu sehen waren.
»Worüber redet ihr gerade?«, fragte die Stimme hinter dem Wäscheberg (die eindeutig Mamas Stimme war).
»Majken hat sich offensichtlich in den Sohn Gottes verwandelt«, sagte ich.
»NEIN, NEIN, IHR VERSTEHT DAS NICHT! IN DER MAUSDORFSCHULE SOLL ES EINE WEIHNACHTSFEIER GEBEN!«
»Mosstorpschule«, murmelte ich.
»MIT GESANG UND TANZ UND THEATER UND ZAUBERTRICKS UND LAUTER SO SACHEN! DAS MACHEN DIE JEDES JAHR, UND JEDER DARF MITMACHEN! ALLE VON DER ERSTEN BIS ZUR SECHSTEN. DU AUCH, SIGGE!«
»Nein danke«, sagte ich.
»UND WIR SOLLEN EIN KRIPPENSPIEL AUFFÜHREN«, fuhr Majken fort, die inzwischen vor Erregung auf der Stelle hüpfte. »DAS IST SO WAS WIE EIN THEATERSTÜCK UND HANDELT VON MARIA UND JOSEF. UND DIE MARIA ERWARTET EIN KIND, DARUM IST SIE UNHEIMLICH DICK, UND DAS KIND SOLL IN EINEM STALL GEBOREN WERDEN. ABER MARIA UND JOSEF SIND KEINE PFERDE, WIE MANCHE LEUTE VIELLEICHT GLAUBEN, WEGEN DEM STALL, SONDERN MENSCHEN, DARUM GEBÄREN SIE EIN KIND, DAS SIE AUF DEN NAMEN JESUS TAUFEN!«
»Aha«, sagte ich.
Ein Krippenspiel. Das war die Erklärung.
»UND DER JESUS, DAS BIN ICH! ICH HAB DIE HAUPTROLLE GEKRIEGT!«, teilte Majken mit.
»Das ist ja einfach fantastisch«, sagte Oma und versuchte ein paar widerspenstige Haarsträhnen auf Majkens Kopf zu glätten. Das war völlig sinnlos. Majkens Haare sahen trotzdem aus wie ein Vogelnest, das Nest eines ziemlich schlampigen Vogels. Oma hob den grünen Hut vom Boden auf und drückte ihn Majken auf den Kopf.
»ICH WEISS!«, sagte Majken und zog sich den Hut so weit herunter, dass ihr die Ohren abstanden.
»Glückwunsch, mein Schatz!«, sagte Mama.
»Hat Jesus wirklich die Hauptrolle?«, fragte ich. »Als wir in meiner alten Schule Krippenspiele aufführten, wurde Jesus immer von einer alten Puppe gespielt.«
»JA, DAS WOLLTE GUNNAR, UNSER LEHRER, ZUERST AUCH SO MACHEN, ABER DA HAB ICH GESAGT, IM KRIPPENSPIEL IST DOCH JESUS DIE HAUPTPERSON!«
»Ja, er ist die Hauptperson der ganzen Christenheit, könnte man wohl sagen«, bemerkte Krille Marzipan, der soeben mit einer Tasse Kaffee in der Hand um die Ecke kam. Krille Marzipan ist ein sehr langer, dünner Herr um die sechzig, der auch in The Royal Grand Golden Hotel Skärblacka wohnt. Er ist der einzige übrig gebliebene Gast des Hotels, alle anderen mussten ausziehen, als wir einzogen. Aber Krille räumt sein Zimmer selbst auf und bereitet sich sein eigenes Frühstück, darum kommt er uns in letzter Zeit mehr wie ein Familienmitglied vor und weniger wie ein Hotelgast.
»GENAU«, sagte Majken mit einem anerkennenden Blick auf Krille. »UND DIE HAUPTPERSON KANN DOCH NICHT VON EINER PUPPE GESPIELT WERDEN, ODER? UND DA HAT GUNNAR GESAGT, DANN KANNST DU DOCH JESUS SPIELEN, MAJKEN. UND ICH HAB ›JA‹ GESAGT, WEIL ICH WUSSTE, DASS ICH EIN SEHR GUTER JESUS WERDEN KANN, WEIL ICH ZUM BEISPIEL AUCH LANGE HAARE HABE.«
»Du wirst bestimmt ein phänomenaler Jesus«, meinte Oma. »Außerdem passt deine Stimme wirkich gut fürs Theater. Selbst die Zuschauer in der letzten Reihe werden jedes Wort hören!«
»An und für sich ist Jesus ja gerade erst geboren worden, darum sagt er vielleicht nicht unbedingt sehr viel«, wandte ich ein. »Höchstens möglicherweise mal ›wäääah‹«.
»GENAU DAS HAT GUNNAR AUCH GESAGT, ABER DA HAB ICH GESAGT, ES KANN DOCH NICHT SEIN, DASS DIE HAUPTPERSON GAR NICHTS SAGT? DAS WÄR JA ECHT VERRÜCKT. UND DARUM MÜSSEN WIR DAS STÜCK UNBEDINGT ÄNDERN. MAMA, DU MUSST ABER AUCH ZUR AUFFÜHRUNG KOMMEN, DU DARFST DANN NICHT ARBEITEN!«
»Ja, das möchte ich mir unbedingt anschauen!«, sagte Mama. »Wann findet diese Weihnachtsfeier denn statt?«
»IM DEZEMBER. AN EINEM SONNTAG.«
Majken lüftete den Hut und verbeugte sich tief, als würde sie sich jetzt schon auf den Beifall vorbereiten.
»Okay, wir müssen feststellen, an welchem Sonntag genau das ist! Ich freu mich schon darauf, dir zuzuschauen, Majken!« Mama versuchte neben dem Wäscheberg hervorzulinsen. Doch das klappte nicht so recht, nur ihr eines Ohr und eine braune Haarlocke tauchten kurz auf, dann rutschte ein T-Shirt auf den Boden, danach eine kleine Strumpfhose und schließlich ergoss sich der ganze Kleiderhaufen über ihre Füße.
»Wie unhöflich von mir«, sagte Krille und stellte die Kaffeetasse ab. »Ich schätze, du bist zur Waschküche unterwegs, Hannah?«
»Korrekt geschätzt«, antwortete Mama.
Krille bückte sich und sammelte die Kleider vom Boden auf. Er hob auch ein großes Wäschestück weg, das zuoberst auf dem Haufen gelegen hatte, sodass wir endlich Mamas Gesicht zu sehen bekamen. Sie lächelte uns an und schickte Luftküsse, zuerst an Majken und dann an mich. Ich tat so, als würde ich den Kuss mit der Hand fangen und ihn in meine Hosentasche stecken.
»Gestatte, dass ich dich begleite«, sagte Krille, der inzwischen die Arme voller Wäsche hatte.
»Oh, vielen Dank, Krister!«, sagte Mama. »Du bist ein Engel! Nachher will ich alles über Jesus hören, Majken!«, rief sie über die Schulter, bevor sie auf der Kellertreppe verschwand.
Krister folgte ihr, und ich hörte ihn sagen:
»Hannah, wie du sicher weißt, ist es sehr schwierig, einen Fuß in die Filmbranche zu bekommen. Vor allem wenn man wie ich keine direkten Kontakte hat. Darum wirst du dich hoffentlich darüber freuen, dass ich inzwischen eingesehen habe, wie mein nächster Schritt aussehen muss!«
Die arme Mama! Ich hab Krille Marzipan sehr gern, aber er verwendet...




