E-Book, Deutsch, 832 Seiten
Jäger Die Söhne der Schlacht
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-103-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die große Saga in einem eBook: »Die Söhne des Nordens« und »Das Gold des Nordens« | Für alle »Vikings«-Fans, die nun die Welt der Germanen entdecken wollen
E-Book, Deutsch, 832 Seiten
ISBN: 978-3-98952-103-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Stefan Jäger, Jahrgang 1970, studierte Alte und Mittlere Geschichte sowie Germanistik. Er ist seit über zwanzig Jahren als Autor erfolgreich. Seine besondere Leidenschaft gilt historischen Romanen, Kurzgeschichten und Erzählungen. Bei dotbooks erschien die zweibändige Reihe historischer Romane »Die Silberkessel-Saga« mit den Einzelbänden »Die Söhne des Nordens« und »Das Gold des Nordens« (auch als Sammelband »Die Söhne der Schlacht« erhältlich).
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DIE ODERMÜNDUNG EINIGE ZEIT NACH DEN VORANGEGANGENEN EREIGNISSEN
»Was meinst du, Herzog, wie schnell werden wir vorankommen?« Starker Wind trieb Sand und Wassertropfen vor sich her. Südwärts ziehende Wolkenbänke verschluckten das Sonnenlicht des Spätsommermorgens. Südwärts! Viele schauten den Wolken nach.
Möwenschreie erhoben sich über allem, und Lummen und zahllose andere Seevögel wiegten sich in den Böen.
Hludico ließ den Blick über die gewaltige Wagenansammlung gleiten, die auf das Zeichen zum Aufbruch wartete. Das struppige Pferd, neben dem er stand, schien zu klein, um den massigen Körper des Kimbers tragen zu können. Einige Ratsmitglieder waren um ihn: Segestes, Herzog Cimberio und andere Edelinge, schließlich Vibilio, der jüngere Bruder mit dem Eisenschwert Mjölnir an der Seite.
»Zu langsam, ganz sicher zu langsam.« Cimberio zog eine Grimasse und wandte den Kopf. »Vergesst alles, was ihr auf euren Beutezügen erlebt habt. Selbst wenn wir so mühelos vorankommen, wie wir es uns wünschen, dann ist das vermutlich immer noch nicht schnell genug, um vor dem Winter einen guten Platz zu finden. Dabei sollten wir eher damit rechnen, dass sich uns alles in den Weg stellen wird, das uns nur einfällt. Und darüber hinaus auch noch das, woran keiner von uns bisher gedacht hat.«
Der Herzog, der ebenfalls neben seinem Pferd stand, war ein stattlicher Mann und Gebieter über eine ansehnliche Schar von Gefolgsleuten. Nicht so mächtig wie die Herzöge Teutorik oder Baiarik, die vom Auszug nichts hatten wissen wollen, nicht so angesehen wie manche Edelinge aus den Grenzgauen im Norden Kimberlands, die ihre Familien von den Göttern ableiten konnten. Unter den Wandernden aber war er ein Großer, ein Umstand, auf den Hludico fest baute. Er blies die Backen auf und ließ die Luft wieder entweichen. »Wie schnell also?«
»Lass mich überlegen ... Nun, bis zu den Rugiern ...« Cimberio blickte nachdenklich zum Himmel hinauf. »Zu Fuß in knapp drei Tagen. Mit den vielen Wagen? Zwanzig. Mindestens.«
»Das ist verdammt langsam. Ob wir wirklich die richtige Entscheidung getroffen haben, Segestes?«
Segestes nickte entschieden. »O doch, Hludico, das haben wir. Und das Thing hat genau aus diesem Grund zugestimmt.«
Das Thing, die große Zusammenkunft! Kimbern und Haruden waren tatsächlich zusammengekommen. Drei Tage hatten sie gebraucht, um eine Entscheidung zu fällen. Für Hludico drei endlose Tage zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Die Entscheidung war nicht so einstimmig ausgefallen, wie er gehofft hatte. Von großen Zweifeln war sie getragen und von vielen Zeichen begleitet. Eine Erscheinung aber war am meisten umstritten, und daran schieden sich Geister und Menschen. Die dunklen Mächte hatten ihre – beliebig zu deutende – Meinung offenbart, das Chaos hatte eine Vorwarnung abgegeben, einen hässlichen Vorgeschmack auf das Weltenende und den möglicherweise neuen Anfang: Jormungandr, die gewaltige Midgardschlange im Meer, dort auf die Endzeit und den letzten großen Krieg zwischen Gut und Böse wartend, hatte sich in ihrem Zorn als Sturm über das Land der Kimbern gewälzt und die Küstengaue mit ihrer unbändigen Kraft heimgesucht – und doch war die Schlange nur ein Teil jener Macht, die die Herrscher der Grenzwelten im letzten Kampf gegen das Götterreich Asgard ins Feld führen würden.
›Bleibt hier‹, hieß der große Sturm für viele, die zögerten, ›sonst wird es euch schlecht ergehen.‹
›Aber die Endzeit ist noch nicht gekommen‹, sagten andere und dass dies ein Zeichen von Wodan sei: Warum sonst hätte der weise Gott der Winde solches zulassen sollen, wenn er seine Kinder nicht endlich zum Aufbruch bewegen wollte? Und hatte er nicht ein noch deutlicheres Zeichen auf den verwüsteten Stränden von Glanzheim zurückgelassen, ein Zeichen, das von Hludico, ausgerechnet von Hludico, dem von Glück und Göttern gleichermaßen Begünstigten, gefunden wurde?
Der Liebling der Götter lächelte, wann immer er daran dachte. Dieses Zeichen würde den Kimbern hilfreich sein auf ihrem Weg, das Zeichen als solches und sein wirklicher Wert. Nur die wenigsten – gerade einmal der Rat und einige andere – wussten, worum es sich bei alldem wirklich handelte.
»Und dann?«, wollte Vibilio wissen und legte die Hand auf den Griff seines Schwertes, wie er sich das schnell angewöhnt hatte. Hludico lächelte, darüber und über die Neugierde seines Bruders.
»Nach den Rugiern? Vielleicht die Greutungen. Ich weiß nicht, wo sie zurzeit siedeln. Die Späher haben sie nicht gefunden. Ich hoffe, weiter ostwärts, bei den Ulmerugiern vielleicht ...«
»Die soll Hel holen, die gotischen Schlappschwänze. Vielleicht sind sie ja wieder übers Meer, zurück auf ihre Inseln ...« Ein bärtiger Kimber aus der Runde spuckte auf den Boden.
»Dann ... der Herkynische Wald. Und danach die Boier.«
Cimberio nahm das Stichwort von Segestes auf und blickte ihn fragend an. »Sind wir genug für einen solchen Gegner? Ohne die Nordgaue und Baiarik ...«
Segestes hob die Schultern. »Sehr starker Stamm! Ich weiß es nicht, Cimberio.« Er ließ die Schultern wieder fallen, und die anderen Reiter spitzten die Ohren. »Alles, was wir über die Boier wissen, haben wir von den Rugiern. Und die haben eine mächtige Achtung vor ihnen.« Mit der Hand wischte er alle Sorgen beiseite. »Aber darüber können wir uns im nächsten Sommer Gedanken machen. Vorher werden wir ihre Sitze in keinem Fall erreichen. Wenn überhaupt.«
»Mindestens zwei.« Aber kaum einer hatte Hludicos Gemurmel gehört.
Aistulf, ein Herzog der Haruden, drängte sein Pferd nach vorn. »Rugier, Goten, der Herkynische Wald mit allen seinen Bestien und Drachen. Boier. Und dann?« Er blickte auf die Kimbern hinab. »Wie weit noch, Segestes? Und wer kommt nach den Boiern?«
»Um die Rugier müssen wir uns nicht sorgen, die lassen uns durch. Wir stellen Geiseln, sie weisen uns Wege. Die Greutungen packen wir, keine Frage, wenn sie nicht sowieso die mickrigen Schwänze einziehen. Und nach den Boiern? Andere Kelten. Aber vorher ... Vielleicht treffen wir noch auf die Sueben, die sich zwischen den Strömen wie die Seuche in alle Richtungen ausbreiten. Hermunduren wahrscheinlich. Und Lemovier. Und dann, später, wenn wir jemals so weit kommen, dann treffen wir auf die Römer.«
Schweigen breitete sich aus, als dieser Name fiel, der auch im Norden der Welt immer wieder vernommen wurde und von großer Macht kündete. Nur das Abbild eines Schattens, aber eines dunklen Schattens, der groß schien und stark, erzeugt von Gerüchten, Geschichten und Unwissenheit.
Hludico bewegten andere Überlegungen. Er dachte an den Bund, den die Herzöge der Kimbern und der Haruden während des Things geschlossen hatten. Die Waffe, die Vibilio erwürfelt hatte, hatte ihm selbst diesen Gedanken eingegeben: Über dem alten Schwert Mjölnir, einst geschmiedet, um die Haruden in einem langen Krieg in den weiten Wäldern und dunklen Mooren der Halbinsel zu bekämpfen, hatten die kimbrischen und harudischen Edelinge am Wodansberg, wo die Weltesche aufragte und die Quelle der Erkenntnis sprudelte, den alten Streit begraben. Sogar ein Versprechen hatten sie einander gegeben: gemeinsam zu kämpfen, bis eine neue Heimat gefunden war.
Oder bis zum Untergang ... Doch das war Nornengeschick, kein guter Gedanke in diesen Tagen. Die Kelten, dachte Hludico, sind bestimmt zu schlagen, und ob wir weit genug nach Süden ziehen, um auf das Römervolk zu stoßen, das an diesem Inneren Meer lebt – das wird sich erst noch zeigen. Er musste an die Monde denken, als er mit Segestes unterwegs gewesen war. Damals waren sie auf die Römer gestoßen, aber noch bevor sie die Soldaten Roms leibhaftig sahen, hatten sie von ihnen gehört, immer wieder, immer häufiger ... Jetzt werden sie von uns hören. Noch bevor sie uns sehen, werden sie von uns hören und werden uns spüren. Wenn wir erst einmal den alten Handelsweg erreicht haben ... Und unsere Brüder in der Heimat werden Sorge tragen, dass auch die Menschen des Westens nach Norden schauen. Denn viele waren in der Heimat geblieben, viele Edelinge mit ihren Gefolgsleuten, wissend, dass ein solches Unternehmen jede Rangordnung umdrehen würde und sie, die Mächtigen, nur verlieren konnten.
Hludico musterte den Haruden. Aistulf war ein Mann, mit dem auf der Wanderung zu rechnen war, machtvoll, klug, hart. Ihn mussten sie gewinnen, damit es zwischen den Stämmen keinen Streit gab.
»Was hat sie eigentlich gesagt?« Vibilio deutete auf eine alte Frau, die unten am Meeresstrand kniete. »Ihr habt doch mit ihr geredet, Hludico. Gefällt sie ihr« – er verstellte seine Stimme –, »die Gabe Wodans?« Er lachte.
Alle blickten zum Ende der Landzunge, wo die grauhaarige, barfüßige Albruna, die oberste Priesterin des Stammes, noch einmal das Wohlwollen der Götter erflehte. Eben erhob sie sich schwerfällig und ließ sich von einem Jüngling zu einem verhüllten Wagen geleiten. Das Gefährt trug das eherne Abbild der Götter und eine Vielzahl geweihter Gerätschaften. Ein großer silberner Kessel gehörte seit kurzem dazu, allgemein bekannt als die ›Gabe Wodans‹, den Hludico nach dem großen Sturm vorgeblich an den Stränden vor Glanzheim gefunden hatte. Schneeweiße Pferde zogen den Wagen Albrunas. Das waren in der Menschenwelt Midgard die Geschöpfe, die von allen am heiligsten waren und deren Wiehern große Geheimnisse barg.
»Sie wird sehen, was sie sehen muss.« Cimberio presste die Lippen aufeinander. »Und alle werden glauben, was sie sieht, wie immer.«
»Also hat sie das Zeichen als das gedeutet, was es eigentlich nicht war?«
»Willst du etwa den Sturm in...




