E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Jacobsen Frau Marie Grubbe
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-2863-5
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-8496-2863-5
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine romantische Liebesgeschichte aus Dänemark, geschrieben von einem der größten naturalistischen Schriftsteller Skandinaviens.
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So gefeiert Marie Grubbe war, merkte sie freilich bald, daß, wenn sie auch die Kinderstube verlassen hatte, sie doch noch nicht ganz in den Kreis der richtig Erwachsenen aufgenommen war. Solche junge Jungfrauen blieben doch immer trotz aller Komplimente und Schmeicheleien auf einen eigenen, untergeordneten Platz in der Gesellschaft herabgedrückt; das bekam sie an hundert Kleinigkeiten zu spüren, die jede an sich unbedeutend genug war, die aber zusammen doch ein gut Teil bedeuteten. Erstens waren nun die Kinder immer so unangenehm familiär gegen sie und befanden sich so neckisch wohl in ihrer Gesellschaft, ganz als wären sie ihresgleichen. Und dann das Gesinde; es war ein deutlicher Unterschied in der Art und Weise, wie der alte Diener den Mantel einer verheirateten Frau oder einer Jungfrau entgegennahm, und eine ganz kleine Nuance in dem dienstwilligen Lächeln der Zofe, je nachdem sie einer verheirateten oder einer unverheirateten Dame behilflich war. Der kameradschaftliche Ton, den die blutjungen Junker sich erlaubten, war höchst unangenehm, und der geringe Eindruck, den beleidigte Blicke und eiskalte Abfertigungen auf sie machten, war zum Verzweifeln. Am besten ging es mit den jüngeren Kavalieren, denn selbst wenn sie nicht in einen verliebt waren, so nahmen sie doch die allerzartesten Rücksichten und sagten einem das Schönste, was sie ersinnen konnten, mit einer galanten Ehrerbietung in Mienen und Gebärden, die einen in den eigenen Augen hob; aber es waren freilich viele unter ihnen langweilig, denen man es anmerken konnte, daß sie es hauptsächlich der Übung wegen taten.
Unter den älteren Herren waren einige, die ganz unleidlich sein konnten mit ihren übertriebenen Komplimenten und ihrer scherzenden Cour; aber die Frauen waren doch die schlimmsten, zumal die jungen neuvermählten; der halb ermunternde, halb geistesabwesende Blick, die leichte, herablassende seitliche Neigung des Kopfes und das Lächeln, ein wenig spottend, ein wenig mitleidig, mit dem sie einem zuhörten – nein! es war empörend! Dann war es auch das Verhältnis zwischen den jungen Jungfern selbst; das konnte sie doch auch nicht heben; da war kein Zusammenhalt zwischen ihnen, konnte die eine der andern eine Demütigung zufügen, so tat sie es; sie betrachteten einander eigentlich als reine Kinder und konnten gar nicht wie die jungen Frauen dahin gelangen, würdig miteinander zu verkehren und mit allen möglichen Zeichen äußerer Achtung sich selbst mit einem Schein von Würde zu umgeben. Es war im ganzen gar keine beneidenswerte Stellung, und es war daher ganz natürlich, daß, als Frau Rigitze Marie gegenüber ein paar Worte fallen ließ, sie und ihre anderen Verwandten hätten an eine Verbindung zwischen ihr und Ulrik Frederik gedacht, diese Mitteilung, obschon es Marie gar nicht in den Sinn gekommen war, in Ulrik Frederik verliebt zu sein, als eine willkommene Botschaft aufgenommen wurde, die große Weiten vergnüglicher Aussichten eröffnete; und als ihr nun weiter ausgemalt wurde, wie ehrenvoll und vorteilhaft eine solche Verbindung sein würde, wie sie in den engeren Hofkreis aufgenommen werden, in welcher Pracht sie gehalten werden würde und welch gebahnter Weg zu Ehre und Hoheit vor Ulrik Frederik als dem natürlichen Sohn des Königs und, was mehr war, als seinem erklärten Günstling offen liege, während sie selbst in ihrem stillen Sinn hinzufügte, wie schön er war, wie höfisch und gewandt und verliebt, da erschien es ihr fast, als wenn ihr Glück zu groß sei, und sie wurde ganz ängstlich bei dem Gedanken, daß es doch bisher nur noch Pläne und loses Gerede und eitle Hoffnungen seien.
Aber Frau Rigitze hatte Grund, worauf sie baute; nicht allein hatte Ulrik Frederik ihr seine Gedanken anvertraut und sie gebeten, ihm eine gute Fürsprecherin bei Marie zu sein, sondern er hatte sie auch vermocht zu untersuchen, inwiefern solches dem gnädigen Willen des Königs und der Königin genehm sein würde, und sie hatten es beide äußerst wohl aufgenommen und ihren Beifall gegeben, der König jedoch erst nach einigem Bedenken.
Zwischen der Königin und Frau Rigitze, ihrer vollgetreuen Freundin und sehr vertrauten Dame, war diese Verbindung gewiß schon längere Zeit beredet und bestimmt gewesen; aber der König ließ sich, abgesehen von der Überredung der Königin, sicher auch von dem Umstand bewegen, daß Marie Grubbe eine so reiche Heirat war; denn der König war ungemein knapp bei Gelde, und wohl hatte Ulrik Frederik Vordingborg zum Lehn, aber seine Prunklust und Verschwendung brachten ihn stets in Schulden, und der König war dann ja immer der, so zunächst abhelfen mußte. Da Mariens Mutter, Frau Marie Juul, ja tot war, würde sie, sobald sie vermählt war, ihr mütterliches Erbteil erhalten, und ihr Vater, Erik Grubbe, war zu der Zeit Besitzer der Edelhöfe Tjele, Vinge, Gammelgaard, Bigum, Trinderup und Nörbek, außer dem Streugut ringsumher, so daß von ihm ein schönes Erbteil zu erwarten war, zumal er in dem Ruf stand, ein strenger Haushalter zu sein, der nichts vergeudete.
Alles stand ja somit gut, Ulrik Frederik konnte getrost werben, und acht Tage nach Johanni wurden sie denn auch feierlich verlobt.
Ulrik Frederik war sehr verliebt, aber nicht auf eine so stürmische, unruhige Weise, wie da Sofie Urne seines Herzens Gedanke war. Eine träumerische, sanft bewegte, fast schwermütige Liebe war es, keine lebensfrohe, rotwangige, frische.
Marie hatte ihm ihre wenig ergötzliche Kindheitsgeschichte erzählt, und er liebte es, sich träumerisch ihre jungen Leiden mit dem gleichen, mitleidsvollen, lüsternen Wohlbehagen auszumalen, das den jungen Mönch durchströmt, der in seiner Phantasie die schöne, weiße Märtyrerin zwischen den scharfen Stacheln der Dornenräder bluten sieht. Dann gab es Zeiten, wo er von früheren Ahnungen gequält wurde, daß es ihm nicht vergönnt sein werde, sie zu behalten, sondern daß ein früher Tod sie aus seinen umschlingenden Armen reißen werde, und da konnte er sich selber verzweifelt mit teuren Eiden geloben, daß er sie auf Händen tragen und jeden giftigen Hauch von ihr fernhalten wolle, daß er den Schimmer jeder goldfarbigen Stimmung in ihre junge Brust hineinleiten und ihr niemals, niemals Kummer bereiten wolle.
Aber es kam auch die Stunde, wo er triumphierend bei dem Gedanken jubelte, daß all diese reiche Schönheit, diese ganze wunderbare Seele in seine Gewalt gegeben war, wie eines toten Mannes Seele in die Gewalt des Herrn, sie in Staub zu treten, wenn er wollte, sie zu erheben, wenn er wollte, zu demütigen, zu beugen.
Daß solche Gedanken wie diese in ihm erweckt werden konnten, daran hatte zum Teil Marie selbst schuld; denn ihre Liebe, wenn sie überhaupt liebte, war von einer seltsam stolzen und übermütigen Natur. Es würde nur ein dunkles und halbwahres Bild sein, wenn man sagen wollte, daß ihre Liebe zu dem verstorbenen Ulrik Christian gewesen sei wie ein von Sturm gepeitschter, gejagter, aufgerührter Binnensee, während ihre Liebe zu Ulrik Frederik demselben See zur Abendzeit zu vergleichen sei, wenn sich das Unwetter verzogen hat, spiegelblank, kalt und klar und ohne andere Bewegung als das Zerplatzen der Schaumblasen drinnen zwischen dem dunklen Röhricht des Ufers. Und doch würde das Bild gewissermaßen richtig gewählt sein, nicht nur darin, daß sie kalt und ruhig gegen ihn war, sondern noch mehr darin, daß alle die bunten und wimmelnden Träume und Lebensgedanken, die jene erste Leidenschaft zur Folge gehabt hatte, verblaßten und verwehten in dem kraftlosen stillen Wetter dieses letzten Gefühls.
Sie liebte ja allerdings Ulrik Frederik; doch hatte das nicht mehr seinen Grund darin, daß er gleichsam die Zauberrute war, die ihr die Pforten zu des Lebens Herrlichkeit und Pracht erschloß; und war es nicht zumeist die Pracht, die sie eigentlich liebte?
Es konnte zuweilen so aussehen, als wenn es nicht so sei. Wenn sie in der Dämmerstunde auf seinem Schoß saß und, sich selbst begleitend, ihm kleine französische Arien von Daphnis und Amaryllis vorsang und dazwischen plötzlich innehielt und, während sie lässig die Finger mit den Saiten der Zither spielen ließ, ihr Haupt an seine Schulter lehnte, da hatte sie so süße, liebeswarme Worte für sein lauschendes Ohr, daß keine wahre Liebe süßere hat, und es schwammen zärtliche Tränen in ihren Augen, wie sie nur die sanfte Unruhe der Liebe hervorlockt – und doch – konnte es nicht sein, daß sie in Sehnsucht auf den Erinnerungen eines entschwundenen Gefühls eine Stimmung aufbaute, die, durch das sanfte Dunkel beschirmt, von dem flammenden Blut und den weichen Tönen genährt, sie selbst betörte und ihn glücklich machte? Denn war es nur jungfräuliche Schüchternheit, die sie beim Licht des Tages karg an Liebesworten machte und ungeduldig bei Liebkosungen; oder war es nur Mädchenfurcht, so mädchenhaft schwach zu erscheinen, die ihr so manches Mal Spott in das Auge und Hohn auf die Lippe legte, wenn er um einen Kuß bat oder mit Liebesschwüren ihrem Munde das Wort entlocken wollte, das alle Liebenden so gern hören; woher kam es dann, daß sie wieder und wieder, wenn sie allein war und ihre Phantasie es müde geworden, sich zum tausendstenmal die Herrlichkeit der Zukunft auszumalen, so hoffnungslos und verloren vor sich hinstarren und sich so unendlich einsam und verlassen fühlen konnte?
Ein wenig nach Mittag, gegen Ende August, ritten Ulrik Frederik und Marie, wie so häufig zuvor, den sandigen Weg am Sunde entlang vor dem Ostertor dahin.
Die Luft war...




