E-Book, Deutsch, 199 Seiten
Ivanji Geister aus einer kleinen Stadt
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-7117-5076-1
Verlag: Picus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 199 Seiten
ISBN: 978-3-7117-5076-1
Verlag: Picus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ivan Ivanji, 1929 im Banat geboren, war unter anderem Journalist, Diplomat und Dolmetscher Titos. Romane, Essays, Erzählungen und Hörspiele. Er lebte als freier Schriftsteller und Übersetzer in Wien und Belgrad. Im Picus Verlag erschienen zahlreiche Romane, darunter »Das Kinderfräulein«, »Der Aschenmensch von Buchenwald«, »Geister aus einer kleinen Stadt«, »Buchstaben von Feuer«, seine Familiensaga »Schlussstrich«, »Tod in Monte Carlo«, »Hineni« und »Corona in Buchenwald«. 2023 erschien »Der alte Jude und das Meer«. Ivan Ivanji verstarb am 9. Mai 2024 in Weimar.
Autoren/Hrsg.
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(S. 22-23)
Im Winter endloses, vereistes Stoppelfeld. Rauch aus Schornsteinen einsamer Weiler. Vor die Schlitten werden Pferde gespannt. Über Schnee und vereiste Landstraßen, die von Akazien, Pappeln und Maulbeerbäumen bewacht werden, kann man so noch schneller als im Sommer von Gehöft zu Gehöft, von Dorf zu Dorf jagen. Maulbeerbäume strecken im Winter ihre Äste erwartungsvoll dem Sommer entgegen, sie sind der billige Schatz der weniger begüterten Dorfbewohner. Mit ihren Blättern werden Seidenraupen gefüttert. Die Arbeit für Kinder und kleine Leute besteht darin, die Kokons abzukochen und das Seidengarn sorgfältig abzuwickeln. Die weißen oder schwarzen Beeren klauben die Kinder von den Straßen auf, um sie in den Mund zu stecken, die Erwachsenen brennen daraus Schnaps. Brot wird zu Hause gebacken, ein Laib ist rund, bis zu zweieinhalb Kilogramm schwer und duftet nach Leben. Manchmal muss er freilich für die ganze Woche herhalten.
Das Klo befindet sich im Hof, es ist sauber, riecht mehr nach Holz als nach dem, was in die Grube fällt, der Sitz ist ein Loch im Deckel einer Brettertruhe. Auf einem Eisennagel sind sauber in Quadrate geschnittene Zeitungsfetzen aufgespießt, aber manch einer lockt junge Gänse an und wischt sich mit ihrem noch gelbem, weichem Flaum den Hintern ab. Der Inhalt der Senkgrube ist bester Dünger. Die Krähen sind nirgendwo zu überhören. Jetzt können endlich die gemästeten Schweine geschlachtet werden. Das Jahr über geht allmorgendlich der Schweinehirt auf seiner Trompete blasend durch die Siedlung, und man öffnet seinem Borstenvieh das Tor.
Abends kehren die Säue – denn die Eber mussten meist im Stall bleiben – satt und zufrieden von der Weide zurück und jedes der klugen Tiere weiß, wo es zu Hause ist. Ahnt es nicht, dass dort eines Wintertags auch der Schlächter die Messer wetzen wird? Nur einige Wochen vor der Schlachtung werden sie mit Kukuruz oder Kraftfutter gemästet. Henkersmahlzeiten? Das geschlachtete Schwein wird auf Spreizen gehängt, als würde es gekreuzigt – aber das ist ein blasphemischer Gedanke, den man schnell abdrängen muss – und ausgenommen. Hunde versammeln sich und warten hungrig mit weit aufgerissenen Augen auf ihren Anteil. Hunde sind wichtig.
Sie hüten Haus und Hof und nehmen es auch mit den Wölfen auf, wenn die Raubtiere Mensch und Hornvieh zu nahe kommen. In der Nacht ist mitunter trotzdem ein Heulen zu hören, dem die Hunde antworten. Verstehen sie sich mit den Wölfen? Schreien sie einander Schimpfworte zu wie die Menschen aus den Schützengräben vor dem Kampf? Allen Nachbarn werden Platten mit frischer Blutwurst, Leberwurst und Grammeln geschickt. Das ist nicht nur im Dorf Sitte, sondern auch in den kleinen Städten im Umfeld.
Der Bürger kauft ein Jungschwein beim Bauern, lässt es aber vorerst bei ihm im Stall und sagt, wie er es gemästet haben will, je nachdem, ob er mehr auf Schmalz oder auf Fleisch Wert legt. Im Winter wird das arme Tier lebend in den Hof des Stadthauses gebracht, erst dort abgestochen und auf dem Balken gespreizt, auf dem sonst Teppiche geklopft werden. Jede anständige Familie hat ihre eigenen Wurstrezepte, die man seinem Metzger mitteilt. Man verabredet sich im Wohnblock, die Schlachtfeste möglichst nicht gleichzeitig zu veranstalten, so versorgt man einander wochenlang freundschaftlich mit frisch Geschlachtetem. Fast als Glücksfall wird empfunden, dass zwischen Weihnachten, wenn die Geburt Christi von katholischen und protestantischen Menschen – Ungarn, Slowaken, Deutschen – gefeiert wird und demselben Feiertag der Orthodoxen – Serben, Rumänen, Montenegrinern – zwei Wochen liegen.




