E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Jackson Touched
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-522-62079-6
Verlag: Thienemann in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Die Schatten der Vergangenheit
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-522-62079-6
Verlag: Thienemann in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Ohne Asher zu sein ... ... ist für Remy unvorstellbar. Längst hat sie die Grenze zwischen Heilerinnen und Beschützern überschritten, liebt ihn, den Feind, allen Widerständen zum Trotz. Doch als ihr Großvater Franc sie bittet, ihn zu besuchen, siegt die Neugier. Wer ist dieser Mann, vor dem ihre Mutter einst floh? Asher begleitet Remy. Heimlich. Kurz darauf wird eine junge Frau ermordet. Eine Heilerin. Wurde sie verraten? Gerüchte machen die Runde - und Asher verschwindet spurlos. In ihrer Verzweiflung muss Remy die Hilfe eines Mannes akzeptieren, dem sie nie vertrauen konnte: Gabriel, dem älteren Bruder von Asher ... »Touched?: Hinreißend romantisch. Spannend. Überraschend anders.«
Corrine Jackson studierte Englische Literatur, bevor sie zunächst als Grafikdesignerin arbeitete und dann in eine große Marketingagentur wechselte. Sie war außerdem Chef-Redakteurin von zwei literarischen Online-Zeitschriften und ist Mitglied der SCBWI (Society of Children's Book Writers & Illustrators).
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Mein Angriff kam für Gabriel völlig unerwartet. In Sekundenschnelle hatte ich mich von hinten auf ihn gestürzt, und nun knallten wir auf die blaue Matte in der Mitte des Blackwell’schen Fitnessraums, dass mir kurzzeitig Hören und Sehen verging. Asher, der am Rand an einem Regal mit Gewichten lehnte, lachte darüber, dass ein schlaksiges Mädchen – eine vergleichsweise halbe Portion wie ich – seinem älteren Bruder die Stirn bieten konnte. Gabriel atmete zischend aus. Ich nutzte seine Unaufmerksamkeit, nahm ihn in den Schwitzkasten und drückte ihn mit aller Kraft nach unten. Mit meiner Größe von knapp 1,80 Meter fehlte nicht viel zu seinen 1,85 Meter, doch brachte er gute fünfundzwanzig Kilo mehr auf die Waage als ich. Ich lockerte meinen Würgegriff nicht eine Sekunde und spielte mit dem Gedanken, ihn als Revanche für die unzähligen Male, die er mich beleidigt hatte, zu beißen. Hatte er mitbekommen, wie ungewöhnlich schnell ich gewesen war? Hoffentlich nicht. »Was war es doch gleich, was du mir immer predigst?« Ich tat so, als würde ich überlegen, denn ich wollte den kleinen Sieg auskosten. Beim Anblick Gabriels mit seinen vollkommenen Gesichtszügen bekam jedes Mädchen ganz automatisch Herzflattern, und das ließ er nur zu gern heraushängen. Klar, dass ich da jede sich bietende Gelegenheit beim Schopfe packte, um seinem Ego einen Dämpfer zu verpassen. »Ach ja, richtig. Jetzt fällt’s mir wieder ein. Dreh deinem Feind nie den Rücken zu!« Gabriel fluchte und bereitete meinem Vergnügen dann ein jähes Ende, als er unter mir seine Muskeln anspannte. Auch wenn er wie zwanzig aussah, lebte Gabriel schon über ein Jahrhundert und war mir mit meinen achtzehn Jahren, was unsere Fähigkeiten anging, an Erfahrung weit voraus. Ich versuchte, meinen Griff zu verstärken, doch zu spät. Noch während ich daran dachte, bog er mir mit dem Knie auch schon das Rückgrat durch und drückte mir das Gesicht in die Matte. »Ich habe dir auch gesagt, du sollst dich konzentrieren, anstatt übermütig zu werden!«, meinte er in dem für ihn typisch britischen Tonfall. Die Selbstgefälligkeit in seiner Stimme ging mir auf den Keks. »Jetzt sei eine brave Sterbliche und sag’s!« Seine Version, wie ich mir meine Niederlage eingestehen sollte, meinte er. Zehn Minuten zuvor hatte ich mit ihm gewettet, ich könne ihn in einem fairen Kampf zu Boden zwingen, und er war darauf eingegangen, allerdings zu seinen Bedingungen. »Na komm schon, Heilerin. Raus damit. Sag, dass ich der größte Beschützer aller Zeiten bin!« Er verlagerte sein Gewicht und verstärkte damit den Druck seines Knies. Knurrend testete ich meinen Bewegungsradius und spürte, wie sich die Schmerzen in mir zu einem elektrisierenden Sturm entwickelten. Mächtige Energie, die leider nicht ausreichte, um den Spieß umzudrehen. Viel fehlt nicht, du eingebildeter Schnösel! »Na gut«, meinte ich niedergeschlagen und wehrte mich nicht länger. »Du hast gewonnen. Ich sag’s.« Ich malte mir das fiese Grinsen auf seinem makellosen Gesicht aus und nutzte die Wut, um mich gegen die bevorstehenden Schmerzen zu rüsten. Dann bäumte ich mich abrupt auf, sodass sich sein Knie ein wenig mehr in mich bohrte als nötig und eine meiner Bandscheiben mit einem Knacksen, seitwärts rutschte. Der Sturm brach aus mir heraus, und ich beschoss Gabriel mit meinen Schmerzen. Noch ein Knacksen und er fiel mit einem dumpfen Geräusch neben mich, sein Rücken genauso lädiert wie meiner. Poetische Gerechtigkeit. In der darauffolgenden Stille drückte ich die Wange in die weiche Matte und betrachtete meinen Erzfeind, der, in Embryostellung zusammengerollt, neben mir lag. »Ich bin die größte Beschützerin aller Zeiten«, erklärte ich dann, wobei meine Stimme gut und gern etwas kräftiger hätte klingen können. Asher, der vor Lachen fast erstickte, kniete sich neben mich. Mit seinem schokoladenbraunen Haar, das ihm in die Stirn fiel und die fünf Zentimeter lange weiße Narbe verdeckte, die sich durch eine Augenbraue zog, sah er wie eine unvollkommenere, schlankere Version Gabriels aus. Der sorgenvolle Blick in seinen dunkelgrünen Augen entschädigte mich schon fast wieder für die Schmerzen. Er hasste es, zuschauen zu müssen, wie sein Bruder mich traktierte, aber seine eigenen Versuche, mit mir zu trainieren, waren ein Reinfall gewesen. Entweder ich sah über die Gefahren der Welt, in die ich in den zurückliegenden Monaten geraten war, einfach hinweg, oder ich legte mich ins Zeug, um für den Tag gerüstet zu sein, an dem die anderen Beschützer – die, die anders waren als die beiden Jungs hier – mich aufspürten. Wenn es um den Schutz meiner neuen Familie ging, hatte ich da wirklich eine Wahl? Nein! Um meinen Dad, meine Stiefmutter und meine Schwester zu beschützen, musste ich vorbereitet sein. »Alles okay?«, fragte Asher und strich mir eine widerspenstige blonde Strähne hinters Ohr. Machst du Witze? Endlich habe ich Gabriel mal das Maul gestopft! Verdammt, ich bin genial! Außer dass ich vermutlich einen Chiropraktiker brauchen werde. Asher, vertrauter damit, meine Stimme in seinem Kopf zu hören, als es irgendjemand sein sollte, lächelte über meine Schadenfreude. Unsere Beziehung hatte ihre Höhen und Tiefen. »Brauchst du meine Hilfe?« Er bot mir seine Beschützerenergie an, damit ich mich heilen konnte. Ich schüttelte den Kopf. »Ich muss mich erst mal um Gabriel kümmern.« Asher nickte und schob mich sanft näher zu seinem Bruder hin. »Wäre einer so nett, mir zu erklären, was das gerade war?«, forderte Gabriel mit gepresster Stimme. Er lag reglos da, mit einer Rückenverletzung, die meiner bis aufs Haar glich. Nach einem Jahrhundert ohne Empfindungsvermögen und noch nicht an dessen Rückkehr gewöhnt, litten alle Blackwells darunter, wenn meine Gabe sie daran erinnerte, wie sich das Menschsein anfühlte. Natürlich hielt Gabriel mich meist auf Abstand, sodass ich meine Fähigkeiten bei ihm nicht einsetzen konnte. Wer würde ihm das verdenken? Denn die beiden Male, als ich beim Training seine Abwehr durchbrochen hatte, hatte er sich einen gebrochenen Arm und eine ausgerenkte Schulter eingehandelt. Und nun das. Ich mochte Gabriel zwar nicht sonderlich, aber Schmerzen machten ihn menschlicher. Seine grünen Augen verengten sich, und er wirkte verletzlich, weniger abweisend. Ausnahmsweise einmal erinnerte er mich an Asher. Ich kämpfte gegen den Drang an, ihn zu trösten, denn ich wusste, er würde mich eher in Stücke reißen als eine Schwäche einzugestehen. »Ist das nicht sonnenklar?« Ich verdrängte meine Schmerzen. »Ich habe dich zu Fall gebracht. Den Boden mit dir gewischt. Glatte Niederlage. Und das zweimal hintereinander!« »Von wegen!« Ich fuhr mit der Hand über seinen Rücken, und er atmete ganz flach durch die Nase. Meine Energie konnte ich ihm zwar nicht leihen, wie das die Beschützer für die Heilerinnen tun konnten, aber ich konnte sie einsetzen, um seinen Körper wieder in Ordnung zu bringen. Gabriel mochte meine Berührungen nicht und die Empfindungen, die damit einhergingen, doch in Situationen wie dieser nahm er sie notgedrungen in Kauf. Ich bekam Mitleid mit ihm und passte meine Energie dem Rhythmus seines unsterblichen Körpers an. Sein Herz raste wie ein frisch geölter Motor und schlug um ein Vielfaches schneller als bei irgendeinem Menschen. Das alles war zu bedenken, wenn ich meine Energie in seinen Körper wirbeln ließ. Die Luft wurde mit einem Summen aufgeladen, und dort, wo meine Finger ihn berührten, knisterten grüne Funken. »Doch, doch, zweimal«, jubilierte ich. Als seine Bandscheibe an ihren Platz zurückrutschte, stöhnte Gabriel auf. Ich tätschelte ihm die Schulter, denn ich wusste, diese gönnerhafte Geste würde ihn ärgern. Dann brach ich zusammen. Der für schwierige Heilungen typische Schüttelfrost setzte ein. Ashers warme Hand strich über meinen Rücken und ein wenig von seiner vertrauten Energie durchdrang mich. Mit geschlossenen Augen lieh ich mir seine Kräfte und stellte mir meine Wirbelsäule wieder in perfektem Zustand vor. Als sich die Bandscheibe mit einem grässlichen Geräusch wieder an ihren Platz bewegte, fuhr ich zusammen. Seufzend ruhte ich einen Augenblick aus und genoss Ashers Wärme. So war die Zusammenarbeit von Beschützern und Heilerinnen gedacht. Vor dem Krieg. Ehe die Beschützer Jagd auf die Heilerinnen gemacht und sie beinahe ausgelöscht hatten. Etwas später ließ ich mich von Asher auf die Füße ziehen. Ich schlang die Arme um seine Taille, und er schnappte sich die Gürtelschlaufen meiner Jeans, damit ich ihm nicht entwischen konnte. Er roch nach allem, was ich liebte – nach Wald, dem Meer und nach ihm. Lässig erhob sich Gabriel und starrte uns angewidert an. Es war ihm immer noch schleierhaft, wie ich ihn hatte überwältigen können, egal, wie kurz der Augenblick auch gewesen sein mochte. Die ganzen Monate unseres Trainings hatte ich mich nie mit seiner Geschwindigkeit oder Kraft messen können. Ich war zwar groß, aber trotzdem hatten die meisten siebenjährigen Jungs schon mehr Muskeln aufzuweisen als ich. Bislang hatte ich mich nur dadurch gegen Gabriel wehren können, dass ich meine Verletzungen auf ihn übertrug, was sich aber schlecht kontrollieren ließ. Außerdem klappte das Ganze nur, wenn ich selbst Verletzungen davongetragen hatte. Und Körperkontakt war dazu auch noch nötig. Ich hatte nie den Hauch einer Chance und kassierte eine Prellung nach der anderen, wohingegen er höchstens mal einen Kratzer abbekam. Doch vor einem Monat hatte sich das Blatt gewendet, als mein Stiefvater hier in Maine aufgetaucht war. Dean hatte...




