E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Jäger Von Hessen und Chatten
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7526-8264-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Historische Kurzgeschichten
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-7526-8264-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die lange Geschichte Nordhessens in fünfundzwanzig kurzen Geschichten aus zwölf Jahrhunderten. Mal von Ihm erzählt und mal von Ihr - aber fast immer Stimmen aus dem Volk: Von Frauen, Männern und Kindern. Von Christen, Heiden und Mönchen. Von Bauern, Bürgern und Besenbindern. Von Schülern, Novizen und Zauberlehrlingen. Von Hexen, Soldaten und Revolutionären. Aber auch von Rittern, Priestern und Landgrafen, von Bischöfen, Kurfürsten und Königen. Sie alle haben ihre Geschichten, zu denen kurze Erläuterungen den historischen Hintergrund liefern. Wie Nordhessen wurde, was es heute ist, zeigen die abwechslungsreichen und ganz unterschiedlichen Geschichten.
Stefan Jäger, geb. 1970 inmitten des alten Chattenlandes, hat im Piper-Verlag die historischen Romane 'Der Silberkessel' und 'Das Gold des Nordens' veröffentlicht. Mehrere Theaterstücke liegen bei verschiedenen Verlagen vor, zumeist Stücke für Familien. Die Chatten und die Hessen verfolgen ihn bereits länger: Wie wurde Nordhessen zu dem, was es heute ist? Geschichte und Geschichten, Theaterstücke und Rätseleien, Bücher und Brettspiele, Stadtführungen und Physiotherapie - das sind die Dinge, mit denen er sich gern beschäftigt.
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Chattenland1 (9 n. Chr.)
«Mache mich dann mal auf den Weg.» Der Klang von Vaters Worten folgte dem Rauch des Feuers bis unter das Dachstroh. Durch das Giebelloch entwich beides hinaus in den Morgen. Mit zusammengekniffenen Lippen wartete Vater auf eine Entgegnung von uns. Da keine kam, griff er nach Speer und Schild. Seine Bewegungen wirkten auf mich alles andere als leicht. Ich wunderte mich, wie unglücklich er darüber zu sein schien, dass dieser Augenblick gekommen war. Was hätte ich an seiner Stelle gebebt vor Freude! Doch was wusste ich, ein Junge von vierzehn oder fünfzehn Wintern, von den Pfaden eines Kriegers, welche ein Ackermann beschreiten musste? Was von den Ängsten, welche das Töten in den Wäldern mit sich brachte? Und was vor allem von dem Schicksal, das unserem Stamm in jenen Tagen beschieden war? Vater wusste dagegen manches, ahnte anderes und fürchtete vieles. Seine Mundwinkel hingen herab, so wie der Lederbeutel mit dem entspelzten Getreide von seinem Gürtel schwer herabhing. Mit verbitterter Miene sah er auf Mutter hinunter: «Sagst gar nichts dazu.» «Was soll ich schon sagen?», fragte sie, blickte aber nicht auf. Das Reiben von Körnern zwischen zwei Steinen begleitete ihre leisen Worte, ein Seufzen beschloss es. Mutter seufzte oft. Sie hockte auf dem Lehmboden, während Vater stand. Ich saß dagegen auf einer unserer drei Sitzbänke, löffelte meinen Hirsebrei aus der Schale mit dem Sprung und spitzte die Ohren wie eine Hirschkuh. Dabei spürte ich gar keinen Hunger, obwohl ich sonst nie genug bekommen konnte, gleich ob die Mutter Fladen buk, Kraut kochte oder Erbsen einweichte. Dass der Vater ging, erfüllte mich mit ungeheurer Aufregung. Wie gern wäre ich mit ihm gegangen! «Red doch lauter!», beschwerte sich Vater. «Könntest sagen …» Er verstummte. «Jedenfalls gehe ich jetzt. Muss ja.» «Hm.» «Frau, jetzt hör doch mal auf damit, deine Körner zu mahlen! Sein eigenes Wort versteht man nicht!» «Die Jungen essen wie die Riesen, da mahl ich eben den halben Tag.» Mutter seufzte wieder, dachte aber nicht daran, den Mahlstein aus den Händen zu legen. Ich grinste zu meinem jüngeren Bruder Askger hinüber, der mit vollen Backen zurückgrinste. Unsere beiden Schwestern sahen sich ebenfalls an. Askger schien die Aufregung nichts auszumachen, doch er verstand ohnehin selten etwas, während die Mädchen, obwohl jünger, überhaupt nichts essen konnten. Was Chada anging, konnte das aber noch einen anderen Grund haben, sie hatte nämlich unseren allmorgendlichen Wettlauf um den süßen Rahm, der sich in der Nacht auf der Milch absetzte, knapp gewonnen. Wie schnell das kleine Biest aus den Fellen hüpfen konnte, war wirklich erstaunlich! Dass Chada und Kunna hier und jetzt nicht gleich losflennten, war für mich hingegen eine Überraschung. «Die Mäuse», fuhr Mutter dann fort, «fressen auch wieder so viele Körner.» «Die Jungen sollen nachher noch mal Mäuse jagen! Verstanden?» Ich nickte zu Vaters Worten, und Askger grinste schon wieder. Ich hasste es, aber mein Bruder liebte das Jagen von Mäusen und Ratten im Haus und in der engen Vorratsgrube: Dass diese verdammten Nager keine Winterruhe halten konnten! Wer nur einmal Mäuse gejagt hat, der weiß um die Mühsal einer solchen Jagd. «Mach‘ mich dann auf den Weg. Gehen doch alle, da kann ich kaum daheimbleiben.» Trotz seiner Worte rührte Vater sich nicht von der Stelle, stellte sogar den hellbraunen Rundschild wieder auf den Boden. Dieser war so schwer, dass ich Vater verstehen konnte. Es brauchte eine Menge Übung, ihn tagelang durch die Wälder zu tragen. Wenn ich einmal einen eigenen Schild hätte, wäre er in der Farbe wie alle Schilde unserer Sippe, aus Eiche bestünde er allerdings nicht. «Nein.» «Sagst nein und meinst ja, Frau. Schon deine Mutter hat immer alles verdreht. - Du verstehst das doch alles nicht! Wenn der Herzog ruft, muss ich eben gehen, ob ich will oder nicht. Die Ernte ist doch jetzt auch vorbei. Ich komm schon wieder, mach dir mal keine Sorgen.» «Nein.» Mutter fegte das Mehl mit den Fingern in eine Schüssel und schüttete dann aus dem Leinenbeutel neue Körner in die Rundung des Reibsteines. «Tust du doch! Ich weiß genau, dass du dich sorgst - machst du immer: ‚Das Futter reicht nicht, die Jungen essen zu viel, die beiden Kühe geben zu wenig Milch, das Dach ist undicht …‘ Machst dir immer Sorgen. Wie alle Weiber. Deine Mutter war auch so.» «Muss ja eine den Überblick behalten.» Ich hatte sie ganz gut verstanden und musste grinsen. Vater, wohl nicht sicher über ihre Worte, war dagegen alles andere als belustigt. Nie hätte er sich eingestanden, dass es eigentlich Mutter war, die unseren Haushalt zusammenhielt. «Was? Red doch lauter, verdammt, bei deinem Gemahle! Meinst du etwa, dass ich nicht darüber nachdenke, wie es euch geht, wenn ich weg bin? Jeden Tag denk ich an euch und bete und opfere ein paar Körner. Jedenfalls muss ich jetzt gehen, ob ich bei dem Scheißregen nun will oder nicht …» «Willst doch.» «Was sagst du? Götter, mach einmal nur den Mund auf, Frau! Deine Mutter konnte doch auch schreien wie ein Rind im Sumpf. Dein armer Vater! Kein Wunder, dass der taub war, wie er nachher in den Wald ist. Am Ende ist er noch wegen deiner Mutter weg und gar nicht, weil alles knapp war.» An Großvater konnte ich mich kaum erinnern. Vor acht oder neun Wintern war er in den Wald gegangen und nie mehr zurückgekehrt. Ein Hungerwinter war das gewesen, lang und kalt, der zweite nacheinander. «Du willst doch, sag ich», rief Mutter und verdrehte die Augen. Ich war mir da nicht so sicher, ob Vater wirklich wollte. «Was will ich?» «Gehen.» «Natürlich will ich gehen! Ist ehrenhaft zu gehen und zu kämpfen. Wodan schätzt den Kämpfer viel mehr als den Ackermann. Gepriesen sei er in Asgard!» «Es gehen doch gar nicht alle mit.» «Die Sippe geht aber!», raunzte Vater. Eben das war ja mein Elend, weil alle aus unserer Sippe gingen, nur ich allein nicht. Beinah flehentlich sah Mutter auf. «Wenn du doch nur den Großen dalassen würdest!» Ja, und wenn du doch mich stattdessen mitnehmen würdest, dachte ich. «Der Junge hat siebzehn Winter auf dem Buckel, der geht mit! Wir kommen schon zurück.» Mutters Schnauben klang wie bei einem störrischen Pferd: «Wenn dann bloß alles noch dran ist an euch!» Mit der Rechten rieb sie ihre Augen. «Frau, jetzt hör mal auf zu flennen. Werde ihn dir schon zurückbringen.» Ich war mit einem ungeheuren Neid auf meinen großen Bruder erfüllt, der gerade einmal zwei oder drei Winter älter als ich war - genau konnte ich das nicht sagen, weil meine Eltern sich über mein eigenes Alter uneins waren. Ich hoffte sehr, Vater erinnerte sich besser als Mutter, denn dann wäre ich schon fünfzehn Winter alt und nicht erst vierzehn. In jedem Fall fühlte ich mich alt genug, um mit ihnen zu ziehen. Vater hatte aber nur müde abgewunken. «Dass du nur auf ihn aufpasst!» «Werd‘ ich schon.» «Sag doch dem Herzog ...», Mutter hielt bewegt inne, ehe sie weitersprach. Das kleine Feuer knisterte vernehmlich. Sogar meine Schwestern hatten die Luft angehalten. «... dass du nicht gehst. Bist doch frei und nicht unfrei.» Vater erbebte sichtlich. «Sollen die anderen Männer mit dem Finger auf mich zeigen? Ich muss gehen. Soll ich etwa Körner mahlen und mich um die Kinder kümmern? Das kommt noch soweit! Gerade weil ich frei bin, muss ich gehen - unsere Freiheit können sie nämlich nicht für ihre verdammten Silberscheiben eintauschen und auch nicht für ihren Vinum, die Romlinge.» «Hm.» Mutter hatte sich wieder tief über die beiden Steine gebeugt. «Was brummst du die Körner an? Hör doch endlich auf zu mahlen!» «Muss trotzdem zusehen, dass du und die Kinder was zu essen haben, ob ich frei bin oder nicht. Den halben Tag mahl ich Körner, den halben Tag kümmere ich mich ums Viehzeug.» «Jaja, deine Mutter hat auch immer gedacht, ohne sie geht alles vor die Hunde! - Aber Hauptsache frei, auch wenn man den Gürtel mal enger schnallen muss! Schmeckt auch besser, wenn man in Freiheit essen kann, statt Knechtsbrei zu löffeln.» So frei wir auch waren: Dass Mutter kein Salz in den Brei gemischt hatte, weil wir knapp daran waren, sondern wieder nur irgendein Grünzeug, das bekam ihm gar nicht: Er schmeckte wie eingeschlafene Füße. Im Übrigen war ich mit Mutters Worten nicht einverstanden, denn zumeist war ich es, der die Schweine und Kühe fütterte. Und Chada mahlte meist die Körner. «Frei...




