E-Book, Deutsch, 204 Seiten
Jacob Glaubenslehre
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-6510-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Leitfaden zum Verstehen der christlichen Botschaft
E-Book, Deutsch, 204 Seiten
ISBN: 978-3-7504-6510-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Friedrich Jacob (* 1938), Superintendent im Ruhestand, lebt heute in Dresden. Er war lange Jahre auch Dozent für Systematische Theologie beim Kirchlichen Fernunterricht der Kirchenprovinz Sachsen, heute der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Aus dieser Arbeit heraus entstand die vorliegende Glaubenslehre.
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Kapitel 1 – Die Kirche
I DIE LEBENDIGE KIRCHLICHE ÜBERLIEFERUNG
Jeder von uns hat seine Frömmigkeitsgeschichte. Das gilt im Grunde für alle Menschen. Denn Religion ist ein Grundelement des Menschlichen. Dies zeigt sich nicht nur in der Vielzahl der Religionen und den Formen von Religiosität, sondern auch in der Leidenschaft, mit der diese Aussage von den sich als areligiös verstehenden Menschen bestritten wird. In einer christlichen Glaubenslehre, genauer in einer Dogmatik in der Tradition der evangelisch-lutherischen Kirche, muss der weite Horizont, in den uns dieser Grundsatz stellt, notwendigerweise verengt werden. Wir fragen nach den Frömmigkeitsgeschichten innerhalb der evangelischen Kirche. Viele Menschen unserer Umgebung sind noch als Kinder getauft worden und in einer mehr oder weniger lebendigen christlichen Tradition aufgewachsen. Von welcher Bedeutung aber diese Tradition für den einzelnen geworden ist, ob er den überkommenen Glauben wirklich praktiziert, das hängt gewöhnlich von ganz anderen Umständen ab, davon, ob uns vielleicht an einem besonders kritischen Punkt unseres Lebens die Predigt so getroffen hat, dass wir von da an mit dem christlichen Glauben wirklich Ernst gemacht haben. Oder es geschieht, dass wir in eine Gemeinschaft gläubiger Menschen hineingeraten, durch die auch wir ermutigt werden, so wie sie zu leben und zu glauben. Und schließlich gibt es auch dies, dass einer von Kindesbeinen an durch seine Familie und seine Gemeinde in ungebrochener Verbindung mit Gott bleibt und dass sich auf diese Weise sein Glaube ohne große Wendepunkte stetig entwickeln kann. Jeder Gläubige hat seine eigene Geschichte. Und deshalb ist auch der Glaube jedes einzelnen auf besondere Weise geprägt. Trotzdem ist es möglich, einige Grundrichtungen zu unterscheiden. Da gibt es einerseits die traditionell volkskirchlich geprägten Christen. Für ihre Verbindung zu Gott spielt der Gottesdienst der Ortsgemeinde die entscheidende Rolle. Das kirchliche Amt und die Sakramente stehen bei ihnen in besonderem Ansehen. Andererseits haben wir in unserer Umgebung viele Menschen, die durch pietistische Frömmigkeit geprägt sind. Für ihr Glaubensleben ist ein mehr oder weniger deutliches Bekehrungserlebnis entscheidend, und sie zeichnen sich durch die Bemühung aus, ihre neue, entschieden christliche Lebensetappe nun auch konsequent von allem Vergangenen abzugrenzen. Dabei spielen oft auch besondere geistliche Erfahrungen eine Rolle, wie Wunderheilungen und Sprachengebet, die als Bestätigung der Gegenwart Gottes empfunden werden. Und schließlich gibt es heute viele Christen, deren Frömmigkeit modern aktivistisch geprägt ist. Für sie ist vor allem das Interesse an den Weltproblemen wie Bewahrung der Schöpfung, Krieg, Hunger und Rassismus vorrangig. Die eigentliche Aufgabe der Kirche sehen sie in der Mitarbeit bei der Veränderung der Welt, im Wirken für eine gerechte Lebensordnung in allen Ländern. Natürlich birgt jede dieser Richtungen Gefahren in sich. Die volkskirchliche Frömmigkeit ist immer von der Gefahr der Erstarrung bedroht. Die pietistisch geprägten Christen sind schnell dabei, pharisäisch über andere zu urteilen und sich selbst allein für vollkommen zu halten. Und bei der modern-aktivistischen Gruppe schließlich besteht die Gefahr, dass über dem Drängen nach öffentlicher Wirksamkeit der Kern des christlichen Glaubens, die Begründung auf Jesus Christus, vernachlässigt wird. Aber trotz all dieser Bedenken gilt, dass jede dieser Richtungen eine notwendige Seite des christlichen Glaubens zur Geltung bringt. Sie alle sind Bestandteile, Funktionen, Bewegungen innerhalb der Kirche. Deshalb kann mit Recht gesagt werden, dass jeder von uns, ganz gleich, wie immer er zum Glauben gekommen sein mag, und ganz gleich, wie seine Frömmigkeit geartet ist, seinen Glauben in der Kirche und durch die Kirche empfangen hat. Dabei wird uns freilich auch schon deutlich, dass Kirche im dogmatischen Sinne nicht nur die Institution meint. Auch Gemeinschaften, auch christliche Kreise, können Kirche sein, wenn sie nur die eine Aufgabe erfüllen, Menschen den Glauben an Jesus Christus zu bringen. Dies wenigstens ist das evangelische Verständnis von Kirche. Die »Kirche ist die Versammlung aller Gläubigen, bei welchen das Evangelium rein gepredigt und die Sakramente laut des Evangeliums gereicht werden« (CA VII). So lautet die berühmte reformatorische Definition der Kirche aus dem Augsburgischen Bekenntnis. Damit ist klar, dass Kirche zunächst ein Funktionsbegriff ist. Das heißt, Kirche wird von dem her bestimmt, was in ihr geschieht. Und damit ist auch klar, dass die Zugehörigkeit zu organisatorisch getrennten Kirchen kein unüberwindliches Problem ist, wenn nur in diesen Kirchen das Evangelium von Jesus Christus verkündigt und die Sakramente dem Evangelium gemäß gespendet werden. Die Einheit der Kirche nach lutherischem Verständnis ist demnach nichts, was man durch irgendwelche Lehrverhandlungen herstellen könnte, sondern man kann diese Einheit lediglich feststellen, und zwar dort, wo trotz äußerer Verschiedenheiten Einigkeit in den Funktionen besteht, in dem, was die Kirche tut. Freilich geht es bei alledem noch nicht um eine vollständige Lehre von der Kirche. Wir betrachten hier in der Grundlegung vielmehr die Kirche nur unter dem einen Aspekt: dass sie der Ort ist, an dem wir zum Glauben finden, oder wie Martin Luther es im Großen Katechismus ausgedrückt hat: dass sie die »Mutter« ist, »die einen jeglichen Christen zeugt und trägt durch das Wort Gottes« (GK II, 42). Dieser Gedanke soll im Folgenden noch in drei Sätzen entfaltet werden:
1. Die Kirche zeugt jeden Gläubigen durch die Predigt des Evangeliums und den Vollzug der Heiligen Taufe.
Dieser Satz geht insofern über das bisher Gesagte hinaus, als er nicht einfach vom Glaubenlernen oder Glaubenfinden redet, sondern ähnlich wie Luthers Bild von der Mutter den Gedanken einer Neugeburt im Glauben ins Spiel bringt. Dieser Sprachgebrauch ist im Neuen Testament vorgegeben. Der Apostel Paulus redet davon, dass er die Glieder der von ihm gegründeten Gemeinden gezeugt habe (1Kor 4,15; Phlm 10). Und vor allem wird im Zusammenhang der Taufe von der Wiedergeburt der Christen gesprochen (Tit 3,5; 1Petr 1,23). In welchem Verhältnis dabei Glaube, Predigt des Evangeliums und Taufe im Einzelnen stehen, soll hier nicht erörtert werden. Wichtig ist, dass der Vorgang des Zum-Glauben-Kommens nicht nur eine Form der Erweiterung unserer Kenntnisse ist, sondern etwas, wodurch unser ganzes Leben eine neue Grundlage erhält. Fragen könnte man freilich, ob es denn wirklich berechtigt sei, an dieser Stelle die Kirche zum Subjekt zu machen. Kommt nicht hierbei möglicherweise der Heilige Geist oder das Wort Gottes zu kurz? Oder andersherum: Wird nicht der Kirche zu viel Ehre angetan? Zeugt wirklich die Kirche jeden Gläubigen? Auch hier muss uns deutlich sein, dass der Hinweis auf die Kirche nur eine vorläufige Antwort bringen kann. Die Berechtigung dieser Antwort liegt darin, dass sie genau dem entspricht, was wir alle erlebt haben: Menschen haben uns den Glauben gebracht. Und die Gemeinschaft dieser Menschen, das ist die Kirche.
2. Die Kirche ernährt unseren Glauben durch Wort und Sakrament und macht uns bereit zum öffentlichen Bekenntnis.
Zum Glauben gehört nicht nur das große Erlebnis des Anfangs. Glauben muss fortgeführt, muss durchgehalten werden. Vor allem in den johanneischen Schriften ist häufig vom Bleiben die Rede (Joh 15,4; 1Joh 2,28). Nur wer bei Jesus bleibt, der kann den Glauben festhalten, nur bei ihm ist die Voraussetzung erfüllt, die notwendig ist, um Frucht zu bringen, gute Werke zu tun und in der Welt als Christ zu wirken. Bei Jesus bleiben, das bedeutet für das Neue Testament aber selbstverständlich, bei der Gemeinde, bei der Kirche bleiben. Das Bild des Weinstocks im Johannesevangelium deutet auf das neue Gottesvolk, auf die Kirche hin. Und bei Paulus ist die Kirche sogar der Leib des Christus und jeder Gläubige ein Glied an diesem Leibe (Röm 12; 1Kor 12). Die Mittel schließlich, durch die die Verbindung mit Jesus gestärkt und unser Glaube erhalten wird, sind wiederum Wort und Sakrament. Indem wir das Wort Gottes hören und das heilige Abendmahl empfangen, kommen wir immer wieder aufs Neue mit Christus in Verbindung, wird unser Glaube gefestigt und gestärkt und in die Lage versetzt, sich auch vor der Welt, vor den Ungläubigen zu bewähren.
3. Die Kirche leitet und überprüft unseren Glauben durch das Amt der Wortverkündigung.
Damit stoßen wir schon wieder auf den dem heutigen Menschen so unsympathischen Gedanken einer Autorität in Glaubensdingen. Darf denn die Kirche überhaupt derartige Vorschriften machen, wo es doch hier um den persönlichsten und privatesten Bereich des Menschen geht? Trotzdem muss gesagt werden: Vom christlichen Standpunkt aus gesehen, ist Religion nicht einfach Privatsache, sondern immer auch Sache der Kirche, Sache der Gemeinde. Der christliche Glaube wird durch die Kirche weitergegeben. Und wir werden in diesem Glauben durch die Kirche erhalten. Wenn wir das bedenken, dann kann uns eigentlich nicht mehr wundern, dass wir durch die Kirche im Glauben auch...




