E-Book, Deutsch, Band 1, 350 Seiten
Reihe: wtb Wieser Taschenbuch
Ivanji Kaiser Konstantin
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-99047-001-5
Verlag: Wieser Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Historischer Roman
E-Book, Deutsch, Band 1, 350 Seiten
Reihe: wtb Wieser Taschenbuch
ISBN: 978-3-99047-001-5
Verlag: Wieser Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ivan Ivanji: Geboren am 24. Januar 1929 in Zrenjanin in einer jüdischen Ärztefamilie. Verhaftet in Novi Sad und von März 1944 bis April 1945 in den Konzentrationslagern Auschwitz, Buchenwald und Arbeitskommandos von Buchenwald. Journalist, Verlagslektor, Dramaturg und Direktor mehrerer Belgrader Theater, von 1974 bis 1978 Botschaftsrat Jugoslawiens in Bonn. Von 1982 bis 1988 Generalsekretär des jugoslawischen Schriftstellerverbandes. Veröffentlicht seit 1951 zuerst auf Serbisch, danach auch auf Deutsch. Zwanzig Jahre lang war er auch Dolmetscher Titos und der jugoslawischen Staats- und Parteiführung für die deutsche Sprache. Er nahm teil an wichtigen internationalen Konferenzen, so der Gründungskonferenz der KSZE 1975 in Helsinki und der Gipfelkonferenz der Blockfreien 1979 in Havanna. Romane: Kaiser Diokletian, 1976; Barbarossas Jude, 1996; Der Aschenmensch von Buchenwald, 1999; Titos Dolmetscher - als Literat am Pulsschlag der Zeit, 2007 u. v. m. Aus dem Deutschen ins Serbische hat er, unter anderem, Werke von Günter Grass, Heinrich Böll, Bertolt Brecht, Milo Dor, aus dem Serbischen ins Deutsche Danilo Ki?, David Albahari u. a. übersetzt.
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I
Die armenische Legende
»Wer hat eigentlich heute Morgen Dienst, Nuschriwana?« Tiridates, König von Armenien, stand im halbrunden Vestibül des nach römischem Vorbild errichteten Bades auf seinem Sommersitz Garni nahe der Hauptstadt Etschmiadsin.
»Da du nichts zu befehlen geruhtest, habe ich auf dich gewartet.«
Der König warf den Mantel ab, unter dem er nackt war, und betrat den Raum mit dem Bassin. Ein unterirdisches Rohrsystem, durch das Dampf geleitet wurde, erwärmte das Wasser, die ganze Anlage wurde von außen geheizt. Die Baumeister hatte Tiridates von Diokletians Hof geholt. Er setzte sich auf einen dreibeinigen Ebenholzschemel und überließ sich der alten Frau.
Sie begann mit Wassergüssen aus einer großen hölzernen Schöpfkelle.
»Du brauchst nur ein Wort zu sagen, und ich lasse sofort ein hübsches junges Mädchen holen.« Da der König weiter schwieg, fuhr sie vertraulicher fort: »Es tut mir leid, dass du schlechter Stimmung bist, mein König.«
Er winkte ab.
»Es ist mir einerlei. Alles ist mir einerlei. Ich nehme schnell ein Bad, auf Mädchen habe ich keine Lust. Du wirst mich ölen und massieren wie einst, nicht wahr? Du kannst es am besten.«
Der König, der meist entspannt mit seiner einstigen Amme plauderte, war an diesem Morgen überhaupt nicht gesprächig. Und sie wusste genau, was sie sich erlauben durfte. Sie betrachtete ihn mit unverhohlenem Stolz.
Tiridates war hochgewachsen, und obwohl er im fünften Lebensjahrzehnt stand, wirkte er wie ein Jüngling. Als junger Exulant war er seinerzeit sogar Sieger bei den Olympischen Spielen gewesen, und er hatte das tägliche Training auch als römischer General und nach dem erneuten Antritt der Herrschaft in seinem Vaterland beibehalten. Diesmal blieb er lange in dem warmen, von den aromatischen Salzen grünlichen und duftenden Wasser sitzen. Er kniff sich zerstreut in den Bauch: Die Fettschicht war zwei Finger dick. Einst waren seine Muskeln hart und glatt wie Marmor gewesen. Auf einer Pritsche aus Rohrgeflecht ausgestreckt überließ er sich der alten Frau, deren magere Hände ihn abwechselnd sanft und kraftvoll massierten. Plötzlich stand er auf, warf den Mantel um seine Schultern.
»Komm mit!«
Nuschriwana folgte ihm erstaunt.
»Dieses Mosaik magst du nicht besonders?«
Der König wies auf den Fußboden aus geschliffenen Steinen in fünfzehn Farben. Er zeigte Liebeszenen zwischen Göttern und Nymphen, Kentauren und Mädchen, aber auch zwischen Greisen und Jünglingen.
»Kommt es darauf an, was mir gefällt?«
»Die größten römischen Meister haben es für mich geschaffen!« Da sie schwieg, fuhr er finster fort: »Ein bisschen Luxus darf ich mir wohl leisten, wenn man mich schon in diese Einöde verbannt hat.«
»Gestattest du, dass ich etwas sage, mein König?«
»Wenn ich mich mit dir unterhalte, gestatte ich es nicht nur, sondern ich fordere es!«
»In Rom warst du in der Verbannung. Jetzt bist du in deinem Vaterland. Und wenn es wirklich eine Einöde ist, dann ist es an dir, einen Garten aus ihr zu machen.«
»Wenn es der Wunsch der Götter ist …« Die Alte schwieg. »Na gut. Meinetwegen deines Gottes. Ich weiß, dass du Christin bist. Du brauchst keine Angst zu haben, es gibt sie auch am Hof unseres Kaisers Diokletian.«
So schnell, dass sie ihm kaum folgen konnte, überquerte er das dreieckige Plateau. Zuerst dachte sie, er wolle die breiten Stufen zum Tempel des Sonnengottes Mithras hinaufsteigen, den sein Großvater von griechischen Baumeistern hatte errichten lassen. Der König aber ging weiter bis zum Rand des Abgrunds. Die Hochebene endete plötzlich, und dreihundert Meter unter ihnen toste der reißende Gebirgsfluss Aras.
Der Komplex aus Palästen, Tempeln und Unterkünften für Soldaten und Bedienstete war auf ziemlich engem Raum zusammengedrängt. Kaum hatte sich Platz für das römische Bad gefunden, ohne das Tiridates nicht leben wollte. Eingedenk seiner eigenen Kämpfe mit den Persern, aber auch ihrer Überfälle während vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte, hatte er den ganzen Komplex mit einem starken Wall aus gewaltigen Basaltquadern umgeben lassen, doch hier über dem steilen Abgrund war keine Einfriedung nötig. Diese Wände vermochte niemand zu erklimmen. Todesstrafen waren am einfachsten zu vollstrecken, indem man die Verurteilten hinunterstürzte. Blieb einer zufällig am Leben, konnte es nur der Wille der Götter gewesen sein.
Ein lauer Frühlingswind wehte Wolken über den Morgenhimmel, die Sonne brach durch. Auch jenseits der Schlucht ragten Berge auf, über ihnen kreiste ein einsamer Adler. Plötzlich tauchte in der Ferne aus dem Dunst der Ararat auf, der von hier aus nur selten zu sehen war. Meist waren seine zerklüfteten Gipfel von Wolken verhüllt.
»Das ist ein gutes Zeichen!«, sagte Tiridates, ohne sich umzuwenden. Er war sicher, dass die alte Sklavin schon herangekommen war.
»Wenn du es sagst.«
»Komm näher, wovor hast du Angst? Warst du mir nicht wie eine Mutter?« Er legte ihr den Arm um die Schultern und zog sie an sich. Ganz leise fragte er: »Dieser Gregor … ob er noch lebt?«
»Weißt du es nicht?«
»Ich weiß allerhand. Zum Beispiel weiß ich, dass du und einige andere Sklavinnen ihm zu essen bringt, und alles, was er braucht, in seine Felsenhöhle hinunterlasst, obwohl er wegen einer Verschwörung gegen die Götter dort eingesperrt wurde. Wenn ihr meine Anordnungen geschickt genug umgangen habt, lebt er vielleicht noch.«
Er ließ es geschehen, dass Nuschriwana sich aus seinem Arm befreite. Sie trat an den Rand des Abgrunds und straffte sich.
»Mir liegt nichts am Leben, König. Stoß mich mit dem kleinen Finger an, damit ich nicht mehr an deinen Absichten zweifle. Hättest du gewollt, dass er dort unten verhungert, konntest du uns leicht daran hindern, ihm zu essen zu geben. Wenn du dir den Finger nicht schmutzig machen willst, kann ich auch selbst hinunterspringen, denn ich weiß, dass die Engel meine Seele auffangen und zum Himmel hinauftragen werden.«
»Tu es noch nicht. Ich bin nicht sicher, dass deine Engel existieren. Natürlich weiß ich, dass ihr ihn auch mit Wein und sogar mit Büchern und Lampen versorgt habt. Ihr nennt ihn Illuminator, Erleuchter. Wenn es so ist – warum leuchtet er sich nicht selbst in der Dunkelheit?«
»Du kannst tun, was du willst, nur bitte ich dich, mich nicht zu verspotten.«
»Nein, Nuschriwana. Hör auf zu schmollen. Du hast recht, nirgends im Römischen Reich atmet man so leicht wie hier oben. Wir sind hier tatsächlich den Göttern näher. Auch deinem einzigen Gott. Soweit ich weiß, ist er doch ein Verwandter von Mithras.«
»Er ist der Herr, unser Gott, und wir haben keine anderen Götter neben ihm.«
»Lassen wir das. Sag mir lieber, wann du zum letzten Mal mit Gregor gesprochen hast.«
»Gestern am Abend, mein König.«
»Wie geht es ihm?«
»Ganz gut.«
»Heute Abend sagst du ihm, dass er sich bereithalten soll. Ich werde befehlen, dass er aus dem Loch geholt wird. Ich muss mit ihm reden.«
Er wandte sich zum Tempel, stieg einige Stufen hinauf und wandte sich wieder um:
»Nuschriwana!«
»Mein König?«
»Unter den Sklavinnen befindet sich eine neue, Ripsime mit Namen?«
Die Greisin schien unangenehm berührt.
»So ist es, Majestät.«
»Wie lange ist sie schon am Hof?«
»Man hat sie vor einigen Monaten hergebracht.«
»Das habe ich gehört. Man hat sie mir mit elf weiteren Gefährtinnen geschickt. Warum habe ich sie noch nicht in meinem Schlafgemach gesehen? Weil sie Christin ist und du sie vor einem Sünder wie mir beschützen willst?« Nuschriwana schwieg. Tiridates lachte: »Zum Nachtmahl will ich sie alle an meiner Tafel sehen. Sie sollen sich schön machen.«
Leichten Fußes stieg er zum Tempel hinauf, betrachtete den Fries, Girlanden wanden sich um Löwenköpfe, Ornamente in Blätterform waren so plastisch in den harten Stein gemeißelt, als sei es Ton. Er hätte zufrieden sein können, ein harmonischerer kleiner Tempel war schwerlich im ganzen Reich finden, aber hier mangelte es ihm an Gesprächspartnern. Die immer gleichen Jagden und Trinkgelage hatte er satt, der immer selben Umarmungen, wenn auch mit verschiedenen Frauen, war er...




