Frühe Kindheitserfahrungen und ihre Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung und Gesundheit
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-86099-965-3
Verlag: Brandes & Apsel
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Die Befunde dieser qualitativen Untersuchungen stellen die Autorinnen und der Autor in den Kontext aktueller entwicklungspsychologischer Erkenntnisse und psychoanalytischer Konzepte. Besonderer Wert wird auf den Bezug zu der aktuellen Betreuungsdebatte von Kleinkindern gelegt. Die Ergebnisse betonen die Qualität der Beziehungen in den Einrichtungen und messen der Bewältigung von Entwicklungsschritten der Kinder eine zentrale Bedeutung bei.
Autoren/Hrsg.
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Inhalt
Vorwort
Teil 1: Einführung
Kapitel 1
Krippenbetreuung in der DDR
Agathe Israel
Kapitel 2
Entwicklungspsychologischer Exkurs
Agathe Israel
Kapitel 3
Fragestellung und Methode
Ingrid Kerz-Rühling
Teil 2: Lebensgeschichten
Kapitel 4
Zusammenfassungen der Interviews
Tabelle: Die Interviewten
Agathe Israel, Luise Köhler, Irene Misselwitz, Peter Vogelsänger, Dagmar Völker
Teil 3: Ergebnisse
Kapitel 5
Motive für die Teilnahme an der Untersuchung
und Interaktion mit dem Interviewer: ein erstes Verstehen
Dagmar Völker
Kapitel 6
Lebensumstände der Eltern, ihre Gründe für die Abgabe der Kinder in die Krippe und der Umgang mit der Frühtrennung
Ingrid Kerz-Rühling
Kapitel 7
Familiäre und institutionelle Einflüsse auf die Selbstentwicklung
Agathe Israel
Kapitel 8
Wie wirken sich frühe Trennungserfahrungen auf die körperliche und psychische Gesundheit aus?
Peter Vogelsänger
Kapitel 9
Das Erleben der Adoleszenz und der politischen Wende in der DDR
Peter Vogelsänger
Kapitel 10
Reaktualisierung früher Lebenserfahrungen bei Geburt und Krippenaufnahme eigener Kinder
Irene Misselwitz
Kapitel 11
Einfluss der Krippenbetreuung auf die Erziehung der eigenen Kinder
Ingrid Kerz-Rühling
Kapitel 12
Einige Überlegungen zur transgenerationalen Weitergabe von Lebens- und Verhaltensmustern
Luise Köhler, Irene Misselwitz
Kapitel 13
Diskussion und Schlussfolgerungen
Agathe Israel, Ingrid Kerz-Rühling
Literatur
Vorwort
Unser Buch möchte einen Beitrag zum besseren Verständnis der Bedingungen der Kindheit in der DDR leisten. Ausgehend von der Tradition der Psychoanalyse, an konkreten Fällen emotionale Entwicklungen aufzuzeigen, bilden deshalb die Lebensgeschichten von ehemaligen Krippenkindern aus der DDR das Kernstück unseres Buches. Bei der Bearbeitung der Interviews empfanden wir oft tiefe Trauer über die Sprachlosigkeit der frühen schmerzlichen Erfahrungen und die stillschweigende Anpassung der Interviewten. Wir hatten den Wunsch, ihnen durch diese Untersuchung eine Sprache zu verleihen, damit diese Erfahrungen nicht ungehört verschwinden.
Die Idee der sechs Autoren, Interviews mit jungen Eltern durchzuführen, die im frühesten Lebensalter in eine Kinderkrippe der DDR gekommen waren, entstand vor einigen Jahren, lange bevor die Diskussion um die Krippenbetreuung hohe Wellen schlug. Nach zweijähriger Vorarbeit begannen wir 2005 mit den Interviews. Unsere Motive für die Auseinandersetzung mit diesem Thema waren höchst unterschiedlicher Natur, geprägt durch die eigene Lebensgeschichte, durch professionelles Interesse und gesellschaftspolitische Beunruhigung. Oft entwickelten sich während unserer langjährigen Zusammenarbeit anhand des Materials und der Fachliteratur heftige Debatten. Denn für jeden von uns verband sich mit der Arbeit an diesem Thema jenseits aller professionellen Selbsterfahrung auch eine erneute Konfrontation mit der eigenen Lebensgestaltung. Das Oszillieren zwischen den Erfahrungen der Interviewten und unseren eigenen Kindheitserinnerungen und Erfahrungen als ehemalige DDR-Bürger in Anwesenheit einer interessierten Westdeutschen mit einer anderen gesellschaftlichen Sozialisation war eine schwierige, emotionale und zugleich erhellende Arbeit, die uns nach Beendigung der gemeinsamen Forschungsarbeit weiter bewegen wird. Aber ein gemeinsames Anliegen vereinte alle Autoren: die frühe Kindheit in der DDR sowohl in ihrem historischen, kulturellen und sozialpolitischen Kontext, als auch in ihrer intrapsychischen und interpersonalen Dimension verständlicher zu machen.
In Kapitel 1 versuchen wir deshalb, das in Europa einmalige Spezifikum der DDR-Kindheit, die staatliche institutionelle Fremdbetreuung fast aller null- bis dreijährigen Kinder, in ihren Strukturen und Zielen zu beschreiben. Der entwicklungspsychologische Exkurs in Kapitel 2 soll unsere Sicht auf die wichtigsten Entwicklungsaufgaben des ersten Lebensjahres lenken. Die Ausführungen dieser beiden Kapitel können dem Leser helfen, sowohl die ganz individuellen als auch die kontextbezogenen Aspekte der einzelnen Lebensgeschichten zu erkennen.
Fragestellung und Methode unserer Untersuchung werden in Kapitel 3 erläutert.
Von den 20 durchgeführten Interviews werden aus Gründen der Anonymisierung in Kapitel 4 nur 18 Lebensgeschichten nacherzählt. Die Erzählungen entfalten sich sehr unterschiedlich, was vielleicht im ersten Moment den Leser irritieren mag. Aber gerade diese Unterschiede spiegeln auch etwas von der Interviewszene wieder und entkräften das Klischee vom Einheits-DDR-Krippenkind.
Die Auswertung der Interviews wird deshalb auch eröffnet mit der Untersuchung der Motive der Interviewten, sich an dem Projekt zu beteiligen, und der Interaktionsszene zwischen den beiden Gesprächspartnern (Kapitel 5).
In den weiteren Kapiteln 6 bis 12 werden im Kontext der frühen Krippenbetreuung Lebensumstände, innerfamiliäre Beziehungen, Selbstentwicklung, Gesundheit, Adoleszenz, Erleben der Wende und die Bewältigung eigener Elternschaft sowie die transgenerationale Weitergabe von Lebensmustern dargestellt. Auch in diesem Ergebnisteil wollen wir den Leser durch zahlreiche Beispiele an der Textanalyse teilnehmen lassen. Lediglich bei der Untersuchung der reflexiven Funktion mussten wir aus Platzgründen darauf verzichten.
Wir hoffen, dass es uns mit dieser Untersuchung gelungen ist, deutlich zu machen, wie wenig hilfreich die oft hoch emotional vertretenen positiven