Jackson | Die Niederlage | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Jackson Die Niederlage


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86300-212-1
Verlag: Männerschwarm, Salzgeber Buchverlage GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-86300-212-1
Verlag: Männerschwarm, Salzgeber Buchverlage GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



John Grandin ist ein erfolgreicher Mann, doch in der Ehe kriselt es. Ein Urlaub auf Nantucket ohne die Kinder soll frischen Wind in die Beziehung bringen. Es ist Juni 1943, Amerika befindet sich seit zwei Jahren im Krieg. Nantucket ist voller Soldaten auf Fronturlaub. Schon auf der Überfahrt zur Insel vor Neu-England läuft Grandin zufällig Cliff Haumann, ein junger Capitän der Marines, über den Weg. Cliff ist beeindruckt von dem gebildeten Hochschullehrer und weicht ihm nicht mehr von der Seite. Grandin ist vom naiven Charme des Offiziers begeistert. Als er bemerkt, in welche Richtung sich seine Gefühle entwickeln, ist es bereits zu spät. Als erster amerikanischer Roman thematisiert 'Die Niederlage' (OA 1946) homosexuelle Gefühle - wie sein literarisches Vorbild Gustav von Aschenbach wird John Grandin plötzlich von Emotionen überwältigt, die sich der Kontrolle seines Geistes entziehen. Wie schon in seinem Debüt-Roman 'Das verlorene Wochenende' seziert Jackson auch hier meisterhaft das Seelenleben eines amerikanischen Bürgertums, das sich standesbewusst an einem europäischen Bildungsbegriff orientiert. Die Helden beider Romane sind sich der Katastrophe, die ihnen bevorsteht, bewusst, aber es fehlt ihnen die Kraft, sich der Entwicklung entgegenzustemmen. Das Ambiente eines kriegsführenden Amerikas - Zerstörer liegen auf dem Hudson, in den Vorgärten wird wegen Nahrungsmittelknappheit Gemüse angebaut, vor den Rekrutierungsbüros bilden sich lange Schlangen - und die knappe, immer treffsichere Zeichnung auch der Nebenfiguren geben dem Roman seine besondere Tiefenschärfe. 'Der Erfolg von Mr. Jacksons jüngst erschienenen Roman 'The Fall of Valor' scheint darauf hinzudeuten, dass sowohl das Feuilleton wie das Lesepublikum die Bedeutung dieses Themas erkennen.' (Klaus Mann 1946 im Exposé des Romans 'Windy Night, Rainy Morrow')

Charles Jackson (1903 - 1968) arbeite als Journalist und Buchhändler, bis er im Alter von 41 Jahren seinen ersten Roman veröffentlichte: 'Das verlorene Wochenende'. Der Roman wurde sofort zum Bestseller, Billy Wilders Verfilmung wurde mit mehreren Oscars ausgezeichnet. Jackson war mit Thomas Mann befreundet, dessen Erzählung 'Der Tod in Venedig' ihn zu 'Die Niederlage' inspiriert hat.

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MITTE
SONNENLICHT DURCHFLUTETE den Raum, als John Grandin erwachte. Er sah auf die Uhr, es war halb zehn. Dass es so spät war, überraschte ihn; für gewöhnlich schlief er nicht viel und wachte kurz nach Tagesanbruch auf. Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt so lange oder so gut geschlafen hatte; er war die ganze Nacht kein einziges Mal wach geworden. Das musste an der Seeluft liegen. Er griff nach einer Zigarette und sah hinüber zu Ethels Bett. Sie war nicht da. Er stützte sich auf den Ellbogen, um zu sehen, ob sie eine Nachricht hinterlassen hatte, aber weder auf dem Nachttisch zwischen ihren Betten noch auf ihrem Kopfkissen lag ein Zettel. Vielleicht hatte sie ihn im Badezimmer hinter den Spiegel gesteckt. Sie musste früh aufgestanden sein und sich leise angekleidet haben, um ihn nicht zu stören, und war dann zum Frühstück nach unten gegangen. Wenn er sich beeilte, würde er sie wahrscheinlich noch am Frühstückstisch antreffen, oder auf der Veranda, wo sie die Morgensonne genoss, strickte, Kreuzworträtsel löste oder mit anderen Gästen plauderte, wahrscheinlich in der quietschenden Hollywoodschaukel. Beim Gedanken an die Schaukel überkam ihn auf einen Schlag die Erinnerung an die Ereignisse der letzten Nacht, und plötzlich war er nicht mehr in der Stimmung, sich zu beeilen. Natürlich hatte sie keine Nachricht hinterlassen, nicht heute. Er ließ den Kopf auf das Kissen sinken und schloss die Augen. Eigentlich müsste er sich dafür schämen, so gut geschlafen zu haben. Von Rechts wegen hätte er sich die ganze Nacht über schlaflos und verzweifelt im Bett herumdrehen und hin und her werfen müssen. Stattdessen hatte er geschlafen, als gäbe es nichts, das ihm Sorgen bereitete. Vielleicht hatte der Streit in all seiner Heftigkeit die Atmosphäre wirksamer gereinigt, als er gemerkt hatte, und etwas ans Licht gebracht, das schon viel zu lange unterdrückt worden war. So war er von einem quälenden Schuldgefühl befreit, das ihm lange Zeit bis tief in die Nacht den Schlaf geraubt hatte. Er musste an einen Kollegen denken, der fast jedes Mal, wenn sie sich unterhielten, sehr ausführlich und alles andere als erfreut auf seine Schlaflosigkeit zu sprechen kam und sich wieder und wieder darüber beklagte, dass er keinen Schlaf finden konnte; Grandin hatte nur gedacht: «Wer ist es, mit dem du nicht schlafen willst?» – War es möglich, die Probleme eines anderen instinktiv zu begreifen und seinen eigenen so blind gegenüberzustehen? Nachdem er die Tür zugeknallt hatte, war er nach unten gegangen. Als er die kleine Eingangshalle durchquerte, wobei er nicht nach rechts oder links schaute und jeden Blickkontakt vermied, klangen ihm noch immer seine letzten Worte in den Ohren – Na prima! –, und er fragte sich, was in aller Welt er damit wohl sagen wollte. Als er sie sagte, waren sie ihm unvermeidlich und richtig erschienen, er hatte sie ohne Zweifel und ohne weitere Überlegung dahingeschleudert. Jetzt kamen sie ihm sinnlos vor, abgesehen davon, dass sie finis bedeuteten, den Ausstieg aus dieser schmerzhaft unnützen Veranstaltung. Ohne diese Worte (oder andere, ähnlich banale und nicht aggressive Ausdrücke, die keine neuen Schuldzuweisungen auslösen konnten) wäre es vielleicht immer so weitergegangen, bis sie beide das letzte bisschen Anstand verloren hätten und nicht mehr von ihnen übrig war als zwei Skelette aus Hass, die nicht mehr bluten konnten. Als er die Tür nach draußen öffnete, war er gegen eine Zeltplane geprallt, die straff vom Dach der Veranda bis zum Boden gespannt war, um die beleuchtete Eingangshalle nach außen abzudunkeln. Er ging darum herum und nahm sich einen Stuhl irgendwo im Dunkeln. Durch die Fenster in seinem Rücken hörte er die klimpernden Töne der Harfe. Sie plätscherten dahin bis zu einem abrupten Höhepunkt, gefolgt von Händeklatschen und dem Summen wiederaufgenommener Gespräche. Ein paar Schritte von seinem Stuhl entfernt war das Quietschen einer Hollywoodschaukel zu hören, die langsam vor- und zurück-schwang; er sah die Glut von zwei Zigaretten, die abwechselnd heller und dunkler wurde. Neben ihm saß ein Paar – ob jung oder alt, konnte er nicht sagen; aus dem tiefen Schweigen zu schließen, das zwischen ihnen herrschte, befanden sie sich in völligem Einvernehmen, wenn nicht sogar in inniger Umarmung. Er verspürte ein eisiges Gefühl in der Magengrube. Die furchtbare Auseinandersetzung hatte ihn geradezu physisch angegriffen. Dies war nicht der Moment, um im Geist das Gesagte noch einmal durchzugehen, abzuwägen, wo Ethel mit ihren Klagen im Recht war und wo nicht, oder die Verteidigung zu planen, für den Fall, dass sie noch einmal darauf zurückkam. Er wollte jetzt nichts anderes als in der Nachtluft sitzen und hoffen, dass dieses elende Gefühl sich allmählich verflüchtigte. Wenn man bedachte, wie lange er sie vernachlässigt hatte, war ihre Beschwerde durchaus nicht unberechtigt; eher sollte man sich wundern, dass sie sie nicht schon früher geäußert hatte. Außerdem hatte ihn gewundert, dass der Angriff so wortgewaltig, präzise und umfassend gewesen war. Ausnahmsweise hatten ihr nicht die Worte gefehlt. Es war das erste Mal in ihrer Ehe, dass ihm kein Schlupfloch geblieben war, um seine Selbstachtung zu retten. Mit der Dunkelheit war starker Nebel aufgekommen, Feuchtigkeit streifte seine Wangen und Stirn. Von irgendwo, doch es schien weit entfernt, hörte er das Meer, kein Plätschern von Wellen, die sich hoben und senkten, sondern das dumpfe Donnern der regelmäßig auf den Strand treffenden Brandung. Er fragte sich, was Ethel da oben wohl tat, in dem Zimmer direkt über seinem Kopf; wahrscheinlich räumte sie ihre Sachen weg, hängte ihre Kleider in den Schrank und richtete sich für den Urlaub ein. Er musste vermeiden, dass ihn die Wut packte wie schon so oft, wenn er ins Zimmer zurückkam und sie dabei antraf, wie sie am Frisiertisch ihre Nägel lackierte oder im Bett lag und eine Zeitschrift las, als wäre nichts geschehen. Nach solchen Ausbrüchen war er noch Stunden später aufgewühlt und schwach. Auf sie dagegen wirkten sie wie eine Art von Reinigung. Fast sofort danach war sie wieder ganz sie selbst; je heftiger der Streit, so schien es, umso schneller erholte sie sich davon. Von ihrer Last befreit, ging es ihr schon besser, bevor er den Raum verlassen hatte. In der Schaukel regte sich etwas, als hätte einer der beiden eine bequemere, möglicherweise auch vorteilhaftere Haltung eingenommen. Er war beinahe sicher, dass dort irgendeine Art von Liebesspiel stattfand; doch in Anbetracht dessen, was gerade geschehen war, schien ihm das alles nur eitel, dümmlich, nichtig. Dann kehrte, abgesehen von der Harfe, wieder Stille ein – eine vielsagende Stille, und doch, was konnte sie anderes bedeuten als Nichtigkeiten … Wer auch immer sie waren, sie mussten vorhin das Spektakel über ihren Köpfen mitbekommen haben. Er vermutete, es wäre das Beste, wieder nach oben zu gehen und ihr zu sagen, dass es ihm leidtat, dass sie im Recht war und dass er sie verstand, und ihr die Entscheidungen mitzuteilen, die er auf der Zugfahrt getroffen hatte. Oder gar nichts zu sagen: sie in die Arme zu nehmen und zu halten, mit ihr ins Bett zu gehen. Doch selbst wenn es sein Leben kostete, das würde er nun nicht fertigbringen. Nicht jetzt; nicht, während das alles in ihrer beider Köpfe noch lebendig war. Ethels Vorwürfe kamen zu sehr einer Aufforderung gleich, ihr zu beweisen, dass sie im Unrecht war. Im Bewusstsein, dass sie sein ganzes Verhalten, jeden noch so kleinen Schritt, kritisch infrage stellen würde, wäre er überhaupt nicht in der Lage, jetzt mit ihr zu schlafen. Der Grund, dass ihre Vorwürfe so umfassend ausgefallen waren, musste darin liegen, dass Ethel eine Woche Zeit gehabt hatte, sie sich zurechtzulegen. So heftig sie auch waren, entsprang ihre Philippika offenbar weniger einer momentanen Stimmung als kalter Berechnung oder bösem Vorsatz. Sie hatte reichlich Zeit gehabt, ihre Gedanken hübsch in Reih und Glied aufzustellen, sodass alles plausibel wirkte, und erst einmal in Gang gekommen, hatte sie sie dann Punkt für Punkt abgespult, bis hin zum niederschmetternden Höhepunkt. Ein halbes Dutzend Mal hatte er versucht, sie durch sarkastische, ironische oder brutale Bemerkungen zu stoppen, doch dann war er sich wie verhext vorgekommen, sowohl abgestoßen wie fasziniert von ihrer Art, sich und ihn vollkommen entblößt zur Schau zu stellen und Worte hinauszuschreien, die sie sonst niemals in den Mund genommen hätte. Ungebeten kam ihm ein Werbeslogan in den Sinn: Natur im Rohzustand ist selten mild. Wurden Frauen niemals müde? Wollten sie einen Mann für alle Zeiten, immer und immer wieder nur ihn? Warum schwächte sich ihre Liebe im Laufe der Zeit nicht ab auf ein bequemeres Niveau, wie es bei den Männern der Fall war, auf dasselbe Level neben Arbeit, Spiel, Schlaf und den anderen Annehmlichkeiten der normalen Existenz. Immer kam es zum Konflikt, ob am Anfang oder in der Spätphase der Ehe. Männer gingen mit voll ausgewachsenem Appetit die Ehe ein, und in manchen Fällen blieben ihre Frauen so lange passiv, dass die Zeitspanne, in der die unterschiedlichen Naturen der Ehepartner sich entsprachen, recht kurz ausfiel. Diese Zeitspanne hatte begonnen, als seine Leidenschaft bereits den Gipfel überschritt und ihre endlich anfing, sich zu ähnlicher Intensität zu entfalten. Rückblickend erinnerte er sich an diese Phase als die glücklichste Zeit seines Lebens, die erfüllteste, beste. Doch selbst das Beste bereitete weniger Genuss, wenn es zu lang andauerte. Jedenfalls war diese Phase nicht von Dauer gewesen. Als seine Leidenschaft nachließ, hatte ihre zugenommen. Was war aus seiner Leidenschaft geworden? Eine reellere Liebe als die frühere, die weniger Beweise verlangte?...


Charles Jackson (1903 – 1968) arbeite als Journalist und Buchhändler, bis er im Alter von 41 Jahren seinen ersten Roman veröffentlichte: "Das verlorene Wochenende". Der Roman wurde sofort zum Bestseller, Billy Wilders Verfilmung wurde mit mehreren Oscars ausgezeichnet. Jackson war mit Thomas Mann befreundet, dessen Erzählung "Der Tod in Venedig" ihn zu "Die Niederlage" inspiriert hat.



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